Ein Kollege hat zu viel getrunken. Er merkt es gerade noch und sagt, er müsse dringend nach Hause, er müsse noch etwas rechnen.  

Michael Stauffer, Dichter

Agenda

23. Sep 2015,
20.09 Uhr,
Radio,
SRF 2 Kultur,

Hörspiel: Gottesteilchen

10. Sep 2015,
20.09 Uhr,
Theater am Gleis,
Winterthur,

2 x 30 Minuten: Cie BewegGrund und Zaida Ballesteros Parejo

Künstlerische Leitung SUSANNE SCHNEIDER; Choreografie SUSANNE SCHNEIDER & JÜRG KOCH; Tanz ESTHER KUNZ & KILIAN HASELBECK; Text MICHAEL STAUFFER; Stimme SUSANNE-MARIE WRAGE; Komposition & Live Piano FLORIAN FAVRE; Dramaturgie MARCO LÄUCHLI; Kostüme SALOME EGGER; Licht BARBARA WIDMER

«Wieso geht jemand quer über einen Rasen, obwohl es einen Pfad ganz in der Nähe gibt?» von der Cie BewegGrund und «How did I learn to LOVE HER» von Zaida Ballesteros Parejo – dieses Doppelprogramm sprengt Grenzen, bricht Tabus und eröffnet Denkräume – spielerisch, innovativ und engagiert!?

15. Dez 2015,
19.12 Uhr,
Hotel Bernerhof,
Bern,

Bern ist überall feiert Weihnachten mit der Bundeskanzlei

Laurence Boissier, Arno Camenisch, Michael Pfeuti und Michael Stauffer

Am Dienstag, 15. Dezember, abends, findet der diesjährige Weihnachtsanlass der Bundeskanzlei statt. Es nehmen jeweils ca. 100 Mitarbeitende der Bundeskanzlei an diesem Anlass teil.

Hotel Bernerhof
3000 Bern

Dies ist ein privater Anlass.

15. Nov 2015,
10.11 Uhr,
CentrePasquArt / Filmpodium,
Biel,

Das Tier und wir – 8. Bieler Philosophietage

Adi Blum, Noelle Revaz, Michael Stauffer und Beat Sterchi

Was ist das Tier? Was können wir von den Tieren wissen? Welchen Respekt verdienen Tiere? Wieviel „Tier“ steckt in uns?

Während sich die bisherige Philosophie hautpsächlich auf den Menschen konzentrierte, haben die moderne Tierethik und die Erkenntnistheorie das Tier als eigenständiges philosophisches Thema entdeckt. Wenn’s um Tierrechte oder Emotionen und Vorstufen des Denkens geht, ist die Philosophie gefordert: Sind Tiere einfach anders als wir und inwiefern taugen die Sprache und die Methoden, welche uns beschreiben, auch fürs Verstehen der Tiere?

An den 8. Bieler Philosophietagen werden diese Fragen mit Beiträgen aus der Kunst, dem Film, der Literatur, Biologie, Psychologie und natürlich der Philosophie angegangen. Auf unkonventionelle Weise werden hochkarätige Veranstaltungen publikumsnah und variantenreich durchgeführt.

Die Bieler Philosophietage verstehen sich als Verbindung zwischen Forschung und Stammtisch: Sie wenden sich an alle, die an einem Thema interessiert sind! Die Bieler Philosophietage werden bilingue durchgeführt.

16. Mai 2015,
21.05 Uhr,
SRF 2 Kultur,
Radio,

«Leben nach Noten» von Michael Stauffer

Michael Stauffer hat den gepflegten Diskurs der Kulturmedien unter die Lupe genommen: Er hat eine Radiosendung erfunden, in der ein einfühlsamer Moderator junge Komponistinnen und Komponisten vorstellt und ausschnittweise auch deren Werke, und zwar in der Live-Interpretation eines Kammerensembles.

 

Stauffers Hörspiel entstand 2007, als die klassische Musik (neben dem Jazz) noch in unbestrittenem Monopol als Sound schlechthin des Kulturellen stand. Das hat sich inzwischen geändert und andere Musik-Provenienzen stehen gleichberechtigt im Programm. Geblieben aber ist das senderasterfüllende Reden über die Künste mit unterschiedlich bedeutsamem Inhalt.

Mit: Hans Schenker (Moderator), Christine Gross (Komponistin) Christian Ahlers (Komponist), Hans-Peter Pfammatter (Piano u. andere Instrumente), Ursula Kleeb (Flöte)

Musik: Hans-Peter Pfammatter - Tontechnik: Aldo Gardini - Regie: Michael Stauffer - Produktion: SRF 2007 - Dauer: 52'

20. Mai 2015,
20.05 Uhr,
SRF 2 Kultur,
Radio,

«Radio till you drop» von Michael Stauffer

Das interaktive Programmangebot besteht ausschliesslich aus Telefongesprächen mit den Hörerinnen und Hörern. Diese machen eigentlich das Programm - natürlich zusammen mit der Moderatorin Anette. Das schafft den richtigen Rahmen für lustige Spiele, Werbespots und für den Direktverkauf über den Sender, damit das Publikum ausgepresst werden kann wie eine Zitrone. Und es spart erst noch Kosten für teure journalistische Sendungen. In den ersten Tagen mit dem neuen Format steht Udo als Redaktor Anette bei. Die taffe Frau am Mikrophon käme eigentlich ganz gut alleine zurecht - wenn das neue Sendekonzept in allen Punkten funktionieren würde, und wenn es ihr nicht gegen den Strich ginge.

Mit: Anette Herbst (Anette, Moderatorin), Klaus Brömmelmeier (Udo, Redaktor), Christoph Müller (Rob), Sonja Caruso (Claudia), Vincent Leittersdorf (Tom), Susanne-Marie Wrage (Johanna), Katharina von Bock (Hanna), Iris Erdmann (Berta), Christian Ahlers (Christian), Bettina Hoppe (Bettina), Siggi Schwientek (Martin), Jörg Schröder (Torsten, genannt Tossy), Sebastian Rudolph (Andy), Barbara Falter (Doris), Kristian Krone (Michi), sowie Mignon Lamielle, Katharina Dorp, Viola Koch, Marco Geiger und Karl Atteln (Stimmen der Werbespots)

Musik und Sounddesign: Karl Atteln - Tontechnik: Tom Willen - Regie: Claude Pierre Salmony - Produktion: SRF 2006 - Dauer: 65'

Wenn jemand zu einem neu gewachsenen Bart sagt, das sei hilflos, dann ist das auch hilflos.

Blog

1,5 Temesta und 2 Liter Weisswein

Ich habe

Ja, ich habe

Ein Kollege hat zu viel getrunken

Der singende Dollar, der abflauende Franken,

Wir sind bei Barbarei!

Wenn jemand

Ich habe gestern eine Hundebesitzerin gefragt

Der Frühling

Neue Methode

Ich schaue eine Tanzproduktion an

Ich habe aus Verantwortung

Seien Sie heute

Liebe Post

Im Bus sass

Ich habe an einem Backwettbewerb teilgenommen

Aus organisatorischen Gründen

Er sei zu romantisch

Herzlich alles Liebe und Gute fürs neue Jahr

In der Sonne

Eine nervende Einkaufstüte

Wenn man mir Tiere

Eine Flunder ist

Wie man sich seinem inneren Schweinehund in acht Etappen nähern kann

Besser, man weiss

Besser im Schnee

Im Personalrestaurant

Digitaler Dreck

Olympiade

Ich leite einen Workshop

Ein weisser Hase

In einem Krankenhaus war Tag der offenen Tür

Testament

Kunst ist nicht etwas

Gsesch

Ein weisser Hund

Lustige Gegenstände

Ein Herr Bolliger

Transparenz

Ich bin nicht so

Im Zug

Ich wollte im Zoo

Sehr geehrter Herr Stauffer

Ich gebe ein Interview

Mein Geschäft

Ich war von 1990 bis 1991

Ich schaue

Auf dem Weg

Ich habe kürzlich

Wenn man Bus fährt

Auch wenn die Statistik

Du bist

Ich habe keine Ahnung

Ich sass gestern

Rücken an Rücken stehend

Des Dichters Abendmahl

Sehr geehrter Herr Stauffer

Häuser haben kein Haar

Gestern habe ich

Ich schreibe

Draussen spielt

Ich mache Interviews

Fahrt

Wenn eine Frau

Kultur, die nichts will, das ist der neue Trend! Warum?

Ich habe ein Videospiel

Habe mir Schneeschuhe gekauft.

Manchmal liest der Mann

Ich habe ein neues Videospiel

Hier ist die Stelle

Ich stehe am Bahnhof

In der Bar

Wenn ein Mann

Ich wollte

Ein Reisender

Es gibt keine Herausforderung

Ich schreibe in Tatsachen.

Wenn man ein Ohr hat

Ich wollte auf Ebay

Ein paar Funktionäre

Meine Phantasie ist grenzenlos

Ich halte eine Predigt

Mensch, Affe

Die Kunst ist

War ich ein gewalttätiges Kind?

Ich esse einen jurassischen Polizeisalat.

Wenn die Kirschen reif sind

Mein Haustier heisst Kabelsalamander

Der Koch haut mir

Im Zug sitzen

Die Frau sei der Schmuck

Willst du

Mir ist aufgefallen

Der Lehrer sagt

Frühstück inmitten von armen Familien

Restaurant Ochsen

Es ist ein Sandsturm

Was ist realistisch für mich?

Amélie

Eine Frau kommt herein

Mensch, Affe, was danach kommt, bin ich.

Texte

Bücher

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Das will ich kaufen



Ansichten eines alten Kamels

,
2014
,
ISBN 978-3-863910-64-8
,
Preis: CHF 21.50


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Ansichten eines alten Kamels

Ein Altersheim brennt. Der Autor Michael Stauffer geht spazieren und pflückt einem Hund einen USB-Stick vom Halsband. Er findet die unglaubliche Geschichte von Henri Choffat, der kurz vor seinem vierzigsten Geburtstag erfährt, dass er zweiundzwanzig gen-ähnliche Doppelgänger hat. Eine ominöse Genfer Behörde bietet ihm eine Sofortrente, wenn er im Gegenzug seine Lebensgeschichte liefert. Als Choffat für ein knappes Jahr ins Altersheim zieht, um dort seine Biografie zu verfassen, entdeckt er Unglaubliches. 

Preis: CHF 21.50
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Ansichten eines alten Kamels
Das Magazin, Was liest du?
»Unter dem Strich ein echter Stauffer mit viel Witz, Drive und Überraschungseffekten, der in ›Ansichten eines alten Kamels‹ eine Geschichte à la ›Einer flog übers Kuckucksnest‹ entspinnt. – Nur ganz anders.«
Torsten Woywood

Stimmen II
»Ein Roman von erschreckender Aktualität, dabei herrlich komisch und spannend erzählt.«
Stimmen I
»Sehr lustig, sehr schräg, also – wie alles von Dichterstauffer: Lesen!«
Jess Jochimsen

Bieler Tagblatt
»Stauffer breitet als Verfasser des Romans ein kafkaesk anmutendes Thema mit vereinzelt dürrenmattschen Figuren aus.«
Christophe Pochon

Der Bund
»Choffats tagebuchartige Einträge [sind] zwar kurzweilig und amüsant zu lesen, nicht zuletzt wegen Stauffers Hang zum Vergnüglich-Grotesken – die Geschichte als solche bleibt aber merkwürdig und bizarr, genauso wie die Machenschaften von geheimen Überwachungsorganisationen.«
Gisela Feuz

hr2 Kultur
»Ein Autor, der aus den gänigen Mustern fällt. Michael Stauffer schreibt alles andere als gefällig ... Er ist auf jeden Fall eine markante, wenig verwechselbare, zugespitze Stimme in der deutschsprachigen Literatur der Schweiz.«
Martin Schwarz

Leipziger Volkszeitung
»Die Story trägt absurde Züge und legt den Blick auf bedenkliche gesellschaftliche Tendenzen frei. [...] Ein kompakter Lesespaß zum Nachdenken.«
Dimo Rieß


Alles kann lösen

,
2013
,
ISBN 978-3-905825-57-2
,
Preis: CHF 23.00


Preis: CHF 23.00
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Alles kann lösen

Ich bi Fotograf vo Pruef. Ich fotografiere zum Biispiel Fressplätz vo Obdachlose, aber nu wenn die Obdachlose underwägs sind. Ich fotografiere aber au Prominenti.
D Sophia Loren han i scho fotografiert.
Sie isch hine imene gmietete Chevrolet gsässe.
Sie hett ihren Hund mit debii gha.
De Hund hett sich, bevor d Sophia Loren iigstiegen isch, im Dreck gewälzt.
D Sophia Loren hett denn en Papiersack uf ihren Schoss glait, damit de dreckig Hund ihri Chleider nöd versauet het.
Mir sind denn mit em Chevrolet und emene Schofför vo Bern uf Schwarzeburg gfahre, denn wiiter uf Biel, eimol um de See ume, wiiter uf Solothurn, a d Aare.
Anere grosse Chrüzig hemmer ghalte. Ich han wiiter
fotografiert. D Sunne hett vo hine ufs Heck vom wiisse Chevrolet gschiine, d Sophia Loren hett ihri Sunnebrülle aagha, d Ohre vom Hündli hend luschtig im Wind gflatteret.
Amene Fluss hemmer wieder ghalte. D Sophia Loren hett wöle, dass ihres Hündli is Wasser stiigt.
Ich han aber au d Diana im Sarg fotografiert.
Jo, han ich au fotografiert.
Won ich ihre mit de flache Hand über d Stirn gstriche han, han ich tenkt, die hett do öppis underem Hoorasatz.
Sie hett usgseh wiene Porzelanpuppe.
Ich han e paar Bilder gmacht.
Han ihre nomol über d Stirne gstriche. Me hett überhaupt nünt gseh, kei Spure vo Gwalt, nünt.
Au de Theodor Tobler, de Schoggibaron, han i scho
fotografiert. Mit sinere Dogge und sim Sohn Valentin zäme han ich dä fotografiert.
Mengmol schaffi au als Pressefotograf. Denn mach ich amel so kritischi Bildtitel wie: 11 jungi Fraue und Maitli sind bi dem Überfall verschleppt, vergwaltiget und missbruucht worde.
Wenn en Uftrag z gföhrlich isch, denn stell ich die gwünscht Szene noo. I de meischte Asylunterkünft findt mer gnueg Laiedarsteller, wo sich für zäh Stutz e paar Stund chönd frei neh.
Ich finde, dass d Asylante de Krieg besser und au über-zügender spieled als d Soldate a de Originalschauplätz.
Viel vo dene Asylunterkünft gsehnd sowieso so us wie die Flüchtlingslager a de Originalschauplätz.
En schöne Ort für söttig Originalufnahme isch lang s
Ufnahmezentrum bim Hauptbahnhof z Chrüzlinge gsii.
Ich han de zueständig Securitasmaa no us de Kantiziit kennt, han eifach chöne aalüüte und ihm de ungfähr
Bildtitel duregeh.
Wenn ich denn zwei Stunde spöter amigs dött gsii bin, sind all scho parat gstande, und ich han nu no müesse
e paar Fiinabstimmige mache.
Für Massegrabszenene simmer immer zunere Baustell i de Nöchi gfahre. Meischtens hani dött au en Baggerfüehrer gfunde, wo no schnell es Massegrab gmacht hett.

D Garasch vom Onkel Philipp
Min Onkel heisst Philipp. De hett en chliine Ranze und raucht de ganz Tag Tabakpfiffe i sinere Garasch.
Ich bin immer vor de Garasch ghocket und han ihm
zueglueget, wiener graucht het.
De Onkel Philipp isch denn meischtens i dem Tabakpfiffe-Nebel verschwunde und de ganz Tag i sinere Garasch blibe hocke.
Eimol hets gregnet und de Onkel Philipp hett d Türe vo sinere Garasch zuegmacht. De Rauch vo sinere Tabakpfiffe hett bald die ganz Garasch usgfüllt. Em Onkel Philipp sin Ranze isch immer grösser worde, will de Rauch nüme us de Garasch use hett chöne.
Leider hett de Onkel Philipp d Garaschtüre nüme gfunde und isch für immer i dere Garasch verschwunde.
Ich gang immer no regelmässig go luege, öb de
Onkel Philipp villicht mol wieder use chämi.
Aber me gseht und schmöckt nu no de Rauch vom Onkel Philipp sinere Tabakpfiffe. Vo ihm selber kai Spur. 

Preis: CHF 23.00
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Alles kann lösen
VORHERIGE SENDUNGNÄCHSTE SENDUNG «Alles kann lösen!» oder: Lebenshilfe von Michael Stauffer

Lustvoll verwertet Michael Stauffer die Steilpässe, die ihm das unermüdliche Beobachten seiner Mitmenschen zuspielt, in sprachliche Volltreffer.?

Im Buch «Alles kann lösen» sind Texte aus 15 Jahren Spoken-Word-Aktivität des Schriftstellers und Performers Stauffer versammelt. Darin bewegt er sich formal, stilistisch, sprachlich und inhaltlich frei im künstlerischen Äther.

«Specialist fur: Happines»

Der Titel «Alles kann lösen» zum Beispiel ist einer Serie von fiktiven Visitenkarten-Annoncen entnommen: «GELD NACH ZUFRIEDEN. Alles kann lösen! PROFESSOR NGEMBE. Grosses Meister-Mediom. Specialist fur: Happines, Liebe, Neue LEBEN, Glück mit andere Frau, Glück mit Frau, und sexuale Unzeugungsfähigkeit. Rufen immer.»

Sprachenerfinder

Stauffer erfindet Sprachen, die genau so existieren könnten. Die pseudotürkische Übersetzung einer seiner Geschichten wurde von einem Türken als «Bergdialekt aus dem Hinterland» eingestuft, erzählt Stauffer schelmisch. So genau hört er also hin und imitiert. Die Realität entgleitet ihm in seinen Geschichten gerne, entschwebt in die Pose seiner Figuren oder in die Attitüde «höheren Blödsinns». Auch das Interview wird stracks zur Performance. Als politisch im engeren Sinne sollte man das Resultat nicht bezeichnen; anregend, witzig, kritisch, ja: subversiv ist es allemal.

Neben Spoken-Word-Performances schreibt Michael Stauffer Prosa, Theaterstücke, Lyrik und Hörspiele (auch für SRF 2 Kultur), lehrt am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und erhielt für sein Werk mehrere internationale Preise und Stipendien.

Die Rezension können Sie hier nachhören.

Radio SRF 1

Sprich's aus, lass los! VICE VERSA LITERATUR
Im Alltag treibt die Sprache Kapriolen und Blüten, dass man zuweilen glaubt, all das aufschreiben zu müssen. Meist jedoch bleibt es beim schönen Vorsatz.?Ja, warum selbst aufschreiben, wenn es einer für uns tut! Michael Stauffer geht in der hundskommunen Alltagskomunikation für seine Leserschaft auf die Pirsch und trägt deftige, absurde, schwadronierende, radebrechende Beute mit nach Hause – respektive auf die Bühne. Von da her kennt man ihn, den dadaistischen Radaubruder mit den vielen Idiomen. Seine besten Sprachstücke und Sprechtexte liegen nun auch in Buchform vor. «Alles kann lösen» lautet die Patentlosung, mit Bezug auf einen jener Zettelchen, die vor Jahren von windigen Wunderheilern in die Briefkästen verteilt wurden – und vielleicht noch werden. GELD NACH ZUFRIEDEN?Alles kann lösen!?PROFESSOR NGEMBE Stauffer selbst ist ein solcher Professor Irgendwer auf dem Gebiet der Sprachheilkunst. Wo andere Schreiber und Schreiberinnen instinktiv Abstand halten, langt er kräftig zu: Er kalauert, beschimpft, ergötzt sich in kindischen Witzen. Doch mit System. Denn was auf den ersten Blick wie plumpe Nachahmung der banalen Wirklichkeit anmutet, trägt den Virus der Verfremdung, Verdrehung, Veräppelung in sich. Oder wie es Claude Salmony im Nachwort schreibt: Die Abweichung von der Norm ist eine «wichtige Methode seines Schreibens». Der Widerstand steckt in der scheinheiligen Affirmation. Stauffer lehnt sich gegen alle Diktate auf, der Sprache wie des Sinnes. «Ich bi mit vielne befremdet», lautet ein Tagebucheintrag «vomene Esel». Inhaltlich verlegen sich seine struben, rohen, kauzigen Texte gerne auf biedere Alltagsszenen, die ins Absurde kippen, oder in ein böses Schreien und Fluchen. Auf der Bühne weiss Stauffer bestens zu inszenieren, denn «Wenn di ufreggsch, säggs eifach»: Du bisch en huere Glatzkopf, e verdammti Wurschtbire.?Du bisch so en elende Gschwullne-Grind.?E huere Puddingwampe.?En Pissbock, en elende, en verreckte. Ein Erzähler am Rande des Nervenzusammenbruchs, mutet es oft an. Ob stammelnd, parlierend, reimend oder melodielos singend. Stauffer erzählt am liebsten von einfachsten Dingen und kaum nennenswerten Ereignissen, die wir alle kennen.?Verräterisch naturalistisch klingen die Dialogfetzen eines Mamis zu ihrem Maik im Zug oder Tram («Maik, s Mami wött dr öppis säge»), gewitzt die falsch zugestellte SMS, die er trotzdem beantwortet, hanebüchen verdreht die sprachliche «Gliichberechtigung»: «Ich säge nu no: / Bau-sie-nspeck statt Bau-er-nspreck / Pfeff-sie statt Pfeff-er ....» «Tätü Dada» trällert es insgeheim dazu, wenn er Gott sprechen und drohen lässt oder die Berner Bären durchdekliniert («Arabär»). Zu sagen, dass jede Geschichte, jedes Sprechstück ein artistisches Kunststück sei, wär eine unrühmliche Übertreibung. Stauffers Spiele geraten nicht immer raffiniert, er meidet auch den plumpen Kalauer nicht. Aber er redet virtuos mit vielen Zungen. «Alles kann lösen» präsentiert sich als geradezu babylonisches Gewirr, angefangen mit dem eigenen Thurgauer Dialekt, dann weiter im berndeutschen Mimikry, dem Zweisprachenidiom Biels, träfem Balkan Slang, Pseudo-Türkisch oder krudem Inglisch-Pidschin wie in «My Home 1-6» («Hello evfribodi...»). Die Leserinnen und Leser finden in dem Band gewiss ihre liebsten Texte. Allen voran bietet er ein paar grandiose Highlights der zeitgenössischen Sprechkunst. «Das oraschi Schatz» etwa («Die oraschi Schatz, zwai Függs. Lueg sie a.») oder «Jesus oder Allah», im Yugo-Slang mit der frappierenden Schlussfolgerung: «Auso guet, mir mache so. Jesus isch Allah vo Herr, isch Mönsch vo Gott, isch fertig.» Die politische Korrektheit hängt sich hier an den eigenen Floskeln auf.?Eigentlich müssen diese Texte für sich laut gelesen werden. Und mit allen darf man selbst auch spielen, so mit dem leiernden «aff». wa bisch du für en aff?ich bi de sms aff?wa bisch du für en aff?ich bi de ipod aff?wa bisch du für en aff?sägmers wa bisch du für en aff Ersetze aff durch app, und der Text klingt geradezu zeitgemäss. In Michael Stauffers Texten holt uns der Alltag immer wieder ein.
Beat Mazenauer

HERVORRAGENDSTES NACHWORT ZUM BUCH
Die Macht der Sprache gegen die Sprache der Macht Michael Stauffer und ich machen zusammen seit 2001 Hörspiele für SRF 2 Kultur (ehemals DRS 2) und versuchen dabei, hoch zu pokern, Risiken einzugehen und die Gattung jedes Mal neu zu erfinden. Fünf seiner Texte fürs Radio habe ich inszeniert, fünf Produktionen, die in Autorenregie entstanden sind, dramaturgisch-redaktionell begleitet. Diese Zusammenarbeit ist zu einer Tradition geworden, die zu meiner Biografie gehört. Das beinahe schon jährliche Stauffererlebnis ermöglicht mir die Pflege des heiligen Unernstes als Überlebensstrategie in einem Land, dessen Nationalsport nicht unbedingt der Humor ist. Dadurch aber sind seine Texte in gewisser Weise auch zu den meinen geworden, und ich schiebe ihnen und dem Autor wahrscheinlich meine eigenen Sichtweisen und Befindlichkeiten unter. Dichterstauffer, wie er sich oft nennt, ist für mich eine ideale Projektionsfläche, allerdings nicht die einzige. Ich bin nicht treu. Er auch nicht. Zu unser beidem Glück. Zählt man die Titel nur schon dieser Zusammenarbeit auf – der Autor arbeitet u.a. auch für den Westdeutschen Rundfunk – kommt eine zentrale Stauffersche Sprachmethode zum Vorschein. Wörter und Wendungen werden spielerisch in alle Richtungen gedreht, verdreht oder – quasi als verbales Ready-made – einfach hingestellt. Stauffer spielt mit Sprache wie mit einem Zauberwürfel (Rubik's Cube). Das Kubische bleibt gewahrt, die vordergründige Verständlichkeit ist garantiert, aber der manipulative Dreh wird zum Fingerzeig auf die gesellschaftliche Scheinwelt, hinter der ganz andere Tatsachen, hauptsächlich Machtstrukturen, versteckt werden. Dieser Scheinwelt begegnet Stauffer oft mit ebenso scheinbarer Blauäugigkeit. Hier die angesprochenen Hörspieltitel: «Gartenproletarier» (2001), «Die Socken machen» (2002), «Die Tierstunde» (2003), «Wart du nur, du» (2005), «Bancomat» (2006), «Radio till you drop» (2006), «Leben nach Noten» (2007), «Mein Motto Mutter» (2008), «Ich begrüsse mich ganz herzlich» (2011), «Kanu fahren ohne Paddel» (2012). Die vorletzte Produktion «Ich begrüsse mich ganz herzlich» setzt mit einem Thema ein, das im vorliegenden Buch in grandioser Weise zum Zug kommt: Die ersten Erfahrungen, die wir machen, sind in der Regel jene mit unseren Eltern. Es mag zwar sein, dass die meisten Menschen bei ihrer Geburt ganz herzlich begrüsst werden, aber spätestens dann, wenn wir als Kind auf spielerische Art anfangen, in die Welt einzugreifen, müssen wir uns schon selber herzlich begrüssen, denn dann weicht die elterliche Herzlichkeit der Erziehung. (Später gibt es dann Herzlichkeit, sprich Anerkennung, meist nur noch für Handlungen und Haltungen der Selbstverleugnung zu Gunsten einer Selbstnormierung.) In «Maik» (S. 171) hören wir einer Mutter bei ihrer Betreuung zu. Die Rede beginnt mit zwei Imperativen. Dann wird dem angesprochenen Kind ein Titel mit gehörigem Degradierungspotenzial verliehen: «Junior». Das garantiert Tiefkühltemperatur und klärt die Machtverhältnisse. Dem folgt die Strafandrohung («... ich tuen dir s Fudi abtätsche, wenn jetzt nöd ufhörsch»). Danach wird angezogen, zurechtgerückt, angeschirrt. Ein Geschenk taucht im Text auf, mit der einzigen Funktion, ein Verbot zu ermöglichen: «Du machsch da jetzt nöd uf. Es isch dis Gschänkli. / Aber du machsch da jetzt nöd uf.» Der Baum der verbotenen Frucht im Garten Eden lässt grüssen. Und der Rucksack samt Riemenproblem gibt schliesslich die Gelegenheit, im jungen Leben das Thema «Last» zu implementieren. Dabei bricht unvermittelt ein pseudolieber Ton aus. – Sind solche Mütter nicht die imperialistische Urerfahrung? Auf jeden Fall schreit das nach «Analyse» (S. 168). Dort wird die Mutter-Kind-Beziehung reduziert auf die Hauptagierenden, eben Mutter und Kind. Mit von der Partie ist allerdings auch eine Puppe: die objekthafte Abbildung des Kindes. Und was läuft ab? Im Wesentlichen das Hauen und Zerren der Mutter, das Zwinkern der Puppe und das Schreien des Kindes. Das wird in unablässiger Wiederholung über mehrere Seiten hinweg demonstriert. Und als warnender Refrain blinkt die Feststellung auf: «Kind weiss». – Der Muttermythos gerät ins Wanken. Aber um diesem Mantra zusätzlichen Nachdruck zu verleihen, macht das Gedicht Phasen in erfundenen Sprachen durch, die sich an deutsche Dialekte anlehnen: «Göör schreet» / «Popp plinkert» usw. Dieses Übersetzungsverfahren finden wir auch in «S Muggegitter» (S. 56). Eine unüberwindliche Trennung wird – scheinbar – durch alle nur denkbaren Weltsprachen dekliniert, und man versteht die Klage in all diesen Sprachen, weil die Kernsplitter des deutschen Wortmaterials in die phonetischen Systeme anderer Sprachen oder Dialekte gekleidet werden. Aus «Du auf der anderen Seite» wird «Du uf dar andra situ», oder auch «Tukii aki ar utraki tülsité», sechzehn Strophen lang. So reisen wir durch verschiedenste Sprachregionen, die triste Trennung im Gepäck. Und auch bei der Rückkehr zum Standarddeutsch am Ende ist keine Vereinigung in Sicht. Überhaupt haben Abweichungen von der Sprachnorm einen grossen Stellenwert in Stauffers Poetik. Sie sind die andere wichtige Methode seines Schreibens. Schon für das Hörspiel «Die Socken machen» hat er einen aussterbenden Schweizer Dialekt erfunden, von nur noch einem native speaker namens Grolgis Ammels gesprochen, der von Sprachwissenschaftlern befragt wird. (Der Autor hat damals den Ammels selber gespielt und das Schauspielensemble bei seinem Auftritt mit der selbstverständlichen Sprechweise im fiktiven Idiom verblüfft.) In «Bäre» (S. 40) wird das Berner Emblemtier aus seiner Gefangenschaft,dem Bärengraben, in die Freiheit einer dadaistischen Sprachanarchie entlassen. Auch hier werden Idiome berührt, Quasitürkisch ebenso wie das Secondodeutsch, das uns den Bären in Waldesfreiheit und friedlicher Koexistenz mit einer Frau zeigt. Den Abschluss macht eine in Amtsdeutsch an Bären gerichtete Verordnung des Gemeinderates der Stadt Bern mit diversen Verboten und Bussenandrohung von Fr. 9950.– bei Zuwiderhandlung. Hier muss ich an einen Buchtitel des in Zürich wirkenden Psychoanalytikers Arno Gruen denken: «Der Wahnsinn der Normalität – Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität». In Michael Stauffers Sprachverfahren kann man literarische Entsprechungen von Gruens politischer Psychologie entdecken – wohl ohne dass das vom Dichter intendiert war. Die bereits angesprochenen sprachlichen Normabweichungen zeigen Standards in verschärfter Zuspitzung. Sie können aber auch neue Räume für den vitalen, unzensierten Ausdruck existentieller Erfahrungen öffnen! Auf berührende Weise finden wir das im 48-strophigen Liebeshymnus «Oh meine Ritterin» (S. 63). Da erhält das begehrenswerteste Gefühl des Lebens tatsächlich eine neue Darstellung. Und diese ist voller Emphase und dennoch nicht frei von Lachen. Aber es ist kein satirisches Lachen, denn wir sind in der gelebten Gegenwelt, fern aller Norm und Ordnung (love and disorder versus law and order). Und jede Strophe driftet einmal sprachlich ins fiktivdadaistische Sprechen. Auch wenn dabei noch vereinzelt Wortsinn zu finden ist, wirkt diese verbale Drift doch eher wie das Trallala eines Sängers, dem der Text ausgegangen ist, während er eine wunderbare Melodie weitersingt. Und das Trallala erhöht noch die Wirkung der Worte zuvor, bringt das Gesagte im Unsagbaren auf den Punkt. Vitalität im alternativen Sprechen führt auch «Jesus oder Allah» (S. 20) vor. Eine kurze Diskussion zwischen Vertretern verschiedener Kulturen – ebenfalls in Secondodeutsch – endet nicht etwa in einer interkulturellen Karambolage, sondern findet in einem ‚religionskubistischen' Kompromiss zum Frieden: «Auso guet, mir mache so. Jesus isch Allah vo Herr, isch Mönsch vo Gott, isch fertig.» Das verdient eigentlich den Friedensnobelpreis. Andere Texte dokumentierten dagegen Aspekte angepassten, also verpassten Lebens. In «D Frou Grivelli» (S. 55) versteinert eine Kommunikationsverweigerung zum helvetischen Granit: Die Nachbarin «wot geng mit mir rede». Jetzt ist ihr das Insulin ausgegangen und sie braucht Hilfe. Das macht doch misstrauisch! Das ist doch ein Trick! «Bi mir blibt d Grivelli aber vor de Türe, o we si stirbt. / Da blibeni hert.» Dafür erfährt ein echt eidgenössisches Vergnügen seine Würdigung, das mit den obligaten roten Socken, dem Freizeithütchen und der praktischen Windjacke gewiss kein öffentliches Aufsehen erregt: Im ersten Abschnitt von «Wanderlied» (S. 18) wird heimatlich dialektal erklärt, wie der Wanderschuh zu binden ist. In einem zweiten Abschnitt wird dasselbe noch einmal erklärt «für de ander Schueh». Und mitten in dieser Welt der herrschenden Sitten leuchten Spuren von Menschen auf. Im «Familiefescht» (S. 145) begegnen wir u.a. einem Grossvater, der sagt: «Ich wött jetzt endlich Urgrossvater werde», dann aufs Klo geht, von dort nicht mehr zurückkehrt. Und schon befinden wir uns auf seiner Beerdigung. Die Abdankungsrede nennt magere Daten, die letztlich nur aussagen, dass er gewesen ist, aber nicht, wer er war. Dafür beschreibt uns «D Garasch vom Onkel Philipp» (S. 59) das Aussehen des Pfeife rauchenden alten Mannes, der irgendwann hinter dem dicken Rauch ebenfalls für immer verschwindet. Ein Blitzlicht vergangener Existenz. Was bleibt uns in so einer Welt? – Lösung eins aus Michael Stauffers lyrischer Hausapotheke (es scheint, auch er hat eine): «ABC-Alkohol» (S.12), ein Text, in dem des Trinkers Lieblingstätigkeit, das Schlucken, in 23 verschiedenen Ausdrücken benannt wird. Lösung zwei, die psychologische: «Wenn di ufreggsch säggs eifach» (S. 170). Eine Litanei von Verbalinjurien bietet hinreichendes Sprachmaterial zur Abreaktion von angestauter Wut. Lösung drei: die Inanspruchnahme einer der in «Ngbulu» (S. 62) gesammelten und in den Buchtext aufgenommenen Dienstleistungen von Hellesehern, Heilern und Hexen. Da lesen wir in einem der Inserate etwa «GELD NACH ZUFFRIEDEN» und «Alles kann lösen». Ob «Alles» da Objekt oder Subjekt ist? Der Verheissungen sind viele ... «Alles kann lösen» ist ein Brevier zur Meditation über Machtsprache und Sprechen in Machtverhältnissen, Regelung und Abriegelung vitaler Regungen und über mögliche Ausbrüche. Denn in Michael Stauffers Texten streckt sich der Welt, wie sie ist, immer wieder eine Hand entgegen, zwischen deren zur Faust gerundeten Fingern der mittlere – einsam in die Höhe ragt.
Claude Salmony, Mitglied der Redaktion Hörspiel und Satire von Schweizer Radio SRF

DER BUND
Michael Stauffer, auch als «Dichterstauffer» bekannt, legt schön subversive Texte vor. Ja, das ist das Los des Dichters. Wenn er nach seinem Beruf gefragt wird, provoziert seine ehrliche Antwort meist die «Aaschlussfroog», von was er denn lebe. Michael Stauffer («Pilgerreise»), in Biel wohnhafter Thurgauer, lässt sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen und hat einige Varianten auf Lager: «Erlkönig bim Bundesamt für Kultur» oder «Frou Holle bi Meteo Swiss». Der Hörspiel- und Theaterautor «Dichterstauff er», seines Zeichens auch Lyriker und Performer und notabene gewichtiges Mitglied der Spoken Word-Formation «Bern ist überall», ist ein notorischer Sprachnormübertreter, ein lustvoll-subversiver Zertrümmerer von in Sprache gegossenen Machtstrukturen. Für das Hörspiel «Die Socken machen» erfand er etwa einen aussterbenden Schweizer Dialekt, der nur noch von einem Eingeborenen namens Groglis Ammels gesprochen wird. In der Reihe «edition spoken script» sind nun Texte versammelt, die den Dichter Stauffer in all seinen Facetten zeigen. Etwa als Beobachter helvetischer Kommunikationsblockaden («D Frou Grivelli»), wenn ein Mann bei einer Nachbarin, der das Insulin ausgegangen ist, einen perfi den Schachzug vermutet: «Bi mir blibt d Grivelli aber vor de Türe, o we sie stirbt. Da blibeni hert.» Freude macht Stauffer auch als Verfasser zotig-pueriler Gebrauchslyrik («Schlitzgiige. Schnitzligiige./ Ich wött ine i dini Fiige») oder als Vorkämpfer konsequenter sprachlicher Gleichberechtigung: «Ich säge no: Vat-sie statt Vat-er. Geheiligt sei Mutt-sie uns-ie. Statt Vat-er uns-er.» Stauff er, der Wühler und Schlosser im phonetischen Sprachmaterial, sprengt auch spielend die Grenzen der deutschen Sprache und wird im Text «S Muggegitter» gar zum Schöpfer lautmalerischer Weltsprachen. Im klugen Nachwort bringt Claude Salmony die Haltung des ausgefuchsten Dada-Poeten prägnant auf den Punkt. In Stauffers Texten strecke sich der Welt oft eine Hand entgegen, «zwischen deren zur Faust gerundeten Fingern der mittlere einsam in die Höhe ragt».
Ein Buch für offene Ohren, BZ
«Fraue sueche, Hüüsli baue, Chindli mache. / Baue, schaffe, mache, trinke, winke, zahle, Hänsli-Tubbeli, / Zahle.» Michael Stauffer, nicht nur Romanautor, sondern auch Hörspielmacher und Spoken-Word- Artist, tischt seinen Lesern scheinbar triviale Geschichten aus dem Alltag auf. Doch jäh verrät nur ein Halbsatz die kritische Dimension. ... Ein bunter Strauss an Formen von der Kürzestgeschichte über den Dialog bis zum dadaistischen Gedicht sind im neusten Band der Edition Spoken Script des Luzerner Verlags Der gesunde Menschenversand versammelt. ... (Stauffer) spielt mit Dialekten und Slang, mit Secondo-Deutsch und Sprachfehlern in treffsicherer und urkomischer Weise. Der titelgebende Satz «Alles kann lösen » gehört zu einer Serie von fiktiven Inseraten von «Grosse Zauberer Mediums», die von «Wegmachung von Krankheit» bis «sessuale Unzeugungsfähigkeit » kein Heilsversprechen auslassen. Nichts ist hier korrekt, und doch ist es verständlich und gibt Einblick in eine bizarre Welt. ... Ein Buch für offene Ohren An der Grenze der Sinnhaftigkeit: Michael Stauffer gebietet dem Verständnis Einhalt und lässt sein Publikum über die Sprache stolpern. z
Florian Bissig


Pilgerreise

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2012
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ISBN 978-3863910143
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Preis: CHF 27.25


Preis: CHF 27.25
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Pilgerreise

„Durch eine neblige Landschaft gehen, in einer Kneipe einen
Schnaps trinken und dazu ein riesiges Schinkenbrot fressen,
sich hinlegen wie ein warmer Hund und sich wünschen,
dass jemand kommt, der einen mit einer Schweizer Armeewolldecke
zudeckt, das sind alles Qualitäten, die nicht als
besonders modern gelten. Und dennoch: Jeder soll sein
Leben auf die beste Art führen, die für ihn möglich ist.”
(Bela Schmitz) 

Preis: CHF 27.25
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Pilgerreise
Pilgerreise von Michael Stauffer, Faustkultur
Die größte Kunst eines Autors ist es, einen völlig unsympathischen Protagonisten zu erfinden, der trotz all seiner Schwächen von den Leser/innen gemocht wird, mit dem sich der eine oder andere (belassen wir es bei der männlichen Form) identifizieren kann, zumindest gewillt ist, es zu tun. So ein Autor ist Michael Stauffer. Und so ein Protagonist ist Bela Schmitz. Dieser ist ein Dichter, Literaturprofessor und vor allem Egomane und Arschloch. Anders lässt es sich nicht sagen. Seine Freundin hat die Nase voll von seinem unsozialen, um nicht zu sagen: asozialen, Verhalten, und verlässt ihn. ... Er wird verlassen und weiß sich nicht zu helfen. ... Er beschließt aus einer Laune heraus zu pilgern, nicht etwa aus religiösen Gründen, um sich selbst zu finden oder sich weiter zu entwickeln. Dementsprechend ist er auch nicht besonders konsequent, fährt manchmal Zug, hat natürlich recht bald Fußschmerzen. Er trinkt überall Schnaps, isst riesige Schinkenbrote, schaut sich die nebligen Landschaften an und versucht, Leute kennen zu lernen. Leute, denen er auf der weiteren Reise vermeintlich klug durchdachte und formulierte Karten schickt. ... Er protokolliert seine Erfahrungen in einer Art Tagebuch, während gleichzeitig seine Geschichte erzählt wird ... ... Jemand sagte, dass man niemals zwei Mal das gleiche Buch lese, so wie man niemals in den gleichen Fluss steige. Bei der Rezeption eines Buches kommt es sehr darauf an, in welcher Verfassung man sich gerade befindet. Das beeinflusst auch das Lesen, die Identifikation mit dem Text und mit den Figuren. Wer wurde nicht einmal verlassen und kennt die Qualen, die man danach durchmacht, die verschiedenen Phasen des Verleugnens, Nicht-Wahrhaben-Wollen, der Trauer, Wut etc. ?„Ich habe alle Vorzeichen ignoriert, aber nicht aus Dummheit, sondern weil ich dich so sehr liebe und mich an die Hoffnung klammern wollte", schreibt er. Ein banaler Satz, der allzu oft sehr wahr ist. Wer hat nicht schon einmal so gefühlt? Der Protagonist kann nur in unserer Zeit sozialisiert worden sein, er ist eine Karikatur des verweichlichten intellektuellen Egomanen, der in seinem eigenen Saft schmort, sich selbst reflektiert und den Blick nicht nach außen wendet. ... ?„Pilgerreise" von Michael Stauffer, im wunderbaren Verlag Voland & Quist erschienen, ist ein fantasievolles Buch, eines, das emotional trifft, auf die eine oder andere Weise – niemand wird dieses Buch unberührt lesen können. Und erst recht nicht, wenn man sich die CD mit dem Hörspiel „Mein Motto: Mutter", die dem Buch beiliegt, anhört.
Jannis Plastargias

Bela Schmitz geht wandern. Michael Stauffer schickt einen gefühligen Mann auf Pilgerreise, BZ
Der Mann mit dem Namen Bela Schmitz hat ein Problem. Seine Freundin schimpft ständig mit ihm. Sie findet, er sei ein Egoist, und eines Morgens gibt sie ihm genau eine Woche, um seine Sachen zu packen. Bela fällt aus allen Wolken und zieht erst mal zu seinem Cousin, um mit ihm Bier zu trinken und sich selbst wiederzufinden. Aber das Bier genügt nicht. Darum macht er sich auf den Weg und wird Pilger. ... Weil Stauffer aber Slampoet und Künstler ist, wurde Pilgerreise kein weiterer Jakobsweg-Bericht. Sondern ein zügiger und recht skurriler Spaziergang durch die Welt der Selbstfindungswanderer im Allgemeinen. ... Aufgerüttelt von den harschen Worten der Freundin beginnt er sich Gedanken über sich selbst zu machen. Ich habe zu lange nur auf deine Gefühle gehört, das hat die Beziehung zu dir nur unötig verlängert, notiert er in sein Tagebuch. ... Witz und Parodie in Pilgerreise entstehen durch die übertriebene Gespürigkeit und Gemütlichkeit, mit der Stauffer Bela Schmitz seine Gefühle und Erkenntnisse rapportieren lässt. Auch die unfreiwillige Komik von ernst gemeinten Jakobsweg-Büchern liegt zuweilen im gleichrangigen Nebeneinander von tiefstem Fühlen und alltäglichen Wahrnehmungen. Kurze, oberflächliche Begegnungen kennt jeder Wanderer. Weil sie beim Pilgern für lange Zeit die einzige Ablenkung bieten, bekommen sie übermässig viel Gewicht. Aber Stauffer ist ein zu begabter Autor, als dass die Wahrheit seiner Figuren sich durch ein bisschen Spötteln auf Distanz halten liesse. Dafür bringt der simple, uncoole Bela die Dinge zu oft und zu präzise auf den Punkt. Mit ein paar Sätzen, die er ins Tagebuch notiert, trifft der Wandersmann wie beiläufig ins Schwarze...
Weiten Schreitens, Das Kulturmagazin
Bela Schmitz kann nicht gut mit Menschen. Nicht mit seiner Freundin, nicht mit seinen Eltern. Auch nicht mit den Gästen seiner Freundin. Bela flüchtet sich in kindlich-trotzige Posen, besäuft sich jämmerlich, beschimpft die Gäste und brennt Feuerwerk ab. Am nächsten Tag ist die Freundin weg und übrig bleibt ein Zettel. Verschwinde aus meinem Leben! Ich gebe dir eine Woche Zeit! Dann merkt Bela Schmitz, dass er auch ohne diesen Menschen nicht kann. Er dreht ab, spricht mit seinem Teppich, sucht Botschaften in dem Zettel, onaniert hilflos vor sich hin. Ersten Abstand gewinnt er, als er zu seinem Cousin zieht. Auf einer Party lernt er Melek kennen, die er vielleicht lieben kännte. Aber er kann nicht aus seinem Kopf heraus, und weil er auch die Frau nicht aus seinem Kopf bekommt, bleibt er in einer Spirale aus Kurzschlusshandlungen gefangen. Und entschliesst sich, das zu tun, was festgefahrene Menschen heutzutage so tun: Er geht auf eine Pilgerreise. Michael Stauffers neuer Roman ist ein verschachteltes, collageartiges Porträt eines hilflosen und verlorenen Mannes. Seine Eltern sind konfliktscheu bis an den Rand der Karikatur. Der Vater ersäuft jedes Gespräch in einem Schwall aus Geschichten. Die Mutter verschanzt sich hinter Fleischbrühe. So hat er nie gelernt, dass auch andere Menschen Bedürfnisse haben. Mehr noch scheint er nie gelernt zu haben, dass andere Menschen mehr sind als die Worte, die aus ihrem Mund kommen. Dass sie einen Herzschlag haben. Nun geht ein Mann, der nicht in der Lage ist, sich zu stellen, sich zu beugen und Unangenehmes zu akzeptieren, auf eine Pilgerreise. Da hat man viele kleine Begegnungen und kann den Leuten danach eine Postkarte schreiben, diese Postkarte mit absurden Gedanken oder Selbstreflexionen füllen und nie eine Antwort erhalten, weil man immer weitergeht. Am Ziel will er auf Melek warten. Und wenn sie kommt, würde das wohl seine Rettung bedeuten. "Pilgerreise" ist eine Satire auf den Menschen, der seine Kraft in einen überlangen Weg zu sich selbst investiert, um den Mut zu finden, zu verstehen, was er längst verloren und was er gewonnen hat. Sprachlich pendelt Michael Stauffer zwischen einem äusserst fantasievollen Humor des Grotesken und schmerzhaft-schönen Sätzen, die einen direkt in den Magen treffen.
Raus aus dem Schneckenhaus.
... Bela Schmitz ist kein Pilger aus freien Stücken. Bela Schmitz ist ein Gescheiterter. Soeben ging seine Partnerschaft in die Binsen. Und die Szenen, an die er sich erinnert, zeigen durchaus einen Mann, der an der Tragödie schuld ist, der seine Frau zur Raserei treibt und sich am Ende wundert, dass sie dem verschlossenen Egomanen deutlich erklärt, was für ein rücksichtsloses Arschloch er ist. Wonach sie ihm einen kurzen, saftigen Abschiedszettel schreibt und geht. Und dann verwüstet er erst einmal die Wohnung und bringt es fertig, seine Beziehungstragödie auch noch im Seminar vor den Studenten auszubreiten. Man sieht einen Mann Amok laufen mit seinen Gefühlen, die er weder in der Lage ist zu erklären noch zu zähmen. ... Und da ist man dann eigentlich bei einem Urtypus des deutschen Narrenromans - bei "Wilhelm Meisters Wanderjahren" von Goethe. Klingt jetzt ganz gewaltig. Hat natürlich auch keiner gelesen. Woher soll man auch die Zeit nehmen? - Aber wenn es ein Buch gibt, in dem die Begegnungen mit Menschen und Natur ähnlich skurril angelegt sind, dann ist es dies. Und wer etwas Vergleichbares zu den seltsamen Gedanken und Sprüchen des wandernden Bela Schmitz sucht, findet es in Wilhelm Meisters hochklugen Sentenzen, in denen Goethe sich selbst - auf ganz weimarische Art - selbst persifliert. "Um zu begreifen, dass der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen", heißt es etwa bei Wilhelm Meister. "Selbstständig und aufrichtig sein und wissen, was man macht", heißt es zur Einleitung von Kapitel XVII bei Stauffer. "Ich erkenne am Ende meiner Reise eine Person. Auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ich glaube, ich bin es." Was auch eine Enttäuschung sein kann. Denn ein kleines Problem, das Bela sein Leben lang begleitet und das auch sein Verhältnis zu den Eltern geprägt hat, benennt in der letzten entscheidenden Szene, bevor Bela auf Wanderschaft geht, sein Cousin: "Und wenn du was verändern willst, dann hör auf, dich wie ein behinderter Fischer zu verhalten, der immer an der Rute zieht, bevor der Fisch überhaupt angebissen hat, aus lauter Angst, den gefangenen Fisch sonst fressen zu müssen." Der gefangene Fisch, den der Leser erst im Lauf der Wanderschaft und etlicher eingeblendeter Träume und Rückblenden kennen lernt, ist - man glaubt es kaum - eine junge Frau, die diesen Bela Schmitz in all seiner Verschlossenheit sogar begehrenswert findet. ... Michael Stauffer hat unter anderem die Romane: „Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch" und „Normal. Vereinigung für Normales Glück" geschrieben. In letzterem gründet der Held eine Religion und deckt so die Mechanismen von derartigen Vereinigungen auf. Im neuen Roman „Pilgerreise" lässt Stauffer seinen Helden Bela zur Läuterung zu Fuß gehen, bis die Füße schmerzen. Bella ist ein skrupelloser Schriftsteller und Unterrichtender am Literaturinstitut, dessen Leidenschaft es ist, Grenzen aus zu loten. Das macht er in jeder Beziehung (Eltern, Schüler_innen, Partner_innen gegenüber). Zu recht wird er verlassen und gerät darob vollkommen außer Kontrolle und wäre da nicht sein Cousin: „Ich kann dich beruhigen, in meinem Weltbild gibt es durchaus Platz für Hilfe, die nichts kostet und von einem Teppich [mit dem Bela gerne spricht] kommt.", Bela wäre wohl verloren. Aber er findet für sich einen Ausweg: den Pilgerpfad. Bela lässt goldene Pilgervisitenkarten anfertigen, macht sich auf den Weg, schreibt fleißig Postkarten, lernt viele Menschen kennen, verschreckt einige davon und hat einen großen Plan. Dass das Ganze eine bitter-böse Satire ist, braucht eigentlich kaum erwähnt zu werden. Wie trocken und unvorhersehbar Stauffer seinen Helden anlegt, ist allerdings äußerst bemerkenswert. Diese Pilgerreise gerät zu einem mitunter absurden, oft drastischen und immer höchst unterhaltsamen Trip. Fünf Wanderstöcke hoch!
WEG OHNE SWAG, einslive
Michael Stauffer schickt in seinem Roman "Pilgerreise" einen richtigen Unsympathen auf Wanderschaft. Da seine Figur Bela Schmitz aber weiß, dass er ein ätzender Zeitgenosse ist, versucht er, dagegen anzugehen. Die Beziehung zwischen Bela Schmitz und seiner Ex-Freundin gestaltete sich kompliziert. "Es ist so: Ich war zeitweise einfach ein blöder Mann, und einge bildet war ich auch", gesteht Bela, bevor er von den Demütigungen erzählt, zum Beispiel dem Rasierschaum, den sie ihm in die Augen sprühte. Die Beiden gingen bis zum bitteren Schluss ihrer Beziehung also nicht gerade zimperlich mit dem anderen um. "Bela hoffte, dass mit dem Zettel, den die Frau geschrieben hatte, ein Rätsel verbunden war. 'Verschwinde aus meinem Leben! Ich gebe dir eine Woche Zeit! Ich weiß alles über dich! Mach deine langweiligen Pirouetten in Zukunft allein. Du bist nichts weiter als ein ordinäres Arschloch. Alles an dir ist negativ.'" Tatsächlich gibt sich Bela wenig Mühe, um zu gefallen. Er, der große Menschenfeind, ätzt sich bei Kulturpartys seiner Freundin durch den Abend, wenn auch mit grantelndem Charme: ?'Wissen Sie, was der große Unterschied zwischen Bela Schmitz und Harry Potter ist?', fragte er in die Runde. 'Es gibt von ihm keine Schlagzeilen wie: Es schmitzt gewaltig! Schmitz-Fieber! Lange Schmitz-Nacht! Im Schlafsack mal mit Schmitz kuscheln! Oder: Schmitz kommt zur Geisterstunde!'? Jetzt will er pilgern, um abzunehmen, um frei zu sein, um Menschen zu treffen und diesen ausnahmsweise nicht nur negativ entgegenzutreten. Das ist sehr komisch, denn wer wie Schmitz Mitmenschen bisher grundsätzlich ablehnte, kann nicht einschätzen, welche Menschen nett oder nicht nett sind. So plaudert er sehr offen mit saufenden Senioren, kuriosen Fischbiologen und einem Mann, der Slips seiner Nachbarin aus der Waschküche klaut. Bela tauscht sich aus mit der Welt - und stellt sich in etwa so ungeschickt an wie Uwe Wöllner, jener sozial nicht integrierte Jeansjackenträger, mit dem Schauspieler Christian Ulmen vor drei Jahren riesige Erfolge gefeiert hat. So ist das eben, wenn man aus problematischen Verhältnissen kommt (Belas Vater war ein erfolgreicher Pistolenschütze, das sagt eigentlich alles). Bela wirkt wie der Angesprochene eines ganz anderen Buchs von Michael Stauffer mit dem prägnanten Titel "Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch". Stauffers "Pilgerreise" ist aber nicht nur zynisch, ätzend, gemein, sondern auch eine heftige Persiflage auf die Wander- und Pilgergeschichten der vergangenen Jahre: auf Hape Kerkelings Megabestseller "Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg", auf "Mein Weg", den Kinofilm von Emilio Estevez. All diese Erzählungen kann man mit- und reinlesen in dieses Buch, von Anspielungen auf die großen Roadmovies der 1960er, "Easy Rider" mit seinem programmatischen Song "Born To Be Wild" bis zu den Reisebüchern unserer Zeit wie Christian Krachts "Faserland", Wolfgang Büschers "Hartland: Zu Fuß durch Amerika" oder dem nachts wandernden Helden in Albrecht Selges Roman "Wach", aus dem er im vergangenen Jahr bei 1LIVE Klubbing gelesen hat. Ob sich Bela Schmitz aber ebenso freiwandern kann wie seine Vorgänger, muss jeder selbst nachlesen, es geht auch ganz schnell - übrigens nicht nur deshalb, weil Bela immer wieder schummelt - und auf die Deutsche Bahn ausweicht.
Jan Drees


Ainsi parle Stauffer / So spricht Stauffer

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2010
Preis: CHF 5.00


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Ainsi parle Stauffer / So spricht Stauffer

Stauffer a été interviewé pour le Turbo Magazine No. 38.
Pour cet interview, le Turbo Magazine a collaboré avec: www.dichterstauffer.ch et www.journees-artistiques.ch
Das Interview ist zweisprachig abgedruckt. 


Kleine Menschen

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2010
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ISBN 978-3-905825-18-3
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Preis: CHF 25.00


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Kleine Menschen

Grosse Spoken-Word-Kunst über Kleine Menschen

Nora Gomringer und Michael Stauffer, zwei Ausnahmeerscheinungen in der Spoken-Word-Szene, spannen zusammen: Ihr Textduett "Kleine Menschen" streift die grossen Themen der Welt, von Beziehungen über Erfolg, Sex, Tod, Sprache bis zu den Tieren. Mit sprachlicher Virtuosität und Improvisation erzählen sie Erlebnisse von "kleinen Menschen", welche der Erde einen Besuch abstatten. Entstanden ist eine tiefsinnige und unterhaltsame Märchensammlung, die mehr auf das Leben zielt als mancher Tatsachenbericht. Hören Sie zu und sehen Sie beim Hören kleine Menschen!

Preis: CHF 25.00
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Kleine Menschen
Kleine Menschen haben Sex, TITEL MAGAZIN
Inhaltlich geht es um die großen Themen der Kleinbürger. Weniger Krieg und Frieden und die Suche nach dem Sinn des Lebens, die Texte drehen sich viel mehr um Beziehungsstress, Statussymbolsammlungen und Sex, natürlich Sex. Es geht um das Reden darüber, wie den Akt an sich. Gomringer und Stauffer machen aus dem intimen Miteinander einen rein körperlichen Austausch, nehmen ihn theoretisch auseinander, erklären Aufbau, Durchführung, Nachbereitung und fragen streng wissenschaftlich: „Welche Wand wäre funktionstüchtig?" Die Autoren entzaubern gleich zu Beginn des Hörbuchs leidenschaftlichen, ungestümen und privaten Sex als einfachen Akt der Bedürfnisbefriedigung. Aus erotischen Zweisamkeiten wird Beischlaf, Kopulation, Fortpflanzung, der Austausch von Körperflüssigkeiten. Alle Emotionen davor, dabei, danach werden theoretisiert, der Mensch zum kühlen Funktionsträger körperlicher Bedürfnisse stilisiert. So betrachtet wird jedes romantische Essen, jeder lustvolle Seufzer, jede Diskussion über Abfuhr oder amouröses Abenteuer zum Beiwerk einer sich auslebenden Triebnatur. Der kleine Mensch fickt. Nicht mehr und nicht weniger, und doch macht er daraus die schönste Nebensache der Welt – und redet darüber. Die Lyrikerin und Performancepoetin Gomringer und der Autor und Open-Mike-Preisträger Stauffer abstrahieren Befindlichkeiten von Neid und Eifersucht bis Protz und Dekadenz, legen Gefühle auf kleine Probenträger, die es zu mikroskopieren gilt, und beschreiben sie, wie sie auf dem Tonträger auch eine Kastration detailliert beschreiben: nüchtern und medizinisch. Die Autoren sind vor allem stark darin, die tägliche Portion Dekadenz zu entlarven als das, was sie zumeist ist: eine Überbewertung, etwas Künstlich-Abstraktes, dem gesellschaftlich besonders viel Wert beigemessen wird. Warum macht man sich zum Ausgehen chic? Warum ist die Nahrungsaufnahme in Edelrestaurants tatsächlich etwas Besonderes? Wann wurde Essen zum Statussymbol? Gomringer und Stauffer hinterfragen materiellen Reichtum, aber auch emotionale Besitztümer. Ein Bürohengst behandelt im Text „Pfeife" seine Frau wie eine Akte, mit der man sich zwar beschäftigen muss, aber die vor allem nicht stören soll. Das lässt sich die Frau nicht länger bieten und betrügt den Beamten genau mit dem Kerl, über den man zuvor noch gemeinsam gelästert hat. Der kleine Mann am großen Schreibtisch versteht die Welt nicht mehr. Doch statt seinen Umgang mit seiner Frau zu überdenken, heftet er die Sache ab. Die Akte kommt zu den Akten. Gomringer und Stauffer sind anschaulich und angriffslustig Es ist diese Art des Inkaufnehmens, des Hinnehmens, des Wegbeugens vor den Realitäten, die das Autorenpaar zu immer weiteren Analysen treibt. Ihre kleinen Menschen nehmen gesellschaftliche Statuten genauso hin wie Beziehungsmuster, die mehr von Vorstellungen aus Pilcher-Filmen geprägt sind als durch eigene Erfahrungen und Bedürfnisse. Die Autoren halten ihnen Spiegel vor und hinterfragen in kleinen Beispielen die Relevanz ihrer Fragen nach Anerkennung und Zufriedenheit, für dessen Antworten sich die kleinen Menschen in immer neuen Nebensächlichkeiten verlieren. „Zukunft hat man früher nicht gebraucht", heißt es lakonisch im Text „Zukunft". Offenbar hat der Fortschritt dazu geführt, dass man sich heute über die Zukunft Gedanken machen kann. Doch statt Zukunft zu gestalten, lässt man sich durch den Gedanken daran unter Druck setzen, verkrampft und sucht Halt in gesellschaftlich geprägten Mustern von Ablenkung und Süchten. Diese zeigen die Autoren in anschaulichen, angriffslustigen und amüsanten Bildern sehr genau auf. Manchmal reicht es einfach schon, genau hinzuschauen – und so den Maßstab zu verändern. Und dafür braucht es nicht mal ein wissenschaftliches Studium.
Der Maßstab der Wahrnehmung
Poetische Anthropologie: Nora Gomringer und Michael Stauffer haben sich die großen Sorgen der kleinen Menschen genauer angeschaut. Entstanden ist ein Hörbuch mit ent- und bezaubernden Spoken-Word-Texten. Von JAN SEDELIES Auch kleine Menschen haben mitunter Probleme, Sorgen, Wünsche und Träume, die riesig groß erscheinen, die die Menschen im Verhältnis zu den Problemen und Bedürfnissen der Weltbevölkerung aber noch etwas kleiner machen, als sie es ohnehin schon sind. Diesen kleinen Menschen mit ihren großen Erwartungen an das Leben und Enttäuschungen, den überdimensionierten Egos und den immensen Eitelkeiten, ihren täglichen Riten und Traditionen zwischen Alltag und Gewöhnung daran, dem gelebten Leiden auf hohem Niveau, haben die Autoren Nora Gomringer aus Bamberg und Michael Stauffer aus Biel nun ein eigenes Hörbuch gewidmet. Auf Kleine Menschen erzählen sie in 17 Kapiteln die großen Geschichten der kleinen Menschen aus poetischer Anthropologenperspektive und verändern dazu einfach den Betrachtungsmaßstab. In den mal allein, mal zu zweit gesprochenen Texten nehmen sie dafür die Rolle kritischer Beobachter ein, analysieren fast wissenschaftlich die Aufgeregtheiten und Eigenheiten privilegierter Bürger unserer Zeit, um die Ergebnisse nüchtern, bemüht wertfrei und immer beißend komisch zur Diskussion zu stellen. Selten war Gesellschaftsanalyse so unterhaltend. So klingen Soziologen auf der Kabarettbühne.
Die «kleinen Menschen» sind mitten unter uns, NZZ
Anders als es das «kleine» in der Benennung suggeriert, sind die ihrerseits zu Forschungszwecken auf Erden gelandeten «Aliens» mitnichten an der Körpergrösse zu erkennen. Mit Nora Gomringer (geboren 1980) und Michael Stauffer (geboren 1972) sind zwei der eigenständigsten Stimmen der Spoken-Word-Szene zu vernehmen. Pfiffig nutzt das deutsch-schweizerische Duo das ironische Motiv der wechselseitigen Erforschung zweier Spezies, um dieses ethnologische Patt in Mono- und Dialogen in Szene zu setzen – jedenfalls aber unter Einsatz grösster stimmlicher Energie. Hier sind Kenner und Könner am Werk, die – auch jenseits der Pointenpflicht von Poetry-Slams – Hintersinnige Szenarien zur Sprache bringen. Wenn das Duo nun mit hörbarer Lust die «kleinen Menschen» anhand von basalen Begriffen wie «Haus», «Sex» und «Essen» präsentiert, so geschieht dies eher als Resultat phänomenologischer Neugierde denn aufgrund abstrakter Wertung. Die szenischen Porträts von Kleinbürger, Kleingeist und Kleinmut sind dabei durchaus dazu angetan, uns den Spiegel unserer eigenen Kleinlichkeit ironisch vorzuhalten. Zur Höchstform läuft das Duo freilich beim Improvisieren auf, wenn sein poetischer Pegasus (übrigens das Hochdeutsch wahrend) wortwörtlich ausser Rand und Band gerät.

Hinduhans

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2010
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ISBN 978-3-85616-436-2
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Preis: CHF 17.90


Preis: CHF 17.90
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Hinduhans

Hans Koch, der ein Nachbar und langjähriger Mitmusiker von Dichterstauffer ist, fuhr im Herbst des letzten Jahres für sechs Monate nach Indien.

Ausgehend von dieser traurigen Tatsache, dass Stauffer zurückbleiben musste, hat Dichterstauffer Hans Koch beauftragt zu den folgenden Themen auf Tonjagd zu gehen.

Kontaktpflege mit der anderen Welt. Aufrechterhaltung des Austausches mit der Heimat. Was fehlt, wo fühlt man sich alleine, wo nicht. Wie ist es, wenn man alleine ist. Wer/wie ist man, in dieser Situation? Probleme des Reisenden. Dinge, die nicht auf Anhieb funktionieren. Wie besorgt man Strom? Wie kann man eine Hose kaufen. Wie kann man sich eine Hose schneidern lassen. Wo kann man schlafen, ohne beklaut zu werden? Wem kann man trauen? Erstaunliche, hervorragende, praktische, langweilige, besonders abstossende Entdeckungen.

Sequenzen von Realität, die später nicht als Handlungsort für Texte fungieren, sondern als O-Ton Bestandteil einer Musik oder Melodie werden sollen: Die Realität als Weltmusik.

Dichterstauffer und Hans Koch haben nach der Rückkehr Kochs eine Gesamtpartitur erstellt. Daraus wurde eine Fusion von indischem Tonmaterial und eigener Musik, von lakonische Beobachtungen und Beschreibungen von Heimwehgefühlen eines vorübergehend in Indien Weilenden, der sich langsam in einen Hindu zu verwandeln scheint. Es entstand eine Art Weltmusik mit Stauffer und Koch als künstlerischen Reiseleitern.

Musik: Hans Koch und Michael Stauffer 
Regie: Michael Stauffer und Hans Koch
Produktion: Schweizer Radio DRS, 2010 - Dauer: 54' 

Preis: CHF 17.90
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Hinduhans
Stimmen I
"... Ein halbes Jahr Indien. Töne sammeln. Mit Menschen ins Gespräch kommen. Davon den Daheimgebliebenen berichten. Der Bieler Saxophonist und Klarinettist Hans Koch hat während sechs Monaten in Varanasi gelebt und genau dies gemacht: Töne und Gedanken an Michael Stauffer geschickt. Der Bieler Dichter hat daraus zusammen mit Koch ein Hörspiel gezimmert, das nun, eingelesen von Ueli Jäggi, als CD erschienen ist. Erzählt wird von Stromausfällen am Wochenende, vom Heimweh, Wiedergeburten, Kühen auf der Strasse, von einem Besuch bei Pro Helvetia inNeu Delhi und von der Schwierigkeit, einen Diebstahl zu melden. Untermalt, unterbrochen und begleitet sind die Texte von Kochs Klängen – eigenen und fremden, in den Strassen Indiens aufgenommenen. Eine knapp einstündige Reise gibt das. Eine Reise in eine, trotz immer grösseren Touristenströmen, uns immer noch seltsam fremde Welt. Eine Reise, die sich auch für Indienabstinenzler lohnt. ..."
Raphael Amstutz

Hans im Unglück, RADIOFEUILLETON, Deutschlandradio Kultur
Michael Stauffer und Hans Koch: "Hinduhans", gelesen von Ueli Jäggi, Christoph Merian Verlag, Basel 2010 Der Schweizer Saxofonist Hans Koch schrieb über Monate hinweg Eindrücke aus einer der ärmsten Regionen Indiens per E-Mail an den Schriftsteller Michael Stauffer. Der brachte die Texte in eine bizarre Collage mit Musik und Original-Tönen. "Ich schaue bei einer Verbrennung zu. Es dauert ziemlich lange, bis ein Mensch komplett verbrennt. Der Schädel und der Brustkorb werden in den Ganges geworfen." Sechs Monate verbringt Hans, ein Musiker aus der Schweiz, im indischen Varanasi. Es ist die heiligste Stadt der Hindus. Auch wenn es Reiseführer gibt, die vor Varanasi warnen: die Stadt ist voller toter, kranker und bettelnder Menschen. Die Pilger kommen in Millionenzahl zu dieser letzten Station. Wer hier stirbt und im Ganges endet, ist nach Hindu-Glauben erlöst vom ewigen Kreislauf der Wiedergeburt. " ... ich atme den Rauch des Sandelholz ein, mit dem die Reicheren ihre Toten verbrennen. Ein Kilogramm Sandelholz kostet etwa 500 Rupien, man braucht etwa 300 Kilogramm, um eine Leiche zu verbrennen. Die ganze Stimmung in diesem Ghat kommt mir vor wie im Mittelalter. Ich stelle mir vor, dass es zur Geburt Jesu ebenso ausgesehen hat." Hans gewöhnt sich nicht nur an die Toten, an die Sterbenden - er gewöhnt sich auch an profane Dinge: an den Lärm, den Gestank, an die Stromausfälle, an Diebstahl und schlechtes Essen. "Du siehst schon aus wie ein Inder", schreibt ihm sein Sohn, nachdem er ein Foto von Hans bekommen hat. Irgendwann unterschreibt der seine Mails nur noch mit "Hindu-hans". Das Leben hier färbt ab: Gleichmut und Gelassenheit - das ist auch das, was an den Einheimischen fasziniert. "Die schlafen teilweise sogar stehend. Ich hab mich bis jetzt noch nicht getraut, zu einem schlafenden Mitarbeiter zu gehen und auf den Tisch zu hauen, und zu sagen: Was isch da los, machsch me jetz mai Tee, oder was isch los? Ich trau mich nicht, als Fremder, einen Inder zu wecken." Es ist eine bizarre Gefühls-Melange, die hier akustisch eingefangen ist. Banale Alltags-Erlebnisse stehen neben quasi-philosophischen Erkenntnissen. Hans liest den Steppenwolf von Hermann Hesse, er fährt Fahrrad. Besucht einen Tabla-Spieler. Oder lässt sich von Surendra, seinem zuverlässigen Rikscha-Fahrer, Indien erklären. Abrupte Wechsel von Thema und Tonlage sind die Regel. Diese Mixtur würzt eine zweite Tonspur - fast ein Kontrapunkt zum Text: nie illustrierend eingesetzt, nie reiner Hintergrund. Stattdessen ein eigenständiges Klanggemisch aus Musik, atmosphärischen Tönen und Klang-Akzenten. "Nach einer halben Stunde in dieser Hitze entschied ich mich, zu einem Tümpel zu gehen. Finde keinen Tümpel, wohl zu wenig Wasser - die Barrieren werden von den Leuten nicht unbedingt beachtet." Wiederkehrendes Motiv ist die - nicht nur geografisch - weit entrückte Familie in der Schweiz. Gedanken an Hans' Ehefrau und seinen Sohn durchziehen die CD. Ueli Jäggi liest diese Passagen unsentimental, schlicht. Seine Stimme, seine zahllosen Tonlagen sind die größte Stärke dieses Hörbuchs. "Das Essen im Hotel ist langweilig und eintönig. Ich habe Lust auf Schokolade, Mayonnaise, Früchte, Gemüse, hartgekochte Eier." Wer Indien schon kennt, wird vermutlich aus diesem Hörbuch wenig Neues erfahren. Wer dagegen gern in Klang-Experimente und fremde Gefühlslagen eintaucht, wird seine Freude haben. Insbesondere, wenn er Sinn für diesen speziellen, sehr lakonischen Humor hat: "Eine massige Kuh liegt mitten in einem Sari-Shop. Ich überlege, wie eine solche Situation in Europa gehandhabt würde. Die Kuh würde vermutlich wegen Verdacht auf Tollwut sofort erschossen - oder ausgestellt. Nur noch kurze Zeit: eine Simmentaler Milchkuh im Schaufenster." Nicht etwa die Rückkehr in die viel imaginierte Schweiz steht am Ende der "Hinduhans-CD" - nein: Hans erwartet den Besuch seiner Frau in Indien - und so unvermittelt wie dieses knapp einstündige Hörbuch begonnen hat, so unvermittelt geht es auch zu Ende. Mit einem Ausblick voller Vorfreude. "Ich freue mich, dass mich meine Frau bald besucht. Dann werde ich nicht mehr Fahrrad fahren. Wir werden viel zu Fuß unterwegs sein - und mit der Rikscha. Ich werde versuchen, mit meiner Frau einfach ein bisschen zusammen zu sein
Olga Hochweis


Monsieur Pleine Lune

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2009
Preis: CHF 5.00


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Monsieur Pleine Lune

Monsieur Pleine Lune a été interviewé pour le Turbo Magazine le 29/09/08. Les rituels ont été réalisés à Nods, Lamboing, Péry et Bienne. Pour cet interview, le Turbo Magazine a collaboré avec: www.dichterstauffer.ch et www.journees-artistiques.ch

Novembre 2008, format A5, 20 pages, français/allemand, impression laser, 250 ex. 


Soforthilfe

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2009
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ISBN 978-3-938767-64-1
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Preis: CHF 17.00


Preis: CHF 17.00
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Soforthilfe

«In diesem Kapitel werden die Zusammenhänge von Küche, Kinder und Karriere aufgezeigt. Wenn man sich auf eine Wiese stellt und sagt: Hallo liebe Familie, was braucht ihr?, dann sagt die Familie in den meisten Fällen nichts. Man muss auf jeden Fall immer etwas anbieten, und dann entscheidet die Familie sowieso, ob es richtig oder falsch ist. Man muss immer fragen: Was nützt es den anderen? Kann man ihnen eine Freude machen? Macht es Spass? Das alles muss man nicht tun, weil man ein idealistischer Mensch ist, sondern weil es logisch ist. Und weil die Familie besser zusammenhängt, wenn sie regelmässig befragt wird, was sie eigentlich will und was sie eigentlich ist.» 

Aus: «Soforthilfe, 3. Kapitel: FAMILIE .» 

Preis: CHF 17.00
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Soforthilfe
«Your Bolla? His Bolla!», NZZ am Sonntag
Michael Stauffer beschreibt witzig, zynisch und unflätig altbekannte Situationen – nach der Lektüre ist man gewapnet fürs Leben. Finden Sie alltägliche Situationen manchmal auch absurd? Es gibt jemanden, der Sie versteht. Und zwar der in Winterthur geborene Autor Michael Stauffer. Sein neustes Buch «Soforthilfe» macht, was schon der Titel sagt: Helfen, mit normalen Alltagssituationen zurechtzukommen. Etwa, wenn Sie bei Freunden eingeladen sind und sich gelangweilt fühlen: «BEISPIEL 4.6.7 – Sie werden nach dem Essen in der Küche des Gastgebers schlecht unterhalten. Nehmen Sie eine Zeitschrift, die herumliegt, und beginnen Sie darin zu lesen.» «Soforthilfe» ist eine Auflistung nummerierter Situationen und Beispiele aus dem Alltag, die zwar alle kennen, aber meist ignorieren. Das Buch eignet sich deshalb nicht dazu, in einem Stück zu lesen. Am besten schlägt man einfach eine Seite auf und beginnt mit der Lektüre. Nicht alle Beispiele sind witzig oder tiefgründig und Stauffers teilweise unflätige Sprache, gemischt mit einem zynischen Unterton, könnte manchen vom Lesen abhalten. Wagen Sie es trotzdem, denn in «Soforthilfe» gibt es eine Menge zu entdecken. Etwa Wortspiele und schwarzen Humor: «BEISPIEL 5.2.26 – Gehen Sie an eine Nahost-Konferenz und sagen Sie: My Bolla, Your Bolla, Her Bolla, His Bolla.» Oder fast Dadaistisches: «BEISPIEL 4.4.1 – Hier ein Nüsschen für Sie! BEISPIEL 4.4.2 – Hier ein Püsschen für Sie!» Stauffer experimentiert nicht nur virtuos mit der Sprache, er ist auch ein Meister der Beobachtung. Aus vermeintlich Banalem zieht er überraschende Rückschlüsse: «BEISPIEL 9.6.6 – Die Haare können verschiedene Längen, Farben, Dicken, und Formen haben. [...] Es gibt Leute, für die es wegen einer bestimmten Haarkonsistenz schwierig ist, in den Freundschaftskreis gewisser anderer Menschen aufgenommen zu werden. Hat man das ganze Büchlein von Stauffer gelesen, fühlt man sich nicht mehr so allen auf dieser Welt und ist bereit für alle Widrigkeiten des Lebens, so absurd sie auch sein mögen.
Stimmen I
Im Rückblick wird deutlich, dass Kohärenz in Michael Stauffers Gesamtwerk nicht nur in den abseitig schönen Buchtiteln (bitte selbst suchmaschinieren!) liegt, sondern auch im Erstaunen darüber, was die Leute als normal zu akzeptieren bereit sind. Dies wird in »Soforthilfe« weitergeführt und doch ganz neu entwickelt. »Soforthilfe« ist eine in Lebensbereiche wie »Tiere«, »Familie« oder »Theorie«, Situationen und praktische Beispiele (»Silvester. Alleine ist es besser! Freuen Sie sich darüber, dass Sie das Feuerwerk dann abfeuern können, wann Sie wollen.«) gegliederte Handlungsanweisungssammlung für das gesamte Leben. Stauffer weiß in der Tradition enzyklopädischer Listenliteratur, die die Hässlichkeit der Welt vollständig erfasst (»Bouvard et Pécuchet«), überall Rat, nur eben mit harmlos-nüchtern und herzlich-bitter erzählten, Peter Licht'oresken Entgleisungen: zuerst eine Spur im Bizarren, dann ein unvermitteltes Kippen in sinnlose Gewalt. »Soforthilfe« ist überkandidelter Trost ohne Regression und Eskapismus von einer Welt, die genauso furchtbar und komplex ist, wie jene schrullig-kauzige, die »Soforthilfe« ihr entgegen stellt. »Man merkt, aha, da ist noch eine andere Welt.«
MARTIN FRITZ

NZZ
Ohne das Büchlein aufzuschlagen, erkennt man, dass es mit Konventionen spielt. Es spielt mit der Funktion des Buchcovers, das ein fortlaufender Text ziert. Es spielt mit den Regeln der Werbung, denn diese Zeilen loben die Vorzüge des Werks: «Dies ist ein Buch zur Beruhigung . . . ein tröstliches Buch über kleine Sachen, die normal seltsam sind.» Beim Aufblättern zeigt sich, dass es sich um einen Kommentar des Verlegers Urs Engeler zum jüngsten Streich seines Autors Michael Stauffer handelt, dessen Titel man der Rückseite entnimmt: «Soforthilfe». Man muss also die postdadaistische Aktionsprosa des künstlerischen Grenzgängers nicht kennen, um zu ahnen: Das Lebenshilfe-Versprechen kann allenfalls als paradoxe Vorgabe begriffen werden, etwa im Sinn der Sponti-Maxime «Du hast keine Chance, also nutze sie». Seine Leser wissen, dass Stauffer mit der programmatischen Verkehrung von Normalität und Seltsamkeit operiert. Nachdem er im Vorgängerbuch unter dem Motto «Alles ist Arbeit» kreative Beschäftigungsmassnahmen für Arbeitslose entwickelt und dafür eine «Vereinigung für normales Glück» ins Leben gerufen hat, setzt er seine gesellschaftliche Aufbauarbeit fort, indem er Normalverbrauchern Tipps für die Alltagsbewältigung angedeihen lässt. Das Ratgeberschema ist einfach: Unter thematischen Rubriken (Natur, Tiere, Familie, Gesellschaft, Liebe, Beruf, Politik und Theorie) werden typische Situationen entworfen (die sich gegen jede hergebrachte Typologie sperren) und mit beispielhaften Verhaltensvorschlägen versehen (die selbstverständlich keinerlei konventionellen Gebrauchswert besitzen). Den Abschluss bieten «praktische Übungen», die im Sinn eines Fitnessplans langsam aufgebaut werden sollen: «Die Strasse runtergehen, jeden Tag ein bisschen weiter. Einen Kilometer und umdrehen und nach Hause gehen. Zwei Kilometer und umdrehen und nach Hause gehen. Und irgendwann einfach nicht mehr umdrehen, einfach weiter gehen.» Diese Abgründigkeit, dieser Umschlag von gemütlichem Klamauk in die ungemütliche Konsequenz, macht die subversive Qualität von Stauffers exzentrischen Kunststücken aus. Oder soll man sagen «machte»? Eine Unentschiedenheit zwischen der hellsichtigen Komik, die seine bisherigen Versuche auszeichnete, und einer bloss effekthascherischen Laxheit lässt sich in der neuen Kostprobe Staufferschen Humors durchweg beobachten. Wirkten noch in «Normal» die poetischen Überspannungen und logischen Verdrehungen von Herzenswärme und Widerborstigkeit gespeist, zumal ein durchgehender Gedanke – die Umwertung der Werte der Arbeitswelt – das Experiment leitete, so regiert diesmal eine sehr berechenbare Formidee die gesamte Unternehmung: eben die der Satire aufs Genre der instrumentellen Lebensanleitung. Herausgekommen ist ein schlichter Nonsens-Ratgeber. Statt der pointierten Surrealien und kleinen Erkenntnisschocks dominieren erschöpfende Variationen von spielerischer Scheinlogik und Einfälle, deren Witz zur Albernheit und deren Aggressivität zur Dumpfheit neigt. Immerhin, es tut weh, wenn als Beispiel für «positives Denken» lakonisch der Trinkspruch «Wozu Opfer? Prost!» angeführt wird, aber solche bösen Lichtblicke sind selten; stattdessen stösst man zuhauf auf Ratschläge wie jene zum Umgang mit Menschen, die einen ungefragt mit ihren Beziehungsproblemen behelligen: «Du langweilst mich mit dieser Beziehungsscheisse. Geh doch zu deinem Therapeuten!» Zu solchen Plattitüden kommen lange Aufzählungen von Träumen, von Tiernamen, Menschennamen, Redefiguren, Phantasietiteln usw., deren poetische Qualität offenbar in der Lektürestrapaze selbst liegen soll. Trägheit macht schlampig und anfällig für Konventionen. Es ist, als hätte sich ein wacher Geist über eine Ermüdung hinweggesetzt, statt sich Zeit zu nehmen, neue Energien zu schöpfen, die ihn vor dieser Verführung schützen. Vielleicht ist Michael Stauffer dem Mechanismus der Selbstüberschätzung erlegen, der häufig dem Kultverdacht folgt. Ganz satirefrei sei ihm sein eigener Merksatz als Ratschlag auf den Weg gegeben: «Es passiert lange nichts. Das kann passieren.»
Buchtipp DRS 3
«Soforthilfe» von Michael Stauffer ist das Aspirin in Buchform. Ein Muss für alle, die wirksame Vorlagen brauchen für Reden, Gegenreden, Einsichten und Notlügen in jeder nur erdenklichen Situation. Michael Stauffers Website hilft. Eigentlich müsste man für diese Satzapotheke mit ihrem heilsamen kleinen und grossen Wortdosen à la Stauffer bezahlen müssen. Da sie aber frei zugänglich ist, kuriert man sich mit ihren am besten regelmässig. Derzeit scheint dem 1972 in Winterthur geborenen Schriftsteller, der Schreiben unterrichtet, Hörspiele produziert, musiziert und dichtet, die Aufteilung in Kapitel am Herzen liegen. Nicht nur die Website propagiert gerade einen neuen Roman, dessen 7. Kapitel lautet: «Wenn man am Morgen nicht aufsteht, muss man Abends nicht ins Bett.», gefolgt von «8. Kapitel. Gute Nacht.»; auch «Soforthilfe», sein neues Buch, ist in Kapitel unterteilt. Sie sind mit gewichtigen Themen benannt, von der Familie über die Natur bis hin zur Politik, der Theorie und den praktischen Übungen. Die Struktur ist simpel: Im Kapitel finden sich Situationen aus dem Kosmos des Themas, wie zum Beispiel der Natur: «Machen Sie Waldspaziergänge. Bleiben Sie als Baum im Wald stehen. So kommen Sie mit der Natur noch besser in Kontakt», dann folgen mehrere Beispiele zu den Situationen: «Sie stehen als Eiche im Wald. Ein Wanderer kommt. Seine Füsse sind nass und kalt». Je gefühlsgeladener das Thema sein könnte, desto mehr fächert Stauffer seine Karten auf - er ernüchtert und knallt mit Fluchwörtern. Es kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, dass «Soforthilfe» alle Leser zum Lachen bringen wird. Oder dass alle Leser sich in den Situationen wieder finden werden und beruhigt sind, weil es offenbar auch andern «so geht» wie ihnen. Aber vielen wird es so gehen. Viele Leser werden sich über Flüche und fiesen Zoten aufregen. Und alle Leser werden dank diesem Buch intensive Gefühle haben; darum ist es der Tipp der Woche.
Von witzig bis nachdenklich, Thurgauer Zeitung
Michael Stauffers viertes Buch lässt sich als Parodie auf die Ratgeberliteratur lesen. Situation 6.2: Sie führen eine katastrophale Beziehung. Jedes Wort, das Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin wechseln, ist eines zu viel. Achten Sie auf andere Sachen. Führen Sie keine Gespräche mehr. Beispiel 6.2.3: Zeichnen Sie ein Porträt Ihres Partners oder Ihrer Partnerin. Wenn Sie die Krümmung des Augenlides richtig erwischen, stimmt alles, die Nase, die Ohren, der Blick.Dieser Textauszug stammt aus dem Buch «Soforthilfe» von Michael Stauffer. Der 1972 geborene Schriftsteller ist in Frauenfeld aufgewachsen und lebt heute in Biel. Sein Herz schlägt für unkonventionelle Texte. So enthält sein neuestes Werk unzählige Situationen und Lösungsvorschläge zu fast allen Themen, die einen Menschen beschäftigen können, von Natur über Liebe bis zu Gesellschaft und Beruf. Zum Thema Kinder schreibt der Autor unter anderem Folgendes:Situation 3.9: Sie kennen Eltern, denen man helfen sollte, ihre Kinder zu erziehen. Greifen Sie massiv und beherzt ein. Die Gesellschaft wird es Ihnen danken.Beispiel 3.9.1: Malen Sie die Kinder entsprechend ihrer Vergehen an. Wählen Sie zum Beispiel rot für frech.Beispiel 3.9.4: Verwenden Sie ein Megafon, wenn Sie den Kindern etwas mitteilen wollen.Originell bis provozierendEine Soforthilfe oder überhaupt eine Hilfe für den Alltag ist Michael Stauffers Buch nicht. Aber es ist witzig, regt zum Nachdenken an, und einige der Beispiele sind originell, andere provozieren. Das eher spezielle Buch eignet sich wohl am besten dazu, immer mal wieder hervorgenommen oder in geselliger Runde gelesen zu werden. Wirklich tiefsinnig ist es nicht, aber hin und wieder doch ganz gut.
Anleitung zum Ungeniertsein - Unbeirrt komisch und irgendwie beglückend, TAGESANZEIGER
Schreiben Sie gerne Postkarten, aber niemand dankt es Ihnen? Sind Sie ratlos, wie Sie Ihren letzten Riesenschildkröten-Traum deuten sollen? Möchten Sie Ihr Pech loswerden, wissen aber nicht, wohin damit? Kein Problem, jetzt gibts «Soforthilfe» von Michael Stauffer. Der Berner Autor, Spoken-Word-Poet und BZ-Kolumnist hat unter diesem Titel soeben einen Ratgeber publiziert, der es in sich hat. Schelmisch, ja geradezu skrupellos fordert Stauffer seine Leser auf, aus jeder noch so banalen Lebenssituation das Unerwartete herauszuholen - und dies am besten in seiner absurdesten Variante. Wie das geht? Berater Stauffer teilt das Leben erst einmal unverfänglich ein, in Bereiche wie Natur, Tiere, Familie, Gesellschaft oder Arbeit. Etwas überraschend stösst man dabei auch auf das Kapitel «Theorie», zu dem der 36-Jährige dann aber freundlicherweise praktische Übungen nachliefert. In jedem der insgesamt neun Kapitel simuliert Stauffer Situationen, die man entweder unbedingt ausprobieren sollte oder mit denen man schon immer seine Mühe hatte. Also etwa mit Einladungen bei langweiligen Freunden, die nicht kochen können. Stauffer zeigt mehrere Möglichkeiten auf, wie man souverän zu einem Befreiungsschlag ausholt. Bei langweiligen Freunden können Sie etwa verlangen, dass sie einen Film abspielen. Sie selbst legen sich dazu im Schlafzimmer hin und sagen dann: «Das war ein amerikanischer Film, ich meine, was soll man da machen?» Falls diese Freunde ein Haustier haben, können Sie zusätzlich das Tierfutter mit etwas Pfeffer aufpeppen. Wer sich danach nicht entspannt oder wenigstens für den öden Abend entschädigt fühlt, ist selber schuld. Tatsächlich sind viele dieser Anleitungen zum Ungeniertsein so verlockend, dass man sie am liebsten ausprobieren würde - mögliche Zwangseinweisung hin oder her. Andere wiederum muten so abwegig an, dass sie bereits in der Vorstellung zu einem grotesken Erlebnis ausarten. Und natürlich finden sich auch ein paar Hilfestellungen darunter, die nicht mehr sein wollen als versponnener Dichterklamauk. Als weniger amüsant, da für Normalsterbliche wenig hilfreich, erweisen sich einzig die Bereiche Politik und Schriftstellerei. Hier mutiert der Sinnierer Stauffer zum (Selbst-)Kritiker, und sein Humor büsst teilweise die flauschige Leichtigkeit des Nonsens ein. Insgesamt ist Michael Stauffer aber nicht nur ein wirklich komischer, sondern auch ein seltsam beglückender Ratgeber gelungen. Vielleicht weil er einem unbedingt verordnet, nach Lust und Laune abnormal zu sein. Berner Zeitung, 16.04.09 «Dies ist ein Buch zur Beruhigung. Dass es auch anderen so geht.» Komplimente von Dichterkollegen füllen den Buchdeckel von Michael Stauffers neuester Publikation. Über mangelnde Streicheleinheiten kann sich der in Biel wohnhafte Stückeschreiber, Hörspielautor, Sänger, Schriftsteller und Performer nicht beklagen. Abgründiger Hintersinn und scharfe Beobachtungsgabe werden dem trockenen Schreibstil des 36-jährigen Crossover-Poeten regelmässig attestiert. Zahlreiche Rezensionen und Preisverleihungen äussern sich betroffen und beglückt über Stauffers kauzige Neuerfindung der literarischen Komik. «Soforthilfe» nennt sich der jüngste Streich des experimentellen Schreibtüftlers, das schmale Bändchen empfiehlt sich als Ratgeberbuch für alle Lebenslagen. «Natur», «Tiere», «Familie», «Gesellschaft», «Politik», «Liebe», «Beruf», «Theorie» und «praktische Übungen» heissen die neun Einsatzgebiete, in welchen sich der Dichter mal als meditativer Wohlfühlonkel, mal als hartgesottener Personal Trainer in Szene setzt. «Machen Sie Waldspaziergänge. Bleiben Sie als Baum im Wald stehen. So kommen Sie mit der Natur noch besser in Kontakt», lautet ein typischer Vorschlag für eine naturempfindsame Rollensimulation. Das penibel durchnummerierte Textgerüst suggeriert einen systematischen Aufbau, konsequent durchgehalten wird aber nur die weichgespülte Tonalität des Therapeutenjargons. Hinter der säuberlich geordneten Buchfassade tobt die Freude an giftigen Explosiönchen, an misanthropischen Einfällen und verbalen Entgleisungen. Gerne führen die nonsensgespickten Listen mit Handlungsanweisungen vom Beschaulichen ins Groteske. «Sterben im Freien wird viel zu wenig praktiziert. Es ist sehr angenehm, auf warmem Moosboden zu liegen», setzt sich etwa der naturpraktische Rundgang fort. Selbstverständlich weiss der Experte für kleinbürgerliche Alltagsabgründe auch zur Wahl des passenden Haustiers oder zum Überleben von Familienfesten einschlägigen Rat. Mit unbeirrt eigensinnigen Beobachtungen und Behauptungen parodiert das Handbüchlein eine klischierte Vorstellung von Ratgeberliteratur. Im Unterschied zu Stauffers kultverdächtigen Romanen fehlt dem Kuriositätenkatalog eine Ich-Instanz, in welcher der hemdsärmlige Sprachgebrauch und die seriell gepflegten Obsessionen eine hintersinnige Gestalt annehmen könnten.
Stauffers Ratschlaganfall, DER BUND
Orientierung, das bietet Michael Stauffers neues Buch «Soforthilfe» nicht. Dafür spassige Desorientierung, Trost im Humor und Erkenntnisse über die Welt, die nur übers Absonderliche zu haben sind. Michael Stauffer hat ein seltsames Buch geschrieben. Es ist merkwürdig, kauzig, befremdend auch – aber das ist im Falle des in Biel wohnhaften Autors ja nichts Neues. So unterfütterte er 2001 seinen ersten Roman «I promise when the sun comes up I promise I'll be true» mit 102 Fussnoten und stellte in den folgenden Büchern Ich-Erzähler ins Zentrum, deren Geisteszustand die Verrücktheiten der Welt listig spiegelte. In «Soforthilfe» gibt es nun weder eine Erzählerfigur noch eine Geschichte, sondern – Ratschläge, und zwar jede Menge davon, einen regelrechten Ratschlaganfall. Auf den ersten Blick sieht das ganz so aus wie in einem richtigen Ratgeber, systematisch unterteilt in Kapitel wie «Natur», «Familie», «Gesellschaft» oder «Praktische Übungen». Und in jedem Kapitel folgen auf exakt durchnummerierte «Situationen» jeweils eine Handvoll «Beispiele». Das klingt dann etwa so: «Situation 1.2 – Machen Sie Waldspaziergänge. Bleiben Sie als Baum im Wald stehen. So kommen Sie mit der Natur noch besser in Kontakt.» Stauffer wäre natürlich nicht Stauffer, wenn er sein karges formales Gerüst nicht mit abseitigen Episödchen füllen würde. Dabei verliert er den höflich-herablassenden Ton seines ratgebenden Imperativs auch dann nicht, wenn er ins hochgradig Absurde verfällt, wie etwa in der Situation 1.10: «Sterben im Freien wird viel zu wenig oft praktiziert. Es ist sehr angenehm, auf warmem Moorboden zu liegen oder sich leicht zurückgelehnt in eine passende Astgabel fallen zu lassen und dann zu sterben.» An anderer Stelle erfährt man, dass Gott den Garten Eden umbauen will, dass Meerschweinchen mit ihren Schwänzen Schlangen in die Flucht schlagen oder wie ein möglicher Grabspruch aussehen könnte: «Jetzt weiss ich, was nach dem Tod ist.» Anleitung zur Misanthropie Natürlich ist «Soforthilfe» vor allem eine Parodie auf die gängige Ratgeberliteratur, die deren dünne Sprachblasen platzen lässt und das Gutmeinende in sein Gegenteil verkehrt: Das Kapitel «Gesellschaft», in dem es um Strategien für ein friedliches Zusammenleben gehen soll, ist sogar eine eigentliche Anleitung zur Misanthropie («Beispiel 4.15.1 – Du und deine Kleider, das erinnert mich an ein Hilfswerk»). Die Idee, Orientierung in Form eines Buches kaufen zu können, lässt der Sprach-Sprengmeister Stauffer fulminant in die Luft gehen. Und doch bietet sein Buch Hilfe – Hilfe durch Humor zuallererst, und Trost dadurch, dass es Orientierung in einer Welt, die im Buch wie im richtigen Leben eine Ansammlung von disparaten Möglichkeiten ist, sowieso nicht gibt. Stauffers Ratschläge führen in ein der Wirklichkeit nahe verwandtes Paralleluniversum; das zeigt etwa «Beispiel 5.2.17», in dem Stauffer einen SVP-Initiativtext abschreibt und das Wort «Ausländer» durch «SVP-Wähler» ersetzt. Oder im Kapitel «Familie» rät er, die Kissen bereits in die Bauplanung des Eigenheims einzubeziehen, damit sich das Kind später darin ausweinen kann. Hier blitzt eine leise Melancholie auf, eine Einsicht ins Leben, die bei Michael Stauffer nur durch den Umweg übers Absonderliche zu haben ist. Nicht zuletzt beweist Stauffer, dass innerhalb eines strengen formalen Gerüsts die grössten Freiheiten möglich sind. «Soforthilfe», das ist eine knorrige literarische Kür, in der Stauffer seine Betrachtungen der Welt nicht in eine Geschichte giessen oder einer Figur in den Mund legen muss. Dass er dabei manchen Leser abhängt, riskiert dieser Autor zugunsten seines eigenwilligen literarischen – oder vielmehr antiliterarischen – Konzepts. Wer jedoch bis zum Ende dranbleibt, fühlt sich doch auf wunderliche Art gerüstet für die Zumutungen des Lebens, wenn es im letzten Satz heisst: «Jetzt sind Sie bereit.» (Der Bund)
Ernst und Nonsens, Aargauer Zeitung
Michael Stauffers viertes Buch «Soforthilfe» für fast alle Lebenslagen parodiert lustvoll die Ratgeberliteratur. Mit «Normal» hat Michael Stauffer vor drei Jahren fraglos ein politisches, weil subversiv verspieltes Buch vorgelegt. Sein Ich-Erzähler namens Marcel Oliver durchlebt das Arbeitslosendasein mit jener unangreifbaren (Selbst-)Zufriedenheit, die feste Werte der Leistungsgesellschaft bröckeln lässt. Der findige Querdenker mit Guru-Allüren gründet eine auf kollektives Wasserlassen spezialisierte Ich-AG und fragt sich aufgrund des frappierenden Geschäftserfolgs, was er als Nächstes tun könnte. Vielleicht so etwas wie einen literarischen Ratgeber schreiben? Die Aufgabe hat Stauffer übernommen. «Soforthilfe» heisst ein abermals schmaler Band, der parodistisch grundierte Anleitungen zur Selbsthilfe in Serie bereithält. Mit unverhohlener Ironie zur Sprache kommen hintersinnig durchgespielte Lebenshaltungen in Sachen Natur, Tiere, Familie, Gesellschaft, Politik, Liebe, Beruf und Theorie, ergänzt durch praktische Übungen. Längst nicht alles, was der in Biel lebende Autor da an gesammeltem und in neun Kapiteln geordnetem Wissen aufbringt, ist indes beim Wort zu nehmen. Zumal sich bissiger Ernst mit blankem Nonsens mischt. Er selber spricht von eingestreuten «Entgleisungen» und «Störungen», die Ratsuchenden beim Lesen eine individuell entwickelte Haltung abfordern. Gelegen ist ihm an einer «unabhängigen Sichtweise» sowie an jener Beobachtungsschärfe, die Verbindlichkeit mit sich bringt und zur Erhaltung der Gedankenvielfalt beiträgt. In dieser Absicht vertraut Stauffer in «Soforthilfe» aus eigener Anschauung auf das, was er «Rollensimulation» nennt. In der Tat entsprechen seine situationsabhängigen Anweisungen der formelhaft eingebrachten Aufforderung, etwas Bestimmtes auszuprobieren. Zum Beispiel die Option, in Holz Gestalt anzunehmen: «Bleiben Sie als Baum im Wald stehen. So kommen Sie mit der Natur noch besser in Kontakt.» An anderer Stelle sensibilisiert Stauffers alltagsnahes Vademecum für die Besonderheiten von Haus- und Problemtieren, Fallgruben der familieninternen Kommunikation und erzieherische Strategien wie auch für zwischenmenschliche Herausforderungen überhaupt. Und wer der Liebe Ausdruck geben will, setzt bei ihm auf einen Honigmund oder aber auf verbale Deutlichkeit: «Du bist mein Mann mit toter Mutter in der Badehose. Ich liebe dich.» Ebenfalls Erwähnung finden politische Gegner und die schlechte Wirtschaftslage, gesunde Mitarbeiter und berufliche Chancen, etwa als machtbewusster Versicherungsvertreter. Nicht von ungefähr gilt Stauffers Aufmerksamkeit überdies der Arbeitsmarktproblematik: «Wenn man nicht mehr vermittelbar ist, kann man aber auch als König arbeiten. Der König steht da. Einfach so.» Der Rat von Dichterstauffer › sein eigenes Label › erscheint fast so normal wie die weiterentwickelte Idee einer Ich-AG.
Bereit sein, ENTWÜRFE
Am Ende dieses Buches ist man bereit. Dieser alte Traum der Literatur, den Leser zu neuer Erkenntnis zu befähigen, hat eine Reihe subtiler Techniken hervorgebracht. Nicht so in Michael Stauffers »Soforthilfe«. Plakativ endet es mit den Worten: „Jetzt sind Sie bereit« und gibt damit eine neue Antwort auf die Frage nach der Wirksamkeit des geschriebenen Wortes. Neu ist, dass das poetische Vorbild nicht etwa in den Techniken der klassischen Moderne liegt, sondern im Verwertungsgenre der Ratgeberliteratur und neu ist, dass die Bereitung des Lesers mit seiner gänzlichen Entmächtigung zusammenfällt: Ich beende die Lektüre, klappe das Buch zu und soll bereit sein. Wofür wird nicht gesagt. Das Buch wird mir darauf auch keine Antwort mehr geben. Jetzt, wo ich bereit bin, werde ich als Lesender nicht mehr benötigt. »Wissen Sie was, ich werde das Gespräch ohne Sie fortsetzen«, heißt es anderer Stelle. Rückkehr, Reflexion und Rezeption sind radikal ausgeschlossen durch eine unhinterfragbare Feststellung, der Folge zu leisten ist: Ich habe in jedem Fall bereit zu sein, daran besteht kein Zweifel, Punktum und Ende des Buches sowie des Lesers. Die kritische Distanz wird eingetauscht gegen die ironische Verfügungsgewalt einer ganzen Armada von abstrusen Ratschlägen in allen ehemals relevanten Bereichen der menschlichen Existenz. Damit nennt sich Michael Stauffers Ratgeber zurecht „Soforthilfe", wobei der diktatorische Unterton dieses Titels nicht überhört werden sollte: Geschwindigkeit, Wirkung und Folge sind gefragt, Sprache wird zum Wirkungsorgan. Solchermaßen im Herz der „Ratgeberpoetik" angekommen, geht Stauffer, anders als gewöhnliche Ratgeber, jedoch aufs Ganze: In den Kapiteln Natur, Tiere, Familie, Gesellschaft, Politik, Liebe, Beruf, Theorie und Praktische Übungen wird zum konsequenten Verhalten in einer hemmungslos entleerten Welt geraten. Dabei ist der ganze Ratgeber organisiert nach Situationen und in Unterpunkten gegliederten Beispielen, die durchweg den Ton imperativischer Parataxe haben. Das hört sich dann z. B. so an: „Abwarten, Vorsicht, aufpassen und denken. An Gott glauben, nicht an die Blöden." In den Kapiteltiteln wohnt man einer prätendierten philosophischen Höhe bei, von der man schon soweit herabgestürzt ist, dass nur noch in der ratgeberhaften Nonsense-Verwaltung das absurde Refugium philosophischer Dogmatik sich zeigt. Es überrascht nicht, dass solche Dogmatik in Aufforderungen gipfelt, wie »dem aufmüpfigen Sohn beide Hände auf den Tisch« zu nageln. Denn nach »einem solchen Zwischenfall wird er eine Zeit lang nicht mehr mit Ihnen reden.« Zwischen der greifbaren Komik eines sprachlichen Zerrspiegels (»Gehen Sie an eine Nahostkonferenz und sagen Sie: My Bolla, Your Bolla, Her Bolla, His Bolla:«) und der abstrusen Komik boshaften Eigensinns (»Kippen Sie Kindern von Zeit zu Zeit eine Tüte gefüllt mir Mehl über den Kopf«) pendeln die Ratschläge Staufferscher Dogmatik. Die eingeforderte Lektürehaltung, wie bei jedem Ratgeber, ist dabei die der Dankbarkeit: man ist ja bereitet worden. Im Unterschied zu allen anderen Ratgebern aber wird hier die Konsequenz solcher Literatur gezogen: Der Beratene ist nur noch die Aufbereitungsfläche geballter Stupidität. »Dies ist ein Buch zur Beruhigung« heißt es auf dem Umschlag, der keinen Titel trägt – im Gegenteil: Es ist ein Buch zur Beunruhigung durch die ätzend-ironische Einsicht, dass der Leser nur noch abzufertigender Kunde, auf obszöne Weise Teil des Buches geworden und die Literatur im Dienstleistungssumpf angekommen ist. Schlimmer kanns nicht kommen. Stauffer hilft und entwirft mit seinem Ratgeber-Tractatus more geometrico teilweise post-dadaistische Wirkungspoetik, die letztlich zum legitimierten und unausweichlichen „Haareraufen" ermächtigt. Dafür muss man dankbar sein. So sei dieses Buch all jenen ans Herz gelegt, die mit einem lachenden Unverständnis darauf reagieren können, dass der gewaltsame, durch eine rückwärts fahrende »Pistenmaschine« ausgelöste Tod des »zweitältesten Bewohners des Safiantals« eine verständliche Notwendigkeit ist. Dann muss man nicht mehr lesen, dann ist man bereit.
Lorenz Wesemann

Mit Komik gegen das Chaos, DIE ZEIT
Gegen unsere neurotische Gesellschaft hilft: Michael Stauffer. Der Schweizer Autor hat eine köstliche Parodie auf Ratgeberbücher geschrieben. Wenn man es nicht gerade mit Kalibern wie David Foster Wallace und Thomas Pynchon zu tun hat, entsteht bisweilen der Eindruck, dass Romane zunehmend sachbuchartiger werden: Themen, die sich an journalistischer Griffigkeit orientieren, sich leicht einsortieren lassen, und ihre Sprache sollte möglichst wenig stören. Der Buchmarkt liebt oft das Plakative, das sich schnell ein- und wegsortieren lässt. Michael Stauffer, geboren 1972 in Winterthur/Schweiz, hat Soforthilfe geschrieben, das man als Kurzprosaband und als Sachbuch, ja sogar als Ratgeber für besonders knifflige Situationen lesen kann. Ein genresprengendes Werk. "Dies ist ein Buch zur Beruhigung. Dass es auch anderen so geht. Dies ist ein Buch zur Ermutigung, dass auch andere so sind. Es ist ein tröstliches Buch über kleine Sachen, die normal seltsam sind", hat der Verleger Urs Engeler als Inhaltsangabe in großen Lettern auf das Cover und die erste Seite des Buchblocks drucken lassen. Eine auffällige, eigenwillige Gestaltung. Es ist das zweite "Roughbook" in der gleichnamigen neuen Reihe. Schon im schmalen Prosaband Normal – Vereinigung für normales Glück sezierte Stauffer, der neben viel Prosa, Hörspiele, Theaterstücke und Lyrik schreibt, den Grad neurotischer Verstrickungen in der Gesellschaft mit wohltuender Lebendigkeit und entlarvender Einfachheit. Auch in Soforthilfe spaziert der Leser durch einen Dschungel absonderlicher Verhaltensweisen, die als normal dahingestellt werden. In neun Kapiteln (Natur, Tiere, Familie, Gesellschaft, Politik, Liebe, Beruf, Theorie sowie Praktische Übungen) wird man mit kurzen Analysen, Anweisungen und Vorschlägen konfrontiert, deren Nummerierung erst einmal sperrig erscheint. Mal solle man sich als Ahorn in den Wald stellen, mal zusammen mit Eskimos eine Band gründen, in der man wenige Silben dauernd wiederholen muss. Auch wird die Praxis von Theoriebildung anhand eines sogenannten "Schemenhundes" erläutert und die Techniken öffentlicher Manipulation mit treffendem Humor analysiert. Da kann es auch vorkommen, dass einem eine Schildkröte begegnet, die sagt: "Die Europäische Union sollte als nächstes Indien aufnehmen." Das spiegelt eine immer größer werdende Vorstellung von Europa. Der Nonsens ist keiner, sondern Kritik mit anderen Mitteln. In einem Geflecht aus Eindrücken, Beobachtungen, Anweisungen, wilden Analysen, bizarren Vermutungen und Träumen spielt der Autor mit dem nicht locker lassenden Unterhaltungsbedürfnis des Lesers ein Hütchenspiel, bei dem der Text ebenso wächst wie der Wunsch nach Erlösung. In dieser Hinsicht ist Soforthilfe sicher ein religiöses Buch. Stauffers Beispiele kann man entweder lieben oder behämmert finden. Er macht sich über Ratgeber-Bücher lustig, spielt überhaupt mit der Vorstellung Lesender, einem Buch einen Gewinn fürs tägliche Leben abzutrotzen, indem er übertrieben und albern alles in Betracht zieht, was scheinbar bindende Kausalitäten zersetzt. Soforthilfe ist ein Katalog über die Unkatalogisierbarkeit von Welt und Leben. Der Versuch, dieses zu ordnen, führt erst recht ins Chaos. Im Abschnitt "Politik" geht es erstaunlich ernst um die Rolle der Schweiz, ihr Verhalten gegenüber Ausländern und Bankgeheimnissen. Die Ratschläge für Politiker sind dann besonders lustig. Man fühlt sich an Andrew Boyds köstlichen Pseudo-Ratgeber Tägliche Heimsuchung erinnert, der allerdings philosophischer ist. Es dämmert die Erkenntnis, dass dem Wahnsinn mit zunehmender Lesedauer auch kategorisch nicht beizukommen ist. Stauffer schreibt sich an der Sinnlosigkeit von Vorschriften, medialen Einmischungen und der Überhöhung des Banalen entlang mitten hinein in eine Zone freien Denkens. So schildert er ein ausgewachsenes Familiendrama in einem Mini-Absatz: "Beispiel 3.10.5 – Von dem da, sagt der Sohn. Die Mutter lacht laut und sagt: Das kann ja wohl nicht sein! Der Sohn schaut den Vater an. Der Vater schaut die Freundin des Sohnes an und fasst ihr an den Busen und sagt: Das kann ja wohl auch nicht sein! Alle lachen und stossen an." Wer von Prosatexten gelangweilt ist, die solche Begebenheiten auf 20 bis 100 Seiten dehnen, findet bei Stauffer eindrucksvoll abgeschossene Feuerwerke, deren Knappheit und Präzision verblüfft. Dieses Buch bereitet Romanen, die versuchen, das Leben nachzubilden, ein abruptes Ende. Somit leistet Soforthilfe auch freche Literaturkritik. Der letzte Satz des Buches lautet: "Jetzt sind Sie bereit." Fragt sich nur, wozu. Um das Leben zu genießen, wie es nun mal ist? Um noch mehr von Stauffer zu lesen? Oder für ein wildes Leben jenseits aller Grenzen?
Carsten Klook


Bern ist überall: «partout»

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2008
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ISBN 978-3-905825-08-4
,
Preis: CHF 28.00


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Bern ist überall: «partout»

Nach der Live-CD "Im Kairo" (2006) ist "partout" ein Plädoyer für die gelebte Vielsprachigkeit, wie sie die Autorengruppe im beigefügten Manifest formuliert. Erstmals tragen zwei welsche Autor/innen zu diesem fulminanten und hintergründigen Sprachkonzert in 27 Stücken bei – und weitere Sprachen werden auf der Bühne bald folgen. 


Stauffer an Krüsi antworten

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2008
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ISBN 978-3-905825-05-3
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Preis: CHF 34.00


Preis: CHF 34.00
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Stauffer an Krüsi antworten

Fragen gibt es viele, aber auch keine, weil alles undurchsichtig ist.
Wie geht es weiter? 
Was mache ich? 
Immer grosse Augen. 
Wohin führt das?
Muss mich wehren auf alle Fälle, dass ich weiter komme. Das ist normal.

Aussichten sind nicht so rosig. Aussichten sind neblig.
Mir kann es nicht zu schlecht gehen. 
Ich bin zu hart gekocht worden mit meinen Erlebnissen. 

Zielsetzungen:
1. Ich hoffe auf ein ruhigeres Klima. 
2. Das wird kommen, sobald ich den Berg durchbohrt habe. 
3. Ich weiss es. 
4. Es kommt. 
5. Es muss kommen.

http://www.art-tv.ch/1496-0-kunstmuseum-thurgau--hans-kruesi.html

http://www.drs.ch/www/de/drs/sendungen/drs2aktuell/2643.bt10025065.htm

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Stauffer an Krüsi antworten
Nie ohne meinen Esel, Der Landbote
Die Literatur-CD von Michael Stauffer über den Künstler Hans Krüsi ist ein wahres Krüsi-Müsi. Der Ostschweizer Künstler Hans Krüsi (1920–1995) war ein Unikum. Michael Stauffer hat sich von Krüsis chaotischem Nachlass zu drei Hörspielen inspirieren lassen. Krüsis Nachlass lagert im Kunstmuseum des Kantons Thurgau. Damit obliegt es dieser Institution, das vielgestaltige, wuchernde Werk aufzuarbeiten. Im Frühjahr 2008 ist hier auch Michael Stauffer in den Fundus hinuntergestiegen, um das tumultöse Durcheinander nach eigenem Gusto zu ordnen. «Ich bin gescheit geworden, weil die andern mich für dumm halten.» In diesem Satz verbirgt sich eine Grundproblematik, die Stauffer in seinem ersten Hörspiel «Ich kann ohne Esel nicht sein» verarbeitet. Muss, wer Krüsi verstehen will, wieder dumm werden? Schier verzweifelnd sucht eine Kunstpädagogin in den Krüsi-Kosmos einzudringen. Im Hintergrund ruft der Künstler verschmitzt ab Band «Hallo! Hallo!». Sie schlüpft in verschiedene Rollen, scheitert jedoch immer wieder an den versponnenen Gedankengängen, die in Schlussfolgerungen gipfeln wie: «Gott ist die Milch direkt aus dem Euter. Und die Kirche ist die Milch im Tetrapak.» Dezent mit Musik von Hanspeter Pfammatter und Stauffer selbst unterlegt, entwirft dieser einen hörbaren «Krüsi-Nebel» aus lauter kleinen Krüsi-Ideen und Krüsi-Bildern. Das zweite Hörspiel «Alles wegem Krüsi» gibt ein anekdotisches Lebensbild wieder. Das Problem besteht vor allem darin, «die Wildheit vom Krüsi» in normierte Kästchen abzufüllen. «Das isch alles ei grossi Mischtechnik», ruft die Archivarin. Krüsi lebte ärmlich und zurückgezogen, nach dem Tod hinterliess er aber ein Vermögen von einer Million Franken – Erlös aus seiner Kunst. «Der Krüsi sucht keinen Kontakt zu den Menschen, der Krüsi sucht den Kontakt zum Lauch.» Das dritte Hörspiel «Jeder kann nicht machen was er will» schlüpft in Krüsis Perspektive. In einer emotional aufgewühlten, musikalisch strukturierten Textcollage macht es die Vielstimmigkeit in Krüsis Geist anschaulich. Krüsi sagt: «Ich erkenne mich selber nicht mehr.»
Beat Mazenauer

Beschreibung einer Performance, die ich mit Krüsimaterial gemacht habe, Thurgauerzeitung
Entzerrend eingreifen Feierabend im Thurgauischen Museum gestaltete sich experimentell mit einer Stimm-Text-Geräusch-Performance von Michael Stauffer und Joke Lanz. Ittingen – Begleitend zu der Ausstellung «stauffer an krüsi antworten» hatte Michael Stauffer die Idee zu einer Performance: Er, der sich mit dem umfangreichen Nachlass des skurrilen Aussenseiterkünstlers Hans Krüsi beschäftigt hatte, rezitierte nun Texte um und von Krüsi, untermalt und unterlaufen von Geräuschen, die Joke Lanz seinem Plattenteller und der Elektronik entlockte. Absurde Assoziationen, banale Begebenheiten, chaotische Chiffren erinnerten an dadaistische Gedichte, an gestörten Mittelwellenempfang, bei dem sich der Zuhörer bisweilen eine Fernbedienung wünschte, um in das Spektakel vom Dienstagabend in der Kartause Ittingen entzerrend einzugreifen. Der Kenner weiss, dass Hans Krüsi (1920–1995) selbst Tonaufnahmen machte, sie überlagerte, sie archivierte, dass er Texte schrieb und aus vorgefundenen Resten der Wohlstandsgesellschaft kreative Gebilde schuf. Krüsi war in einem Waisenhaus aufgewachsen, hatte eine nur dürftige Schulbildung und lebte zunächst vom Blumenverkauf und vom Verkauf seiner Bilder und Fotos, bevor er als zeitgenössischer Aussenseiterkünstler entdeckt wurde. Authentisch in seinem Handeln und zerbrechlich in seiner Gestalt, produzierte er schliesslich grossformatige, schräge Arrangements zwischen Recyclingkunst und Bauernmalerei. In der gewagten Performance ging es um das Experiment einer poetischen Annäherung an einen Künstler und seine Persönlichkeit. Ob das Experiment, Aussenseiterkunst mit einer Insiderperformance einem kleinen Publikum von 25 Personen näherzubringen, gelungen ist, ist fraglich. Die Geräuschkulisse, die auf Krüsis Tonexperimente Bezug nahm, dekonstruierte die vorgetragenen Texte. Krüsis kreatives Verfahren des Kopierens, der Umnutzung, der Collage, sein Künstlerdasein und sein angstgeprägtes Leben konnten nur geahnt werden hinter diesem Spektakel. War diese Performance im UG des Museums nicht auch absurdes Theater vor einem artigen Publikum mittleren Alters an einem Ort des Mittelalters? Sender, Empfänger und Botschaft gelangten leider nur für kurze Momente zu einer gelungenen Kommunikation.
«Für Zeichnungen gute Aussichten», St. Galler Tagblatt
Kunstmuseum des Kantons Thurgau: Michael Stauffer setzt sich mit Hans Krüsi auseinander warth. Hans Krüsi, der Aussenseiterkünstler, ist im Kunstmuseum wieder ein Thema. Nach einer ersten grossen Ausstellung 2002 hat man Krüsi nun in einen neuen Zusammenhang gestellt: «Stauffer an Krüsi antworten» ist ein mehrdimensionaler «Zugriff» Michael Stauffers. BRIGITTE ELSNER-HELLER Für die meisten Menschen wäre dieses Leben wohl weniger erstrebenswert gewesen: Hans Krüsi, der am 15. April 1920 als erstes Kind der Emma Krüsi in Zürich geboren wurde, kannte seinen Vater nicht und lernte seine Mutter auch erst kurz vor deren Tod näher kennen. Im Alter von zwei Jahren kam er in eine Pflegefamilie im Kanton Appenzell Ausserrhoden, mit zehn Jahren in das Waisenhaus der dortigen Gemeinde Speicher. Der Wunsch, eine Gärtnerlehre zu absolvieren, blieb ihm unerfüllt, doch mit Blüten umgab er sich trotzdem. Drei Jahrzehnte lang verkaufte er an der Zürcher Bahnhofstrasse Blumen, die er auf dem Grossmarkt in St. Gallen gekauft hatte – bis seine Zeichnungen und Objekte in die Welt traten und in Zürich tatsächlich bemerkt wurden. «Handel sehr flau – für Zeichnungen gute Aussichten», notierte Hans Krüsi in einem Tagebuch, der sich im Nachlass befindet. Kurator aus dem Bauch Als Hans Krüsi 1995 starb, war er tatsächlich ein reicher Mann, der über Galeristen Eingang in den Kunstbetrieb gefunden hatte. Was nicht bedeutete, dass sich der Aussenseiter Krüsi je einem bürgerlichen Leben unterzogen hätte. Seinen Nachlass vermachte er dem Kunstmuseum des Kantons in der Kartause Ittingen. Reich war dieser Krüsi in seiner eigenwilligen Betrachtung der Welt, die ihm aus Zeichnungen, Objekten und später auch Fotografien immer wieder neu erstand (den Umgang mit dem Fotoapparat beherrschte er nur ungenügend, was seiner Begeisterung jedoch keinen Abbruch tat). Die aktuelle Ausstellung «Stauffer an Krüsi antworten» ist im Dialog zwischen Michael Stauffer und Markus Landert entstanden – wobei der eigentliche Dialogpartner Hans Krüsi war, der in zwei Ausstellungsräumen sowie dem Flur vor allem mit Gemälden und Objekten gegenwärtig ist. Michael Stauffer hat die Werke ausgewählt und ist dabei zu einem Kurator geworden, der aus dem Bauch heraus agiert und manche Diskussionen mit Museumsleiter Landert einging, wie offenherzig eingestanden wird. Das sichtbare Ergebnis ist zunächst ein Raum, in dem Objekte – Behausungen aus Holzspänen, Schiffe, Krüsis Transportkarre – auf weissen Podesten präsentiert und somit der Alltagswelt entzogen und dem musealen Kontext anvertraut sind. Was Michael Stauffer dabei wichtig war: Die Objekte sind in Augenhöhe «angerichtet» – für Stauffer ein Statement dagegen, dass auf Aussenseiterkunst oft herab geschaut werde. «Wir haben eine grosse Lust gehabt, eine Erzählung aufzubauen – es gibt nichts Zufälliges in dieser Ausstellung», ergänzt Markus Landert sicherheitshalber, der Steuer-Mann im Hintergrund. Drei Stunden Tonmaterial Durch den Flur, in dem einige von Krüsis Kuhbändern angebracht sind (in Verbindung mit der «Kuhmaschine» könnte wie in einem Daumenkino der Almabtrieb gespielt werden), gelangt man in den zweiten grossen Krüsi-Ausstellungsraum. Fünf grossformatige Panoramen der alpenländischen Landschaft ziehen sich dort an den Wänden entlang, überhöht wird der Eindruck, der von ihnen ausgeht, durch Röhren mit unnatürlich wirkendem roten Licht, die die Wände vom Boden her anstrahlen. Da Michael Stauffer nicht umsonst als «Dichterstauffer» firmiert, hat er seinen Krüsi auch mit seinen ureigenen Mitteln befragt – um an Krüsi zu antworten. Das Projekt, das zunächst in ein einziges Hörspiel münden sollte, ist nun zu einem Dreierpack angeschwollen, zu annähernd drei Stunden Tonmaterial, das auf CDs gebannt wurde. Michael Stauffer hat sich durch Tonmaterial aus dem Nachlass gearbeitet, das Krüsi selbst aufgenommen hatte, hat auch dessen Texte gelesen. Für die Hörspiele hat er dann Schauspieler engagiert, um stellvertretend in Krüsis Welt einzutauchen. Vogelgezwitscher, metallisches Dröhnen, Krüsis Stimme im Original, kaum zu verstehen die Selbstgespräche, die er so gern aufzeichnete. «Hallo!» immerhin. Und dann klar ein notierter Satz, den im Hörspiel eine weibliche Stimme übernimmt: «Zeichnen ist schön, es ist eine Belohnung von oben dafür, dass ich 32 Jahre und mehr durchgehalten habe.» Eigenständige Antwort Aber nicht nur Pathos, tatsächlich auch viel Selbstironie an anderer Stelle, die den Museumsbetrieb mit einschliesst: Mein Gott, wie ordnet man nur so einen Nachlass? Stauffer antwortet auf Krüsi vollkommen eigenständig und mit der Freiheit, die dieser selbst auch stets für sich in Anspruch genommen hatte.
Krüsi und Kreativität: Stauffers Zugriff, Thurgauer Zeitung
Den Aussenseiterkünstler Hans Krüsi kennt man gut. Wie man ihn neu erleben kann, zeigt eine Ausstellung im Thurgauer Kunstmuseum. Drei Hörspiele gehören dazu. Ittingen – Wenn Museen Nachlässe erhalten, kann das ein Segen sein oder ein Fluch. Wohin damit? Als Hans Krüsi 1995 starb, stand in seinem Testament, all seine Kunstwerke gehörten dem Thurgauer Kunstmuseum. Sie wurden gesichtet, inventarisiert, die besten 2001 in eine grosse Ausstellung und eine Monografie gepackt. Der Lebenskunstwerker wurde grundlegend neu bewertet und als «genialer Aussenseiter» eingestuft, «den es heute noch einmal neu zu entdecken gilt». Dies gilt wieder, sieben Jahre später. Dichterstauffer hat sich Krüsis angenommen: Michael Stauffer, in die Westschweiz emigrierter Thurgauer. Er wollte eine andere Perspektive auf das Phänomen Krüsi finden, durchforstete die «Gerümpelhaftigkeit» (Paolo Bianchi) des immensen Nachlasses, reagierte darauf mit Texten, mit drei Hörspielen. (2001 hatte Ernst Thoma aus nachgelassenen Tonbändern Krüsis ein Hörstück kreiert.) Doch was haben Hörspiele im Museum zu suchen? Lieber Kunst als Blumen Museumsdirektor Markus Landert beauftragte Michael Stauffer, eine Ausstellung über Hans Krüsi zu entwerfen – aber nicht eine weitere Retrospektive und gewiss nicht eine mit kunstkritischem Ansatz. Also ging der Dichter auf Augenhöhe mit dem Künstler, rief ihm zu, er möge antworten. Im Keller, wo der Nachlass schlummerte, fand Stauffer das Rohmaterial: Tonbandaufnahmen, Textkritzeleien, die selbstgemachten Postkarten, die Krüsi verkaufte, nachdem er gemerkt hatte, dass sich damit mehr Geld verdienen liess als mit Blumen. Wer war dieser Krüsi? Was macht ihn als Künstler aus? Stauffer montierte, in einer Mischung aus Manuskript und Improvisationsanleitung für drei Schauspieler, drei neue Dokumente: die Situation im Museum, als der Nachlass kam; «Ich kann ohne Esel nicht sein» fingiert eine Frau Krüsi, als hätte Hans Krüsi selber ein Hörspiel gemacht; sodann eine montageartige (und bisweilen anstrengende) Mischform, in die sich Stauffer als Autor einbrachte und die zwischen «ich bin Krüsi» und «ich spiele Krüsi» oszilliert. Das Museum hat zwei Hörstationen eingerichtet. Das scheint wenig, aber die knapp drei Stunden kauft man sich besser auf CD und lässt sich daheim auf eine schillernde Lebensgeschichte ein, schaut sich die gut 80 Polaroidaufnahmen an: Krüsi hat sich oft inszeniert und als Figur gestaltet. Bewusste Überhöhung Die Ausstellung ist in intensivem Dialog zwischen Landert und Stauffer entstanden, dessen «faszinierende Hypothese» (Landert) war, Krüsis kindergartenhafte Kleinskulpturen als architektonische Modelle anzusehen. Eines, eine Kirche mit zwei Milchpackungen im Bauch, liess er von einem Bühnenbildner im Kreuzgang der Kartause vergrössert nachbauen; die Idee habe er bei Fischli und Weiss «Plötzlich diese Übersicht» gefunden. «Krüsi hätte gleich das grosse Modell gebaut, wäre seine Wohnung grösser gewesen.» Die Skulpturen stehen auf Sockeln, auf Augenhöhe – eine bewusste Überhöhung wie im «UBS-Raum» mit den fünf «Hauptwerken», der rot ausgeleuchtet ist in Reverenz an Muda Mathis Videoinstallation «Paradies». Da ist nichts Zufälliges in der Schau. Stauffer hatte einfach Lust, eine neue Geschichte zu erzählen, und er wollte, dass die Spuren seiner Beschäftigung mit Hans Krüsi, seine Entscheidungsprozesse sichtbar sind. Stauffer hat Krüsi als kreative Maschine erkannt, und was er mit «stauffer an krüsi antworten» erreicht hat, ist ein neuer Zugang zum Aussenseiter, der nicht den idyllischen Blick auf Krüsi annulliert.
Krüsi hat das Wort, DER BUND
Das Kunstmuseum Thurgau zeigt den Ostschweizer Art-brut-Künstler Hans Krüsi in neuem Licht «Stauffer an Krüsi antworten» lautet der Titel der Ausstellung und der drei Hörspiele, die der Bieler Dichter Michael Stauffer aus dem Nachlass des Malers Hans Krüsi erarbeitet hat: Eine intensive Befragung und ein von Respekt getragener Blick auf ein Original. Kunstwissenschaftler haben Tage, Wochen, Monate im Keller der Kartause Ittingen verbracht, wo der Nachlass des einstigen Blumenverkäufers und spät berufenen Malers Hans Krüsi (1920–1995) lagert. Sie haben inventarisiert und etikettiert – und auch sortiert, manches landete in der Kiste «zweite Wahl». Doch was passiert, wenn man einen Dichter in diesen Keller schickt? Der in Biel lebende Michael Stauffer, 1972 geboren und aufgewachsen in Frauenfeld, ist Tage, Nächte, Wochen in diesen Kosmos getaucht, hat Berge umgeschichtet und Geschichten hervorgeholt. Kunst und Ramsch «Sie haben mir schon gesagt, wenn man sich mit dem Krüsi-Zeug auseinandersetzen müsse, werde man selber noch zu so einem Krüsi.» Das sagt in einem der Hörspiele die Sachverständige, die die Hinterlassenschaft ordnen soll. Hier die Kleider, dort das «Glump». Hier die Kunst, dort der Ramsch. Aber ist eine Fotokopie mit Originalzeichnung nun eine Kopie oder ein Original? Und ab wann ist ein Papier ein Karton? Alles läuft aus dem Ruder. «Der Beweis für Art brut ist, dass man ihn sieht, dass es ihn gibt» – mehr Ordnung ist nicht. Dafür viele Fragen: Herr Krüsi, sind Sie ein Maler? Was ist Ihnen wichtig? Stimmt es, dass Sie den Fleischkäse pürieren? «Zu hart gekocht» Gut möglich, dass sich Michael Stauffer mit diesem Text über die Wissenschaft lustig macht. Museumsdirektor Markus Landert jedenfalls hat Humor genug, mitzuspielen. Und er hat Witz genug, aus Stauffers Zugang Gewinn zu ziehen. Krüsi hat nie unterschieden zwischen Kunst und Lebensnotwendigem – alles war ihm gleich wichtig. Ebenso vorurteilslos geht Stauffer ans Werk. Aus den Notizen, Tagebüchern und Tonbändern sind Hörstücke entstanden, die Krüsi-Texte und O-Töne mischen und überlagern mit Stauffer-Texten und Improvisationen der Sprecher. Zunächst bleibt der Interpret noch nahe an den originalen Sätzen. An Fundstücken wie: «Ich bin zu hart gekocht worden mit meinen Erlebnissen» oder «wenn man aus mir etwas anderes machen will als ich bin, ziehe ich mich einfach an zwei Fingern aus der Affäre». Er sinniert in solche Sätze hinein, kombiniert sie, führt sie fort. «Gott ist die Milch» Doch dann taucht er ganz ein in den Gedankenstrom dieses Menschen, der mit Leben so beschäftigt ist, dass daraus Kunst wird. Der Dichter befragt den Maler, lässt ihn antworten. Reine Fiktion. Aber, so behauptet Stauffer, mindestens genauso wahr wie eine wissenschaftliche Schubladisierung. «Gott ist die grosse Kuh und die gibt Milch, von der wir alle leben. Es gibt Blöde, die packen die Milch in Tetrapaks und machen Bilder von Kühen drauf. Und dann verkaufen sie dir die Milch in der Kirche. – Gott ist die Milch, direkt aus dem Euter. Die Kirche, die ist die Milch aus dem Tetrapak.» Die Tetrapak-Kirche Von solchen Zitaten führt ein direkter Weg zur Ausstellung, die rund um die Hörspiele entstanden ist. Die Kirche hat Krüsi aus Milchpackungen und Holzresten und allerlei Zeug gebastelt. Michael Stauffer zeigt die Kirche auf einem Sockel auf Augenhöhe – «es gehört sich nicht, auf Krüsi herabzusehen». Umgeben ist sie von einem Wald von Sockeln mit Puppenhäusern, Archen, Ställen, an der Wand dazu Zeichnungen von Häuserzeilen. Und Stauffer spielt mit dem Gedanken, das alles ernst zu nehmen, den Rollenspieler Krüsi als Städteplaner zu verstehen. Sammelsurium des Schrägen Er hat die Kirche nachbauen lassen im Massstab 1:40. Mächtig steht die Krüsi-Kathedrale jetzt im Gang, sogar eine Turmuhr hat sie. Aber betreten kann man sie nicht, die leeren Milchkartons füllen sie aus. Ebenfalls im Flur gibt es eine Galerie mit Polaroids, die Krüsis viele Rollen und sein ausuferndes Werk dokumentieren. Ein Sammelsurium des Schrägen. Der Raum dahinter thematisiert und problematisiert schliesslich den Krüsi-Hype des Kunstmarkts. Sechs von den grossen Alpstein-Panoramen, die Krüsi als Entwurf auf groben Karton gepinselt hat, sind ausgestellt, als wären es die grössten Kostbarkeiten. Eine raffinierte Lichtregie, Sessel in der Mitte, Teppich am Boden gehören selbstverständlich dazu. Von Künstler zu Künstler «Stauffer an Krüsi antworten» ist eine Ausstellung, die ganz bewusst keinem professionellen Kurator übertragen wurde. Umso deutlicher aber trägt sie die Handschrift dessen, der sie kuratiert hat. Michael Stauffer stellt seine Fragen, die Fragen, die ein Künstler an einen anderen Künstler stellt. Er vollzieht Hans Krüsis Arbeitsweise nach, erkennt in ihm einen Wahlverwandten. Er stellt eigene Hypothesen und Behauptungen in den Raum und sieht, was für Geschichten daraus werden. Der eigentliche Kern Es ist keine grosse Ausstellung geworden, aber sie braucht Zeit, vor allem, wenn man die drei Hörspiele von je 50 Minuten hören will – denn sie sind der eigentliche Kern. Und hier ist Michael Stauffer auf der Höhe seiner Kunst, weil auf seinem ureigenen Boden, beim Text.
E-Mail von einem Hörer
"Wie Sie es mit Ihren Hörspielen fertig bringen auch Normalverbrauchern beizubringen, wie ein Krüsi die Welt sieht und weshalb er so wurde, wie er ist und wie man so mehr Sehens- und Bedeutenswertes über unsere Welt erfährt ist grossartig."

So viel wie nie

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2007
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ISBN 978-3-905825-00-8
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Preis: CHF 28.00


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So viel wie nie

Audio-CD, 56 Min.
Der Dichter Michael Stauffer und die Musiker Hans Koch und Fabian Kuratli legen mit «So viel wie nie» ein Werk voller Magie und schräger Komik vor. Stauffer brabbelt, summt, buchstabiert, schnorrt, singt, erzählt und fantasiert. Er wechselt fliessend zwischen Dialekt, Kauderwelsch, Gesang und Laut-Improvisation. Die Instrumentalisten Koch und Kuratli mischen sich treffsicher ein, zitieren aus dem ganzen Vokabular zeitgenössischer Pop-Avantgarde und verwandeln die Geschichten zu einem Hörkino, das man nicht mehr verlassen möchte.

Preis: CHF 28.00
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So viel wie nie
ESPACE.CH
Michael Stauffer nennt sich Dichterstauffer. Er wurde am 20. Juli 1972 um 14.55 Uhr in Winterthur geboren und in Frauenfeld erzogen. Dieses fürwahr schwere Schicksal hat er überlebt und ist Dichter geworden. Glücklicherweise. Stauffer ist nämlich ein Meister der träfen, musikalischen und humorvollen Poesie und plagt uns mit Vergnügen auch auf der Bühne mit seinem Ostschschweizer Dialekt. Stauffer verdanken wir so tolle Titel wie «Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch», ein kleines, fieses Büchlein, das ich mit Vergnügen gelesen habe. Nun gibts Dichterstauffer auch für die Ohren, zusammen mit Hans Koch (Holzblasinstrumente, Elektronik) und Fabian Kuratli (Schlagzeug), diesen beiden Füchsen der rythmischen und klanglichen Improvisation. Die CD «Mir... so viel wie nie» ist erschienen im Verlag der Gesunde Menschenversand. Auf selbiger Website kann man diese CD auch bestellen. Ich kann dies nur empfehlen. Stauffer-Koch-Kuratli sind in Hochform und spielen sich die Bälle in grosser Dichte zu, egal ob es sich dabei um Worte, Geräusche, Beats und Töne handelt, alles purzelt durcheinander und jagt sich, wenn es sich nicht beisst. Stauffer wechselt nahtlos aus Dialekt in Hochdeutsch, Kauderwelsch und richtig welsch, Koch bläst, zirpt und schnorrt auf höchstem Niveau, Kuratli bringt die Beats furztrocken und präzise. Wir hören Lautpoesie, Hiphop, Free Music, Poetry, und so weiter, die schamlos zu einem anarchischen Machwerk zusammengepappt werden, das einem grossen Hörgenuss bereitet. auf: http://kulturblog.espace.ch/p659.html
Hörbuch der Woche, Radiomagazin
Da haben drei schön schräge Vögel zusammengefunden. Autor Michael Stauffer ist bekennender Thurgauer und fixer Formulierer auch von Mundart-Texten, wie er auf dieser CD zeigt. Seine Beobachtungen von sich selber und seiner schweizerischen Umwelt sind ironische und komische kurze Texte, die er abwechslungsreich und energisch vorträgt. Fabian Kuratli liefert dazu mit seinen vielseitigen Schlagzeugkünsten den Boden, während Holzbläser Hans Koch mit Tönen, Klappenklängen und anderen Geräuschen Stauffers Wortkaskaden mal ergänzt, mal sich ihnen widersetzt. Ein unterhaltsames Werk, das sich immer eine wohltuende Sperrigkeit bewahrt.
Landbote/Solothurner Zeitung
«ICH BIN EN Allround Maa, ich chönnt theoretisch jedi haa», frotzelt Michael Stauffer im spitzen Thurgauer Dialekt. Auch in der Literatur lässt dieser Dichterperformer nichts aus. Er schreibt Hörspiele, Prosa und dadaistische Spoken Words für die Bühne. «Wir müssen gehen vorwärts! Halleluja!» Permanent wechselnd zwischen Kalauer, Monolog, Song trägt Stauffer einen Reigen von schrägen Belanglosigkeiten vor, die sich um alles Mögliche, nur nicht um politische Korrektheit bemühen. Auch formal nimmt er sich alle Freiheiten heraus, insbesondere die, seine Performance von geschliffener Perfektion absolut frei zu halten. Sprechend, schimpfend, jaulend, singend behält die CD «So viel wie nie» stets einen improvisativen Gestus. Dass dies aufgeht, ist das grosse Verdienst der beiden Musiker Hans Koch (Klarinetten, Elektronik) und Fabian Kurattli (Schlagzeug).
«So viel wie nie» ist manchmal zu viel, Bernerzeitung
Mit «So viel wie nie» legt der Autor Michael Stauffer eine spektakuläre CD vor, die hohe Ansprüche an die Hörer stellt. Michael Stauffer ist mehr als ein Schriftsteller: Er spricht, singt, stöhnt, rappt, flucht, flüstert, schreit. Er erzählt von grauen Mäusen, prangert Missstände bei den Bauern an, besingt den «Allround Maa». Nein, langweilig ist der Spoken-Word-Poet auf der CD «So viel wie nie» des Trios MIR nie. MIR, das sind der Autor Stauffer und die Musiker Hans Koch und Fabian Kuratli. Verschrobenes Wortgewitter Mal in Thurgauer Dialekt (Stauffer ging in Frauenfeld zur Schule), mal Berndeutsch (er wohnt heute in Biel) nimmt der BZ-Kolumnist («Bei Anruf Bern») kleine Schweizer Lebenswelten auf die Schippe und lässt ein verschrobenes Wortgewitter auf den Zuhörer niederprasseln, dem jedoch manchmal schwierig zu folgen ist. Wie ist Stauffer nun vom «Ohrestäbli» zum «kollektiven Unterbewusstsein» gelangt? Hier ist aufmerksames Zuhören gefragt. Witzig wirds dort, wo Stauffer Akzente und Soziolekte nachahmt: Die «Ballade vom Bär» etwa ist ein Glanzlicht auf der CD. «Das Bär isch allei, ohne Mütter ufgewachs. Das ist Bär dümm blibe, will isch ohne Mütter ufgewachs», erzählt Stauffer mit schönstem welschen Accent. Ebenso unterhaltsam «Gäbeli», das sich vom Schweizer Kalauer (gibeligäbeli) in einen pseudoindischen Sprachrausch steigert. Die Musik und Geräusche von Kuratli (Schlagzeug) und Koch (Klarinetten, Elektronik) begleiten und untermalen die Texte harmonisch. Zuweilen anstrengend Nur manchmal, da wirkt das alles zusammen – das zeitweilige Geschrei, die Wiederholungen, das Wort-, Stimm- und Klangspektakel – irgendwie anstrengend. Live vermag sich diese Art Hörspiel womöglich besser zu entfalten.
Eine Wortgewaltsmusik, DER BUND
Dem Thurgau sei Dank. Vor einem Jahr hat der Kanton dem Schriftsteller Michael Stauffer einen Förderpreis verliehen, und der wollte das Geld, wie er sagte, für seine Audioproduktionen brauchen. Jetzt ist ein neues Hörprodukt von Stauffer da. «So viel wie nie» heisst die CD (Verlag Der Gesunde Menschenversand), die er mit der Formation MIR eingespielt hat, zu der auch die Musiker Hans Koch und Fabian Kuratli gehören. Als Textperformer macht Stauffer Freejazz mit der Sprache, zudem Blues und Rock und Gospel aus mehreren Mundarten, allerhand Kauderwelschen und erfundenen afrikanischen Dialekten. Stauffer flucht und stampft und kräht und brabbelt, er beschwört Buchstaben und dadaisiert die Welt mit seinen krummen Reimen. Er verwurstet das Sprachmaterial des Alltags, donnert es aber mit seinem bemerkenswerten Mundwerk zu neuen Dimensionen auf: «Grüeziiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiherrtockter!» Dabei hält ihn Kuratli mit dem Schlagzeug auf Trab, Koch schlägt mit seiner Klarinette Kapriolen und lässt die Elektronik knarren. Ergebnis: ein lautmalerischer Wolkenbruch, eine exaltierte Wortgewaltsmusik, die von Höhlenmenschen und Süsswasserfischen handelt, von Obstverwertungsgenossenschaften und vom «Allround-Maa» («I chönnt theoretisch jedi ha»), vom Emmental und auch vom Thurgau, wo es viel Regen gibt: «De Räge chunnt / mir waxt en Bart.» (ddf)
Achtung, Jazz n' More
Achtung, diese Platte wird ihr Gemüt in Wallung bringen. Vielleicht müssen Sie ein wenig schmunzeln oder gar lauthals herauslachen. Vielleicht fühlen Sie sich überfordert und winken das Werk als Nicht-Jazz durch. Das wäre ein ziemlicher Verlust, immerhin könnte diese Platte ihre Depressionen lindern. Schon im letzten Jahrhunder taten sich Dichter mit Jazzmusikernn für gemeinsame Auftritte zusammen. Nach Beatnik-Spontan-Jazz-Prosa, Jazz und Lyrik, Acid Tests und William-Burroughs-Punk hat Spoken Word ein neues Zeitalter erreicht. ... Ein aussergewöhnliches Beispiel für diese Spontankunst aus Text und Impro-Sound legt der auf Spoken Word CDs spezialisierte Menschenversand vor: Michael STauffer hat das Mundwerk, Hans Koch und Fabian Kuratli bringen die Instrumentalsounds dazu. Stauffer ein Ausbund an Unbekümmertheit und Uncorrectness. Er brabbelt, summt, buchstabiert, schnorrt, singt, fantasiert, schreit und flucht. Dazu generieren Koch und Kuratli ihre musikalischen Geflechte und Störfelder. So frisch und frei hat sich schon lange kein Schweizer Poet mehr vernehmen lassen. Text und Musik fliessen wie ein einzger STrom mit Wirbeln und Kapriolen, aber auch mit ruhiger dahintändelnden Abschnitten .Ein dadaistisch-musikalisches Vergnügen.

Bern ist überall: «Im Kairo»

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2006
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ISBN 978-3-9522993-4-0
,
Preis: CHF 27.00


Preis: CHF 27.00
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Bern ist überall: «Im Kairo»

Die Auftritte von „Bern ist überall“ sind zum Markenzeichen für eine (Mundart-)Literatur geworden, die für die Bühne geschrieben wird. Folgerichtig ist die erste Veröffentlichung dieses mitreissenden Spoken-Word-Ensembles kein Buch, sondern eine CD: „Im Kairo“ wurde im Berner Café Kairo an drei Auftritten und einer „Studio-Session“ mitgeschnitten.

„Im Kairo“ erzählt in 19 Stücken und sechs Zugaben in Tuchfühlung zum Alltag über die Welt - mit Sprachwitz, Ironie, derbem Humor und einem Ohr für die Sprache an sich. 


Normal. Vereinigung für Normales Glück

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2006
,
ISBN 3-938767-14-6
,
Preis: CHF 20.00


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Normal. Vereinigung für Normales Glück

Heute habe ich ein Buch auf die Fensterbank gelegt, damit es auch mal an die frische Luft kommt. In der Zeitung kann man die Blume des Jahres wählen. Ich wähle Gras. (Marcel Oliver, 23. April 2001)

Es ist wichtig, dass man sich Gedanken macht und diese richtig anwendet. (Marcel Oliver, Vereinigung für Normales Glück. Spenden an: IBAN CH51 0900 0000 8501 9743 8)

1. Kapitel – Ein gründlicher Anfang
Eine grosse Schale Wasser steht mitten auf dem 
Tisch. Hinter der Schale liegt ein Schokoladeriegel. Vom Bett aus gesehen wirkt der Schokoladeriegel durch die Verzerrung, die durch das gewölbte Glas und das Wasser entsteht, unförmig und viel zu gross. Wenn ich den Wecker höre, stehe ich auf, gehe auf den Tisch zu, tauche die linke Hand in die Wasserschale, reibe sie am Pyjamaärmel trocken, fahre mit der rechten Hand durchs Haar, greife nach dem Schokoladeriegel und lege mich zurück ins Bett. Ich reisse die Verpackung auf und esse den Schokoladeriegel. Ich kaue nicht, sondern warte, bis die Masse in meinem Mund weich wird. Ich schichte die Masse mit der Zunge langsam um und dämmere bei dieser Tätigkeit wieder weg. Am schnellsten dämmere ich weg, wenn ich den Schokoladebrei mit der Zunge 
an die Gaumendecke drücke und dazu den Unterkiefer leicht nach vorne schiebe. 
Die Weckmethode könnte auch eine andere sein. Es ist überhaupt kein Leistungsausweis, wenn man am Morgen aufsteht. Viele stehen jeden Morgen auf. Ich tue das nicht aus Überzeugung oder aus Erziehung, ich stehe einfach auch, weil ich aufstehe.
Um 7.15 Uhr geht es los. 8.15 Uhr eine Stunde. 9.15 Uhr zwei Stunden, 10 Uhr Pause. Das sind bereits zweidreiviertel Stunden. 10.15 Uhr bis 12.00 Uhr sind nochmal eindreiviertel Stunden. Dann Pause bis 13.00 Uhr. Bis 15.00 Uhr sind nochmal zwei Stunden, nochmal Pause. Pause. 
Dann nochmal von 15.15 Uhr bis 16.30 Uhr, dann ist Schluss. Sind ungefähr alles zusammen achteinviertel Stunden, genau wie vorgesehen. Genau wie es sein soll. Das ist im Sommer und Winter genau gleich, im Sommer ist nur das Wetter anders als im Winter. Sonst ist es die selbe Arbeit.
Mit dem Zeigefinger der linken Hand sanft über die Nasenflügel streichen, das ist Arbeit. Wenn ich den Fahrschein löse, den Kaugummi kaue, die Zigarette am dafür vorgesehenen Ort ausdrücke, dann ist das Arbeit. Wenn es niemand sieht, dann ist es auch Arbeit. Ich habe viel Arbeit, die keine ist. Alles ist 
Arbeit. Sturm, Wind, Überschwemmungen, Schneefall, Naturereignisse. Gerade die Arbeit, bei welcher man fragt, wessen Arbeit, gerade diese Arbeit ist 
Arbeit.
Ich ziehe einen Mantel an, der nicht mir gehört. Das würde mir nie passieren, sagt einer. Ein anderer sagt, jetzt verstehe ich einiges besser. Ich selber sage, es geht doch, dass man einen Tag lang einen Mantel trägt, der einem nicht gehört. Ist doch kein Problem. Vieles ist kein Problem, von dem man sich nicht verunsichern lassen muss. 
Zehn Jahre sind so vorbeigegangen. Ich war beschäftigt und hatte einen Job und Geld. Ich habe dann mit allem aufgehört. 

Preis: CHF 20.00
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Normal. Vereinigung für Normales Glück
www.autohr.at/rez/Stauffer2.htm
Einer hört mit allem Bürgerlichen auf und macht es sich vorerst zum Ziel Menschen oder Tieren im Park positive Gedanken zu schicken. "Dabei denke ich immer nichts Genaues." Der Held setzte sich, als er noch Teil der Arbeitswelt war, u. a. mit neuen Beschäftigungsmöglichkeiten auseinander, entwickelt ein Briefe-mit-Kaffeeflecken-Verseh-System und wurde dann zum "Opfer des 8. Weltwunders", das da lautet: "Noch nie war es so einfach, so viel Gewinn bei sinkenden Lohnkosten zu machen." Der selbstgenügsame Aussteiger ("Alles ist gut. Ich brauche nichts.") macht, damit ihm warm wird, Körperbeobachtungswahrnehmungen auf der Parkbank. Der Sichzurückzieher gibt vor, nicht analysieren zu können und lediglich immer zu tun, was ihm gefällt, ohne zu überlegen, denn er weiß: "Es ist ernüchternd, wenn man alles versteht." Dem Arbeitsamt ist das zu wenig. Der Held erwartet sich vom Arbeitsamt nichts, zumal als Mann: "Als Mann kann man heute alles, was die Frau nicht mehr will, auch tun." So wird der Aussteiger zum Konsumverweigerer und Gründer der Partei, die weniger will. Er entwickelt eine Lehre (eine "Synthese aus Organspende und Hinduismus") und Geschäftsideen (Wasserlassen in Waldlichtungen während es regnet) und setzt sich zum Ziel, den Menschen Hilfe zu schenken. Welche Rolle das Schweinerüsselbefingerungsritual spielt und ob das Vorhaben gelingt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Man darf aber ruhig sagen, dass Michael Stauffer mit "Normal" wieder ein äußerst eigenartiges Buch abgeliefert hat, das unterhaltsamer als ein Kabarettabend und gleichzeitig systemkritischer als eine Welt-quo-vadis-Podiumsdiskussion ist. In diesem Sinne: Für weniger. Aber kauft mehr Stauffer!
ich regen, du blase, http://schreibkraft.adm.at/ausgaben/15-noch-fragen/ich-regen-du-blase/
Die Menschen sind einfach und berechenbar. Michael Stauffers neues Prosawerk zeigt, wie man davon formschön profitiert Marcel Oliver, Ich-Erzähler des neuesten Prosastreichs Normal. Vereinigung für normales Glück des Schweizer Dichters Michael Stauffer, ist arbeitslos, und wer arbeitslos ist, hat viel Zeit, sich Gedanken zu machen und die wahren Wünsche der Menschen zu analysieren. So findet Marcel heraus, dass ein Anlagefond in Beteiligungen an religiösen Gemeinschaften investiert und folgert: Die Menschen wollen spirituellen Halt und sind bereit, für dieses kleine bisschen Glück Geld zu bezahlen. Marcels Lehre vom „normalen" Glück orientiert sich schließlich am Wasser: Ich stehe in der Natur, langsam setzt der Regen ein und dann leert sich meine Blase. Das ist der Hauptgedanke [...], diese Idee, dass die Natur mir vorausgeht und ich einfach der Natur hinterhergehen kann und dann wird alles gut, das ist es. Marcel gründet also eine Sekte, eine „Vereinigung für normales Glück". Er führt seine Jünger in den Regen, um sich kollektiv in die Hosen zu machen und beweist, dass heutzutage keine Idee verrückt genug sein kann, um nicht eine Ich-AG zu gründen und damit finanziell zu reüssieren. Dass auch der Roman reüssiert, ist vor allem Stauffers Blick für die Banalitäten des Alltags zu verdanken. Diesen bewies er bereits in seinen ersten beiden Prosawerken mit den episch langen Titeln I promise when the sun comes up, I promise I'll be true. So singt Tom Waits. Ich will auch Sänger werden (2001) sowie Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch (2003). Beide Werke stellten Erzähler in den Mittelpunkt, die mit abstrusen Einfällen und aberwitzigen Logikexperimenten und skurrilen Projekten den Alltag zu füllen versuchten. Auch Marcel Oliver, der selbsternannte Sektenführer, macht hier keine Ausnahme: Er erprobt seine angeblichen telepathischen Fähigkeiten im Park, erfindet ein Baukastensystem für Kontaktanzeigen und schützt sein Fahrrad durch Androhung von Bußgeldforderungen. Kurz: Der Alltag ist schwer, doch man kann lernen, ihn zu meistern. Vor allem kann man lernen, wie er zu beschreiben ist. Stauffers Erzähler wissen nämlich, dass die Realität erst erträglich wird, wenn man sie festschreibt. In knapper, einfacher Sprache fixiert Marcel Oliver seine Welt. Er beschreibt schnörkellos, fast naiv. Und genau in dieser Einfachheit liegt die Kraft dieser Prosa. Stauffer schafft es durch einfachste Aussagesätze, die Welt seines Erzählers wiederzugeben. Er zielt weder auf Stileffekte ab, noch fordert er poetischen Pomp. Die Banalität des Alltags findet ganz einfach in ihre logische Form. Mit diesem Stil erreicht Stauffer vor allem zwei zentrale Effekte: Erstens werden seine Figuren durch ihren vollkommen unkomplizierten Blick auf die Welt zu wahren Sympathieträgern. Die Erkenntnis, dass es zum Glücklichsein nicht viel braucht, ist ansteckend. Zweitens generiert Stauffers Stil vor allem den unwiderstehlichen Witz eines Schelmenromans: Die überbordende Realität trifft auf einen einfachen Geist und wird von diesem gefiltert. An der Bruchstelle zwischen den kollidierenden Niveaus entsteht im Falle Stauffers eine verschrobene, liebenswerte Art von Komik. Und so ist Normal nicht nur ein Text über „normales Glück", sondern auch eine Hilfestellung, es zu finden.
Einleitung zur Lesung in der Alten Schmiede Wien
In Zeiten, wo der Hausverstand im Supermarkt feilgeboten wird, ist dieses Buch sehr passend. Was ist ein normales „€žIch"€œ? Der Protagonist ist arbeitslos, aber es geht ihm gut. Beschaulich der Tag, zumeist im Park, genug Zeit an die Wurzeln zu denken. Wasser war ihm immer schon wichtig, angefangen vom Plantschbecken, sonst keine bemerkenswerten Hobbies. Die finanzielle Unsicherheit jedoch und unangenehme Nachfragen stören ihn auf. Nach ersten erfolgreichen Versuchen in der persönlichen Umgebung entwickelt er die Geschäftsidee vom „€žWasserlassen im Regen bis die Blase sich entspannt"€œ. Die Sondierung der Marktchancen ergab, daß Sport und Religion das höchste Wachstumspotential haben; demgemäß kommt es zur Gründung der Vereinigung für normales Glück. Es folgt die strategische Planung und Durchführung der Geschäftsidee, nun macht er sich die ökonomische Verwertbarkeit zum Ziel, mit deren Karrierebeflissenheit er vorher nichts anfangen konnte. Der Autor erweist sich als versierter Arrangeur der für die Lancierung einer Geschäftsidee benötigten Szenarien: Marketing, juristische Fundierung, Evaluierung. Die Sprache der Werbung, religiös getönte Überredungskünste, konsequentes Schönfärben verhelfen dem Protagonisten zu einem neuen Ziel, zu Arbeit und zu Geld. Die Lächerlichkeit der nun ernsthaften Bemühungen des Protagonisten ein angepaßtes, erfolgreiches Leben zu führen ergeben sich lediglich aus der abstrusen Geschäftsidee: das Traktat führt in 39 Kapiteln vor, welche Absurditäten die Anwendung der Methoden einer großen Aktiengesellschaft auf eine Ich-AG bereithält. Was bei großen Institutionen als normal gilt –€" begründet mit deren Größe –€" entlarvt sich auf der Ebene des einzelnen nicht als Hype sondern als Blamage. Satirische Mittel sowohl auf der Mikro- als auch Makro-Ebene geben der Entrepreneurgeschichte Dynamik. Pseudogenauigkeit im Detail suggeriert Seriosität. Die knapp und lakonisch montierten Versatzstücke aus den jeweiligen Teilbereichen entlarven Fragwürdigkeiten des Geschäftslebens, wenn alles nur auf das WIE ankommt, nicht auf das WAS. Die Entwicklung der Vereinigung für normales Glück beschwört einerseits „€žGrundlegendes"€œ: der Wunsch des Städters nach der Rückkehr zur Natur, die im Wortsinn erleichternde Überwindung einer einengenden Sozialisation –€" immer karikierend überhöht; andererseits stellt die Entwicklung der Geschäftsidee ein Lehrstück dar, wie Deutungshoheit übernommen wird –€" hier mittels des main-stream-Jargons. In einer Art Überanpassungsprozeß wird die Tätigkeit eines Arbeitslosen zur Tätigkeit einer funktionierenden AG umgedeutet. Satirische Entgegensetzung, Überhöhung, groteske Übertreibung und Verdoppelungen (das arbeitslose und das hyperaktive Ich) sind die Stilmittel, die behauptete Normalität als lächerlich vorzuführen. Dabei trifft des Autors spitze Feder nicht nur den Protagonisten, sondern auch den bestätigend nickenden Leser - angesichts des Erfolgs und in Kenntnis der herrschenden Geschäftsmethoden. Die durchscheinende Kaltschnäuzigkeit der Entrepreneurgeschichte kann nicht wirklich überraschen, wird aber durch die konsequente Bedienung des pseudoreligiösen Vokabulars verstärkt. Wenn ein Sollen in ein Wollen umgelogen werden soll, braucht nichts gut gemeint sein, sondern es kommt darauf, ob es gut gemacht ist.
Helene Hofmann

Normal, http://homepage.uibk.ac.at/~csac7490/rez/Stauffer2.htm
Einer hört mit allem Bürgerlichen auf und macht es sich vorerst zum Ziel Menschen oder Tieren im Park positive Gedanken zu schicken. "Dabei denke ich immer nichts Genaues." Der Held setzte sich, als er noch Teil der Arbeitswelt war, u. a. mit neuen Beschäftigungsmöglichkeiten auseinander, entwickelt ein Briefe-mit-Kaffeeflecken-Verseh-System und wurde dann zum "Opfer des 8. Weltwunders", das da lautet: "Noch nie war es so einfach, so viel Gewinn bei sinkenden Lohnkosten zu machen." Der selbstgenügsame Aussteiger ("Alles ist gut. Ich brauche nichts.") macht, damit ihm warm wird, Körperbeobachtungswahrnehmungen auf der Parkbank. Der Sichzurückzieher gibt vor, nicht analysieren zu können und lediglich immer zu tun, was ihm gefällt, ohne zu überlegen, denn er weiß: "Es ist ernüchternd, wenn man alles versteht." Dem Arbeitsamt ist das zu wenig. Der Held erwartet sich vom Arbeitsamt nichts, zumal als Mann: "Als Mann kann man heute alles, was die Frau nicht mehr will, auch tun." So wird der Aussteiger zum Konsumverweigerer und Gründer der Partei, die weniger will. Er entwickelt eine Lehre (eine "Synthese aus Organspende und Hinduismus") und Geschäftsideen (Wasserlassen in Waldlichtungen während es regnet) und setzt sich zum Ziel, den Menschen Hilfe zu schenken. Welche Rolle das Schweinerüsselbefingerungsritual spielt und ob das Vorhaben gelingt, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Man darf aber ruhig sagen, dass Michael Stauffer mit "Normal" wieder ein äußerst eigenartiges Buch abgeliefert hat, das unterhaltsamer als ein Kabarettabend und gleichzeitig systemkritischer als eine Welt-quo-vadis-Podiumsdiskussion ist. In diesem Sinne: Für weniger. Aber kauft mehr Stauffer!
Alles ist Arbeit, NZZ
«Normal» - Michael Stauffers dritter Streich Der junge Schweizer Michael Stauffer ist vieles: Stückeschreiber, Hörspielautor, Sänger, Performer und Schriftsteller dazu. Darum muss man ihn nicht gleich in Werbemanier zu einem «Multitalent» erklären; oft findet sich ja ein derartiges «Crossover» dort, wo Künstler oder Kleinkünstler unbeschwert von offiziellen Kulturkategorien agieren, und damit fern vom etablierten Kulturbetrieb, fern vom Feuilleton. Ist das der Grund, warum sich dieses überschlug, als Stauffer vor fünf Jahren sein erstes und vor drei Jahren sein zweites Büchlein veröffentlichte? «Schriftsteller bleiben!», wurde dem Autor aufgegeben, und dem Zeitungsleser, das Buch «unverzüglich» zur Hand zu nehmen. Mehrfach wurde mehrfaches Lesen empfohlen, und in einer Ankündigung erklärte ein bekannter Buchhändler nur halb ironisch, die Wände seiner Wohnung mit Stauffer- Kopien gepflastert und mit den schönsten Sätzen die Bettwäsche bedruckt zu haben. Witz und Schrecken Welche Sätze wohl? Vielleicht solche: «Es gibt zwei Möglichkeiten: Sich den Herausforderungen stellen oder sie nicht annehmen! Beides ist einfach.» Schwieriger ist es zu unterscheiden, was eine Herausforderung ist und was nicht. Die Lektüre ergibt: Michael Stauffer ist, dem Kultverdacht zum Trotz, tatsächlich eine - und gehört damit unter den zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren zur Minderheit. Seine kleinen Prosakunststücke, der Form nach nichts als die Monologe sehr alltäglicher Rollenträger, entfesseln Witz und Schrecken. Im ersten Buch sprach ein so garstiger wie hellsichtiger Neurotiker, im zweiten eine verlassene Frau, im dritten nun ist das erzählende Ich gewissermassen zu sich selbst gekommen, als «Ich-AG»: «Man muss immer bei sich selber anfangen», doziert der überzeugte Arbeitslose Marcel im Jargon des Self-Managements. Er, der Erzähler dieser Selbstauskunft unter dem Titel «Normal», hat den Job verloren und widmet sich, verfolgt von seinem Arbeitsvermittler, der Ausübung und Erfindung neuer «Beschäftigungsmöglichkeiten», je absurder, desto «normaler». Diese Vorgaben sind so simpel wie fruchtbar. Marcel ist einerseits ein Verweigerer, indem er den Leitbegriff der Arbeitsgesellschaft ad absurdum führt («Ich habe viel Arbeit, die keine ist. Alles ist Arbeit.»), andererseits ein Pionier der Anpassung an neokapitalistische Maximen wie Kreativität, Flexibilität, Selbstverantwortung und Eigenregie. Dieses Paradox wird zugleich poetologisch wirksam: Indem die Pflicht zur Neigung erklärt wird - und umgekehrt! -, bekommt die schöne Zwecklosigkeit wieder ihr Recht. Und damit sind wir bei Stauffers Kunst. Marcels Selbsterfindung, Lebensphilosophie und Arbeitsbeschaffung führen von exzentrischen Morgenriten (einen im Wasser aufbewahrten Schokoladenriegel im Mund zergehen lassen) bis zur Gründung einer «Vereinigung für Normales Glück». Über allerlei Vorbereitungen wie hydrobiologische («Trinkprotokolle») und wetterkundliche Forschungen («Manchmal denke ich, dass es ausreicht, vom richtigen Wetter zu träumen»), Werbung («Die Synthese aus Organspende und Hinduismus ist eine geniale Idee»), Finanzierungspläne («Spenden nehme ich auch»), Evaluationskonzepte («Auf jeden Fall werden es Tiere sein, die die Menschen einordnen»), Kundenakquisition («diese ehrgeizlosen Menschen, die nicht wissen, was machen mit dem Leben») und Anmietung eines Hauses in Frankreich («ich muss ein Haus in einem Ort mieten, der etwas mit Napoleon zu tun hat») wird das Projekt schliesslich in die Tat umgesetzt: Die Mitglieder versammeln sich auf einer Lichtung, um gemeinsam im Regen Wasser zu lassen. Als Teil des Experiments, das die Werte von sinnvoller Arbeit und sinnlosem Nichtstun auf den Kopf stellt, folgen diese Einfälle konsequent einem dadaistischen Konzept, in dem die phantasievolle Trivialität des Zufalls über die niederdrückende Trivialität der utilitaristischen Gewohnheit triumphiert. Der Erfolg ist garantiert. So wird Marcel aus seinem «mittelmässigen Sachbearbeiterjob» entlassen, weil er eingegangene Briefe mit Kaffeetropfspuren sortiert und eine Praktikantin nach eigenen Vorstellungen einweist: «Wenn Affen Bananen schütteln, sobald der Chef auftaucht, dann ist das Arbeit.» Dass er gegen Ende den weinenden Arbeitsvermittler trösten muss, der im Dienst dieses Arbeitsbegriffs an der vorgeschriebenen Vermittlungsquote scheitert, ist da nur folgerichtig. Die Minikapitel des provozierenden Emanzipationsprozesses etablieren die pure Aktionskunst: «Es geht nicht darum, etwas zu tun, das nützt, sondern es geht darum, etwas zu tun, das geschieht.» Unzählige solcher scheinbaren Lehr- und Bekenntnissätze werden auf den 78 Seiten geprägt. Ihren Charme gewinnen sie aus mündlicher Unbeholfenheit, der entwaffnenden Tautologie von Nullaussagen und dem entlarvenden Effekt, wenn die Propagandaklischees von Motivationstraining, Therapie und Sektenesoterik parodiert werden. Das reicht von «Ich liebe die Sonne, auch wenn sie nicht scheint» über «Man muss es sich nicht schwieriger machen, als es ist» bis zu «Wenn das hilft, dann ist das doch gut». Kennzeichnungen wie Nonsens oder höhere Albernheit treffen diese Sprache nur halb, denn sie gewährt mehr als die mechanische Entlastung blosser Witzelei. Kraft der Komik Die Hebelwirkung dieser Poesie verdankt sich der ursprünglichen Kraft der Komik, die den aggressiven Impuls gegen die bleiernen Konventionen und Tabus in befreiende Energie umwandelt. Allerdings, das Lachen ist schneller vergessen als die Wirkung der vorangegangenen Bücher. Der bösartige Sermon des Débuts und die weibliche Klagerede in «Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt» waren schärfer, bitterer und näher an den düsteren Verhältnissen, die nach den lapidaren Antworten eines Michael Stauffer rufen.
Dorothea Dieckmann

„Ich Regen, du blasen.", http://creekpeople.twoday.net/
Die Menschen sind einfach und berechenbar. Michael Stauffers neues Prosa-Werk „Normal – Vereinigung für normales Glück" zeigt, wie man davon formschön profitiert. Marcel Oliver, Ich-Erzähler des neuesten Prosastreichs des Schweizer Dichters Michael Stauffer, ist arbeitslos. Wer arbeitslos ist, hat viel Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll. Und ebenso viel Zeit, um die wahren Wünsche der Menschen zu analysieren. Marcel stellt fest, dass ein privater Anlagefond 18 Prozent seines Kapitals in Beteiligungen an religiösen Gemeinschaften investiert und schließt daraus: Die Menschen wollen spirituellen Halt und sie sind bereit, für dieses kleine bisschen Glück Geld zu bezahlen. Marcel Olivers Lehre zum „normalen" Glück führt schließlich über das Wasser: „Ich stehe in der Natur, langsam setzt der Regen ein und dann leert sich meine Blase. Das ist der Hauptgedanke [...], diese Idee, dass die Natur mir vorausgeht und ich einfach der Natur hinterhergehen kann und dann wird alles gut, das ist es." Marcel gründet also eine Sekte, eine Anleitung zum Wohlfühlen, eine „Vereinigung für Normales Glück". Er führt seine Jünger in den Regen, um sich kollektiv in die Hosen zu machen. Michael Stauffer hat einen Blick für Banalitäten des Alltags. Dies bewies er bereits in seinen ersten beiden Prosawerken mit den episch langen Titeln „I promise when the sun comes up, I promise I'll be true. So singt Tom Waits. Ich will auch Sänger werden." (2001) sowie „Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch." (2003). Beide Werke stellten Ich-Erzähler in den Mittelpunkt, die versuchten, mit abstrusen Einfällen, Kalauern, aberwitzigen Logikexperimenten und skurrilen Projekten den Alltag zu füllen. Auch Marcel Oliver, der selbsternannte Sektenführer, macht hier keine Ausnahme: Er erprobt seine angeblichen telepathischen Fähigkeiten im Park, erfindet ein Baukastensystem für Kontaktanzeigen und schützt sein Fahrrad durch Androhung von Bußgeldforderungen. Kurz: Der Alltag ist schwer, doch man kann lernen, ihn zu meistern. Vor allem kann man lernen, wie er zu beschreiben ist. Stauffers Erzähler wissen nämlich, dass die Realität erst erträglich wird, wenn man sie festschreibt. In knapper, einfacher Sprache fixiert Marcel Oliver seine Welt. Er beschreibt schnörkellos, fast naiv. Und genau in dieser Einfachheit liegt die Kraft dieser Prosa. Stauffer schafft es durch kurze, schmucklose Aussagesätze, die weder auf Stileffekte abzielen, noch poetischen Pomp fordern, die Realität seines Erzählers wiederzugeben. Die Banalität des Alltags findet so in ihre logische Form. Dieser Stil mag zwar gewöhnungsbedürftig sein, schafft jedoch schließlich vor allem zwei zentrale Effekte: Erstens werden Stauffers Figuren durch ihren vollkommen unkomplizierten Blick auf die Welt zu wahren Sympathieträgern. Die Erkenntnis, dass es zum Glücklichsein nicht viel braucht, ist eben ansteckend. Zweitens generiert Stauffers Stil vor allem den unwiderstehlichen Witz eines Schelmenromans: Die überbordende Realität trifft auf einen einfachen Geist und wird von diesem gefiltert. An der Bruchstelle zwischen den kollidierenden Niveaus entsteht im Falle Stauffers eine verschrobene, liebenswerte Art von Komik. Und so ist „Normal" nicht nur ein Text über „normales Glück", sondern auch eine Hilfestellung, es zu finden.
Klein angelegte Großgroteske, Kultur & Gespenster Nr. 2
»Es ist überhaupt kein Leistungsnachweis, wenn man am Morgen aufsteht. Viele stehen jeden Morgen auf. Ich tue das nicht aus Überzeugung oder aus Erziehung, ich stehe einfach auf, weil ich aufstehe. Um 7.15 Uhr geht es los. 8.15 Uhr eine Stunde. 9.15 Uhr zwei Stunden, 10 Uhr Pause. Das sind bereits zweidreiviertel Stunden. 10.15 Uhr bis 12.00 Uhr sind nochmal eindreiviertel Stunden. Dann Pause bis 13 Uhr. Bis 15 Uhr sind nochmal zwei Stunden, nochmal Pause. Pause. Dann nochmal von 15.15 Uhr bis 16.30 Uhr, dann ist Schluss. Sind ungefähr alles zusammen achteinviertel Stunden, genau wie vorgesehen. Genau wie es sein soll. Das ist im Sommer und Winter genau gleich, im Sommer ist nur das Wetter anders als im Winter. Sonst ist es dieselbe Arbeit. Mit dem Zeigefinger der linken Hand sanft über die Nasenflügel streichen, das ist Arbeit. Wenn ich den Fahrschein löse, die Kaugummi kaue, die Zigaretten am dafür vorgesehenen Ort ausdrücke, dann ist das Arbeit. Wenn es niemand sieht, dann ist das auch Arbeit. Ich habe viel Arbeit, die keine ist.« (aus: Michael Stauffers Normal) Marcel Oliver ist arbeitslos, und das wohl schon länger. Er studiert seinen Arbeitsberater und die Menschen im Park. Er beobachtet sich selbst und seine Empfindungen. Ihm ist geheuer dabei, ja, er fühlt sich wohl. Manches ist problemlos, mehr als manch einem recht ist. »Manchmal helfe ich Tieren, manchmal Menschen. Ich rede ihnen zu und schicke ihnen positive Gedanken. Dabei denke ich immer nichts Genaues.« Der 1972 in Winterthur/Schweiz geborene Dichter Michael Stauffer, der auch Theaterstücke und Hörspiele schreibt, schlüpft in seinem dritten Prosaband als verwirrend kongruent wirkender Ich-Erzähler in die Rolle dieses gewissen Marcel Olivers, der das Phänomen Arbeitslosigkeit auf seine ganz eigene Weise durchdekliniert. In 39 Kapiteln auf insgesamt 69 Seiten bespielt er des Lesers Fassungsvermögen auf einer Ebene, in der das Schmunzeln als buddhistische Übung zum Text dazugehört, und die Leser einbezieht in die immanente Lehre. Man wird selbst zum Anhänger, zum Jünger seines Gebieters, des Autors – oder nur zum Jünger von dessen Protagonisten? Marcel Oliver jedenfalls gründet nach kurzem Menschen-Studium eine Sekte, in der das höchste Glück dadurch erreicht wird, dass man seine pralle Blase bei strömendem Regen entleert. Ein Vorgang, den Marcel selbst erprobt hat und den er zum Höhepunkt seiner ersten Sektentagung deklariert. Das wirkt, auch wenn man als Leser nicht vom Regen in die Traufe kommen mag. Die Entwicklung von Marcels Großunternehmerschaft (am Ende sind es 3500 Mitglieder, die ihm Respekt zollen und seiner »Vereinigung für normales Glück« Geld überweisen) wird so virtuos und auf den ersten Blick unspektakulär verdreht geschildert, dass einem der Schmalz aus den Gehirnwindungen tropft. Bitte nicht kleckern! Klotzen!, mag sich Stauffer gedacht haben, als er beim Drehen seiner gedanklichen Pirouetten dieses Lehrstücks, das u.a auch zwischen einem Till- Eulenspiegel-Streich und Helge Schneiders Hörstück »Arbeitsamt II« seinen Platz fände, so richtig in Schwung gekommen sein mag. Eine Gesellschaftssatire ist nichts dagegen! Aus einer überaus schnittigen Ich-Perspektive, in der schier alles möglich und erlaubt ist, spricht das Opfer, das sich aus eigener Kraft zum Helden aufgeschwungen hat, aus einer irren Überzeugung von seinen Taten, die den Schwindel »Arbeit« in all ihrer nichtsnutzigen Lächerlichkeit, Doppeldeutigkeit und Schweinerei entlarven. Wer die Bedeutung der Begriffe bestimmt, hat Macht. Das ist das Terrain, auf das Stauffer sein(e) Wesen treibt. Der Text kommt so dermaßen leicht und vergnügt daher und kehrt doch eine ganze Armee von Steppenrollern an gesellschaftlicher Verklärung vor sich her, dass es brummt und schnarrt. »Ich mache Sauggeräusche, wenn mich eine meiner Schwestern anruft. In schneller Folge sage ich ja, ja, ja. Ich habe am Anfang gedacht, dass mich meine Schwestern in Ruhe lassen, wenn ich alles bejahe. Während der Telefongespräche wippe ich mit dem Oberkörper und nicke. Wenn ich sage, dass es mir gut geht, dass ich tagelang zu Hause sitze, nichts tue, nichts tun will, dann wollen Corinne und Silvia mir einreden, dass es mir, wenn ich nichts tue, schlechter gehe als ihnen, wenn sie viel tun. Ich lese am Telefon aus Fallstudien von Langzeitarbeitslosen vor. Ich benutze zwei farbige Filzstifte. Mit Grün streiche ich an, was ich Corinne vorgelesen habe, mit Blau markiere ich, was Silvia bereits zu hören bekommen hat. Ich liefere, was man von mir denkt, noch präziser. Das ist ein gutes System, das zu hervorragenden Resultaten führt.« Man mag sich mit diesem Buch über das Elend echter Arbeitsloser kurz hinwegtäuschen. Das aber rät Stauffer nur zur Schärfung der Sinne, vermute ich ungefragt, um danach die Sache mit noch größerem Engagement, mit noch größerem Entsetzen verstanden, bekämpft und bemitleidet zu wissen. Oder? Ist das Buch nur ein gewitztes Intermezzo in der bleischweren Verstummung dieser Menschenmasse? Ja und nein. »Aber wo andere Autoren das grosse Wehklagen und Jammern anstimmen, reagiert Michael Stauffer provozierend stoisch: Er weiss, dass subversiver Humor und Spielfreude die probateren Mittel sind, gegen die konstatierte Entfremdung anzuschreiben«, berichtete Hansjörg Schertenleib in Die Weltwoche am 11. März 2004 über Stauffers zweites Buch. Es wiegt so viel wie eine Tafel Schokolade mit viel Pappe drumrum: 140 Gramm bei knapp 60 Seiten. Der Titel Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch hat vielen Leuten Mut gemacht und noch mehr Leser abgestoßen. Das kann Laune machen. Muss aber nicht. Es ist ein Buch über das Zusammenleben von Mann und Frau, geschrieben aus der weiblichen Perspektive, in Hinblick auf ein fortgegangenes Arschloch, das eben alles getan zu haben glaubte, was es als Mann leisten soll, um sich danach unmenschlich benehmen zu können. »Die Waffen, mit denen der Autor diesem Grauen zu Leibe rückt, sind lapidare Lakonie, Präzision und eine Komik, die der Verzweiflung geschuldet ist«, schrieb Schertenleib über den Zweitling. Was aber passiert, wenn aus der Verzweiflung eine allgemeine Entzückung über die Verzweiflung wird? Entspricht das nicht genau dem medialen Geist unserer Zeit, dem eigentlich der Garaus gemacht werden soll? Stauffers Prosadebüt von 2001 hat 80 Seiten und heißt I promise when the sun comes up, I promise I'll be true. Es besteht aus Notizen und Fußnoten, ist ein Tagebuch mit Tabellen und Listen, in dem neben der wiederkehrenden Schwanenjagd am See und Staublandschafts-Beobachtungen im Zimmer Grundsätzliches zu den Themen »Wohnen«, »Rausgehen«, »Einkaufen« und »Reinkommen« geschildert wird. Das haben andere auch schon gemacht, nur anders: ausladender, anstrengender, experimenteller. Das St. Galler Tageblatt lobte 2004 in der Rezension des Buches Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch ganz generell Stauffers »Blick fürs unerhört Banale, fürs Groteske des Gewöhnlichen, diesen Wille zur radikal reduzierten Sprache« und dass es »nur wörtliche Bedeutung: keine Leerstellen, kein Geheimnis, nur dieses knochentrockene Konkrete« gebe. Genau das lobe ich mir auch. In höchsten und in tiefsten Tönen, in mittleren Lagen und auch dreidimensional vierlagig. Und doch beschleicht mich bei allem Lob, dem ich mich mindestens anschließen möchte, etwas Ungewisses. Vielleicht zu Unrecht ... vielleicht aus purer Lust, der Selbstverständlichkeit dieser Euphorie ein bisschen Sand ins Getriebe zu streuen. Auf dass es ein wenig knirscht in der allzu freudigen Auf- und Annahme beim Umgang mit dem Spaß an der allgemeinen Verzweiflung. Denn, so empfiehlt Marcel Oliver höchstpersönlich: »Jeder Anhänger hat ein Empfinden für Echtheit. Er braucht und sucht Nähe in einer Gemeinschaft. Man muss jeden ernst nehmen, so wie er ist. Ich erwarte keine Verbiegung.«
Carsten Klook

Kollektives Glück im Regen, AZ
Michael Stauffer der produktive Jungautor hat mit «Normal» sein drittes Buch geschrieben und mit «Bancomat» ein weiteres Hörspiel inszeniert. Es ist ein elementares Thema, das Michael Stauffer umtreibt, seit er literarisch tätig ist: das Leben an sich. Ob als Hörspiel-, Prosa- oder Theaterautor und Performer (etwa in der Mundartcombo «Bern ist überall»): Stauffer reibt sich mit seinen zeitkritischen Texten immer wieder an der Normalität des Alltags und der vorherrschenden Befindlichkeit unserer Zeit. Was er mit analytischem Ernst und oftmals satirischer Verve erfasst, verrät freilich auch den Sinn für eigenwilligen Sprachwitz, der sich blosser Humorigkeit meist verweigert. «Ich begreife von diesem Leben wenig. Ich nehme nur daran teil, weil mir nichts Besseres einfällt.» Mit diesem Bekenntnis outet sich im Hörspieldebüt «Gartenproletarier» (2001) unverfroren eine typische Stauffer-Figur, die mit Ich-Botschaften zuhauf hausiert. Auch Stauffer selbst gibt sich nicht nur auf seiner Homepage (www.dichterstauffer.ch) als selbstbewusst auftretender Autor zu erkennen, der nun den schmalen Prosaband «Normal» vorlegt: 39 Kurzkapitel unterstreichen sein Flair für subversive Ironie. Stauffers Protagonist nennt sich Marcel Oliver und nimmt sein Dasein ohne Job gelassen: «Arbeiten wie jeder, das ist keine Qualifikation!» Beschäftigungslos ist er ohnehin nicht. Tägliche Spaziergänge führen ihn in einen Park, wo er sich Eintopfgerichte überlegt und angeblich mal Tieren, dann Menschen hilft, aber lieber nichts Genaues denkt, zumal die Erkenntnis drückt: «Es ist ernüchternd, wenn man alles versteht.» Einiges begriffen hat er gleichwohl. So ist ihm nicht verborgen geblieben, dass die Welt voller Gelegenheiten ist, um Erfolg zu haben. Zum Beispiel mit dem Auf- und Ausbau einer Ich-AG, die seiner ausgeprägten «Wasserfühligkeit» entgegenkommt. Warum sich also nicht auf ein professionialisiertes Ritual verlegen, das eher ehrgeizarme und orientierungslose Zeitgenossen anspricht und deren spirituelles Erwachen beflügelt. Konkret geht es um das beglückende Kollektiverlebnis des unentbehrlichen Wasserlassens auf einer Waldlichtung im Regen, dem sich bald 3500 Mitglieder der «Vereinigung für Normales Glück» widmen. Stauffer schildert dieses abenteuerliche Resultat einer produktiven Verweigerungshaltung mit schnörkellos verknappten Worten. Nicht weniger lakonisch und wie nebenbei zur Sprache kommt da das auch für Marcel Oliver nicht ganz unerhebliche 8. Weltwunder: «Noch nie war es so einfach, so viel Gewinn bei sinkenden Lohnkosten zu machen.»
Unheimlich normal, Penderzeitung „heute"
Ein Mann, der sein zweites Buch «Haus gebaut,Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arsch loch. Du bist ein Arschloch.» nennt, muss einfach schreiben können. Michael Stauffers schmaler dritter Band nimmt sich denn auch so elegant wie ronisch der gesellschaftspolitischen Thematik der Arbeitslosigkeit an und wirft mit leichter Hand Fragen auf, die heutzutage viel zu selten gestellt werden. Warum soll überhaupt Arbeit das einzig Glücklichmachende sein? Hauptfigur Marcel Oliver ist in seiner Beschäftigungslosigkeit eigentlich so richtig zufrieden.Er erinnert uns alle daran,dass die gesellschaftliche Konvention der Definition des individuellen Status durch Arbeit eine neuere Erscheinung ist.Nur 60 bis 70 Jahre zurückgedacht, und Arbeit war für arme Leute. Gesellschaftlich Höherstehende fanden überhaupt nichts dabei, die Zeit mittels so hirnlosen Beschäftigungen wie Bridge-Spielen an sich vorbeiziehen zu lassen. Dass also alle Welt rund um Marcel meint,ihm gut zureden zu müssen, dass jedermann annimmt, ihm müsse es psychisch schlecht gehen,empfindet er als Rätsel. Eher aus Genervtheit über die ihn missverste- hende Umwelt ergibt sich dann aber doch etwas anderes in Marcels Leben: Er gründet eine Sekte, die an Surrealität kaum zu übertreffen ist. Super-Buch, und die Sätze sind erst noch schön."
Schöne Kunst des Kunstlosen: Das neue Buch von Michael Stauffer, DER BUND
«Normal» heisst Michael Stauffers drittes Prosawerk. Es bringt das Dasein eines Tunichtguts zum Strahlen. Und sabotiert die Sprachblähungen der Gegenwart. Was tut einer, der nichts zu tun hat? Er nimmt einen Schokoladeriegel in den Mund und wartet, bis die Masse weich und weggeschmolzen ist. Er setzt sich in einen Park und überlegt sich Eintopfvarianten, «Weisskohl und Schweinefleisch, Rotkohl und Apfelmus, Grünkohl mit Schaf, Siedfleisch mit Kohlrüben». Er versucht, durch «Gedankenkraft» Laub an «interessanten Stellen» niedersegeln zu lassen; «schön sind Ahornblätter auf Männerglatzen». Er steckt zwei Finger in die Nasenlöcher eines Schweins und zieht sie zurück, «die Finger sind warm und sauber». Michael Stauffer hat sein drittes Buch geschrieben. Und schenkt uns weitere tolle Ideen, was man alles anstellen könnte, wenn man nicht pausenlos mit Arbeit und Einkauf und Freizeit beschäftigt wäre. Der Bieler Autor - Erzähler, Dramatiker, Hörspielschreiber und Aktivist in mehreren Mundarten - ist ein Spezialist für Tunichtgute. Nach dem Dichter mit der Hauswartsseele im ersten Buch und der entliebten Frau im zweiten ist es diesmal ein Arbeitsloser, den er in knappen Ich-Notizen aus seinem Alltag erzählen lässt. «Es geht nicht darum, etwas zu tun, das nützt, sondern es geht darum, etwas zu tun, das geschieht», erklärt der Mann, der sich Marcel nennt. Ungeheuer lapidare Sätze Ehrgeiz ist ihm so fremd wie Langeweile, und so richtet er sich auf einem Existenzminimum ein, wo ihn nur die Fragen des Arbeitsvermittlers stören und die Anrufe der Angehörigen, die sich um ihn sorgen. Doch dafür ist wirklich kein Anlass: Stauffers Held tut nichts, will nichts, braucht nichts und ist glücklich - ein Affront für eine Gegenwart, die den Willen zum Erfolg und die Lust aufs Neue zur Bürgerpflicht erklärt. «Es gibt nur zwei Möglichkeiten», weiss unser Totalverweigerer: «sich den Herausforderungen stellen oder sie nicht annehmen! Beides ist einfach.» Auf dem Existenzminimum funktioniert auch Stauffers Sprache. Und diesmal vielleicht sogar am besten. Anders als früher beschwert er dieses Prosastück weder mit satirischen Nummern noch mit dem Rückblick auf eine unglückliche Liebe - hier hat ein kunstloses Dasein seinen kunstlosen Ausdruck gefunden. Stauffer verknappt seine Sprache ins Äusserste und lässt nur Wörtlichkeiten stehen, Handgreiflichkeiten, radikale Einfachheiten. Wo sich unser Alltag aufbläht mit Superlativen, mit Erlebnis- und Reklamewörtern, da lassen ihm seine ungeheuer lapidaren Sätze die Luft ab. «Es ist wichtig, dass man sich Gedanken macht und diese dann richtig anwendet», sagt Marcel beispielsweise. Oder: «Das Wetter beeinflusst meine Parkbesuche nicht.» Hallenbad statt Hamsterrad Wer will, kann dieses Buch politisch lesen. Unter den 39 Kürzestkapiteln findet sich auch eines mit dem Titel «Ökonomie, ich weiss nicht wie», und darin erklärt der Arbeitslose seinem Vermittler das «8. Weltwunder»: Wie die Wirtschaft ihre letzte Wachstumsmöglichkeit in der Abschaffung von Arbeitsplätzen entdeckt hat. Doch weiter trägt sie nicht, die explizite Zeitkritik. Viel mehr fasziniert an diesem Buch, was es der Gegenwart literarisch entgegenzusetzen hat - die ganze Macht der Lakonie, den trockenen Humor, die Freuden des Banalen und die Logik eines Zeitgenossen, der das Hallenbad dem Hamsterrad von Konsum und Karriere vorzieht und am liebsten so lang im Wasser bleibt, bis seine Haut weiss ist wie der Fugenkitt. Hier liegt die Sprengkraft dieser 80 Seiten. Umso mehr, als Marcel aus seinen vielen Untätigkeiten eine Geschäftsidee entwickelt: Er gründet eine Sekte, deren Mitglieder sehr viel trinken, bevor sie sich auf einer Waldlichtung in den Regen stellen und warten, «bis die Blase sich entleert». Die Idee rentiert: «Die Vereinigung Marcel Oliver für Normales Glück zählt heute 3500 Mitglieder, und ich frage mich, was ich als Nächstes tun könnte.» Der Leser seinerseits - er nimmt als Nächstes dieses Bändchen gern erneut zur Hand. Weil hier das Gewöhnliche so schön leuchtet.

Roses

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2005
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ISBN 3-7212-0600-2
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Preis: CHF 55.00


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Roses

Ein Künstlerbuch von Françoise und Daniel Cartier.
Mit Texten von Martin Gasser, Michael Stauffer und Sylvie Henguely 

Preis: CHF 55.00
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Roses
Roses
«Roses» ist die zentrale Werkgruppe der Künstler Françoise und Daniel Cartier, die seit 1998 geschaffen wurde. Sie besteht aus Serien von Fotogrammen, die nur durch die Wirkung von Sonnenlicht auf fotografischem Papier, auf dem die Künstler bewusst gesuchte objets trouvés platziert haben, entstanden sind. Françoise und Daniel Cartier kombinieren in ihren Fotogrammen, nota bene alles Unikate, eine archaische fotografische Technik mit Objekten, die eng mit dem zeitgenössischen Leben und der modernen Konsumwelt verbunden sind: Büstenhalter, Slips, Puppenkleider, Modeschmuck, Taschentücher oder Badekappen einerseits; Skelettpuppen, Röntgenbilder, Haarkringel oder Muscheln andererseits. «Roses» ist ein frei gestaltetes Künstlerbuch, das auch an das fotografische und installative Werk des Künstlerpaars anknüpft. Der Schweizer Schriftsteller Michael Stauffer schrieb eigens für diese Publikation Texte, die mit der Bildfolge verwoben eine neue Ebene der Wahrnehmung schaffen. Mit einer Einleitung von Martin Gasser (Hrsg.) und einem Textbeitrag von Sylvie Henguely.

Globus Cassus

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2004
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ISBN 3-03778-045-2
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Preis: CHF 30.00


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Globus Cassus

Der Schweizer Beitrag zur internationalen Architekturbiennale 2004 in Venedig. Mit Texten von Boris Groys, Claude Lichtenstein, Michael Stauffer und Christian Waldvogel. 

Preis: CHF 30.00
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Globus Cassus
Globus Cassus
The rapidly increasing population notice that their planet will soon be too small. The Earth is dismantled to provide building material. This is taken away to create Globus Cassus, a new, much bigger habitat, thought out from scratch. With essays by Boris Groys, Claude Lichtenstein and Michael Stauffer. The Swiss contribution to the international Biennale of Architecture 2004 in Venice.

Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch.

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2003
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ISBN 3-905591-66-9
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Preis: CHF 20.00


Preis: CHF 20.00
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Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch.

Haus gebaut,
Kind gezeugt,
Baum gepflanzt.
So lebt ein Arschloch.
Du bist ein Arschloch.

 

Inhaltsverzeichnis

1    Es ist immer die Frau, die liebt.
2    Ich prüfe meine Beziehungstauglichkeit.
3    Es wird jetzt alles anders.
4    Du bleibst in meiner Erinnerung.
5    Ich habe dich nach dem zweiten Treffen durch-
schaut.
6    Neu ist alles toll.
7    Ich sollte auswandern.
8    Ich gehe in eine Bar.
9    Die Therapie nützt nichts. 
10    Ich habe gedacht, jetzt bin ich schwanger.
11    Karriere begleiten.
12    Nach dem Urlaub.
13    Die Narbengeschichte bewährt sich, um Männer 
kennenzulernen.
14    Das Kind träumt während 100% seines Schlafes.
15    Ich mag fremde Kinder.
16    Meine Mutter war oft krank.
17    Du wolltest dich von mir trennen. 
18    Ich hatte genaue Vorstellungen vom Ideal.
19    Anstiftung zum Selbstmord.
20    Für meine romantischen Momente schalte ich 
den Backofen ein.
21    Briefe an dich.
22    Seit ich dich hasse, siehst du hässlich aus.
23    Ich brauche eine neue Tätigkeit.
24    Ich mache eine Ausbildung.
25    Mit der Liebe gehe ich weniger dumm um.
26    Allein wohnen ist einsam.
27    Ich bastle Voodoopuppen.
28    Aus der Erfahrung lerne ich.
29    Du hast gute Ausreden.
30    Die Planung des Lebens ist vollständig misslun-
gen.
31    Meine Mutter ist ohne lange Krankheitsgeschich-
te gestorben.
32    Das muss so sein, habe ich gedacht.
33    Du redest mich in den Schlaf, weil ich nicht ein-
schlafen kann.
34    Ich sitze die ganze Nacht wach am Fenster.
35    Ich habe dich angemalt.
36    Ich nehme mein Leben richtig in die Hand.


1
Ein Mann liebt eine Frau. Das ist grundsätzlich und sowieso eine falsche Annahme. Es ist immer die Frau, die liebt. Du liebst mich. Das ist falsch. Ich liebe dich. Es ist immer die Frau, die liebt. Der Mann liebt permanent andere Frauen mit dazu. Du liebst andere Frauen dazu. Der Mann will die ganze Welt umarmen. Als Ausrede, damit in dieser Umarmung alle Platz finden, die er angeblich liebt. Der Mann sucht sich eine ihn inspirierende Frau, die er lieben möchte. Du suchst eine, die dich inspiriert. Wieder eine Fehlannahme. Der Mann merkt, dass es diese Kombination nicht gibt, Liebe – Inspiration. Aha. Du merkst, dass es das nicht gibt. Aha. Klug. Und irgendwann folgt die Erkenntnis. So lange es stimmt, ist es Liebe. 
So lange es stimmt, sieht es aus wie Liebe. Und danach wird es sehr schnell unerträglich. Und auch sehr schnell hell. 

2
Ich sorge vor. Ich blättere in einer Zeitschrift und finde einen Partnerschaftstest. Ich löse den Test, damit ich weiss, ob du mein Partner sein könntest. Und ob ich zu dir passe. Und ob ich attraktiv bin, für andere. Und ob ich generell überhaupt einen Partner finden muss. Ob das zu mir passt.
Die erste Frage in diesem Test lautet: Können Sie leiden? Meine Antwort ist: Ja. Die zweite Frage lautet: Macht es Ihnen etwas aus, wenn Sie abgelehnt werden? Ja. Dritte Frage: Können Sie Gesellschaftsspiele spielen? Ja. Aber nicht zu lange und nicht mit allen. Und wie gesagt, nicht lang, nur ein paar Minuten. Vierte Frage: Gesellschaftsspiele spielen wollen? Nein, ich käme nie auf die Idee, das zu tun. Fünfte Frage: Beherrschen Sie den Einzelkampf? Ja. Die sechste Frage beantworte ich nicht. Siebte Frage: Was ist Zertapferung? Keine Ahnung. Dann folgen einige komplexere Fragen: Was denkt der König, wenn er seine Frau küsst? Das kommt auf den Moment an und auch auf den Ort, wo er sie küsst. Ob draussen oder drinnen. Es folgt noch eine komplexe Frage: Beschreiben sie eine typische Mann-Frau-Situation, in der das Wort Mund vorkommt. Der Mann führt seinen Mund dem der Frau zu. Die Frau denkt an ihren Mund und weicht dem Mund des Mannes aus. Oder mir fällt eine andere Mann-Frau-Situation ein: Der Mann streckt seiner Frau die Zunge raus. Statt in ihren Mund. Dass dieser Test in dieser Zeitschrift zuverlässig ist, davon gehe ich aus. Psychologisch ist dieser Test auf dem aktuellsten Stand der Forschung. Die Auswertung des Tests ergibt, dass ich eine liebenswerte Partnerin bin. Ich denke mich ein, fühle mit, bringe meine eigenen Ideen in die Beziehung ein, aber nicht um jeden Preis. Der Test sagt auch, dass ich alle Schlüsselqualifikationen habe, die es für eine erfolgreiche Partnerschaft braucht. 
Über dich sagt der Test nichts aus. Ich frage mich, ob meine Antwort auf die Frage, was denkt der König, wenn er seine Frau küsst, nicht auch anders hätte lauten können. Wenn ich etwas anderes hingeschrieben hätte? Ich hätte schreiben können, der König kommt nicht zum Küssen, weil seine Frau ihn nur anschaut und sagt, wer bist du, bist du wer? Wenn der König seine Frau küsst, denkt er nichts, weil sie ja seine Frau ist und er sie liebt und also nichts mehr zu denken braucht, sondern sie einfach nur bedingungslos liebt. Und eben auch küsst. Das hätte vielleicht zu einer anderen Auswertung geführt, wenn ich das hingeschrieben hätte. 

Preis: CHF 20.00
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Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch.
Michael Stauffer: Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt, Riehener Zeitung
Ist dieses knapp sechzigseitige Büchlein aus Urs Engelers wagemutigem Kleinverlag eine Erzählung mit 36 Kapiteln oder sind es 36 Erzählungen, die alle von der gleichen Beziehung handeln, oder geht es am Ende gar um 36 verschiedene Beziehungen zwischen ebenso vielen Männern und Frauen? Ich habe mich entschieden, die Texte als 36 weibliche Monologe, in denen nicht nur von Enttäuschung und Illusionsverlust die Rede ist, sondern auch von Gefühlsduselei («Deine emphatische Scheisse funktioniert nicht»), Liebesverlust, Verrat, Trennung – schliesslich auch der endgültigen: «Es komme ab und zu vor, dass Männer im besten Alter am Morgen nicht mehr aufstehen. Herzinfarkt ...» Stauffer versteht es, seiner Frauengestalt (ich gehe jetzt davon aus, dass es sich um eine Figur handelt, die stellvertretend für unterschiedliche für unterschiedliche Geschlechtsgenossinnen steht) jeweils mit wenigen Worten widerborstiges, selbstironisches, anspruchsvoll selbstbewusstes Profil zu verleihen. Diese Frau sieht sich selbst weder als besonders erfolgreich noch als überwältigend attraktiv. Dennoch vernascht sie die Männer reihenweise: «Ich stopfe eine Kirsche in den Mund. Ich spucke den Kirschkern auf den Boden, dann stopfe ich gleich die nächste Kirsche in den Mund.» Illusionslos denkt sie über die Liebe: «Solange es stimmt, sieht es aus wie Liebe. Und danach wird es sehr schnell unerträglich.» Gereizt reagiert sie auf Krankheit und Schwangerschaft: «Ich will nichts Fremdes in meinem Bauch.» Zwischendurch höhnt sie über «die grosse Therapiescheisse» ebenso wie über das, was gemeinhin als Höhepunkt einer Beziehung angesehen wird: «Du kommst, fickst mich und merkst nicht, dass mir nur um eine nette Abwechslung geht.» Weniger Kontur gewinnen naturgemäss die Männer; sie bleiben Sportler oder Barkeeper, Macho oder Muttersöhnchen, päderastisch veranlagte «Philosophen» oder egomanische Gigolos. Stauffers 36 Texte sind keine Puzzleteile, die sich unter grosser Mühe zu einem fertigen Bild zusammensetzen lassen. Eher könnte man sie mit den Glitzerstäbchen eines Kaleidoskops vergleichen – jedes Mal, wenn man sie schüttelt, ergeben sie eine neues Muster. Das klingt vielleicht ein wenig nach blutleerer Artistik, doch Stauffers Sprache ist dermassen lebendig und unverklemmt, dass man das Büchlein gerne immer wieder mal zu Hand nimmt, um in einzelnen Texten neue Aspekte zu entdecken.
sandammeer.at
Eine Unzahl von Büchern beschäftigt sich mit Liebe, Partnerschaft, Eifersüchteleien, Seitensprüngen, Seelenverwandtschaft, Ehekrieg und sonstigen Gemeinplätzen, wie sie zwischen Mann und Frau auftreten können. Das ganze Leben ist ja insgeheim von diesen Gemeinplätzen durchdrungen. Doch die Bücher vereinfachen das System beträchtlich. Zwischen zwei Buchdeckeln werden Myriaden von oberflächlichen Konzeptionen gesponnen, durch die nur selten tieferschürfende Betrachtungsweisen hindurchschimmern. Ja, der Mensch sehnt sich danach, für voll genommen zu werden. Und wo mag dies deutlicher werden als in Liebesdingen? Ein weites Feld kann abgegrast werden. Tolstoj schrieb darüber Tausende Seiten. Kafka baute in seine Romane und Erzählungen unheimliche Schattierungen ein, die Frauenbilder in die Realität projizierten. Michael Stauffer hat jedoch etwas vollbracht, was derart ungewöhnlich ist, dass die Frage zu stellen wäre, ob eine derartige Konzeption überhaupt schon mal literarisch verwertet wurde: Er schildert aus der Sicht einer Frau jene Gedanken, die dort ansetzen, wo der Mann glaubt, alles getan zu haben, worum es im Leben geht. Und er tut dies auf eine Weise, die zu denken gibt. Was ist noch zu machen, wenn die eigentlichen Lebenskonzeptionen "erfüllt" wurden? Ganz lapidar geschrieben: Ein oder mehrere Kindchen sind gezeugt, ein Häuschen ist gebaut, ein oder mehrere Wägelchen stehen in der Garage, ein sicherer, lukrativer Job ist an Land gezogen, und ein Bäumchen ist gepflanzt. Es ist nicht dieses bekannte Sprichwort, durch das die Magie des zu besprechenden Büchleins beschrieben sein mag, sondern der Untertitel: "So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch", der an jene Dinge gemahnt, die meist nur angedeutet und verschüttet sind. Es ist alles getan, meint der Mann. Er kann sich zurückziehen und auf seine Freiheiten bestehen. Nunmehr hat er endlich die Ruhe, den wesentlichen Dingen des Lebens zu frönen. Wenn die Gene verstreut und weitergegeben sind, wenn das Häuschen steht und die Einrichtung halbwegs passt, und selbst eine Urlaubsreise samt Familie nach Kanada leistbar ist, lacht das Herz des Familienvaters, und er kann seiner Geliebten ohne Angst die Aufwartung machen. Dieses Spiel der Lebenskonzeptionen, die so dünn und zynisch sind wie etwa jene von Dieter Bohlen, wenn er "die Naddel durch kein Öhrchen" mehr bringt, und Estefania als seinen prunkvollen Besitz betrachtet, ist allzu oft Realität. Und da zieht also Einer aus, diese banale Realität aufzudröseln und die Wahrheiten ans Licht zu bringen, von denen heutzutage nur die wenigsten Männer hören wollen. Ach, es gibt sie also, die Wertigkeiten abseits familienpolitischer Sinnentfremdungen? Eine Frau sieht rot und speit diesem miesen, verlogenen Leben ins Gesicht, das ihr Mann stets zu kontrollieren glaubte. Sie macht nicht mehr mit, sie wehrt sich mit Händen und Füßen, sie liest dem Kerl die Leviten. Selbstverständlich fühlt sich der Wiener an das Liedchen "Deine Mutter" von Rainhard Fendrich erinnert, wo die Zeile vom netten jungen Mann, bei dem übersehen wurde, dass er eigentlich ein Arschloch sei, zum Radikalsten gehört, was der Barde je gedichtet hat. Ja, dieses Arschloch nimmt sich allerlei Freiheiten heraus, die nie und nimmer akzeptiert werden dürften. Und doch spielen alle mit, und dann kommt es zu diesen absurden Familien, in denen überhaupt nichts stimmt und nach außen hin schön der Schein gewahrt bleibt. Michael Stauffer gibt einer enttäuschten, verstörten Frau den Raum, in dem sie ihrem Ärger Luft verschaffen kann. Sie will es nicht mehr länger hinnehmen, nur über den Mann definiert zu werden und nichts Eigenes aufbauen zu können. Der Mann baut das Häuschen, zeugt das Kindchen und pflanzt das Bäumchen. So lebt also dieses Arschloch, und so war dieses Arschloch immer. Die Emanzipation schlägt wild um sich. Doch immer noch existieren Lebenslügen, die ins Grab mitgenommen werden. Dagegen ist dieses Manifest gerichtet. Ein Arschloch ist und bleibt ein Arschloch; daran ändert auch ein bisschen Häuselbauerei und Genverstreuung nichts. Selbst ist die Frau: Sie hat die Möglichkeit, zu hinterfragen und jene Wand zu durchbrechen, hinter der das pralle Leben auf sie wartet. Jede Frau, die guten Willens ist, kann es schaffen, dem Irrsinn zu entgehen und sich das Leben nicht verniedlichen und zerstören zu lassen. Solange der Mann nur in Konzeptionen denkt, die er für richtig hält, ist er beschäftigt. In dem Moment, wo das "Notwendige" bewerkstelligt ist, fängt die Misere an, da der Selbstbetrug wie ein blitzblanker Mercedes offensichtlich ist. Anstatt dieses Ding in die Waschanlage zu stecken, auf dass Tag für Tag der Materialismus brav hochgelobt wird, sollte sich der Kerl mal im Sinne einer ehrlichen Selbstreflexion den Schlamm ins Gesicht schmieren. Die Frau in Michael Stauffers Büchlein tut dies stellvertretend für beide. Doch wann fängt das Arschloch an, selbst zu reflektieren und hört auf, in stumpfsinnigen Kategorien zu denken, in denen alles außer der eigenen Schwächen und Fehlbarkeiten kontrolliert wird? Michael Stauffer über sich: "Ich wurde am 20. Juli 1972 um 14.55 Uhr in Winterthur, im Kanton Zürich, geboren. In Frauenfeld besuchte ich: Spielgruppe, Kindergarten, Volksschule, Gymnasium, Blockflötenunterricht, Schönschreibkurse, Jugendriege, Jugendmusikkorps. In Bern besuchte ich die Uni und studierte Deutsch, Französisch und Bildnerisches Gestalten. Ich schloss die Studien mit dem Lehramt für diese drei Fächer ab. Danach habe ich an einer Berufsschule Coiffeusen, Polymechanikern und Bäcker/Konditoren in einem Teilpensum Allgemeinbildung vermittelt. Seit 1999 schreibe ich ausschließlich. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, zusätzlich Theaterstücke, Hörspiele, Hörperformances, Musik und sonstige Kunst."
Ein Ich aus lauter Attitüden, St. Galler Tagblatt
Vor dem Harry-Potter-Syndrom braucht man sich bei Michael Stauffer nicht zu fürchten: vor Kopf- und Nackenschmerzen, tagelang - jenen Beschwerden, die ein amerikanischer Arzt bei minderjährigen Patienten feststellte nach anhaltendem Konsum von Joanne Rowlings aktuellem Doppelpfünder. Stauffers neues Buch wiegt bloss 140 Gramm auf knapp 60 Seiten: kein Gesundheitsrisiko. Dabei war schon sein Prosadebüt 2001 nur 20 Seiten dicker. Doch damit setzte dieser Autor eine Duftmarke in der jungen Schweizer Literatur: «I promise when the sun comes up I promise I'll be true» war ein hirnrissiges System aus Notizen und Fussnoten, das Tagebuch einer Hauswartsseele, die ihre Tage damit zubringt, Jagd auf die Schwäne am See zu machen und die Staublandschaften im Zimmer zu beobachten. Mit dem Stethoskop Jetzt heisst es: «Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch», und der Zweitling ist noch dünner geraten, aber auch konsequenter darin, was Stauffers Prosa so spannend macht: dieser Blick fürs unerhört Banale, fürs Groteske des Gewöhnlichen. Und dieser Wille zu einer radikal reduzierten Sprache. Mit ihr gelingen ihm Sätze von betörender Sprödheit: «Um in eine romantische Stimmung zu geraten, schalte ich den Backofen an. Das Licht im Backofen wird vom Backofenventilator in den Raum geweht.» So gibt es in diesem Buch nur wörtliche Bedeutung: keine Leerstellen, kein Geheimnis, nur dieses knochentrockene Konkrete. Was daran spannend ist? Vielleicht, dass die Dinge so in eine Art Nullzustand gelangen und erscheinen wie zum ersten Mal gesagt, gesehen, gefühlt. Stauffers Sprache ist wie ein Stethoskop auf der Oberfläche der Welt. Ein Lifestyle-Ego Beim tagebuchartigen Ich-Monolog ist er geblieben - diesmal ist Ich eine Frau: Sie rekapituliert Anfang und Scheitern einer Liebe, hasst alles an ihrem Ex - beschäftigt sich aber vor allem manisch mit sich selbst. Verfolgt die Veränderung der Narbe auf ihrem Bauch. Macht Partnerschaftstests in Illustrierten. Lässt sich zur Fahrlehrerin ausbilden (und will einen Fahrschüler im Wald mit dem Kofferraumdeckel entmannen). Kennt sich aus mit «Bodytoning, Body-Forming, Power-Yoga, Fit-Box, Mixed Aerobic». Erklärt, warum ihre Handtasche B5-Format hat und warum B4 nie für sie in Frage käme. Und sagt: «Ich mag Pflanzen, weil sie langsam wachsen. Weil ich eingreifen kann, wenn sie sich falsch entwickeln. In die falsche Richtung beispielsweise. Deshalb mag ich Pflanzen.» Eine richtige Geschichte einer Liebe ist das nicht, so wenig wie diese Frau eine richtige Person ist: eher ein An- und Ausprobieren persönlicher Haltungen, die zu einer Liebe passen könnten. Stauffer hat sich umgesehen im Katalog der Selbstverwirklichungs-Angebote, aus lauter solchen Attitüden trägt er sein Ich zusammen und macht die Heftli-Psychologie zu dessen Muttersprache: «Diese unklare Gefühlslage hat die Beziehung zu dir unnötig verlängert.» Entweder - oder Stauffer tut das nicht wie ein Satiriker. Er benutzt den Jargon, ohne ihn zu denunzieren, und lässt ihn so ins Leere laufen: Die übersteigerte Selbstbeobachtung, das unablässige Sich-selbst-sein-Wollen - das führt nirgends hin. Denn im Supermarkt des billigen Bewusstseins gibt es so viel Selbst, dass an Selbstverwirklichung nicht mehr zu denken ist. Dieses Ich ist ein Autist, es gleicht dem modernen Konsumenten, der alles hat und alles will und doch nicht weiss wozu. Stauffer bleibt dabei ganz undramatisch. Und ganz zum Schluss des Selbstgesprächs gibt er seinem Ich, ohne dass es sich irgendwohin entwickelt hätte, noch diesen einen Satz: «Entweder man liebt jemanden oder nicht.» Die Einsicht ist so mager, wie dieses Werk dünn ist. Tatsächlich kein Ratgeber in Sachen Liebe. Dafür ein Buch, das man mehrmals lesen kann.
Zum Schreiben komisch, Die Weltwoche
Dem Winterthurer Theaterautor Michael Stauffer gelingt eine subversive, ja terroristische Prosa - gnadenlos, boshaft, liebevoll, kauzig. Dieses Buch ist eine Zumutung. Schmal, wie es ist, versammelt es eine Vielzahl von Sätzen, die so unverschämt gut sind, dass man sie kaum aushält. Sätze, die wie Geisselhiebe auf einen niedergehen, stehen neben Sätzen, die zum Schreien komisch sind. Weshalb viele dieser Sätze kaum auszuhalten sind? Weil sie den Schmerz und die Verletzung verhandeln, die das Leben mit sich bringt - dies freilich mit atemberaubender Sprachfreude und hinterhältigem Humor. Michael Stauffer, 1972 in Winterthur geboren, ist zweifellos der radikalste und beste Autor jener jungen Schriftstellergeneration, die mit selbstbewusster Vehemenz auf den Markt drängt. Während viele dieser Autoren nicht mehr zu bieten haben als aufgesetzte Posen und Sprachspielereien, treibt Stauffer seine Arbeit rigoros an einen Ort, an dem ein ganz anderer Wind weht: der kalte, strenge Wind der Sprach- und Erkenntniskritik. Wer einzig das Metermass der Realität an diesen Text anlegt, wird zu falschen Resultaten kommen: Dieser Text ist zwar der Realität abgetrotzt und abgeschaut, funktioniert aber dennoch innerhalb eines eigenen Koordinatensystems. Die Frau, die hier in 36 Anläufen ihre Stimme erhebt, ist derart eigen und einsam, dass sie auf einem eigenen Planeten lebt. «Isolation», dies das Verdikt, das als Schatten über dem Text steht und ihn mit dunkler Poesie grundiert. Was hinter der Rede der Frau aufscheint, ist das Grauen, das hinter jedem Alltag droht, der Irrsinn einer Normalität, die oft genug nur durch Konventionen zusammengehalten wird. Die Waffen, mit denen der Autor diesem Grauen zu Leibe rückt, sind lapidare Lakonie, Präzision und eine Komik, die der Verzweiflung geschuldet ist. Mann + Frau = Verzweiflung Die Rede von Stauffers Heldin entwickelt sich aus sich selbst, ein Wort gebiert das nächste, ein Satz löst den nächsten Satz, ein Gedankengang den nächsten Gedankengang aus. Dennoch ist der Text alles andere denn ein selbstreferentielles Spielchen, das sinnlos um sich selber kreist. Dazu ist das Thema, das verhandelt wird, zu ernsthaft. Immerhin geht es um nichts Geringeres als das Zusammenleben von Mann und Frau - und eben die Verzweiflung darüber, dass dies so elend schwierig ist. Die Frau, der Stauffer eine Stimme verleiht, spricht aus, was als endloser Gedankenstrom durch ihr Bewusstsein zieht. Gnadenlos, boshaft, liebevoll, kauzig. «Ich muss alles auf den Tisch legen. Ich kann nicht anders. Ich liebte dich, so weit ist es klar. Aus der Liebe ist mit der Zeit Hass geworden.» Mit dem Mann, den die Frau anspricht, mit diesem Mann ist sie nicht mehr zusammen. Sie redet ihm also hinterher, redet ins Nichts, er wird sie schliesslich nicht hören, wird sie nicht erhören. Sie redet auch, um sich ihrer selbst zu versichern, um am Leben zu bleiben. Ich rede, also bin ich. Und so etabliert sich die Sprache mehr und mehr als Movens und Agens dieses grossen Büchleins, eine Sprache, die sich an einzelnen Worten entzünden kann und Leerläufe und Hohlformen genauso blosslegt, wie sie Nonexistentes konstituiert. Feuer der Wut und Empörung Theaterautor Stauffer versteht sich darauf, Rollenprosa zu schreiben und bis in die hintersten Gehirnwindungen seiner Figuren zu kriechen. Figuren, die durch und durch Kunstfiguren sind und auch nie vorgeben, etwas anderes zu sein. Stichworte genügen Stauffer, um die Biografie einer Frau zu skizzieren, die sich einerseits fest im heutigen Alltag verankern lässt, andererseits verschoben genug auftritt, um als flirrendes Spiegelbild über - oder neben - der Realität zu schweben. Natürlich meint es dies schmale Buch, aller Verspieltheit, aller Komik zum Trotz, bitterernst. Stauffers Witz steht im Dienste der Aufrichtigkeit. Hinter diesem Komiker, der sein Publikum mit Kapriolen unterhält, verbirgt sich ein Terrorist, der, geht es um die Dinge, die wirklich zählen, keinen Spass verträgt. Sein Schreiben wird befeuert von Wut und Empörung, und so schwelt ein moralischer Zorn zwischen den Zeilen. Aber wo andere Autoren das grosse Wehklagen und Jammern anstimmen, reagiert Michael Stauffer provozierend stoisch: Er weiss, dass subversiver Humor und Spielfreude die probateren Mittel sind, gegen die konstatierte Entfremdung anzuschreiben.
Hansjörg Schertenleib


I promise when the sun comes up, I promise I'll be true

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2003
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ISBN 3-596155-39-8
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Preis: CHF 6.00


Preis: CHF 6.00
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I promise when the sun comes up, I promise I'll be true

I promise ... (Auszug) 
Ich liege auf dem Rücken und schlafe. Es kommt überhaupt nicht darauf an, wo ich schlafe. Es geht darum, dass ich auf dem Rücken liege. Und zwar liege ich konsequent immer auf dem Rücken. Egal wo ich liege. Mein Weltverständnis ist viel besser, wenn ich auf dem Rücken liege. Ich begreife so mehr vom Universum. Das können die wenigsten1 Menschen. Viele liegen auf der Seite und drehen sich pro Nacht unzählige Male um. Auf dem Rücken liegen. Das ist das höchste. Ruhig auf dem Rücken liegen und dabei keine Schlafgeräusche entstehen lassen.2 Vor dem Einschlafen lese ich in einem Mondobuch. Mondobücher benütze ich auch, wenn ich krank bin. Ich blättere dann stundenlang darin herum. Ich lese: Murmeltiere in der Schweiz. Ich finde Murmeltiere hässlich und dick. Die liegen vor ihren Löchern und pfeifen, wenn jemand auftaucht. Dann stehen sie auf, legen ihre Papiertüten mit den Erdnüssen zur Seite, rülpsen und steigen rückwärts in ihre Löcher. Alles für die Touristen.

1 Ich liege manchmal auch auf dem Rücken und kann nicht schlafen. Ich lasse mir dann Liedtitel aus dem Kirchengesangsbuch einfallen. Die klingenden Titel drücken mich ins Bett.

2 Das stört mich, wenn einer Schlafgeräusche von sich gibt. Wenn einer in meiner Nähe schnarcht oder stöhnt oder lallt, dann hau ich dem eine runter. Mehrmals pro Nacht. Am nächsten Tag frage ich besorgt, ob er gut geschlafen habe. Ähnlich nervös machen mich Essnebengeräusche. Wenn einer schmatzt oder wenn ein Geräusch hörbar ist, das tönt, als ob Meerschweinchen ihre Körner fressen, stehe ich auf, stosse beim Aufstehen so stark am Tisch an, dass mindestens ein Glas umkippt, dann remple ich beim Davongehen den Schmatzer an und hoffe dass der sich die Gabel ins Zahnfleisch stösst. Wenn eine Kuh beim Fressen schnaubt, kümmert mich das nicht. Bei Menschen kenne ich keine Nachsicht. Das einzige Geräusch, das ich akzeptiere: Wenn einer vor dem Pissoir steht, sich erleichtert und zusätzlich zum gelben Strahl, durch die etwas angespannte Körperhaltung sich ein Furz löst, akzeptiere ich das. Gefurze von stehenden, pissenden Herren, da mache ich eine Ausnahme. 

Preis: CHF 6.00
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I promise when the sun comes up, I promise I'll be true
"Die Schweiz ist ein virtuelles Land.", Frankfurter Rundschau
Anfang des Jahres ist in dem sehr feinen Baseler Verlag "Urs Engeler Editor" das erste Buch des jungen Schweizer Autors Michael Stauffer erschienen. Nachdem ich es gelesen hatte, lief ich in den Copy-Shop, kopierte das schmale Werk zwanzigmal komplett auf DIN A 3 hoch und tapezierte mit den Blättern meine Wohnung; die schönsten Sätze ließ ich auf meine Gardinen und Bettwäsche sticken. Seitdem gehe ich nur noch selten aus dem Haus: Das Buch heißt "I promise when the sun comes up, I promise I'll be true. So singt Tom Waits. Ich will auch Sänger werden", was überhaupt der schönste Buchtitel seit Peter Bichsels "Aber eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen" ist. Gerade mal 82 Seiten lang ist das Buch, aber was Michael Stauffer zu sagen hat, ist keine Literatur, sondern die Wahrheit und nichts als diese: "Ich befinde mich mitten in einer Menschenmenge, einige sind lieb." In hochgedeutschtem Schweizer Singsang berichtet der Ich-Erzähler vom Leben. Wie er als Kind im Schönschreibeunterricht Todesanzeigen verfaßte, wie er sich zu Bildungszwecken Buchtitel nebst Seitenzahl, Preis und Gewicht ausdenkt und diese herstellt: "Ich fülle Videokassetten, die aussehen wie Bücher, mit Sand [...], bis diese Bücher das von mir festgelegte Gewicht haben." Er erzählt vom Schlafen, vom Shoppen, wie er sich selbst Ansichtskarten von der Küche ins Wohnzimmer schreibt, und immer wieder, wie Schwäne getötet werden könnten und sollten. (Die werden vom vielen Füttern nämlich riesig und zu einer Bedrohung für die Gesellschaft.) Alles in allem also sehr vernünftige Dinge. Und weil es der Autor wirklich genau ninunt mit dem, was er sagt, gibt es beinahe zu jedem Satz eine Fußnote, was die Dauer des Lesens verlängert - und das ist auch gut so. Auf dem Klappentext schreibt Michael Stauffer: "Es ist mir ernst mit dieser Geschichte. Es ist die erste Geschichte, die ich ganz erzählen werde, vollständig darbieten will, ohne Zögern. Größtenteils war ich selbst dabei." Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer: Kaufen, lesen, glücklich werden.
Ritt über den Wörtersee, NZZ
Michael Stauffers kauzig-desperate Auslotung der Gegenwart Michael Stauffers Prosadébut gibt sich ebenso bescheiden wie spektakulär. Auf gerade einmal 82 Seiten, die dafür in 37 Kapitel und 102 Fussnoten unterteilt sind, entfaltet er ein literarisches Universum der besonderen Art. Das schmale Buch Prosa enthält nicht mehr und nicht weniger als die Bestandesaufnahme einer dichterischen Existenz. Etwas verschlampt und flegelhaft ist dieses "Ich", das sich da ausspricht. Und voller Skurrilität und Lakonie sind die Töne, die es anschlägt. Eindrücklich gelingt Stauffer das Kunststück, aus einem Haufen von gängigen Vorstellungen, die man sich vom halb verschrobenen, halb genialischen jungen Dichter macht, einen Text zu formen, der kurz und bündig ist, substanziell und voller Esprit. Wer Freude daran hat, wenn des Dichters Tun und Lassen mit dessen ureigenen Mitteln auf die Schippe genommen wird - hier kommt er auf seine Kosten. Doch der seit geraumer Zeit in Bern lebende 29-jährige Ostschweizer lässt sich nicht einfach der Jux- und Klamaukfraktion zuschlagen. Wie jeder echte Humorist betreibt Stauffer sein Metier mit gehörigem Ernst und ist, tief in seinem Innern, ein Moralist. So ist das titelgebende, beim amerikanischen Sänger Tom Waits zitierte Versprechen, "ehrlich" und "wahrhaftig" zu sein, alles andere als ein Witz. Ein Ich, das sich im Verlauf der Schlag auf Schlag folgenden Erzählsplitter als "Dichter" entpuppt, rekapituliert sein Dasein. Meist im banalen Alltagsgeschäft des "Wohnens", "Rausgehens", "Einkaufens" und "Reinkommens" sich erschöpfend, schwingt sein Ich sich gelegentlich zu überdrehten, surreal anmutenden Eskapaden auf. So bläst der Erzähler etwa zu einer furiosen Schwanenjagd: Er verflucht "den See mit seinen Schwänen", fordert deren "massive Vertreibung" und schreckt angesichts ihres "Vermehrungswahns" nicht davor zurück, den Vögeln das Brot "wegzufressen" und sie schliesslich gleich selbst zu "entsorgen". Da der Schwan seit Menschengedenken den Dichter symbolisiert, ist in diesem Treiben unschwer ein auto(r)aggressiver Akt zu erkennen. Das erzählende Ich ist freilich durch und durch Kunstfigur. In jedem Kapitelchen probiert es neue Rollen. Es schlüpft in faszinierende Minigeschichten und Legenden, räsoniert und vollführt eine kauzige (Denk-)Kapriole nach der anderen. Bald fügt es sich affirmativ in die vorgefundene Alltagswelt ein: "Überhaupt beginnen meine Körperteile sich immer besser in mein Zimmer einzufügen", bald gibt es sich burschikos-anarchisch: "Die netten Leute lösen sich in Luft auf", bald versteigt es sich und schreit zum Fenster hinaus: "Ich bin der grösste Dichter nach Max Frisch." Aufgeteilt in Episoden, findet und verliert es sich in Anmerkungen zu seinem befremdlichen Dasein. Eine essayistische Existenz? Jedenfalls lebt es - ganz buchstäblich - auf Fussnoten gegründet. Stauffers Themen ergeben das klassische Romanspektrum: Erinnerung an die Kindheit, Entwicklung, Langeweile, Liebe, Täuschung, Reflexion, Resignation. Und es ist nicht übertrieben, im Text ein spätes Echo auf Georg Lukács' berühmtes Diktum der "transzendentalen Obdachlosigkeit" zu erblicken, jener grossen Krise, die Lukács zufolge die Moderne bestimmte und sich im Roman besonders gut entfalten konnte. Stauffers Held lamentiert nämlich nicht nur, er habe "den Anschluss an die Heimat verpasst", sei quasi "ortsbehindert", sondern beklagt darüber hinaus seine "Situation des spirituellen Bankrottes". Der Autor wäre nicht auf der Höhe der Ironie unserer Zeit, würde er die Desorientierung und Entfremdung noch emphatisch beklagen. Ähnlich wie der Lyriker Raphael Urweider mit seiner "Halbtrauer" gibt sich Stauffer stoisch. Lapidar heisst es in einer Fussnote: "So bin ich." Die gewählten Formen sind es, die das Geläufige interessant machen, indem sie es uns wieder entfremden. Hat dies die Moderne auch zur Genüge demonstriert, so bereitet Stauffers Ritt über den Wörtersee darüber hinaus grösstes Vergnügen. Die lakonischen Kleinkapitel und ihre Überformung zu Miniaturen, die wuchernden Fussnoten, der Einbezug von Listen und Tabellen und das aberwitzige Inhaltsverzeichnis lassen "neue Strukturen", "neue Organisationsformen" (so Stauffer) entstehen, die zu provozieren, allenfalls zu faszinieren vermögen. Zuweilen fühlt man sich an dadaistisch inspirierte Expressionisten wie Ehrenstein, zuweilen an Anti-Romanexperimente eines Pérec, Widmer oder Manganelli erinnert. Eines ist bei Stauffer gewiss. Die "endlosen Nachmittage im Bett", jene desperaten Auslotungen der realen Gegenwart, sind keine vertane Zeit. Durch sie gelingt es nämlich, die "klaren Bilder", die man sich gewöhnlich vom Leben macht, gleichsam poetisch zum Verschwinden zu bringen. Die unausweichliche Frage "Wozu?", die gegen Ende auch prompt verhandelt wird, beantwortet der Text wie folgt: "Jemand will wissen, was, warum, wie. Ich rede dann, Theorien (Herder kann einpacken), Kopferzeugnisse, Demütigungen, und ganz selten blitzt es von hinten durch. Ich bin der neue Typ Universalgelehrter. Ich weiss alles, ohne dass es mich interessiert." Das ist wahrlich zeitgemäss (indes nicht unbedingt originell): Viele Fragen, Inhalte spielen keine Rolle, Funktion ist alles, und viel lastet auf der Form.
Zeit für Zwängler, ALBUM
Michael Stauffer beschert der Literatur einen merkwürdigen Insassen mehr Ein bisschen stellt man sich den Erzähler aus Michael Stauffers Debüt vor wie den Ricola-Kontrolleur, der auftaucht, um pedantisch auf Urheberrechte hinzuweisen - "Wer hat's erfunden?" Erfunden hat den Zwängler natürlich nicht die deutschschweizer Literatur, obwohl sich auch und gerade dort Aussenseiter und Neurotiker tummeln. Für die Kräuterzuckerl-Assoziation spricht zudem, dass der kleine humorlose Herr im Alleingang seinen aufdeckerischen Aussendienst bestreitet, wie auch der namenlose Erzähler Stauffers ein Paradebeispiel von Einzelgänger ist. Seine sozialen Kontakte beschränken sich auf flüchtige Alltagsbegegnungen, die belanglos bleiben, obwohl er sie durch kleine Bösartigkeiten, die er unauffällig verübt und grosse Bösartigkeiten, die er unablässig fantasiert, aufpeppt. Sein grösstes Projekt: Der sterbende Schwan, und zwar der keines natürlichen Todes sterbende, wird zum Lebensinhalt. Systematisch und mit wildem Einfallsreichtum bekämpft der Ich-Erzähler Schwäne als einen persönlichen Feind, In Fussnoten erläutert er seine Strategien und Methoden. Die Fussnoten sind das, was bei einem Text-steckbrief in der Rubrik "Besondere Eigenschaften" vermerkt würde. Sie haben den Charakter einer Dauerparenthese, im Inhaltsverzeichnis sind sie sogar einzeln mit Titeln versehen. Statt in Klammern oder zwischen Gedankenstrichen setzt der Autor unvermittelt, doch in klarem Ziffernleitsystem, seine Kommentare und unterbricht damit das Schema geradlinig abgrasenden Lesens. So torkelt man durch den Text wie beim ungelenken Gehen auf Stelzen, bei dem man sich immer wieder durch Pseudoschritte seitlich oder nach hinten im Gleichgewicht halten muss. Der Erzähler fällt sich ins Wort und dem Leser in die Lektüre, und auch die Sprache dieses "Ichs" wirkt bisweilen wie auf Holzstelzen, manchmal schwerfällig kaum vom Fleck kommend, dann wieder im Schwung geradezu amokhaft gradausbolzend bis zum nächsten Kippen oder Abspringen. Die Struktur des Textes findet noch dazu ihre höchst konkrete Umsetzung: Der Erzähler schreibt nicht nur mit Fussnoten, sondern vergibt auch "Fuss-Noten", aus der Horizontalen, im Freibad auf der Liegewiese. Er ist ein asozialer Typ mit skurrilen Ideen, ein Geek ohne Computer, ein "Sofa Motherfucker". Besonders auf Frauen hat er eine abschreckende Wirkung. Auf Leserinnen auch. Jede überläuft ein leiser Schauer bei den Schilderungen seiner Körperlichkeit und seiner "Trainerhosen". Stauffers erster Ich-Erzähler ist ein Schweizer Mr. Bean. Diesen zeichnet er liebevoll und gnadenlos, ohne Genierer, vom kleinsten Furz bis zum grössten Abgrund. Ob auch sein britisches Pendant auf Tankstellenklos Vergewaltigungsfantasien hat? Manchmal erinnert Michael Stauffer an Sibylle Berg, so traurig und unbeholfen sind beider Helden, so schnörkellos und fies ist beider Sprache. Bergs literarisches Idol ist Friedrich Dürrenmatt, während Stauffers "Ich" aus dem Fenster brüllt: "Ich bin der grösste Dichter nach Max Frisch." Die "Aufnahmeprüfung in den Berufsverband für Schriftsteller" hat er allerdings mit einem unsäglich schlechten "Gedicht" bestanden. Da blitzt der Autor durch und seine nie plakative, nur stellenweise implizit formulierte kritische Distanz und distanzierende Kritik, an der Gesellschaft, den Medien und den Normen. Es gibt in diesem Buch eine einzige Fussnote, die leer bleibt und auch ohne Titel. Eine auffällig Lücke, die enthalten hätte sollen, was da "Handbuch mit Handlungsanleitungen für schlimme Tage" an Tipps und Tricks zu bieten hat. "Lesen", wär' kein schlechter Vorschlag. Aber den muss sich jeder selber machen. Michael Stauffer, bitte nicht "Sänger werden"! Schriftsteller bleiben!

Memory

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2002
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ISBN 3-929085-72-0
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Preis: CHF 22.00


Preis: CHF 22.00
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Memory

Schweinsgesichter am Kaffeetisch, eine üble Schiffsreise auf dem Pazifik, Liebeskummer im Herbst. Fotos oder Zeichnungen mit Kommentaren vermischt und als Postkartensammlung gedruckt. Alles wunderbar. In einer Pappschachtel mit 50 Postkarten, Texte in deutsch und serbokroatisch, Abb. in Schwarzweiss und Farbe. Erhältlich, nicht bei Amazon, sondern bei Stauffer, oder im Buchhandel.

 

Preis: CHF 22.00
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Memory
Poetische Fundstücke, NZZ
«Memory» ist bekanntlich ein Kartenspiel, das die Gedächtniskraft auf die Probe stellt. Jede Karte gibt es doppelt, aber die Spielenden sehen nur die Rückseite der ausgebreiteten Karten, und nun sollen sie sich die Lage der Doubletten merken und diese auf Anhieb aufdecken. Gewonnen hat, wer am meisten Doubletten findet. Gewinner kennt das «Memory» von Michael Stauffer (Texte) und Dörte Meyer (Bilder) nicht, und es gibt hier auch keine Karte zweimal. Stauffer und Meyer haben, unterstützt von der Belgrader Künstlergruppe Skart, ein Künstlerbuch geschaffen, das als Schachtel mit einer Kartensammlung daherkommt. Photographien, Zeichnungen, ungelenk geschriebene Postkarten und auf der Rückseite bald kurze, bald etwas längere Texte in Deutsch und Serbokroatisch. Die Bilder haben den Charakter von Memorabilien, sie zeigen alltägliche Situationen und wirken mit Absicht eher zufällig, es sind Bilder, wie sie wohl in unzähligen Kartonschachteln und Alben anzutreffen sind. Banale Momentaufnahmen, die rasch einmal etwas Rätselhaftes erlangen. Eine Schaufensterauslage; ein Kind kann sich in der Meeresbrandung knapp noch halten; um Brot und Wein haben sich Verwandte versammelt, ihre Gesichter sind unkenntlich; eine Person am unteren Bildrand hält die Arme hoch, und weit oben sieht man noch knapp die Umrisse eines Helikopters. Situationen, als deren Gedächtnis die Kamera funktioniert. Michael Stauffer hat zu diesen Fundstücken knappe, hinterhältige Texte notiert, die Haken schlagen und jede Erwartung blamieren. Splitter, die auch daran erinnern, wie das Gedächtnis funktioniert: «Ich esse Salat mit Toastbrot und erhitztem Schafkäse. Ich trinke 7 dl Weisswein, dann setze ich mich hin und bin die Zierde des Anlasses. Ich bin immer die Zierde. Ich trinke noch einmal 7 dl Weisswein. Dann gehe ich schnell nach draussen und führe mit meinem Mobiltelefon ein Gespräch mit Amerika. Zwischen lautem Rauschen und unzähligen Unterbrechungen höre ich die Stimme meines Vaters.»

Das Heimatgedicht

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2002

Das Heimatgedicht

Das Heimatgedicht (Auszug) 
Wegere Jacke

De Huerebueb.
De Bueb, wo die gliich Jacke het wie ich.
De Bueb, mit de genau gliiche Jacke.
Äbe,
S'genau gliiche Schiisgrüe het er müese chaufe.
Damit er sich den chan i mich ie versetze,
Het er gseit. 
De Huerebueb.
Sie isch kais Maitli, wo sich lang ufsparet.
Da han ich und er gwüsst.
De Huerebueb wo denn würkli die gliich Frau vöglet wie ich.
Wenn die ihri Bei für ihn breit macht,
Stiigt er us siner Schiessjacke use,
Uf sie ue.

Analyse

Mutter haut, 
Mutter zerrt, 
Mutter schaut.
Kind schreit, 
Kind quäckt, 
Kind weiss.
Puppe zwinkert, 
Puppe holpert, 
Puppe liegt.
Mutter haut, 
Kind schreit,
Puppe zwinkert,
Mutter zerrt,
Kind quäckt,
Mutter schaut,
Puppe holpert,
Kind weiss,
Puppe liegt.

Mutter haut, 
Mutter zerrt, 
Mutter schaut.
Kind schreit, 
Kind quäckt, 
Kind weiss.
Puppe zwinkert, 
Puppe holpert, 
Puppe liegt.
Mutter haut, 
Kind schreit,
Puppe zwinkert,
Mutter zerrt,
Kind quäckt,
Mutter schaut,
Puppe holpert,
Kind weiss,
Puppe liegt.
Mutter prügelt, 
Moder toorrt,
Moder öögt,
Göör schreet,
Göör quant,
Göör weet.
Popp plinkert,
Popp rubbelt,
Popp liiggt.
Moder prügelt,
Moder schreet,
Moder plinkert,
Moder soort,
Göör quant.
Moder ögt, 
Popp helbert,
Göör weet,
Popp liggt.
Mutter zerrt,
Kind quäckt,
Mutter schaut,
Puppe holpert,
Kind weiss,
Puppe liegt.
Mutter schaut.
Kind schreit, 
Puppe zwinkert, 
Mutter haut, 
Mutter zerrt,
Kind quäckt,
Mutter schaut,
Kind weiss,
Moder prügelt,
Göör schreet,
Popp plinkert,
Moder prügelt,
Puppe holpert.
Kind weiss.

Zom Fenschter naus

Der Nochbar glotzt zom Fenschter naus,
Ond sieht em andera Nochbar sein Hond,
Wia der uf n Rasa vom dritta Nochbar scheisst. 


I promise when the sun comes up, I promise I'll be true

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2001
,
ISBN 3-905591-17-0
,
Preis: CHF 9.00


Preis: CHF 9.00
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I promise when the sun comes up, I promise I'll be true

Ich liege auf dem Rücken und schlafe. Es kommt überhaupt nicht darauf an, wo ich schlafe. Es geht darum, dass ich auf dem Rücken liege. Und zwar liege ich konsequent immer auf dem Rücken. Egal wo ich liege. Mein Weltverständnis ist viel besser, wenn ich auf dem Rücken liege. Ich begreife so mehr vom Universum. Das können die wenigsten1 Menschen. Viele liegen auf der Seite und drehen sich pro Nacht unzählige Male um. Auf dem Rücken liegen. Das ist das höchste. Ruhig auf dem Rücken liegen und dabei keine Schlafgeräusche entstehen lassen.2 Vor dem Einschlafen lese ich in einem Mondobuch. Mondobücher benütze ich auch, wenn ich krank bin. Ich blättere dann stundenlang darin herum. Ich lese: Murmeltiere in der Schweiz. Ich finde Murmeltiere hässlich und dick. Die liegen vor ihren Löchern und pfeifen, wenn jemand auftaucht. Dann stehen sie auf, legen ihre Papiertüten mit den Erdnüssen zur Seite, rülpsen und steigen rückwärts in ihre Löcher. Alles für die Touristen.


1 Ich liege manchmal auch auf dem Rücken und kann nicht schlafen. Ich lasse mir dann Liedtitel aus dem Kirchengesangsbuch einfallen. Die klingenden Titel drücken mich ins Bett.

2 Das stört mich, wenn einer Schlafgeräusche von sich gibt. Wenn einer in meiner Nähe schnarcht oder stöhnt oder lallt, dann hau ich dem eine runter. Mehrmals pro Nacht. Am nächsten Tag frage ich besorgt, ob er gut geschlafen habe. Ähnlich nervös machen mich Essnebengeräusche. Wenn einer schmatzt oder wenn ein Geräusch hörbar ist, das tönt, als ob Meerschweinchen ihre Körner fressen, stehe ich auf, stosse beim Aufstehen so stark am Tisch an, dass mindestens ein Glas umkippt, dann remple ich beim Davongehen den Schmatzer an und hoffe dass der sich die Gabel ins Zahnfleisch stösst. Wenn eine Kuh beim Fressen schnaubt, kümmert mich das nicht. Bei Menschen kenne ich keine Nachsicht. Das einzige Geräusch, das ich akzeptiere: Wenn einer vor dem Pissoir steht, sich erleichtert und zusätzlich zum gelben Strahl, durch die etwas angespannte Körperhaltung sich ein Furz löst, akzeptiere ich das. Gefurze von stehenden, pissenden Herren, da mache ich eine Ausnahme. 

In Anthologien


Neue Horizonte - Bekannte Traditionen

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2007
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ISBN 978-3-9523304-1-8

Neue Horizonte - Bekannte Traditionen

Es ist ein Lied. Erschienen in: Manuskripte Nr. 168

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2005

Es ist ein Lied. Erschienen in: Manuskripte Nr. 168

Auszug:

Es ist ein Lied von Michael Stauffer, mitgesungen von Ror Wolf und Hans Waldmann, wobei Ror Wolf gesagt hat: „Wolf & Waldmann sind einverstanden.“

waldmann gibt eine übersicht
waldmann sagt jetzt, wie es wirklich war, 
damals abends, märz, der himmel klar.

Diebstahl eines Zustellfahrzeuges.
Leider wurde am 19. März das Zustellfahrzeug unseres Mitarbeiters gestohlen. 
Das Zustellfahrzeug und die ebenfalls entwendete Briefpost konnten am Donnerstag, 25. März in einem Wald in leider sehr schlechtem Zustand wieder gefunden werden. 
Wir bedauern Ihnen Ihre Briefpost in schlechter Qualität und mit einigen Tagen Verspätung zustellen zu müssen. Wir entschuldigen uns für den Vorfall und stehen Ihnen für weitere Fragen zur Verfügung. 
Mit freundlichen Grüssen, die Post.

Ich träume, dass ich an der längsten Allee der Schweiz wohne. 
Bedeutung: I’ve got a promise to fullfill. 
Ich begegne im Traum vielen Halbsprachigen. 
Bedeutung: Thank you for listening to my problems.
Ich träume eine mögliche Variante. 
Man redet das Schicksal herbei, und es kommt nicht. 
Oder man verwechselt das Schicksal, mit je nach dem.
Ich träume Referenznummern eines Einzahlungsscheines.

waldmann sagt: bis heute war ich still,
heute sage ich alles, im april

Singen und auf die Uhr schauen.
Ich singe über das Zuhause.
Ich singe solange, bis ich denke, dass jetzt Schluss ist.

Widerster, Struktur.
Strukturrierungsversung, Urschvöllig.
Si stro, dachtelthema.
Derst könnerst, gemertz.
Demenen redien.
Redenen daa, diseni.

was herauskommt, ist mir einerlei,
alles kalt, der himmel schwarz im mai.

Ich mache einen Plan.
67 Abbruchenthüllung für Eigenständige: Einführung/Vertiefung/Loch.
68 Die Leichtgängigkeit der Operationssysteme, die zur Weiterentwicklung einer neuen Pfosten-Software nötig sind: Analyse/Zusammenhänge/Abstand.
69 Abbruchsmelancholia und Faschismusabbruch-Methoden: Übersicht/Praxis/Massnahmen.
70 Abbruchabstraktion: Einführung/Kurzreferate/Punkteverteilung/Erfahrungsaustausch.
71 Automobilindustriezerstörende Kunstrelationen: Einleitung/Ausbildung/Übungen/Gestaltung.
72.1 Für das Zerschmettern zu Hause: Vorschläge/Praxis/Hinweise/Kenntnisse.
72.2 Ordentliches Zerschmettern: Einführung/Vertiefung/Anwedung/Auswertung/Training.

[…]


Ich bin nicht innerlich. Annäherungen an Gottfried Benn.

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2005

Ich bin nicht innerlich. Annäherungen an Gottfried Benn.

 

Er drohte, alles zu erfinden. Ja, das hoffe ich auch. 

"…0. Einleitung
Meine Damen und Herren.
Man wird oft gefragt, wie denken Sie über unsere Zeit.
Ich erinnere mich sehr genau.
Meine Damen und Herren, 
auf viele Gebieten des heutigen Lebens könnte man eingehen.
Abend, Allväter, Anfälle, Anzüge, zum Beispiel. 
Aber auch,
Blutgerinnsel, Erotik, Farbe. 
Ich will auch auf den gesamten Rest eingehen. 
Nicht nur auf: die Liebe, den Melodienansatz, den Menschen. 
Ich möchte es benennen. 
Quantentheorie, Religion, Rest, Risse.
Die Wissenschaft widemt sich zwar allem sehr,
liefert aber nur sehr spärlich.
Also meine Damen und Herren.
Ich rede kurz zu Ihnen und dann schweige ich wieder.
Ich rede heute zu Ihnen über, Gott, den Himmel, 
das Jahr, oder auch über ein Jahr, 
über das Licht und trotzdem auch über die Liebe. 
Und dann noch über das Meer, die Nacht. …" 


Muscheln und Blumen. Literarische Texte zu Werken der Kunst.

,
2003

Muscheln und Blumen. Literarische Texte zu Werken der Kunst.

Hinter den Sträuchern ist ein Haus. 

"…Hinter den Sträuchern ist ein Haus

Ein Theaterstück für zwei Personen. Sie tragen weisse Plastikhandschuhe, damit sie nichts verunreinigen. Die Figuren heissen, Salomé und Constantin . Salomes Stimme zu hören bereitet grosse Freude. Salomé und Constantin sind nicht sehr unterschiedlich. Es gibt keinen grossen Unterschied zwischen ihnen. Wo gibt es das schon. Die Personen sind Figuren, das sollte man noch sagen.

1.Szene 
Im Briefkasten. 
Constantin schaut durch den Briefkastenschlitz. Diese Öffnung stellt in seinem Kopf ein Gefühl her. Er stellt mit diesem Gefühl Kontakte zu Menschen her. Menschen, die ihm Briefe schreiben könnten. Die Briefe sind alle langweilig. Einöde auf Papier. Wer will das. Briefe sind immer melancholische Missgeschicke. Postkarten sowieso. Beim Betrachten der Briefe stellt sich bei Constantin eine einfache Melancholie ein. Eine klare Melancholie. Eine die als Ausdehnung nur die Länge kennt.

2. Szene
Im Menschenzimmer.
Salomé und Constantin warten auf nichts. Sie stehen da. Sie stehen in der Architektur. Pause. Constantin denkt an die Perspektive. Balken. Pause. Salomé denkt an den Raum. Wohnung. Pause. Salomé denkt an die Nachnamen der neuen, ihr noch nicht bekannten Nachbarn. Salomé stellt sich vor, dass der Immobilienmakler bestimmt verschwiegen hat, dass es unter den vielen netten Nachbarn auch mindestens ein Arschloch gibt. Einen der immer die selbe Geschichte erzählt, diese exakt wiederholt und sich dann wundert, wenn man sich von ihm fern hält. Einer der sich wundert, dass er zu den Verzweifelten gehört. Einer der schliesslich sogar darüber glücklich ist, dass er sich permanent geirrt hat, während der letzten vierzig Jahre. …" 


Roter Reis, vier Theatertexte aus der Schweiz

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2003
,
ISBN 3934344232


Roter Reis, vier Theatertexte aus der Schweiz

Apfelkönigin (Auszug) 
Szene 8
Wieder vereint

Die TÄNZER ziehen sich weisse Saunapersonal-Kleider über. TÄNZER 1 verkauft Orangensaft, TÄNZER 2 bietet Zeitschriften an, TÄNZERIN 1 bereitet einen Aufguss vor. TÄNZERIN 2 macht Reinigungsarbeiten. MONIKA WILD, CHRISTIAN BÖSCH, CHRISTIAN WILD und GABY BÖSCH tragen Ganzkörper-Nylon-Kleider, wurstfarben. Sie haben keine Handtücher dabei. MONIKA WILD und CHRISTIAN BÖSCH gehen in die 80°-Sauna, GABY BÖSCH geht in den Ruheraum. ADRIAN WILD liest, was auf seiner Duschmittelflasche steht, laut vor und ist davon sehr überzeugt und angetan.

ADRIAN WILD Das Gefühl von Lebendigkeit beeinflusst uns mit positiver Energie. Wir geniessen jeden Tag in seiner ganzen Stärke und seinen verschiedenen Dimensionen. Duschmittel hilft uns, sinnliche Kraft zu entwickeln.

Die TÄNZER im Chor Amen!

ADRIAN WILD drückt die Duschmittelflasche zusammen, atmet lustvoll ein. Auf das Einatmen beginnen die TÄNZER zu singen.

Die TÄNZER singen das Lied „Killing me softly“. Sie verstehen den Text nicht. Beim Singen wirken die TÄNZER glücklich und entspannt. Die TÄNZER singen leise, relativ rein, ohne Instrumentalbegleitung. Sie machen andeutungsweise Tanzbewegungen, dazwischen aggressive Verkrampfungen.

Die TÄNZER Ki-ling me soodli ims ur eis,
Ki-ling me soft i i, i ii,
Ki-ling mi mi, mi mi ur eis,
Ki-ling me soo di, i i ii,
sodi, di di,
Je-je, He-he, he-he.

Lunging de me, mid de lin gii,
Nomind ifgi, midi mi dii,
Ki-ling mi soffli mid ju eis,
Ki-ling me soffli,
midii, ii, midi di
di id, di id.

Tu tu tu tu, tu-hu hu-huuu,
To to to to, tu-ho tu-hoo,
ta ta ta ta, to to to-hoo,
Hu hu ho-hoo,
Hu ho hoo,
Ho-ho, ho-hoo.

ADRIAN WILD geht in den Ruheraum. 

Solid im ka, bi ni ne nee,
Digge dige, fe de bo dee,
Ale sin im ine ons sais,
Im rong sais,
For mi, mi mi,
Mi mi.


MONIKA WILD Ich bin etwas müde, und fettige Haare habe ich auch.

CHRISTIAN BÖSCH Dann sollten wir vielleicht gar nicht reden?

MONIKA WILD Doch, doch. Aber eben, ich glaube, ich bin krank und muss heute früh ins Bett. Ich kann meine Augendeckel kaum noch offen halten.

CHRISTIAN BÖSCH Deine Augen bewegen sich praktisch nicht.

MONIKA WILD Ich habe ja gesagt, dass ich müde bin. Hörst du mir überhaupt zu.

CHRISTIAN BÖSCH Ja.

MONIKA WILD Ich kann so nicht mehr weitermachen.

CHRISTIAN BÖSCH Wieso ist Adrian misstrauisch?

MONIKA WILD Nein, aber es ist zu mühsam.

CHRISTIAN BÖSCH Keine Sorge.

MONIKA WILD Was keine Sorge? Glaubst du etwa nicht, dass auch Gaby an Adrian interessiert ist?

CHRISTIAN BÖSCH Spinnst du? Ich bitte dich.

MONIKA WILD Ich finde das einfach zu anstrengend. Bis jetzt hat es nur keine Probleme gegeben, weil Adrian bei solchen Sachen nicht so aktiv ist.

CHRISTIAN BÖSCH Bei welchen Sachen?

MONIKA WILD Also gut, du willst es hören. Dass wir ab und zu ficken, ist Adrian ziemlich egal. Er wird als Gegenleistung einfach Gaby ficken wollen. Falls er weiss oder erfährt, dass wir uns ab und zu treffen.

CHRISTIAN BÖSCH Das wäre ja noch besser. So etwas kommt überhaupt nicht in Frage.

MONIKA WILD Aha? Interessant. Kein Verständnis dafür?

CHRISTIAN BÖSCH Überhaupt nicht. Nein, entschuldige, wirklich nicht. Komm. Wir gehen mal hier raus.

CHRISTIAN BÖSCH und MONIKA WILD verlassen die Sauna und gehen in den Ruheraum. GABY BÖSCH und ADRIAN WILD gehen in die 80°-Grad-Sauna.

ADRIAN WILD Bist du eigentlich ein Handtuchmuffel?

GABY BÖSCH Wie bitte?

ADRIAN WILD Ob du ein Handtuchmuffel bist?

GABY BÖSCH Warum?

ADRIAN WILD Weil du keines dabei hast.

GABY BÖSCH Ich mag einfach Frottee nicht auf meiner Haut.

GABY BÖSCH küsst ADRIAN WILD heftig auf den Hals. ADRIAN WILD küsst verwirrt zurück.

ADRIAN WILD Deshalb?

GABY BÖSCH Ja.

ADRIAN WILD Du reibst dich nie trocken?

GABY BÖSCH Nein. Zu Hause öffne ich nach dem Duschen einfach das Fenster und lass mich so von der Luft trocknen.

ADRIAN WILD Echt?

GABY BÖSCH Ja, von der Luft, die mich anweht, lasse ich mich trocknen.

ADRIAN WILD Du bist süss, so nackt.

GABY BÖSCH Hör auf.

ADRIAN WILD Es stimmt aber.

GABY BÖSCH Manchmal schmeckt die Liebe bitter. Das musst du jetzt eben akzeptieren.

ADRIAN WILD Ich werde Monika sagen, dass zwischen dir und mir nichts ist.

GABY BÖSCH Na und? Was soll mich das interessieren?

ADRIAN WILD Du empfindest also nichts für mich?

GABY BÖSCH Dumm, sage ich da nur. Sehr, sehr dumm.

ADRIAN WILD Ich sehe doch, wie Monika und dein lieber Christian miteinander umgehen. Ich habe gedacht, ich frage dich, ob. Scheisse. Ich. Und jetzt haust du mir dermassen eine Keule rein. Ich fühle mich wirklich wie kastriert.

GABY BÖSCH Wie kastriert?

ADRIAN WILD Wie ein Auto, das in einem kilometerlangen Stau stecken bleibt und keinen Meter mehr fahren kann.

GABY BÖSCH Verstehe. Und das soll mich jetzt umstimmen?

ADRIAN WILD Ja, bitte.

GABY BÖSCH Dass wir zwei-, dreimal miteinander geschlafen haben, bedeutet gar nichts. Dumm, dumm. Da kann ich nur sagen. Dumm! Das ist sehr dumm.

ADRIAN WILD Aber wieso hast du mit mir geschlafen?

GABY BÖSCH Vergiss es einfach. Aus Lust zum Beispiel.

GABY BÖSCH steht auf, verlässt den Ruheraum und geht in die 80°-Sauna. ADRIAN WILD bleibt alleine in der Sauna. TÄNZERIN 1 kommt und macht für ADRIAN WILD einen Aufguss. 

Roter Reis, vier Theatertexte aus der Schweiz
Lifestile denunziert, SDA
Das absurd-musikalische Tanz- Schauspiel „Apfelkönigin" des Thurgauer Dramatiker-Talents Michael Stauffer wurde am Samstag in Bern erfolgreich uraufgeführt. Lebensmittel respektive alles, was man zum Leben zu brauchen glaubt: Das ist das Sujet von Michael Stauffers „Die Apfelkönigin". Das Bühnenbild ist schön wie ein Gemälde: In der Mitte ein Stillleben von van Gogh mit Heringen, Tomaten, Kartoffeln, rechts und links mehrdimensionale verwinkelte Nischen, zu gebrauchen als Treppen, Fahrstuhl und Sauna. Ehepaar Monika und Adrian Wild (Christine Rollar und André Benndorff) sitzt darin steif auf Campingstühlen mit Kühltasche. Eine Einladung bei den Böschs in der Tiefgarage steht an – natürlich mit Berner Platte, was sonst im Rahmen des Berner Theaterfestivals „auawirleben"? Gastgeberin Gabymuss zwischendurch schnell weg, um Studenten van Goghs Gemälde zu erklären. Damit sind drei der „lebensnotwendigen" Mittel eingeführt: Essen, Kunst, Hobby (van Gogh fischte gern). Viele werden folgen: Tradition (Familienrezepte), Sucht (nach Gewürzen), Lachen (Entlastung), Putzen, Mode, Wellness, Ficken, Misswahl. Als Ausweg aus dem zivilen Lebensdiktat bleibt schliesslich nur derMond. Nach der ersten Szene wird van Gogh entfernt. Die leere Nische wird mit lebenden Bildern bestückt. Tänzer stellen mit Tomaten-, Kartoffeln- und Heringsköpfen das Bild nach oder agieren als Models. Bei Bedarf singen sie das Lied der Mumie, zu der der moderne Mensch in Kunstfaser wird. Oder sie fungieren als Kandidaten für die Misswahl der „Apfelkönigin". Die Schauspieler setzen derweil im Verlauf des Stücks Speck in Form von fleischfarbenen, gestopften Tricots an. Etwas zu schematische Vorlage „Die Apfelkönigin" ist eine Freude für Aug und Ohr. Die Schauspieler chargieren aufs Trefflichste. Volksmusik, die die Aktgrenzen kennzeichnet, und andere farcenhafte Übertreibungen strapazieren die Lachmuskeln. Dass hier moderner Lifestyle denunziert wird, erschliesst sich erst im Nachhinein. Das Vergnügliche cachiert allerdings gewisse Mängel der Vorlage. Diese scheint etwas gar zu schematisch. Es wirkt, als wären Lifestyle-Themen mit Gewalt aneinander gereiht worden. Adrian/Benndorffs irrer Ausbruch angesichts der Unmöglichkeit, persönlichkeitsadäquate Kleider zu finden, wirkt übertrieben. „Die Apfelkönigin" denunziert modernen Lifestyle und stellt die Frage, was der Mensch wirklich zum Leben braucht. Das ist löblich. Die eigentliche Erkenntnisleistung muss der Zuschauer selber erbringen. Die körnige Form des Stücks ist bei aller Vergnüglichkeit freilich gewöhnungsbedürftig. Möglich immerhin, dass hier eine neue Form des Theaters geboren wurde.
Wenn das Leben Geist und Magen belastet, Aargauer Zeitung
ANGESTRENGT · Michael Stauffers ambitiöse Komödie „Die Apfelkönigin" auf der Berner Kornhausbühne Auch das Stadttheater Bern be-teiligt sich am Festival „auawirleben" mit einer Uraufführung: Michael Stauffers episodische Komödie „Die Apfelkönigin" sucht den gruppendynamischen Heisshunger zu ergründen. Was Stauffer[50] in seiner so genannten Ernährungs- und Aufklärungskomödie für vier Schauspieler und vier Tänzer in wohl demaskierender Absicht beschäftigt, ist bald einmal klar: Es geht um behauptete oder vermutete (Kausal-)Zusammenhänge zwischen Mageninhalt, Kleidernot und Intimkontakt. Tatsächlich gibt vorab das (Fr-)Essen viel zu reden und bisweilen auch zu schreien. Mit Gaby und Christian Bösch (Anna Bardorf, Thomas Mathys) sowie Monika und Adrian Wild (Christine Rollar, André Benndorff) sind es bei Stauffer[50] zwei angejahrte Paare, die sich ausdauernd mühen, einander mit Nahrung zu versorgen. Das geschieht bei Tisch unter gar manchen weitschweifenden Erklärungen und im Ruheraum einer Sauna mit unverblümten Verweisen auf das Ficken übers Kreuz. Was Lustgewinn verspricht, hat freilich seinen Preis, zumal wenn es die bald ausufernde Leibesfülle in Kleider zu zwängen gilt: Barocke Körperformen und stickige Umkleidekabinen konfrontieren notgedrungen mit einer „verdammten Glaubens- und Disziplinfrage" und provozieren die Geisselung dehnbarer Stoffe wie Nylon. Immerhin ist die „richtige Knopfwahl" mit sättigender Nähe auf Busenhöhe verbunden - Tastsinn ist gefragt. Stauffers[50] Figuren legen Gewicht zu, indem sie sich hässliche bleiche Attrappen umschnallen. Grausliche Männerbäuche, beängstigende Hüftfettansätze und Hängebrüste konterkarieren das chorisch bewältigte Motto: „Kochen ist gesund, gesünder als saufen." Ob Kutteln allenfalls nach Champagner verlangen, bleibt dennoch einigermassen schleierhaft. Das kann nicht erstaunen, weil dem an diversen Fronten geforderten Quartett auch museumspädagogisches Geschick in Sachen van Gogh und schliesslich auch noch die Kür der Apfelkönigin[50] abverlangt wird. Nun sind da aber auch vier Tänzer, deren Choreografie laut Stauffers[50] ausführlichen Regieanweisungen gleichwertig zu behandeln ist wie die Schauspielerei. Dieses zweite Quartett ist in Lavinia Freys auf engagierte Mitwirkende setzender Inszenierung etwa dafür besorgt, dass van Goghs über der Eingangsszene hängendes Stillleben mit Fisch und Gemüse buchstäblich Gestalt annimmt oder auf eben diesem Gemälde eine festliche Tafel gedeckt wird. Zudem können Chantal Claret, Sonia Rocha, Luciano di Natale und Marcel Leemann auf Jann Messerlis ausgeklügelter Simultanbühne eine wiederholt aufreizende Beweglichkeit demonstrieren, die zum Ausdruck bringt, wovon Stauffers[50] mit Banalitäten und Behäbigkeit alles andere als sparende „couch potatoes" bestenfalls träumen dürfen: Das Leben könnte durchaus „sexy" sein. Unter Freys auf Komik bedachter Regie gelingen denn auch einige peppige Bilder, die Stauffers[50] doch recht trägen Bühnentext mit zuweilen surrealer Vitalität aufladen. Gleichwohl will bis zuletzt nicht ganz einleuchten, weshalb für das im Rahmen des Dramatikerförderungsprojekts MC6 entstandene Stück eine spartenübergreifende Vorgabe her musste. Die jüngste Arbeit des 1972 geborenen Autors und Performers nämlich könnte sich eher als Hörspiel eignen, das die Bebilderung eines wortlastigen Geschehens - wie in der DRS-Produktion „Gartenproletarier" - der Fantasie des Publikums überlässt. Hörspielreifes Highlight dieser ersten szenischen Annäherung an Stauffers „Apfelkönigin" ist nicht von ungefähr die heimtückisch lüpfige Musik des Bieler Blasinstrumentalisten Hans Koch
Textile Lebensweisheiten, Berner Zeitung
Die Fetten werden immer dicker, die Hübschen stets schöner. Bei der „Apfelkönigin" gehts unter anderem ums Essen. Mit einem weniger wirren Menüplan hätte es noch besser gemundet. Weisheiten zuhauf. Zum Beispiel: „Kleider sind ein verfrühtes Totenhemd. Wir haben eine Vision, ziehen uns an, sehen uns im Spiegel und resignieren." Gut eingefädelt, diese textile Lebenskunde. Sie stammt aus Michael Stauffers „Apfelkönigin". Das Berner Stadttheater zeigt das Stück als Uraufführung im Rahmen des aua-Theaterfestivals auf der Kornhausbühne. Leider hat das Werk am Anfang ein paar Laufmaschen. Bis man weiss, wie es gestrickt ist, geht ein Teil des Abends futsch. Der Autor bezeichnet sein Werk als „Ernährungs- und Aufklärungskomödie". Alles in allem sind es vergnügliche Lektionen. Allerdings muss man sich erst an den Unterrichtsstil gewöhnen. Ein erkennbarer Plot entwickelt sich erst allmählich aus einer Reihe von Szenen, zwischen denen man lange keinen Zusammenhang sieht. Menümix mit Haarausfall Der 31-jährige Schweizer Michael Stauffer verwurstet unter anderem die Bildbetrachtung eines Stilllebens von Van Gogh mit dem Einladungsritual von zwei befreundeten Ehepaaren. Berner Platte gibts und einen Exkurs über Haarausfall nach dem Genuss von stark gewürztem Essen. Erst allmählich erfasst man den Menüplan des Stücks. Unter anderem ist es eine Beziehungsgeschichte. Die beiden Paare treibens kreuzweise, die Frauen haben was miteinander. Einzelne Elemente aus Van Goghs Bild tauchen immer wieder mal auf: zwei Fische, eine Zitrone, eine Tomate. Das Ganze endet mit der Wahl einer Schönheitskönigin. Gekürt wird Miss Apfel. Man freut sich, dass das Menü so abwechslungsreich ist, man ärgert sich, dass der Koch den Brei so wirr gewürzt hat. Und man fragt sich, warum der Meister seine Kundschaft nicht mit mehr Ordnung vor Verirrungen bewahrt hat. Die „Apfelkönigin" gehört trotzdem aufs Podest. Dorthin heben sie die Regisseurin und Choregrafin Lavinia Frey und das Ensemble. Der Autor schreibt vor, dass das Stück mit vier Darstellern und vier Tänzern zu spielen ist. Ein knackiger Einfall. Die Schauspieler werden in ihren fleischfarbenen Kostümen von Catherine Voeffray immer nackter und fetter, die Tänzer stets schöner. Watschelmann & Co. fusionieren mit Adonis AG. In diesem Stück übers Essen und über Kleider gibt das Bilder, an denen man sich kaum satt sehen kann. Singende Tänzer Chantal Claret, Sonja Rochet Luciano die Natale und Marcel Leemann sind die vier schönen Leute. Wer hätte das gedacht: Das Berner Ballettcorps kann sprechen und singen. Mit beachtlichem Talent verblüfft das Quartett mit Songs und landessprachlichen Tönen, von Französisch bis Züritütsch. „On time - Reisen" heisst das Thema des diesjährigen aua-Festivals. Zwei Schauspielerpaare begleiten das Publikum auf dem Saumpfad über die Kleiderberge ins Wienerli-und-Speck-Land. Regisseurin Lavinia Frey hat die Figuren differenziert gezeichnet und vergnüglich überzeichnet. Christine Rollar umkreist in ihrer Rolle als Monika Wild lustvoll eine Durchschnittsbürgerin. Anna Bardorf wackelt als Gaby Bösch mit den hierfür vorgesehenen Körperpartien und bringt mit ebenso prallem komödiantischem Geschick die Pointen. Spass mit Mobbing Thomas Mathys zeigt mit distinguierter Blödheit, dass vor allem jene viel reden, die nichts zu sagen haben. Den längsten Applaus an der Premiere am Samstag erhielt jedoch zu Recht der Held der Zukurzgekommenen. André Benndorff beweist als Adrian Wild, wie viel Spass das Mobbing machen kann. Jann Messerli hat ein Bühnenbild mit Breitbandmöglichkeiten entworfen, vom Museum bis zur Sauna. Leider verdeckt die Konstruktion auch mal die Sicht auf die Akteure. Jacke, Hose, Hemd und der morgendliche Wunsch, dass ich damit mein Ich einfange und möglichst vorteilhaft nach aussen stülpe: Um so was und ähnlich Bedenkenswertes geht es. Und um viel Nonsens. Die „Apfelkönigin" trägt eines jener Kleider, die an zwei, drei Stellen zwicken. Aber frech und witzig ist es. Und ob wir es die nächste Saison in der Schublade lassen, müssen wir noch längst nicht entscheiden.
BAZ
... „Preise machen Leute. Aber nicht immer gute Theaterstücke." Der 1972 in Winterthur geborene Michael Stauffer ist das, was man einen Hoffnungsträger nennt, und gern hat man in Bern jetzt mitgebibbert: Nach Buch- und Hörspielpreisen, nach Stipendien und Schreibwerkstätten, nach so viel Schreibschützenhilfe und insbesondere nach der Masterclass mit Marlene Streeruwitz - schafft Stauffer mit seiner „Apfelkönigin" endlich den Durchbruch am Theater? Wieder nichts. Die Szenenfolge in ihrer angestrengten Ausgedachtheit, ihrer sprachlichen Saft- und thematischen Kraftlosigkeit wirkt, als habe die ganze Dramatikerförderei den Autor Stauffer zu stark hinausbefördert aus dem Alltagsleben - und das ist umso schlimmer, als es ihm in seiner Szenenfolge genau darum geht, um die alltägliche Zurichtung des Menschen durch Konventionen und Klamotten: gesünder essen, sauberer putzen, besser lieben - jeder will der erste sein und „Apfelkönigin„ werden. Der erste Preis aber gebührt allein dem Theater Bern, das uraufführungsfreudig alles gegeben hat: eine aufwändige Ausstattung, überzeugende Schauspieler (darunter ein auffallend komischer André Benndorff) und eine Regisseurin mit Menschenliebe und Phantasie (Lavinia Frey). Fünfter Merksatz: „Das Publikum ist geduldiger als man denkt." Es applaudierte in Luzern wie in Bern.
DER BUND
Es gibt Kutteln mit Champagner Beim Theaterfestival „auawirleben" uraufgeführt: „Die Apfelkönigin", Michael Stauffers neues Stück Sich kleiden muss der Mensch und essen. Und das bedeutet ihm so viel, dass es die Hölle ist: Lavinia Frey inszeniert „Die Apfelkönigin" als Geisterbahnfahrt auf der Berner Kornhausbühne. Klar doch: Essen geht durch die Innereien. Aufnahme, Aufenthalt, Ausschaffung. Und doch hat dieser Abend nichts zu tun mit dem Thema von Auawirleben in diesem Jahr: „Mobilität, Tourismus, Migration". „Die Apfelkönigin" heisst das Stück; eine „Ernährungs- und Aufklärungskomödie", so der Untertitel. Hier geht es ums Essen und ums Anziehen, um Körper und Konsum und wie man das am besten hinbekommt mit dem richtigen Bewusstsein in diesen Dingen und mit dem Glück im Leben. Oder eben am schlechtesten. Denn die vier Figuren, die Michael Stauffer auf die Bühne stellt, zappeln wie Würstchen in einem Schraubstock. Konsumenten sind es, und dies ist die Konsumgesellschaft: Da genügt es nicht, einfach nur zu essen und sich anzuziehen. Wählen müssen sie, nicht wählen geht gar nicht, und weil jede Wahl derart viel bedeutet, eine Stilveräusserung, eine Selbstverwirklichung, ist das alles ungeheuer mühsam und gefährlich: Alles Glück hängt davon ab, und stets können sie das Falsche tun und denken. Der gute Geschmack, das richtige Ich das sitzt ihnen an der Gurgel wie ein böser Geist. Eine Halluzination Lifestyle nennt man das verharmlosend, und dass es kein Entrinnen gibt, wird schon am Anfang klar: Da sitzen sie und essen, Monika und Adrian zu Tisch bei Christian und Gaby. Kauen klamm auf Fleischkäse und Kartoffeln, ein Berg davon steht ihnen vor der Aussicht, und alles, was die beiden Gäste daran loben, ist doch nur ein Fauxpas vor der Raffinesse dieses Genusses. Sie sitzen in einem Minenfeld, und je mehr sie um die Worte ringen, umso brenzliger wird die Lage. Vor allem Adrian (André Benndorff) ist ganz klein und kurzatmig; vor allem mit ihm stehen wir die Leiden durch auf den Stationen dieser Hölle. Es folgen Restaurant, Kleiderladen, Sauna, dazwischen spirituelle Besinnung und rebellische Bewusstwerdung und schliesslich Schönheitskür als Happyend: Wahl der Apfelkönigin. Das tönt jetzt viel vernünftiger, als es in Wahrheit ist. Michael Stauffer hat eine wilde Groteske geschrieben, eine Halluzination. So wie schon in der „Schwanenjagd" und im „Ranzechlemmer" arbeitet er auch hier mit dem Geschwätz des Alltags, züchtet es aber so weit hoch, bis es eine neue Wahrheit hat: total denaturiert, aber kristallklar. „Es ist von den Kühen der Magen", heisst es einmal über Kutteln. Und zu den Kutteln gibt es Champagner für Christian und Adrian. Später hat Adrian einen Schreikrampf in der Umkleidekabine, weil er in keine Kleider passt und ihm so sein Ich abhanden kommt. Worauf ihm Gaby erklärt: „Du kannst über die Wahl der Knöpfe entkommen. Je nachdem, wie du die Knopfauswahl gestaltest, kannst du dem vorgezeichneten Weg entgehen. Die Knöpfe sind der Weg!" Eine Geisterbahn So geht das zu und her. Ein Ritt durch eine Geisterbahn, und da passt es prima, dass Jann Messerli die Bühne als Hamsterkäfig und Katzenbaum gebaut hat: Schaumstoff und Sperrholz, Treppen und Terrassen, auf und ab und doch kein Ausgang. Regisseurin Lavinia Frey sie hat bei Auawirleben 2002 „Nach dem Regen" inszeniert hetzt die Akteure hier hindurch: vier Schauspieler und vier Tänzer, wobei die Tänzer den Chor abgeben, Turnübungen mit den Konsumenten treiben, als übergrosse Heringe, Kartoffel und Tomate durch die Szenen wandeln oder Adrian die Kleider um die Ohren hauen. Mit dem Effekt, dass keine von neunzig Minuten Gefahr läuft, zu viel Bodenhaftung zu bekommen. Die vier Konsumentenfiguren sind zwar aus Fleisch und Blut, sie schwitzen und weinen, doch ihnen wächst im Lauf des Abends hautfarbener Stoffspeck an Beinen, Bauch und Brüsten, so dick wie beim Michelin-Maskottchen. Bizarre Bilder wie Irrlichter; die Erfindung einer zweiten aus der ersten Wirklichkeit. Eine Komödie? Eher ein Klamauk; lustig ist es zwischendurch, nicht aber auf Pointen kalkuliert. Und Satire ist das schon gar nicht. Hier wird nichts denunziert und nichts postuliert. Die vier finden Thomy und Buitoni doof und Haute Couture und Mode überhaupt. Und doch wissen sie, dass man sich Freunde wählt gemäss den Anlagefonds, die sie besitzen. Und sie wissen, was NFBDCLADL bedeutet: „no family, but drinking Cola Light all day long". So ist das alles nicht etwa gegen Dinge wie den Schlankheitsterror, aber auch nicht dafür; das ist nicht für die Apostel von irgendwas und nicht dagegen. Nur so viel: dass das ein schlimmer Schwachsinn ist, das ganze Bedeutenwollen und Bescheidwissen. Und jetzt wissen wir, warum man schweigen soll zu Tisch. Weil man sonst nicht in Ruhe essen kann.

Theater Theater, Aktuell Stücke

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2002
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ISBN 3-596-15664-5

Theater Theater, Aktuell Stücke

Natürlich die Schweizer

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2002
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ISBN 3-746618-74-6

Natürlich die Schweizer

Das Eugen-und-Sylvia-Gedicht

1. Unverfroren
2. Zuckerrüben
3. Autorschaft
4. Zwischenverpflegung
5. Generation OMIS
6. Musig
7. Ironische Gesten I
8. Ironische Gesten II
9. Ironische Gesten III
10. Ironische Gesten IV
11. Ironische Gesten V
12. Krautzone
13. Vom Herzen übers Auge
14. Hinterlistiger Pfad
15. Mit Stumpen
16. Können, abrufen, bestellen, abhholen, einpacken, mitnehmen, anwenden
17. Politik
18. Mehr oder weniger
19. Bald kommt man auf den Fortschritt zu sprechen
20. Empfangsschein
21. Hhhh
22. Außer Kraft gesetzt
23. Kein Verständnis
24. Im Gästebett
25. Am besten
26. Die Quittung
27. Gesundheilung
28. Der große Schaman-Mann
29. Abgeschweift
30. Ausssssseiffffufungen mit em Elvis – Schlusslied


1. Unverfroren
»Mm, mmf, mmm, mmm. Sss«,
Sagt sie.
Oder sagt sie:
»Wo soll ich mich hinsetzen?«

Vielleicht sagt sie auch:
»Also, mein Name ist Silvia,
Und ich mag Bach und Madonna
Und Hanteln und Wellness. Ja, ich stehe dazu.
Ich mag Hanteln und Wellness.« …" 


swiss made

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2001
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ISBN 3-803124-19-0

swiss made

Hörspiele / Hörtexte


Suppe kalt, Herz leer

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2014

Suppe kalt, Herz leer

Er wird gekämpft Auge in Auge. Und nicht selten Auge UM Auge. Der Kampf der Geschlechter geht tagtäglich in neue Runden.

Vier Frauen reden über Männer - abgeklärt, wütend, sehnsüchtig, bissig, polemisch und eloquent. Und vier Männer antworten darauf - erstaunt, befremdet, ausweichend, wortkarg oder wortreich. Ein wechselseitiger Monolog der Unverstandenen. Denn, wie schon Loriot unwiderlegbar formulierte: "Männer und Frauen passen einfach nicht zueinander."?

Mit Stefanie Fauwallner, Susanne Wrage,Toni Bieber, Lukas Veigl, Dionysia Karydis, Tilman Tumler, Daniela Zacherl, Dominik Schuppich u. a.

Regie: Michael Stauffer 
Produktion: WDR 2014/ 53’ 
Redaktion: Isabel Platthaus

Hören Sie hier das ganze Hörspiel.


Live-Hörspiel von den Solothurner Literaturtagen

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2014

Live-Hörspiel von den Solothurner Literaturtagen

Professor Zickendraht und der Äther des Bösen

Erstmals produzierte SRF ein Live-Hörspiel an den Solothurner Literaturtagen. Vier Schweizer Autorinnen und Autoren begaben sich auf die Suche nach dem Gedankenradio: Ein Apparat, der direkt in das Hirn der Menschen funken kann. Eine Suche, die sie nach Tibet führt, in einen jahrtausendealten Tempel.

Mit: Dmitrij Gawrisch, Wolfram Höll, Johannes Mayr, Jens Nielsen, Noëlle Revaz, Michael Stauffer

Hören Sie hier das ganze Hörspiel.


Gottesteilchen

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2013

Gottesteilchen

Warum nicht mal das Universum aufklopfen? Warum nicht mal den ganzen Wahnsinn, der einen tagtäglich umgibt, mit eigenem Wahnsinn zur Vernunft bringen? Felix Brenner und Michael Stauffer machen sich in diesem Hörspiel an die Arbeit - in einer wilden Mischung aus Performance, Popmusik und Predigt.

Die Erschaffung der Welt, die Suche nach dem Higgs-Teilchen, Mutter Maria, Vico Torriani, Elvis, Jesus und die Fantasiewährung «Himmelsdollarfranken»: Im Universum des Künstlers Felix Brenner haben alle diese Geschichten, Dinge und Personen auf eine bestimme Art und Weise miteinander zu tun. Im Universum des Dichters Michael Stauffer auch - aber eben ganz anders. Aus dieser Reibung entstehen komische Momente, tiefe Einsichten und ein ungewöhnliches Hörspiel.?

Mit Felix Brenner und Michael Stauffer, Regie: Johannes Mayr und Michael Stauffer, Produktion: SRF 2013 - Dauer: 39‘

Hören Sie hier das Hörspiel „Gottelsteilchen“ auf SWF 2 Kultur.


Lydia Eymann: Zwei Hörspiele

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2012
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ISBN 978-3-905825-38-1
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Preis: CHF 28.00


Preis: CHF 28.00
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Lydia Eymann: Zwei Hörspiele

Lydia Eymann galt als Langenthaler Original. Sie hat sich tagein, tagaus gegen bestehende Missstände und Ungerechtigkeiten aufgelehnt. Bis auf Glossen und Leserbriefe im Langenthaler Tagblatt blieben ihre Texte bis heute praktisch unveröffentlicht. Die Autoren Michael Stauffer und Rolf Hermann haben LEs Archiv gesichtet und daraus zwei charmante und vergnügliche Hörspiele komponiert.Lydia Eymann (1901-1972) galt als Langenthaler Original. Zeitlebens lehnte sie sich gegen bestehende Verhältnisse und Ungerechtigkeiten auf. Sie verteidigte ihren geliebten Fischbach, forderte das Frauenstimmrecht ein und schrieb dem Langenthaler Gemeinderat vor, was er auf seine Traktandenliste zu setzen habe. Zudem betätigte sich LE, wie sie sich selber nannte, als Fotografin, bildende Künstlerin und Schriftstellerin. Bis auf Glossen und Leserbriefe im Langenthaler Tagblatt sowie einige verstreute Erzählungen blieben ihre Texte jedoch unveröffentlicht.
Michael Stauffer und Rolf Hermann haben das Archiv an der Aarwangenstrasse 55 gesichtet und daraus zwei charmante und vergnügliche Hörspiele komponiert. Zum einen das "Porträt von LE", eine literarische Würdigung von LEs Leben, zum anderen die "Kriminalgeschichte", ein aus dem Archivschatz gehobener, wunderbar versponnener Text. 

Preis: CHF 28.00
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Lydia Eymann: Zwei Hörspiele
Lydia Eymann: Zwei Hörspiele

Lydia Eymann war eine, wie es keine zweite gab – ein Langenthaler Original. Nun haben sich zwei Bieler Autoren ihrer Texte angenommen und daraus zwei amüsante Hörspiele gemacht. Lydia Eymann hat den Leuten gezeigt, wo Bartli denMost holt. Die umtriebige, unbequeme, aufmüpfige Langenthalerin (1901– 1972) setzte sich für die Fische im Stadtbach «Langete» genau so ein wie für das Frauenstimmrecht. Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung waren der widerspenstigen Dame mit dem zerzausten Haar und der Latzhose ein Dorn imAuge. Ihrer Unzufriedenheit über gewisse Zustände machte LE, wie sie sich selbst nannte, in Glossen, Gedichten, Erzählungen und Illustrationen Luft. Sie war als Schriftstellerin, Fotografin und bildende Künstlerin tätig. Abgesehen von einzelnen Kolumnen und Leserbriefen im «Langenthaler Tagblatt» blieben ihre Texte der Öffentlichkeit jedoch verwehrt. Bis jetzt. Inszeniertes Begräbnis Die zwei in Biel wohnhaften Autoren Rolf Hermann und Michael Stauffer haben sich imAuftrag der Stiftung Lydia Eymann LEs Person und ihrer Texte angenommen. ... Entstanden sind zwei Hörspiele – das «Porträt von LE» und «Kriminalgeschichte». Vor allem die «grosse spielerische Freude am Texten» der LE hat es den beiden Bieler Autoren angetan.Nach dem Durchforsten des Archivs führte Rolf Hermann Interviews mit Verwandten und Bekannten Lydia Eymanns. Aus den Texten und Interviews hat er Michael Stauffer ein mehrstimmiges, amüsantes mit Musik unterlegtes Hörporträt der Widerspenstigen komponiert. Ihre Wunderlichkeit zeigt sich gleich imersten Kapitel «Das LEFescht». Zehn Monate vor ihrem Tod inszenierte LE ihren 70. Geburtstag nämlich als Begräbnisfeier. LE wollte dabei sein, und «luege,was die alli no frässi», erinnert sich eine Freundin. «Da ich nicht weiss, wenn es mich putzt, will ich an meiner Grebt noch läbig dabei sein», schrieb LE auf die Einladungskarte. In dem Zitat widerspiegelt sich ihreVerschrobenheit, Direktheit und gleichzeitig ihr Umgang mit der Sprache. «Ihre Texte haben alle einen sehr mündlichen Charakter», sagt Hermann, weshalb sich die Formdes Hörspiels auch angeboten habe. LE Bekannter machen «Lydia Eymann war der Zeit weit voraus und ist ein Vorbild in vielerlei Hinsicht», findet Hermann und betont dabei vor allem ihre Neugier und den Mut. Deshalb ist es ihm und Michael Stauffer auch ein Anliegen, die «verrückte, tolle Dame», das «Rabauzli», wie sie eine Bekannte […]

→ Zeitungstext als PDF

Simone Tanner


Kanu fahren ohne Paddel

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2012

Kanu fahren ohne Paddel

Ein Mensch möchte Komiker werden, um bei den Leuten zu sein. Offensichtlich hat er Kontaktschwierigkeiten. So bleibt ihm nur der Humor als Rettungsanker. Aber wie lernt man Humor? Die Germanistikprofessorin Rosmarie Zeller und der Komiker Jess Jochimsen stehen dem armen Tropf hilfreich zur Seite.

Rosmarie Zeller gibt die Expertin, die als Germanistikprofessorin u.a. über Ulrich Bräker, C. F. Meyer, Hugo Lötscher und Christoph Geiser gearbeitet hat und vor dem abenteuerlichen Schritt von der Wissenschaft zur künstlerischen Praxis, von der Universitätslehrerin zur Figur in einem Hörspiel nicht zurückschreckt. Und Jess Jochimsen übernimmt als eloquenter Kabarettist und Autor den Part des Fachkundigen, der den fiktiven Möchtegernkollegen berät.

Mit: Brian Gill (Sprecher am Klavier), Prof. Dr. phil. Rosmarie Zeller (Expertin), Jess Jochimsen (Experte)
Musik: Brian Gill (Klavier) - Regie: Michael Stauffer - Produktion SRF 2012 - Dauer: 55'

Hören Sie hier das ganze Hörspiel.


Wie ein Schaf in der Wüste: Als James Baldwin die Schweiz besuchte, Audio-CD

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2012
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ISBN 978-3-905825-45-9
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Preis: CHF 28.00


Preis: CHF 28.00
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Wie ein Schaf in der Wüste: Als James Baldwin die Schweiz besuchte, Audio-CD

"Meines Wissens hatte kein Neger vor mir dieses kleine Schweizer Dorf betreten. Wenn ich länger als fünf Minuten in der Sonne sass, kam bestimmt irgendein besonders mutiges Geschöpf zu mir und legte ängstlich seine Hand auf mein Haar, als fürchte es einen elektrischen Schlag, oder es legte seine Hand auf meine Hand und wunderte sich, dass die Farbe nicht abging." Das schrieb James Baldwin, der bekannteste afroamerikanische Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, als er zwischen 1951 und 1953 das Walliser Bergdorf Leukerbad besuchte, um dort an seinem Roman "Go Tell It on the Mountain" zu arbeiten. Baldwins Erlebnisse und Beobachtungen, mit dem Dorf und seinen Bewohnern, fanden auch Niederschlag im Essay "Ein Fremder im Dorf".Für dieses Hörspiel (Produktion: SWR 2011) begaben sich Michael Stauffer und Rolf Hermann auf die Spuren Baldwins in Leukerbad. Sie trafen auf zwei frühe Wegbegleiter Baldwins. Lucien Happersberger, Baldwins Vertrauter in den 50er Jahren, und Lorenz Possa, der Baldwin das Skifahren beibringen wollte."Wie ein Schaf in der Wüste" ist ein wunderbar mehrsprachiger Bericht auf Deutsch, Englisch, Französisch und Walliserdeutsch, filigran und berührend ineinander verzahnt. 

Hören Sie hier das ganze Hörspiel.

Preis: CHF 28.00
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Wie ein Schaf in der Wüste: Als James Baldwin die Schweiz besuchte, Audio-CD
Der schwarze Mann in Leukerbad, Kulturtipp
Weggefährte von Martin Luther King und einer der geistigen Väter von Barack Obama: Der afroamerikanische Schriftsteller James Baldwin (1924–1987) vollendete in Leukerbad seinen ersten Roman «Go Tell It On The Mountain» und wurde damit zur wichtigsten afroamerikanischen Stimme des 20. Jahrhunderts. Das Hörspiel von Rolf Hermann und Michael Stauffer zeichnet Baldwins Schweiz-Aufenthalte zwischen 1951 und 1953 nach. Man hört seine Stimme und Erinnerungen von Walliser Zeitgenossen. Fremd fühlte sich Baldwin überall, ob in New York, im Pariser Exil oder im Wallis. Hier weilte er wiederholt, um konzentriert schreiben zu können. Auch an seinem Essay «Der Fremde im Dorf», worin er seine eigene Lebensgeschichte mit der Geschichte der Afroamerikaner verknüpft. Im 600-Seelen-Dorf begegnete man Baldwin nie feindselig; man staunte einfach ob der exotischen Erscheinung.
Urs Hangartner

Haare für einen Wintermantel: James Baldwin in Leukerbad, DER BUND
Die Hörspiel-CD «Wie ein Schaf in der Wüste» führt vor, wie ein Walliser Bergdorf in den 1950er-Jahren zum Brennpunkt der afroamerikanischen Erfahrung des 20. Jahrhunderts wurde. Kaum sass er fünf Minuten in der Sonne, kam ein mutiges Geschöpf zu ihm, staunte ihn an, berührte ängstlich seine Haut. «Ich war ein lebendes Wunder», erinnert sich James Baldwin später. Die Szene ist das Walliser Bergdorf Leukerbad, das Jahr ist 1951 und der Protagonist ein junger Afroamerikaner, der sich als Schriftsteller versucht. 1948, als 24-Jähriger, zieht James Baldwin mit 40 Dollar in der Tasche und mageren Französischkenntnissen von New York nach Paris, um dem rassistischen Klima der USA zu entkommen. Da Paris für den Autor, der an seinem ersten Roman arbeitet, viel zu viele Ablenkungen bereithält, entschliesst er sich, sein Projekt an einem Ort voranzutreiben, wo er ungestört ist. Also fährt Baldwin mit seinem damaligen Freund, dem Schweizer Lucien Happersberger, nach Leukerbad, wo Happersbergers Familie eine Wohnung besitzt. Und so kommt es, dass jener Mann, der eine der ein?ussreichsten Stimmen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung werden sollte, im Februar 1951 in einem kleinen Walliser Dorf Erfahrungen macht, die seine Sicht auf die Rassenkon?ikte schärfen sollten. In einem Dorf notabene, wo sich im Winter noch kaum ein Tourist hinwagt, in eine «weisse Wüste» aus Schnee und Eis, wie der 1987 verstorbene Baldwin schreibt. «Ihn aus der Nähe anschauen» Der Bieler Michael Stau?er und der Walliser Rolf Hermann, beide als Literaten und Sprechkünstler bekannt, erinnern in ihrem suggestiven Hörspiel «Wie ein Schaf in der Wüste» an Baldwins Schweizer Aufenthalt. Sie montieren neben die Erzählerstimmen Originalaufnahmen von Baldwin, Interviews mit Lucien Happersberger (der 2010 verstorben ist) und dem Schreiner und Skilehrer Lorenz Possa aus Leukerbad, der von seinen Begegnungen mit dem «Neger» erzählt: «Und ich hab dann zu mir gesagt, um Baldwin etwas besser kennen zu lernen, muss ich wohl am Abend in die Alpina-Bar gehen. Dort konnte man ihn aus der Nähe anschauen.» Die Erfahrung des Fremdseins prägte Baldwin zwar seit seiner Jugend in Harlem, doch: «Leukerbad war der perfekte Ort, um sich vollkommen fremd zu fühlen», sagt Lucien Happersberger auf der CD und weiss noch, was Baldwin selbst äusserte: «These mountains were white, baby, no question about that!» Jenseits des Vorstellbaren Wenn Baldwin durchs Dorf geht, rufen die Kinder «Neger, Neger!», viele sind fasziniert von seinem Haar. «Man schlug mir im Scherz vor, ich solle es lang wachsen lassen und als Wintermantel benutzen», schrieb Baldwin im Essay «Stranger in the Village», der in Leukerbad entstand. Die Dorfbewohner sind nicht feindselig zu Baldwin; ein Schwarzer, und zwar einer, der nicht aus Afrika, sondern aus Amerika kommt, übersteigt schlicht ihr Vorstellungsvermögen. So beobachtet Baldwin die naiv-erstaunten Reaktionen der Einheimischen wie ein Ethnologe – und macht sich grundsätzliche Gedanken: Der erste weisse Mann in einem afrikanischen Dorf müsse sich ähnlich vorgekommen sein wie er jetzt. Mit einem grossen Unterschied allerdings: Während der Weisse das Erstaunen der afrikanischen Eingeborenen als Huldigung nehme, treffe er selber hier auf Menschen, deren Kultur auch sein Massstab sei. Eine Kultur also, die ihn geformt hat und von der er doch ausgeschlossen ist. So wird ausgerechnet ein kleines Schweizer Alpendorf zum Brennpunkt der afroamerikanischen Erfahrung per se – und das ist es auch, was «Wie ein Schaf in der Wüste» so hörens- und bedenkenswert macht. Dass die Leute in Leukerbad zunächst annehmen, Baldwin ernähre sich nur von Bananen oder hinterlasse auf den Leintüchern schwarze Abdrücke, bringt den Amerikaner dazu, über das Konzept des natürlichen Rassismus nachzudenken. Denn die Vorurteile würden genährt von einer Kultur, die im Kern rassistisch sei, sagt Baldwin. Er staunt auch über jenen Brauch im Dorf, bei dem Schüler sich die Gesichter schwarz färben, Rosshaarperücken aufsetzen und Geld sammeln für die Mission in Afrika, um dort Eingeborene zu «kaufen» – das heisst, um sie zu bekehren. Drei Mal besucht Baldwin Leukerbad zwischen 1951 und 1953. Als er das Dorf zum letzten Mal verlässt, ist der Roman «Go Tell It to the Mountain» fertig. Ein Meilenstein der afroamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Rolf Hermann und Michael Stauffer zeigen nicht nur, dass Baldwins Schweizer Episode sein Bewusstsein, was Rasse und Kultur angeht, weiter formte. Sondern auch, was für ein von diesen Fragen unberührter Fleck die Schweizer Bergwelt damals war.
Regula Fuch

James Baldwin – fremd in Leukerbad, NZZ
czz. · Schwer zu sagen, wessen Befremdung die grössere war: die der Bürger von Leukerbad, welche in der vortouristischen Abgeschiedenheit des Winters 1951 zum ersten Mal einem dunkelhäutigen Menschen begegneten, oder diejenige James Baldwins (1924–1987), der aus New York über Paris kommend noch nie eine ethnisch nicht durchmischte Gesellschaft erlebt hatte. Obwohl man während mehrerer Schreibaufenthalte des wohl bedeutendsten afroamerikanischen Autors im Dorf respektvoll miteinander umging, blieb Baldwin, wie ein 1955 publizierter autobiografischer Essay titelte, «Der Fremde im Dorf». Und es dürfte genau diese «sichtbare» Fremdheit gewesen sein, die (eingebettet in ein Aggregat aus Neugier und Distanz) James Baldwin eher zu ertragen vermochte als die in den USA gesellschaftlich tief wurzelnde Segregation, gegen welche er an der Seite Martin Luther Kings kämpfte. Im Rückgriff auf Baldwins Text haben sich der aus der Spoken-Word-Szene stammende Michael Stauffer und der aus Leuk gebürtige Rolf Hermann auf Spurensuche begeben, mit Baldwins einstigen Freunden gesprochen und sind mit höchst hörenswerten französischen und walliserdeutschen Materialien zurückgekehrt. Zusammen mit überlieferten amerikanischen «Originaltönen» James Baldwins entsteht ein ebenso reizvolles wie reiches Mosaik der Sprachen, die sämtlich diskret von Synchronsprechern sekundiert werden. Über alle Sprachgrenzen hinweg erklingt die Stimme der Sympathie, welche die Frage des Fremdseins zwar erörtert, dabei jedoch das Verbindende über das Trennende stellt.
Christiane Zinzten


Das großartige MIMEI

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2012

Das großartige MIMEI

Die Scham ist bekanntlich der erste Impuls nach dem Sündenfall - das erste Gefühl, das der Mensch allein sich selbst zu verdanken hat. Seitdem jedoch scheint sie aus der Mode gekommen zu sein. Eines Morgens erwacht Gott aus seinem Schlummer und sieht, dass nicht alles gut ist.
Restlos zufrieden war er ja nie mit seiner Krone der Schöpfung. Aber als sie nun ein Computerspiel namens "Superknospe" auf den Markt bringt, ist selbst göttliche Langmut erschöpft. Denn "Superknospe", so verspricht die Werbung, erlaube jedem Spieler sein eigenes, individuelles Universum zu erschaffen. Wir hören Gott zuerst verhalten lachen. Doch dann spüren wir, wie ihn Zorn befällt. Wir werden Zeuge, wie Gott handelt: Gott legt ein Ei, und er nennt es MIMEI. Und er beauftragt Frau Joshi Jusei von der asiatischen Computerspielfirma, die "Superknospe" herstellt, mit der Vermarktung seiner neuen Schöpfung. Und wie könnte es anders sein: Das MIMEI wird ein großer Erfolg! Mit ungewissen Folgen für Gott. Hören Sie selbst!?

Von Michael Stauffer und René Desalmand (Komposition).

WDR 2012, 49' 

 


Professor Hämmerli erklärt

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2011ff

Professor Hämmerli erklärt

Professor Hämmerli ist ein Spezialist für Fragen. Was immer gefragt wird, er weiss die Antwort. Zambo lädt nun Professor Hämmerli live in die Radiosendung ein. Er soll die Fragen der Zambo-Hörer direkt beantworten. Ihm zur Seite steht seine Assistentin Frau Nagel. Ohne sie wäre Professor Hämmerli sehr hilflos, denn was jetzt schon verraten werden darf: Frau Nagel rettet den Professor immer wieder aus der Patsche. Und sie hilft auch den Fragenden, die Antworten des etwas kurligen Professors zu verstehen.
Eine nicht ganz ernst zu nehmende Spezialisten-Runde mit viel Witz, Charme und Improvisation.?

Mit: Anette Herbst (Frau Nagel) und Michael Stauffer (Professor Hämmerli)
 
Regie: Päivi Stalder.

Seit 2011. Letzte Episode: 2014.


Ich begrüsse mich ganz herzlich

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2011


Ich begrüsse mich ganz herzlich

Es mag zwar sein, dass die meisten Menschen bei ihrer Geburt ganz herzlich begrüsst werden, aber spätestens dann, wenn man als Kind auf spielerische Art anfängt, in die Welt einzugreifen, muss man sich schon selber herzlich begrüssen, denn dann weicht die elterliche Herzlichkeit der Erziehung. Später wird man als junger Erwachsener durch Selbstentfremdung und Selbstverleugnung wieder Herzlichkeit, sprich Anerkennung ernten. Und wenn man sein Leben redlich verbracht hat, formt sich die Gesellschaft auch schon zur Menschenschleuder, die einen möglichst schnell entsorgen will.??

Mit Vanessa Stern, Stefanie Frauwallner und Michael Stauffer.

Regie: Claude Pierre Salmony - Produktion: Schweizer Radio und Fernsehen, 2011 - Dauer: 40'


Bern ist überall: Verruckti Tier

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2010
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ISBN 978-3-905825-20-6
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Preis: CHF 28.00


Preis: CHF 28.00
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Bern ist überall: Verruckti Tier

Verruckti Tier, freche Kinder, Bratwurstjoghurt und Sugus: In 30 Texten und mit viel Musik bringt das Spoken-Word-Ensemble “Bern ist überall“ die Welt auf spielerische Art durcheinander. Für Kinder ab 7 Jahren und Familien. Die CD wurde live aufgenommen im Jungen Schauspielhaus Zürich und in Kooperation mit Schweizer Radio DRS (Sendung “Zambo“) realisiert. 

Die beteiligten Autoren/Musiker: Christian Brantschen, Arno Camenisch, Elsa Fitzgerald, Noëlle Revaz, Guy Krneta, Pedro Lenz, Gerhard Meister, Margrit Rieben, Michael Stauffer, Beat Sterchi.

Bern ist überall
Die Geschichte der Autorengruppe «Bern ist überall» ist in der Schweizer Literaturgeschichte wohl einmalig: Seit der Gründung im Jahr 2003 stetig gewachsen, spannen inzwischen neun Autor/innen und vier Musiker/innen zusammen, welche die Hinwendung zur gesprochenen Sprache verbindet. Sie treten in immer wechselnden Besetzungen auf (Stammformation: drei Autoren und ein Musiker), stimmen Texte wie Themen auf die beteiligten Autoren und den jeweiligen Abend ab und schreiben für spezielle Anlässe auch gleich neue Texte. Jedes Bühnenprogramm von "Bern ist überall" bleibt so einmalig. 2006 reichte der Berner Schriftsteller Kurt Marti das Preisgeld der Bürgi-Willert-Stiftung – wie es der Kulturpreis vorgibt – an „Bern ist überall“ weiter. 

Preis: CHF 28.00
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Bern ist überall: Verruckti Tier
Verruckti Tier
Auf „Verruckti Tier" sind 30 Stücke für Kinder ab sieben Jahren zu hören. Auf der Spoken-Word-CD wird gereimt, gesprochen und geradebrecht: Es gibt viel zu lachen für kleine und grosse Zuhörerinnen und Zuhörer. Einen Stink-Zeh hat die Schwester, der riecht sauer wie ein Marktstand, wie ein verdorbenes Käseküchlein, wie abgestandene Ravioli. Alles eklig, grusig, pfui. Die Schwester widerspricht und am Ende wird der Stink-Zeh zur feinen Glace. Wie das möglich ist, erzählt Michal Stauffer in rasanten und absurden Schlaufen. Der Thurgauer ist einer von acht Autoren und Autorinnen der Truppe „Bern ist überall", die mit „Verruckti Tier" die zweite CD für Kinder eingespielt hat. So unterschiedlich die Autoren, so vielfältig die Geschichten: Die Wortspiele von Pedro Lenz sind schnurgerade und trocken („Mit ohni" oder „Z'Lied vor Fulheit"). Beat Sterchi jongliert mit Wörtern und Vokalen und zelebriert „Dr Samichlous", musikalisch untermalt von Margrit Rieben und Christian Brantschen. Für dialektische Abwechslung unter den mehrheitlich berndeutschen Texten sorgen nebst Stauffer auch Arno Camenisch, der auf Bündnerisch-deutsch kalauert und Noëlle Revaz, deren welscher Akzent Charme in ihre Texte bringt. Nebst kurzen, witzigen Texten über allerlei verrückte Tiere begegnen einem auch so skurrile Sachen wie das „Bratwurstjoghurt" (Guy Krneta). Mit „Zeut" erzählt Elsa Fitzgerald eine poetische Geschichte über den Jungen im Paket, der per Post zu seiner Mutter geschickt werden möchte. Zum Glück begegnet er dem Mädchen mit dem Zelt und so kommt es auch hier zum Happyend. Am mitreissendsten für Kinderohren wird es dort, wo die Texte klipp und klar, einfach und mit einer schönen Portion Unanständigkeit daher kommen. Es gibt doch nichts Schöneres, als wenn „De Wal" in zwei Minuten 16 Kilo Bohnen, 5 ½ Kilo Käsekuchen und 15 Pizzen frisst und hinterher gleich noch allerlei andere Ungeheuerlichkeiten herunterschluckt! Texte: Arno Camenisch, Elsqa Fitzgerald, Noëlle Revaz, Guy krneta, Pedro Lenz, Gerhard Meister, Michael Stauffer, Beat Sterchi. Musik: Christian Brantschen, Margrit Rieben von: http://www.leporello.ch/index.php?id=182&tx_redaktionstipps_pi1[showUid]=547&cHash=2319a4954

Hinduhans

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2010
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ISBN 978-3-85616-436-2
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Preis: CHF 19.90


Preis: CHF 19.90
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Hinduhans

Sechs Monate lang war der Bieler Saxophonist und Klarinettist Hans Koch Artist in Residence in der Kriti Gallery in Varanasi/Benares, der heiligen Stadt am Ganges, und tauchte ein in eine fremde Welt: «Immer mit der Schweiz zu vergleichen, das mache ich nicht mehr; ich bin einfach hier und akzeptiere, was abgeht. Und meine Ohren kann ich sowieso nicht verschliessen; also höre ich einfach zu.»
Vom Autor Michael Stauffer hatte Hans Koch den Auftrag, in E-Mails regelmässig von seinen Erfahrungen zu berichten. Der Daheimgebliebene schrieb das Berichtete dann weiter zu lakonischen Beobachtungen, nüchternen Erkenntnissen und bittersüssen Heimwehgefühlen eines vorübergehend in Indien weilenden Schweizer Musikers namens Hans, der sich langsam in einen Hindu zu verwandeln scheint.?

Mit Ueli Jäggi.

Musik: Hans Koch und Michael Stauffer - Regie: Michael Stauffer und Hans Koch - Produktion Schweizer DRS, 2010 - Dauer: 54'


Die Frau mit der Bankenkrise

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2010


Die Frau mit der Bankenkrise

Die Banken wanken, Aktien verlieren an Wert, die Gesellschaft an Orientierung. Mit dem Zusammenbruch ihres Depots gerät die Frau mit den Aktien in eine persönliche Krise. Sie sucht nach Wegen zu verstehen, was geschieht. Hartnäckig probiert sie, der Abstraktheit der Geschehnisse mit kreativen Mitteln beizukommen: Sie findet Reime für die Kursentwicklung, versucht an der Börse das Geräusch abstürzender Kurse aufzunehmen, klebt ihre Kontoauszüge zu einem Teppich zusammen. Ehemann und Anlageberater sind hilflos oder suchen erst gar nicht nach Lösungen. Nur mit der Elster, die seit einiger Zeit ihr Fensterbrett besucht, versteht sie sich gut. Derweil werden die Börsennachrichten immer apokalyptischer. In seinem neuen Hörspiel untersucht Michael Stauffer ernsthaft und spielerisch die Bankenkrise, ihre Auslöser, Auswirkungen und Auswege.

Von Michael Stauffer.

WDR 2010, 53'

Hören Sie hier einen Ausschnitt.

Die Frau mit der Bankenkrise
Die Frau mit der Bankenkrise
Die Banken wanken, Aktien verlieren an Wert, die Gesellschaft an Orientierung. Mit dem Zusammenbruch ihres Depots gerät die Frau mit den Aktien in eine persönliche Krise. Sie sucht nach Wegen zu verstehen, was geschieht. Hartnäckig probiert sie, der Abstraktheit der Geschehnisse mit kreativen Mitteln beizukommen: Sie findet Reime für die Kursentwicklung, versucht an der Börse das Geräusch abstürzender Kurseaufzunehmen, klebt ihre Kontoauszüge zu einem Teppich zusammen. Ehemann und Anlageberater sind hilflos oder suchen erst gar nicht nach Lösungen. Nur mit der Elster, die seit einiger Zeit ihr Fensterbrett besucht, versteht sich die Frau mit den Aktien gut. Derweil werden die Börsennachrichten immer apokalyptischer. Ich habe in diesem Hörspiel die Bankenkrise, ihre Auslöser, Auswirkungen und Auswege untersucht und auch mit einem Privatbankier aus der Schweiz geredet. Die Frau mit der Bankenkrise Ein Hörspiel von: von Michael Stauffer Realisation: der Autor Produktion: WDR 2010 Ursendung: 3. Juli Sa 15:05 WDR 3 Dauer: 52'13' Mit: Vannessa Stern, Stefanie Frauwallner, Christian Ahlers, Urs Jucker, Richie Heller, Gregor Sander, und Dr. Konrad Hummler, unbeschränkt haftender Teilhaber, Wegelin & Co. Privatbankiers Musik: Michael Stauffer Technik: Karl Atteln Regie: Michael Stauffer

Tomate uf dä Ohre

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2008
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ISBN 978-3-905825-02-2
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Preis: CHF 28.00


Preis: CHF 28.00
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Tomate uf dä Ohre

Der gesunde Menschenversand, 2008, ISBN 978-3-905825-02-2

Das gab es noch nie: Slam-Poeten und Autorinnen, die für ihre furiosen Bühnenauftritte bekannt sind, lesen Texte für Kinder von 7 bis 12 Jahren. Die Texte sind geprägt von der Lust an Wortspielen, an alltagsnahen Geschichten und ebenso alltäglichen Träumereien.
Die Spoken-Word-CD unterscheidet sich nicht nur dank des Fokus’ auf neue Schweizer Literatur von vielen anderen Hörbüchern, sondern macht ausserdem die Kraft der aktuellen Bühnenliteratur auch in der Literatur für Kinder zugänglich: Alle Autor/innen treten seit langer Zeit mit ihren eigenen Texten auf, und alle schreiben ihre Texte exklusiv für dieses Projekt. 

Mit: Michael Stauffer, Sibylle Aeberli/Boni Koller, Simon Chen, Elsa Fitzgerald, Frank Gerber (Musik), Nora-Eugenie Gomringer, Stefanie Grob, Guy Krneta, Pedro Lenz, Gerhard Meister, Gabriel Vetter/Matze B., Suzanne Zahnd und Greis mit einem bisher unveröffentlichten Text von Mani Matter. 
Am Schluss der CD: "Tomate uf de Ohre", Song von Greis und Frank Gerber. 

Preis: CHF 28.00
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Tomate uf dä Ohre
Tomate uf dä Ohre, BZ
«Und du? Was bisch du für en Aff?» Wortspielerischer Poetry-Slam, lyrische Ohrwürmer und Dada auf hohem Niveau: Dies alles bietet die CD «Tomate uf de Ohre». 14 Schweizer Autorinnen und Slam-Poeten haben Kultverdächtiges für 7- bis 12-Jährige getextet. ... Eltern müssen tapfer sein, besonders wenn die Sprösslinge ihre Lieblingsgeschichten im Repeatmodus runterrattern. Oftmals saugen sich die Kleinen an den uninspiriertesten, dafür eingängigsten Produktionen fest. Und möchten die Eltern ihre Kinder begeistern für sinnig-listige Prosa oder experimentelle Lyrik, müssen sie einmal mehr tapfer sein: Denn die Auswahl ist erschreckend dürftig. Doch ab und an findet man Trouvaillen wie «Tomate uf de Ohre» – eine Koproduktion des Luzerner Verlags «Der gesunde Menschenversand» und von DRS 1. ... Saublöd fragt Dichter Michael Stauffer – schier unendliche drei Minuten lang: «Was bisch du für en Aff?» «Ich bin dr Traum-Aff, dr Pressier-Aff, dr Handy-Aff. Und du? Was bisch du für en Aff?» «Ich bin dr Turnschue-Aff, dr Znüni-Aff dr Lehrer-Aff». Was sich beim ersten Mal gaga anhört, klingt spätestens nach dem dritten Mal nach feinem Dada. ...

Ich kann ohne Esel nicht sein

,
2008

Ich kann ohne Esel nicht sein

Dichterstauffer ruft Krüsi. Der Aussenseiterkünstler Hans Krüsi, 1995 in St. Gallen gestorben, gibt selber keine Antwort mehr. Aber sein Werk spricht noch immer in unverwechselbarer Deutlichkeit. 

Michael Stauffer taucht ein in den Nachlass von Krüsi, liest seine Sätze, schaut seine Bilder, hört seine Tonbänder und beginnt einen Dialog.

Bei seinem Tod hat Hans Krüsi einen ausufernden Nachlass hinterlassen. Die in Wohnung, Atelier und verschiedenen Lagern vorgefundenen Materialien umfassten vom sorgfältig gerahmten Bild bis zu vergessenen, vor sich hin rottenden Esswaren jede Variation von Objekten. Stauffers Zugriff auf dieses Material öffnet neue Sichten auf den Künstler Hans Krüsi, auf seine Person und sein Schaffen. Stauffer erkennt in Krüsi einen Wahlverwandten, dessen Gedanken er gerne aufnimmt, variiert, kopiert, mit seinen eigenen vermischt und sie dadurch auch mal eigenwillig mit neuem Leben füllt. 

«Ich kann ohne Esel nich sein» ist zu finden in der Hörspiel-Trilogie Stauffer an Krüsi antworten, 2008, herausgegeben vom Verlag Der gesunde Menschenversand, Luzern.

Mit Vanessa Stern und Hans Krüsi
Musik: Michael Stauffer und Hanspeter Pfammatter - Regie: Michael Stauffer - Technik: Michael Stauffer - Mastering: Karl Atteln - Produktion: Autorenproduktion, 2008 - Dauer: 52‘ 
Redaktion: Johannes Mayr

Hören Sie hier das ganze Hörspiel.


Gut gemacht, noch mehr gemacht, nichts mehr gemacht

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2008

Gut gemacht, noch mehr gemacht, nichts mehr gemacht

Workaholismus, Burnout Syndrom, Manager-Krankheit - Arbeit ist heute ein knappes und begehrtes Gut. Und die, die sie haben, können meist gar nicht genug von ihr bekommen. Aber wie bei allen Dingen ist der exzessive Gebrauch auch hier abträglich, denn die unerwünschten Nebenwirkungen sind enorm.?

Ein Workaholic im Endstadium schafft gar nichts mehr, auch nicht seine Arbeit.

Mit Vanessa Stern, Christian Ahlers, Urs Jucker, Christiane Gross, Stefanie Frauwallner, Ragna Guderian und Sandner
Musik: Joke Lanz und Michael Stauffer - Sounddesign, Mischung, Mastering: Karl Atteln - Realisation: Michael Stauffer - Produktion: Westdeutscher Rundfunk, 2008 - Dauer: 52'?
Redaktion: Stephan Heilmann

Hören Sie hier einen Ausschnitt.


«Mein Motto: Mutter» von Michael Stauffer

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2008


«Mein Motto: Mutter» von Michael Stauffer

Der Schweizer Schriftsteller Michael Stauffer hat als Sohn, Freund und Lebenspartner die wichtigen Frauen seines Lebens zu seiner Person befragt, in erster Linie natürlich die Mutter. Und er hat zwei mögliche Söhne erfunden, einen eigenwilligen, heiteren, durchaus liebesfähigen und einen eher tragischen, der am Telefon mit der Mutter hadert.

Entstanden ist eine Kollage aus O-Tonmaterial und fiktionalen Texten, welche die Identität als Anhäufung von widersprüchlichsten Bildern, Geschichten und Behauptungen präsentiert.

Mit Urs Jucker als Sohn, Christian Ahlers als Telefonsohn u.a.

Musik: Michael Stauffer - Regie: Claude Pierre Salmony - Produktion: Schweizer Radio DRS, 2008 

Hören Sie hier einen Ausschnitt.

«Mein Motto: Mutter» von Michael Stauffer
Ein Mann sucht sein Ich Mit einer kaleidoskopartigen Collage kreist Michael Stauffer sein Ich ein in einem Hörspiel, das Authentisches mit Fiktionalem verschränkt, radiomagazin
Es werden Fragen gestellt in «Mein Motto: Mutter». Fragen wie: «Was ist was? Wer ist was?» Oder: «Kann man zu viel über sich selbst reden?» Oder auch: «Was ist etwas vorspielen? » Einmal hören wir eine weibliche Stimme fragen: «Worum gahts jetzt eigentlech i däm Hörspiel?» Es ist die Stimme von Michael Stauffers Mutter. Sie und weitere Personen, vor allem wichtige Frauen in seinem Leben, hat der aus der Ostschweiz stammende und in Biel lebende Autor mit dem Tonband nach einem jeweils identischen Fragenkatalog befragt. Es sind authentische Aussagen, die Stauffer ausgewählt und mit einem fiktionalen Strang zur vielstimmigen Collage komponiert hat. Apropos komponiert: Stauffer hat auch die Musik zu seinem Hörspiel beigetragen. ERFUNDENES UND FIKTIVES Wie schwierig gestaltete sich das Motivieren der echten Personen? Stauffer verrät: «Sie waren leicht zum Mitmachen zu bewegen.» Obwohl sie nicht gewusst hätten, wie das Hörspiel herauskommen würde. Auch wenn sie offen und ungeschönt (über ihn) berichten, sie selber wurden nie benutzt oder denunziert. Da hören wir nun etwa Anekdotisches zum kleinen Michael, Erinnerungen und Einschätzungen zur Person des Autors. Dem eigenen Ich werden bei der hörspielerischen Identitätssuche – in Hochdeutsch – zwei erfundene Söhne entgegengesetzt. Fiktiv ist freilich auch die wiederholt eingestreute Disney-Welt: Zur wahren Autobiografie des Autors gesellen sich ironisch Verwandtschaftsverhältnisse von Figuren wie etwa Micky Maus oder Donald Duck. HÖRSPIEL ALS TEAMARBEIT Michael Stauffer (36), soeben mit dem Förderpreis für komische Literatur der Stadt Kassel ausgezeichnet, bewegt sich in verschiedenen literarischen Formen, von Prosa über Theater bis zu «Spoken Word». Auffällig, wie produktiv er gerade im Bereich Hörspiel ist. «Mein Motto: Mutter» ist bereits sein 16. Werk seit 2001. Stauffer hat gute Gründe dafür anzuführen. Ganz profan sei das Hörspiel eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Dazu werde ihm bei dieser Art literarischer Arbeit eine «relative Freiheit» geboten. Und: «Ich schätze beim Hörspiel die Teamarbeit, während das Bücherschreiben ja oft eine einsame Angelegenheit ist.» Für das aktuelle Hörspiel hat er seinen Text und die O-Töne der Obhut des Stauffer-erfahrenen Regisseurs Claude Pierre Salmony übergeben, der seinerseits die Freiheit der Ausgestaltung hatte.
Verspielt gespiegeltes Ich, NZZ
Radio DRS 2 realisierte erneut ein Stück von Michael Stauffer, der sich zu einem eigenwilligen Hörspielmacher entwickelt. Auch eine neue Produktion von Mauricio Kagel steht auf dem Programm. Seine Affinität für das Hörspiel ist unverkennbar. Seit der ersten DRS-2-Arbeit, «Gartenproletarier» (2001), hat sich Michael Stauffer zu einem ebenso eigenwilligen wie produktiven Hörspielautor und eigentlichen Hörspielmacher entwickelt. Teilweise in Eigenregie sind neben Prosa- und Theatertexten inzwischen über zehn Radioinszenierungen auch für den Westdeutschen Rundfunk und Radio Bremen entstanden. Die Reihe fortsetzen wird am 3. September die Ursendung des abermals von Claude Pierre Salmony eingerichteten Originalhörspiels «Mein Motto: Mutter». Lustvolle (Sprach-)Verwirrung Das Titelbekenntnis entspricht schelmischer Irritation. Nach satirisch beflügelten Hörstücken wie «Die Socken machen», «Die Tierstunde» oder «Radio till you drop» hat sich Stauffer mit seiner jüngsten Vorlage nicht etwa ernsthaft einer nachwirkenden Mutterbindung verschrieben. Einen solchen Verdacht unterläuft bereits das ironisch grundierte Intro im Zeichen lustvoller (Sprach-)Verwirrung um Dialekt und Hochdeutsch. Der polyvalente Autor und Performer mit dadaistischer Ader ist keineswegs selbstverliebtem Tiefsinn erlegen. Stauffer spielt vielmehr mit einigermassen sachlichen bis unverhohlen belustigenden Aussagen zu seiner Person aus der Perspektive der Mutter und anderer ihm nahestehender Frauen; ergänzt wird dies durch eine versöhnliche Sohn-Erzählung sowie die aufgebrachte Telefonstimme eines erfundenen weiteren Nachkommen tragikomischer Prägung. Spontane Antworten auf elementare wie auch absurde Fragen («Wann erfährt man, wer man ist?», «Als welches Lebensmittel sieht man sich?») und gelesene Passagen nicht zuletzt zur mutterlosen Herkunft von Mickey Mouse, Monologe und Improvisationen ergeben eine Collage aus Originalton-Versatzstücken und fiktiven Einwürfen, welche Identität als brüchiges Konglomerat von Einzelbildern und narrativen Splittern entwirft. All dies ist von eher erheiternder denn belastender Konsequenz. Überlagerte Textbausteine verschmelzen unter Salmonys griffiger Regie mit eingestreuten Piano-Akzenten, ulkigen (Comic-)Sounds und Gelächter-Sequenzen. Resultat ist eine leichtfüssige und letztlich auch leichtgewichtige Eigenproduktion, die Stauffers unbeschwertem Elan und ausdauerndem Wortmut vertraut.
Roland Erne


Stauffer an Krüsi antworten - Ich kann ohne Esel nicht sein

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2008

Stauffer an Krüsi antworten - Ich kann ohne Esel nicht sein

Nach seinem Tod hinterließ der Schweizer Künstler Hans Krüsi (1920-95) einen ausufernden Nachlass. Die in Wohnung, Atelier und verschiedenen Lagern vorgefundenen Materialien umfassen vom sorgfältig gerahmten Bild bis zum zerfallenden Bastelstück oder den vergessenen vor sich hin rottenden Esswaren jede Variation von Objekten. Krüsi, ein bedeutender Vertreter der Art Brut, nutzte neben Farben auf Papier oder Karton auch seine Polaroidkamera, den Fotokopierer oder das Tonbandgerät, um seine Alltagserfahrungen zu fassen und zu gestalten. Sein Schaffen war grenzenlos, so dass der Nachlass im Kunstmuseum Thurgau auch nach jahrelanger Ordnungsarbeit noch immer ein unergründliches Potential für Entdeckungen unbekannter Werke bildet. Der Hörspielmacher Michael Stauffer sichtete das Material und entwickelte auf dessen Grundlage Texte und Improvisationsanleitungen für das Hörstück. Dabei nimmt Stauffer Krüsi als Gegenüber ernst und begreift dessen Schaffen als ein mögliches Modell für die Entfaltung einer ausufernden Kreativität, zu der eben gerade auch die Freiheit der Interpretation gehört.?

Von Michael Stauffer und Hans-Peter Pfammatter (Komposition).

EIG (i.a. DLF) 2008, 78'


Das weisse Lauschen 5: Nora Gomringer und Michael Stauffer auf Expedition durch Themen und Töne

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2008

Das weisse Lauschen 5: Nora Gomringer und Michael Stauffer auf Expedition durch Themen und Töne

Auf ihrer Expedition beweisen die beiden Sprachkünstler Nora Gomringer und Michael Stauffer Mut und Geschick auf vielerlei Gebieten: Die Wahl der richtigen Scheiben, das Treffen der unscharfen Töne, das souveräne Zuspiel auf tendenziell unsicherem Boden. Ein aussergewöhnlicher Radioabend für In- und Outsider.

Von Michael Stauffer, Nora Gomringer, Redaktion: Johannes Mayr.

Produktion Schweizer Radio DRS, 2008, 60'


Am Tag vor meiner Abreise

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2008
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ISBN 978-3-905756-53-1
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Preis: CHF 38.00


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Am Tag vor meiner Abreise

Auszug aus dem Manuskript

Taug1 (Telefonbeantworter)
Ja, hier ist der Hannes Taugwalder. Wäre es möglich, dass du mich zurückrufst. Ich weiss eben nicht mehr genau, wann du kommst. Ich werde dann versuchen, Deine Wünsche möglichst zu erfüllen und das Zeug ein wenig bereit zu machen. Schön. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende. Könntest Du mich bitte zurückrufen. 

Komm1 
Im letzten Lebensjahr von Hannes Taugwalder kam es zu vier Begegnungen mit ihm. Die erste Begegnung fand im Januar statt, die letzte im Juni. Der Ort war immer derselbe: Das Wohnzimmer in Taugwalders Haus in Aarau, mit Sicht auf Garten und Rasen. Auf dem dunklen Holztisch lagen ein Aufnahmegerät, ein Stapel Blätter, ein Notizblock und zahlreiche Bücher. Die Gespräche dauerten jeweils vier Stunden. Zwei am Vormittag von zehn bis zwölf. Zwei am Nachmittag von 14 bis 16 Uhr. Die Gespräche boten Hannes Taugwalder die Möglichkeit, auf sein Leben zurück zu blicken und sich zu seinem Schreiben zu äussern. Auch sprach er über seinen bevorstehenden Abschied. Denn er wusste, dass er, wie er selber sagte, „vor der letzten Türe stand“.

Komm2    
1. TEIL: DER LAUF DES LEBENS

Stimm1    
Vorwort: Meine Vorfahren waren Bergbauern. Sie trugen die fröhlichen Herzen der Hirten. Ihre Heimat war nicht die Talsohle, sondern die Halden und Hänge, die dem Matterhorn vorgelagert waren. Dort fanden ihre Haustiere Weideplätze und sie ein karges Auskommen. Aber Alleinsein war nicht Einsamkeit. Und Armut nicht Unglück, sondern Ungebundenheit und das kurze Leben ein Durchgang zu den ewigen Weideplätzen. (S. 7)

Komm3    
So beschreibt Hannes Taugwalder in seinem bekanntesten Buch: „Das verlorene Tal“, einer autobiographischen Erzählung aus dem Jahr 1979, seine Herkunft. Taugwalder wurde am 21. Dezember 1910 als drittes von insgesamt fünf Kindern in Zermatt geboren. 20 Jahre vor seiner Geburt, in den Sommern von 1890/1891, wurde die Zugstrecke von Visp nach Zermatt eröffnet. Und nochmals 25 Jahre früher, am 14. Juli 1856, war dem Engländer Edward Whymper die Erstbesteigung des Matterhorns gelungen. Hier in diesem zwischen Bergmassiven eingekesselten Dorf, in dem der Tourismus eine zunehmend tragende Rolle spielte, verbrachte Hannes Taugwalder seine Kindheit und frühe Jugend.

Taug2
Ich bin eigentlich ein gespaltener Mensch. Auf der einen Seite konnte ich viel von der Liebe und der Güte meiner Mutter erben, also durch die Gene, die eigentlich unsterblich sind. Und der Vater war ein unglaublich mutiger Bergsteiger. Er hat schon um 1890 … war er im Kaukasus … auf dem Grossen Ararat gestiegen. Und später ging er mit Engländern in den Himalaja. Noch später ging er mit einer Frau aus New York, die für das Harper Magazine schrieb, in die Anden und dort bestieg er mit einem Freund den Huascaran. Natürlich als Erstbesteigung. Dort hatte er Erfrierungen... 

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Am Tag vor meiner Abreise
In fünfzig Minuten ein Jahrhundert besichtigt, Aaargauer Zeitung
Hommage an den Schriftsteller Hannes Taugwalder (1910–2007) mit einer Doppel-CD. Die eine enthält ein Hörspiel über sein Leben und Werk, die andere vermittelt einen Querschnitt durch sein Werk. Viermal haben sie sich getroffen und jeweils vier Stunden miteinander gesprochen, über seinWerk, sein Leben, den nahen Tod. Die Gesprächspartner: Hannes Taugwalder, Zermatter Schriftsteller mit Wohnsitz in Aarau, der im November 2007 im Alter von 97 Jahren gestorben ist, und Rolf Hermann (35), Walliser und Autor auch er. Das war 2006, und das Gespräch fand zu einem «merkwürdigen Zeitpunkt» statt, wie sich Rolf Hermann erinnert. «Hannes Taugwalder wusste, dass er nicht mehr lange leben wird. Er war sehr offen und direkt und gab bereitwillig Auskunft.» Inzwischen hat Rolf Hermann die Tonbandprotokolle gemeinsam mit Michael Stauffer (36) gesichtet, ausgewertet und zu einem Hörspiel erweitert. Es heisst «Porträt mit Heuschrecken: Eine Hommage an Hannes Taugwalder» und ist als CD erhältlich, ergänzt durch die Sprech-CD «So ist das Leben» mit einer stimmigen Auswahl von Texten von Hannes Taugwalder, Gedichten und Gidicht, Gidankuschplitter und Gedankensplittern, Fabeln und Fablä, die seine Vielseitigkeit wie sein Liebe zur Zermatter Mundart dokumentieren. Bekannt wurde Hannes Taugwalder vorerst tatsächlich durch seine Mundartgedichte.Das hat ihm – vor allem im Wallis – auch den Ruf eines Heimatdichters eingetragen – «was er aber nicht war», sagt Rolf Hermann und zählt auf: «Von seinen 35 Büchern sind lediglich 4 Gedichtbände und ein Band mit Legenden in Mundart geschrieben.» Taugwalder sei ein «vielfältiger Schriftsteller gewesen, der der Volkskultur zwar sehr nahestand, sich von ihr aber auch gelöst hat». Sein Hauptwerk sind vier autobiografische Romane, der bekannteste «Das verlorene Tal». Diese Romane liefern auch den Stoff für das Hörporträt des Autorenduos Hermann/Stauffer. Über zwölf Stationen wird in fünfzig Minuten ein Jahrhundert besichtigt. Wir hören den alten Hannes Taugwalder von seiner Familie und seiner Kindheit erzählen, wie er Bergführer werden wollte, ein Armbruch mit Komplikationen ihn jedoch zu einem anderen Beruf zwang; wir erfahren von seinem Hirtendasein, von seiner Bewunderung für Käfer und Blumen; wir kriegen mit, wie ihn die Liebe packt, was er zum «Schreiben und Denken» findet, mit Glaubensträgern hadert, sich mit Briefen einmischt . . . Die Tonalität in diesem Hörspiel wechselt ständig. Hannes Taugwalder berichtet bedächtig und auf Schweizerdeutsch. Barbara Haynen liest mit Walliser Einfärbung auf Hochdeutsch Passagen aus autobiografischen Romanen, das alles kontrastiert von bühnendeutschen Kommentaren (Michael Hasenfuss). Der biografische Streifzug bringt einem Hannes Taugwalder sehr nahe, aber nie zu nahe. Selbst die zwölfte Station «Abschied» hat absolut nichts Voyeuristisches, sondern ist einfach berührend. Im Januar 2007 spricht Hannes Taugwalder mit schwacher Stimme auf Hermanns Telefonbeantworter: «Es geht mir schlecht. Ich werde diesen Herbst sterben.» Im November wurde er in Zermatt zu Grabe getragen.

«Kein Zucker im Kaffee»: Hommage an Grossmutter

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2007


«Kein Zucker im Kaffee»: Hommage an Grossmutter

Sie ist 91, und sie kam nicht mit dem Silberlöffel im Mund zur Welt. Trotzdem hatte sie ein gutes Leben – auch deshalb, weil sie seit fast 50 Jahren Gedichte schreibt. Lange Zeit tat sie es heimlich, heute veröffentlicht Ida Mathieu-Gottet ihre Werke.

Gemeinsam mit Michael Stauffer hat Robert Hermann seine Grossmutter in Albinen besucht und sich von ihr aus ihrem Leben erzählen lassen. Etwa davon, wie das kleine Walliser Dorf in der Mitte des letzten Jahrhunderts durch den Einbruch der Moderne eine für die gesamte Bergregion exemplarische Entwicklung durchmachte. Oder davon, dass sich die alte Dame manchmal wünscht, etwas später geboren worden zu sein. 

«Kein Zucker im Kaffee»: Hommage an Grossmutter
«Kein Zucker im Kaffee»: Hommage an Grossmutter, Wallliser Bote
«Kein Zucker im Kaffee»: Hommage an Grossmutter. Zusammen mit Michael Stauffer. Schweizer Radio DRS 2, 2007. [Info] «Kein Zucker im Kaffee»: Hommage an Grossmutter Sie ist 91, und sie kam nicht mit dem Silberlöffel im Mund zur Welt. Trotzdem hatte sie ein gutes Leben – auch deshalb, weil sie seit fast 50 Jahren Gedichte schreibt. Lange Zeit tat sie es heimlich, heute veröffentlicht Ida Mathieu-Gottet ihre Werke. Gemeinsam mit Michael Stauffer hat Rolf Hermann seine Grossmutter in Albinen besucht und sich von ihr aus ihrem Leben erzählen lassen. Etwa davon, wie das kleine Walliser Dorf in der Mitte des letzten Jahrhunderts durch den Einbruch der Moderne eine für die gesamte Bergregion exemplarische Entwicklung durchmachte. Oder davon, dass sich die alte Dame manchmal wünscht, etwas später geboren worden zu sein. «Wenn der Geist so wach ist...» Ein Radio-Feature blickt ins Leben der 91-jährigen Albinerin Ida Mathieu-Gottet «Offen, aufrichtig und kritisch, bescheiden, neugierig und herzlich» – mit diesen Worten charakterisiert Rolf Hermann seine Grossmutter Ida Mathieu-Gottet. 91 Jahre alt ist diese Albinerin, wachen Geistes ist sie selbst im hohen Alter. «So alt zu werden wie meine Grossmutter – schön ist dies, wenn der Geist so wach ist», meint Rolf Hermann. Bekanntschaft mit dieser lebhaften Frau aus Albinen kann schliessen, wer am 5. und 7. Januar bei Radio DRS 2 reinhört. Hier steht an diesen Tagen ein Feature im Programm, das Rolf Hermann gemeinsam mit dem Hörspielautor und Schriftsteller Michael Stauffer schuf. Grossmutter Ida erzählt dabei aus jenen Zeiten, in denen der elektrische Strom den Weg in die Häuser noch nicht gefunden hatte. Sie berichtet über jene Entwicklung, welche ihr Heimatdorf mit dem Einbruch der Moderne durchmachte. Und legt auch offen, warum sie so gerne Gedichte verfasst. Sechs Stunden Tonaufnahmen Sich mit seiner Grossmutter intensiv mit dem Damals zu beschäftigen, sie zu befragen und ihre Lebenserinnerungen zu verewigen – ein Ansinnen, das lange Zeit im Kopf von Rolf Hermann herumgeisterte. Also machte er sich eines Tages an die Arbeit. Vorerst dachte er dabei «vor allem an die Verwandten und an mich». Doch irgendwann erhielt das Projekt eine Eigendynamik. «Insgesamt sechs Stunden Aufnahmen kamen zustande», blickt Rolf Hermann zurück. Als der Albiner mit Arbeitsort Biel dieses Material dem Schriftsteller und Hörspielautor Michael Stauffer vorlegte, zeigte sich dieser begeistert. Und für die beiden war klar: So was müsste man im Radio bringen. Hier Erinnerungen, dort Geschichte So verfassten die beiden das Manuskript für ein Radio-Feature. Dabei fallen drei Figuren die Hauptrollen zu: Zum einen der Grossmutter, die über das Leben berichtet; zum andern dem Enkel, der durch das Gespräch führt und erzählt, wie das Ganze zustande kam. Und zum Dritten dem Albiner Dorfhistoriker Erwin Niklaus Mathieu, dem Verfasser des Buchs «Albinen, ein Walliser Bergdorf». Die Biografie seiner Grossmutter werde sozusagen zur «Kollektiv- Biografie», komme daher als Beispiel für ein Bergdorf, das den Sprung in die Moderne tat, erläutert Rolf Hermann. Hier die persönliche Erinnerung, dort das Historische eines Bergdorfs – dies auf einen kleinen Nenner gebracht, was da entstand. «Du hängst an jeder Aussage» Die sechsstündigen Aufnahmen für eine einstündige Radiosendung auf rund 40 Minuten zusammen zu schneiden – kein einfach Ding, oder? «Nein, sehr schwer war es, hier eine Auswahl treffen zu müssen », antwortet Rolf Hermann. «Denn du hängst an jeder Aussage », fügt er hinzu. Hinzu sei die emotionale Seite gekommen. «Mich verbindet sehr viel mit meiner Grossmutter. Und die Gespräche mit ihr bedeuteten für mich immer auch ein Eintauchen in meine eigene Geschichte», sagt er. «Sie hatte schon grosse Freude...» Dieser Tage spielte Rolf Hermann seiner Grossmutter eine erste Version der Radioaufnahmen vor. Wie sie reagierte? «Sie hatte schon grosse Freude. Und sie bedankte sich bei mir für mein Engagement», antwortet unser Gesprächspartner. «Komisch, sich selbst zu hören», lautete eine Bemerkung von Ida Mathieu-Gottet. Was diese Reaktion für ihn bedeutete? «Also ich war schon erleichtert darüber, dass ihr dies gefiel. Schliesslich ist meine Grossmutter eine ganz wichtige Person für mich.» Wenn die Schauspielerin Gedichte liest... Dass sich all die Aufnahmen für eine Radiosendung eignen würden, daran habe seine Grossmutter nicht so richtig geglaubt. Was für sie dann besonders spannend gewesen sei: Die eigenen Gedichte von einer Schauspielerin gelesen zu hören. «All die Eigenschaften, die meine Grossmutter besitzt, trugen dazu bei, dass das Feature nicht zu Heimatkitsch verkam», findet Rolf Hermann. «Bleibe wohl hier» Was sich aus den Erzählungen von Ida Mathieu-Gottet heraushören lässt? «Meine Grossmutter wollte immer irgendwie weg von Albinen. Sie blieb jedoch dort. Doch sie zeigt sich versöhnt mit ihrem Leben», findet Rolf Hermann. «Ich bin immer noch in Albinen, ich bleibe wohl hier», habe ihm seine 91 Jahre alte Grossmutter gesagt. «Doch als 90-Jährige bestieg sie erstmals ein Flugzeug und flog nach Mallorca», fügt Rolf Hermann hinzu. Dass das Leben nicht mehr so hart... Wer im Alter von 91 Jahren ohne Brille tagtäglich Zeitung lesen kann, wer in diesem Alter mit der Tochter gemeinsam in einem Haushalt leben darf und regelmässig Ausflüge macht, wer über 90 und geistig immer noch voll da ist – ja, solch ein Mensch muss geradezu glücklich und zufrieden sein. Seine Grossmutter zeige sich in der Radiosendung zum einen von der nostalgischen, zum andern aber vor allem von der «glücklichen Seite», meint denn auch Enkel Rolf. «Glücklich ist sie, dass das Leben nicht mehr dermassen hart ist wie früher», betont er. Leider die Biografie verbrannt... Und hätte Enkel Rolf seiner Grossmutter Ida irgendwas vorzuwerfen – es ginge dabei um deren Biografie. «Meine Grossmutter hatte seinerzeit mit dem Niederschreiben ihrer Lebensgeschichte begonnen. Doch eines Tages steckte sie diese Biografie in den Ofen, verbrannte sie», erzählt Rolf Hermann. «Wirklich schade», fügt er hinzu – und weiss auch den Grund für dieses Tun: «Sie dachte, sie trete damit einigen Leuten auf die Füsse.» «Mit allen Mitteln etwas lernen» «Ich würde unbedingt, mit allen Mitteln etwas lernen: Schriftstellerin», sagt Ida Mathieu-Gottet in «Kein Zucker im Kaffee ». Dass sie dies ja geworden sei – diesen Einwand will die Frau, die seit fast 50 Jahren Gedichte schreibt, nicht so richtig gelten lassen: «Ja, nein. Das ist nur so ein Ersatz. Das ist nur so aus Langeweile und Einsamkeit . . . Ich habe einfach so aus meinem Kopf genommen, was mir der Kopf gegeben hat», gibt sie dort zur Antwort und meint: «Mehr konnte ich ja nicht.» Textprobe Seit fast 50 Jahren schon verfasst Ida Mathieu-Gottet Gedichte. Früher tat sie dies heimlich, heute nicht mehr. Sie hat sogar schon im Eigenverlag einen Gedichtband herausgegeben. «Man muss suchen, bis es einfach passt. Dass der Inhalt passt und dass es sich reimt. Das ist gar nicht so einfach», sagt die Albinerin in der Radiosendung. Hier das Gedicht «Abenddank» Stund um Stunde reihet sich, Füget sich zum Ganzen, Doch bevor der Tag erlischt, Wollen wir noch danken. Für die frohen, hellen Stunden, Und die trüben, dunkeln, Alle sind sie nun entschwunden, Gleich die Sterne funkeln. Poesie von Ida Mathieu-Gottet Hinweis: Am 5. und 7. Januar im Radio DRS 2 «Kein Zucker im Kaffee», die Hommage von Rolf Hermann an seine Grossmutter Ida Mathieu-Gottet steht kommende Woche zwei Mal im Programm bei Radio DRS 2: Die Sendung ist am Freitag, dem 5. Januar, von 20.00 bis 21.00 Uhr sowie in der Wiederholung am Sonntag, dem 7. Januar, von 15.00 bis 16.00 Uhr zu hören. Gemeinsam mit Michael Stauffer besuchte Rolf Hermann seine Grossmutter im Bergdorf Albinen. Was die rüstige Frau erzählt, wird zum Gang durch die Geschichte eines Walliser Bergdorfs – und zur Begegnung mit «einer alten Dame, die sich manchmal wünscht, etwas später geboren worden zu sein.»
Lothar Berchtold


Leben nach Noten

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2007

Leben nach Noten

Der Schweizer Autor Michael Stauffer geht um in der Welt und prüft die verschiedensten Lebensbereiche mit satirischem Blick. In seinen Hörspielen hat er bereits die jugendliche Opposition in der Spätphase erster Glatzenbildung unter die Lupe genommen, die abendländische Tierliebe, sprich "Fifi-Manie", die Schweiz im Spiegel der Dialektforschung und natürlich auch das Eheleben von heute. 2006 hat er sich mit den kommerziellen Medien beschäftigt. Und in "Leben nach Noten" wendet er sich dem gepflegten Diskurs der Kulturmedien zu. Er hat eine Radiosendung erfunden, in der ein einfühlsamer Moderator junge Komponistinnen und Komponisten vorstellt und ausschnittweise auch deren Werke, und zwar in der Live-Interpretation eines Kammerensembles.
Stauffers Hörspiel entstand 2007, als die klassische Musik (neben dem Jazz) noch in unbestrittenem Monopol als Sound schlechthin des Kulturellen stand. Das hat sich inzwischen geändert und andere Musik-Provenienzen stehen gleichberechtigt im Programm. Geblieben aber ist das senderasterfüllende Reden über die Künste mit unterschiedlich bedeutsamem Inhalt.

Von Michael Stauffer und Hans-Peter Pfammatter (Komposition).

DRS 2007, 52'

Hören Sie hier das ganze Hörspiel.

MODERATOR    Liebe Hörerinnen und Hörer, ich begrüsse Sie herzlich zu unserer Sendung "Leben nach Noten" mit Nachwuchskomponistinnen und Komponisten, deren Werke nocht nicht auf Tongrägern erhältlich sind. 
Wir wollen aber gerade auch dieser unveröffentlichten Musik von Morgen mittels Gesprächen und Live-Interpretationen nachspüren. Wir wollen heute schon wissen, wie die Musik von morgen klingt und wir wollen wissen aus welchen Haltungen heraus heute komponiert wird und welche persönlichen Motive in die heutige Musik einfliessen. 
Heute bei uns CHRISTINE GROSS aus Berlin, und CHRISTIAN AHLERS aus Bremen. 
CHRISTINE GROSS ist 43 Jahre alt, hat an der Musikhochschule Stuttgart Streich- und Zupfinstrumente sowie Komposition studiert und abgeschlossen. Sie hat zusätzlich ein Konzertdiplom für Klavier gemacht und ist zur Zeit Korepetitorin am Theater Bremen. 
CHRISTIAN AHLERS, 34 Jahre alt, hat nach seiner Ausbildung am Flügelhorn an der Hochschule für Musik der Basler Musikakademie zusätzlich Komposition und Dirigieren an der Buffalo State University of New York studiert und abgeschlossen. Seither ist er freischaffend als Komponist und Dirigent tätig. Ich freue mich, dass wir heute auch HANSPETER PFAMMATTER, und URSULA KLEEB aus Luzern mit dabei haben. Sie werden mit Zither, Blockflöten, präpariertem und unpräpariertem Klavier die Kompositionen, über die wir reden wollen, live interpretieren. 
Wir werden uns zuerst vertieft mit den Komponisten CHRISTIAN AHLERS und CHRISTINE GROSS beschäftigen und im zweiten Teil der Sendung dann mit der Kunst, also den Werken der beiden. 
CHRISTIAN AHLERS wenn ich mit Ihnen anfangen darf, wieso gerade Zither?

CHRISTINE    Sie sind gut! Das war doch die Bedingung zur Einladung in Ihre Sendung, dass wir Kompositionen mit dieser Instrumentierung – Zither/Blockflöte/Klavier mitbringen. Und jetzt fragen Sie "wieso?" 

CHRISTIAN Gut ich kann Ihnen schon ein paar Gründe nennen. Ich finde zum Beispiel die Namensherleitung der Zither sehr witzig. Die lautliche Ähnlichkeit von Zither zu zittern. Also mit Doppel-T oder mit T-H. Zittern, althochdeutsch, zitaron, ähnlich wie altnordisch, titra, was zwinkern heisst und Zither aus althochdeutsch, zitara, cithara, wohl entlehnt aus griechisch kithara. Was aber nicht ganz sicher ist. Mir gefällt aber auch das Instrument selbst. Der Korpus der Zither kann tropfen- oder birnenförmig sein und die Zither besitzt immer ein Schallloch. Das gefällt mir.

MODERATOR    Und CHRISTINE GROSS, mögen Sie nun doch noch etwas sagen?

CHRISTINE    Ja natürlich mir gefallen die vielen Namen die man für die Zither verwendet: Bergmannszither, Halszither, Harzzither, Lutherzither, Thüringer Zither, Waldzither. Diese Namen sind sehr lustig! 

MODERATOR    Die Zither ist ja ein relativ altes Instrument. Hat das bei der Wahl für Zither zu schreiben eine Rolle gespielt CHRISTIAN AHLERS?

CHRISTIAN    Ja. Die Zither wurde zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert als ein von der Fidel abgeleitetes Instrument erfunden. Der Korpus der Zitter kann wie ich schon sagte, tropfen- oder birnenförmig sein, oder auch einen Umriss ähnlich einer Glocke besitzen. Die Zither besitzt metallene Doppelsaiten aus Stahl, Messing, Eisen oder gelegentlich auch aus Silber. Was mir sehr wichtig war, die Zither ist ein sehr einfach zu spielendes Volksinstrument aus der Renaissance. Jeder konnte damals Zither spielen. 

MODERATOR    Und wie kommen Sie CHRISTINE GROSS auf Blockflöte.

CHRISTINE    Gerade heute, ist ja vieles länglich und hat Löcher.

MODERATOR    Ja?

CHRISTINE    Finden Sie nicht?

MODERATOR    Doch, doch. Und wie war das bei Ihnen CHRISTIAN AHLERS. Wie war das bei Ihnen mit der Blockflöte?

CHRISTINE    Für die Blockflöte spricht tatsächlich, dass sie gewissermassen heute ähnlich populär ist, wie die Zither damals. In Deutschland spielen eine halbe Million Menschen Blockflöte. Haben Sie das gewusst?

CHRISTIAN    Sind es nicht eher noch mehr? Das sind doch noch mehr! Ich bin sicher, dass das noch mehr sind.
… 


Radio till you drop

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2006


Radio till you drop

Hören Sie hier das ganze Hörspiel.

ANDY    Andy
ANETTE    Grüss dich Andy. Was möchtest du uns erzählen?
ANDY    Etwas über Biber!
ANETTE    JA, auch gut. Ich sehe schon, die Krankheitsgeschichten können wir sowieso vergessen. Das war ja auch eine miese Idee aus der Redaktion, die haben ja keine Ahnung, was uns wirklich interessiert, mich am Mokrophon und euch an euern Radios. Hallo, Welt hier ist: [Radio till you drop] Also Andy. Her mit den Bibern.
ANDY    Genau, die bauen Dämme mit Dollarnoten.
ANETTE    Wie?
ANDY    Mit Dollarnoten aus einem gestohlenen Geldsack haben Biber im US-Staat Minnesota ihren Damm aufwendig dekoriert. Sie haben die Noten nicht zerrissen
ANETTE    Hat das jetzt doch etwas mit Krankheiten zu tun, mit psychischen Krankheiten vielleicht.?
ANDY    Ich finde, dass Biber sehr freigebig und sanftmütig sind. Ihre Hoden sind sehr nützlich und man kann daraus Arznei machen.
ANETTE    Intelligente Medikamtenaus Biberhoden?
ANDY    Doch, doch!
ANETTE    Aha.
ANDY    Wenn der Piber gesihet, daz man in jaget, und er nicht empfliehen kan, so bizzit er sich die Gemächte ab und fliehut er. So nimit der Jagir die Gemächte und jaget den Piber nicht mer.
ANETTE    Bitte? Ich habe kein Wort verstanden.
ANDY    Wenn der Biber merkt, dass man ihn jagt, und er nicht mehr fliehen kann, dann beisst er seine Hoden ab und läuft weg. Dann hebt der Jäger die Hoden auf und jagt den Biber nicht mehr. - Das ist aus einem alten Buch aus der Zeit des Humanismus, von Remigius von Tschudin.
ANETTE    Aha. Andy, dafür kannst du dir gleich einen Sofortpreis wünschen. [Der Sofortpreis] Also Andy -
ANDY
Das ist nicht nötig. Ich finde, es sollten sich alle so verhalten, wie die Biber. Alle die ein keusches Leben führen wollen, sollen sich selbst die Begierde abschneiden und sie dem Teufel vorwerfen, der sie jagt. Dann können sie in Gemeinschaft mit Gott leben -
ANETTE
Die Biber haben die Noten nicht zerrissen und es hat keine einzige Banknote gefehlt? Andy, stimmt das so?
ANDY    Das ist nicht erstaunlich, dass die Biber das Geld überhaupt nicht angefasst haben, das ist logisch. Biber sind tugendhaft und eben, wenn es darauf ankommt -
MODERATORI    Andy, bist du Biologe?
ANDY    Ja. Auch.
ANETTE    Ich habe es immer gewusst, von Biologen kann man wahnsinnig viel lernen.

Radio till you drop
Radio till you drop, NZZ

Epizentrum der Jingles und Superangebote
Erne R.
rer. «Radio im Radio» nennt sich eine vierteilige DRS-2-Hörspielreihe, die Radio als (Kultur-) Medium zum Thema macht. Einen Tag nach dem Auftakt mit Helmut Heissenbüttels parodistischer Reflexion «Was sollen wir überhaupt senden?» aus den siebziger Jahren im Rahmen des jüngsten «Hörpunkts» unter dem Titel «Funkwellen und Geistesblitze» sorgt Michael Stauffer nun für eine satirisch imprägnierte Fortsetzung: «Radio till you drop» heisst sein seit 2001 bereits fünftes DRS-2-Hörspiel, das die dem «Interactive Human Touch Broadcasting» (IHTB) verpflichteten Gepflogenheiten beim gleichnamigen Privatsender aufs Korn nimmt.
Diese Programmdoktrin führt bei Stauffer zu drögem Geplänkel zwischen der ausdauernd aufgekratzten, aber dann zwingend doch ausgepowerten Moderatorin Anette (Anette Herbst) und ihrem vereinnahmten Publikum, dem der Sinn nach verzagtem bis forschem Mitmachen per Telefon steht. Permanent zu haben sind da «Hammer-Angebot» und «ultimativer Wettbewerb» sowie Formate wie «Die Stunde der Wahrheit» oder «Deine Geschichte» als Plattformen zum Auspacken, unentwegt unterbrochen von einigermassen realitätsnahen Jingles, einlullender Musik und nicht allzu wirklichkeitsfern überhitzten Werbespots (Audiodesign: Karl Atteln) - für Ohr und Geist eine vom Autor mit Regisseur Claude Pierre Salmony vorsätzlich inszenierte Belastungsprobe.
«Hei, ich hör's knistern, ich spür euch da draussen», buhlt die Radiomoderatorin um die Gunst von potenziellen Kunden, die mittels flächendeckender Kaufgespräche für das interaktive Programmangebot garantieren. So lässt sich der 20-jährige Rob eine «Uhr mit Herz» und Claudia eine Digital Mint Gun in Rosa andrehen, Tom nach Wettbewerbspech in die «Loosergruft» schicken, derweil Siegerin Johanna eine CD von ACDC und den sendereigenen Plüschadler einheimsen darf. Hanna wiederum kann sich für einen auch «zärtliche Bestrafungsspiele» erleichternden Schneebesen erwärmen. Bloss Bettina sieht sich verschaukelt: Ewig schon ist sie in der Leitung, um «Ich weiss es besser» zu spielen.
Erst recht nicht zu kaschieren sind die Tücken des anfälligen Konzepts nach Anettes Aufruf, am Radio eine Krankheitsgeschichte («vielleicht habt ihr postromantische Filzläuse») auszubreiten. Da sich «keine Seele» mitteilen mag, muss der von der Programmleitung ferngesteuerte Redaktor Udo flugs einen halbwegs willigen Anrufer besorgen. Der mit einem gewissen «Biber- Andy» verlängerte Störfall führt prompt zum Eklat: Die zunehmend entnervte Frontfrau lehnt sich auf und schmeisst ihren Job mit einem anarchischen Jingle-Beben, ehe Udo im Nachgang zu diesem «Ausrasterchen» selber den Mikrofon- Job übernimmt.
Stauffers Radiovorlage geizt nicht mit lustvoll zugespitzten Dialogszenen, die auch hierzulande zumindest ansatzweise vorhandene Programmraster ins Visier nehmen. Für den unüberhörbar mit der Szene vertrauten Musiker/Sound-Designer Karl Atteln und Regisseur Salmony ein mit bewährten Kräften (wie Vincent Leittersdorff und Siggi Schwientek, Katharina von Bock und Susanne-Marie Wrage) alles andere als müde aufgenommener Steilpass.



Bancomat

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2006


Bancomat

Wie soll man das Leben meistern, ohne ganz von ihm gemeistert zu werden? Genormte Erwartungen und Regelabläufe überlagern eigene Impulse und überzeichnen jeden Tag den persönlichen Ausdruck, bis man nur noch ein Stück Realitätsprinzip ist. - Michael Stauffer persifliert die Normalität; er führt mit seinem Ensemble einen wilden Tanz auf zum Thema Leben, wie es nach gesundem Menschenverstand geführt werden sollte.

Von Michael Stauffer, Hans Koch, Fabian Kuratli.

DRS 2006, 62'

Auszug:

1
An meinem Geburtstag liegen 13 tote Bienen unter einem Stuhl, ich habe keine Ahnung wo die herkommen. 

2
Zu lange gewartet mit dem Zähneputzen. Schon wieder zu lange gewartet. 

3
Falls ich meinen 90. Geburtstag erlebe, werde ich einen meiner Stühle einer noch zu bestimmenden Universität schenken. So wird man meiner immer gedenken.

4
Sohn! Sei immer geduldig, bete und vertraue!
Je grösser die Not, desto näher die Rettung! Je näher, je näher. Die Rettung, die Rettung. 
Ja, lach jetzt nicht! Das ist so. Das ist genau so. Das stimmt schon, was du denkst, aber auslachen brauchst du mich deswegen nicht. 

Bancomat
Bancomat, AZ

... "Das geregelte Leben und seine Limiten persifliert Stauffer auch in seiner jüngsten Radioarbeit «Bancomat». Das bereits sechste DRS 2-Hörspiel innert fünf Jahren ist eine mit musikalischen Einwürfen von Hans Koch und Fabian Kuratli durchwirkte Textpartitur für zwei - teils überlagerte - Stimmen, die uns mit über hundert Optionen in Sachen alternativer, sprich: der Norm(ierung) entgehender Lebensführung konfrontieren. 
Was Stauffers durchnummeriertes Manuskript an assoziativ verschränkten Einfällen und Erkenntnissen auflistet, hat der auch Regie führende Autor für ein fast schon dadaistisch verspieltes Hörstück genutzt, dessen improvisatorischer Elan auch der experimentell ausgerichteten DRS 2-Rubrik «ArtOrt Hörspiel» gerecht zu werden vermag.... "



Das Jesus Syndikat

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2006

Das Jesus Syndikat

Glauben Sie an die Inkarnation Jesus? Dann melden Sie sich. Wir suchen Darsteller für ein Reality-Passionsspiel." Ein Memo der CIA geht davon aus, dass bald wieder Religionskriege in Europa ausbrechen werden. Deshalb suchen zwei Undercover-Agenten nach Kandidaten, an denen sie die Herausbildung religiöser Identitäten studieren können. Und vielleicht auch manipulieren. Drei Bewerber werden ausgewählt. Ihr wichtigstes Kennzeichen: Sie alle halten sich für eine Wiedergeburt von Gottes Sohn. In einem kontrollierten Versuch treten sie gegeneinander an. Was passiert, wenn Jesus Jesus begegnet? Und vor allem: Welcher von ihnen ist der erfolgreichste? Im Laufe des Experiments können sich auch die beiden Special Agents dem missionarischen Eifer ihrer Kandidaten kaum entziehen. Die CIA-Außenstelle gerät mehr und mehr außer Kontrolle. 

Von Michael Stauffer, Ulrike Janssen und Karl Atteln (Komposition).

WDR 2006, 53'

Lesen Sie mehr Informationen auf der Webseite des SRF 2 Kultur.


Wart du nur, du

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2005


Wart du nur, du

Der Komponist Arnold Schönberg lud 1909 die damals junge Marie Pappenheim dazu ein, ihm ein Opernlibretto zu schreiben. Pappenheim schrieb, und das Ergebnis war ein Monodram, das Schönberg unter dem Titel "Erwartung" dann auch vertonte. Die Handlung ist einfach: Eine dem Wahnsinn verfallene Frau irrt durch einen nächtlichen Wald und sucht nach dem Geliebten, bis sie ihn findet - tot. Da wird sie sich klar, dass sie ihn ja umgebracht hat, weil er sie verlassen wollte. 
Der junge Schweizer Autor Michael Stauffer hat sich der Geschichte angenommen und sie neu erzählt. Bei ihm ist die Frau nicht wahnsinnig, sondern eine Psychotherapeutin, und der Mann ist auch noch keine Leiche, sondern ein munterer Streiter im Kampf der Geschlechter - wenigstens bis zum Ende des Hörspieles.

Von Michael Stauffer und Eliav Brand (Komponist).

DRS 2005, 44'

Auszug

PERSONAL

MARTHA: 45, Psychotherapeutin, Bürokleidung, leicht repräsentativer Kleidungsstil.
ROBERT: Ihr Mann, 45, Chemiker bei Novartis.
JULIE: 35, Amerikanerin, MARTHA II, mit zwei Ausprägungen. 1. Expressionistische 
Darstellung. Klassisch gesungen, poetisch. 2. Expressive Darstellung. Natürlich gesungen, 
emotionaler Redetonfall.

Für die Szenen SCHNITTE I - IV werden die Texte von MARTHA und ROBERT getrennt 
aufgenommen und dann zusammen geschnitten. Die Aufnahmen für MARTHA und 
ROBERT werden mit folgenden akustischen Hintergrundgeräuschen unterlegt. (Bar, Bar 
ruhig, in der Küche, im Auto, im Kaffee, Spielplatz.) 

Wie in einem Dokumentarfilm werden die ausgewählten Ausschnitte dann 
zusammengesetzt. Die Hintergrundgeräusche werden ebenfalls getrennt aufgenommen. 

Die Aufnahmen für die Szenen SCHNITTE I – IV werden relativ „frei“ inszeniert. Die 
Schauspieler werden auf mündliche Berichterstattungsmöglichkeiten hingewiesen. Es sollen 
dynamische Aufnahmen sein. Die Distanz und der Winkel zum Mikrofon darf durch 
Bewegungen ab und zu verändert werden.

Hintergrundgeräusche für die Szenen SCHNITTE I – IV – sowie Aufnahmehinweise.

MARTHA, (Im Kaffee), Sanfte klassische Musik, aus einem Radio im Hintergrund. Sie
muss körperlich sehr entspannt sitzen, eher liegen. In einem tiefen, bequemen Stuhl. Sofa. 
Auf einem Tisch stehen oder liegen, eine Tasse Kaffee, ein Glas Wasser, ihr handy, eine 
aktuelle Ausgabe von GALA. Es wird so inszeniert, dass diese Gegenstände immer wieder 
physisch ins Spiel gebracht werden.

(Spielplatz), Im Hintergrund spielende Kinder, bellende Hunde. Ab und zu dreht Martha 
ihren Kopf um ihr 6 Jahre altes, spielendes Kind zu beobachten. 

(In der Küche,) Bei der Küchenarbeit. Ab und zu trinkt sie einen Kaffe, oder Tee. 
Unterteller, Löffel, Klappergeräusche, Zucker, Kaffeerahm, Schnittfläche, ein scharfes 
Messer, Karotten, Sellerie, Kartoffeln, die geschnitten werden können. Weiches Toastbrot.

ROBERT, (Bar), viele Berufstätige nach Feierabend. Die Musik ist nicht zu laut und
nicht zu leise. Schmierige Versionen von brasilianischen Volksliedern und Musik die auf
einem populären Jazz-Kanal gespielt wird.

(Bar, ruhig), In derselben Bar. Ohne Musik. Die Menschen im Hintergrund sind etwas leiser.

(Im Auto) Leicht von hinten aufgenommen. Mikro neben rechter Schulter. Das Auto fährt 
die ganze Zeit.

Für die Textpassagen (Ausnotiert) werden Sprechpartituren erstellt. 
INTRO

(Präpariertes Piano und Gesang. JULIE atmet mit leichtem Medlodie- und Stimmansatz.)


ELIAV    Schlafen, schlafen. Schlafen. 
Nur schlafen, nur schlafen. Nie. Keinmal. 
Nur schlafen.
Nie. Aufwachen. 
Nein. Kein Wecken. 
Nur schlafen. Nur schlafen. 
Nur, schlafen. 
Nur: Ja nicht aufwecken. Nein. Keinesfalls. 
Sch-sch-sch. Nicht wecken. Nicht. Nein. Sch-sch-sch.

SCHNITTE I

ROBERT (Im Auto)    Man kann jedes Leben unter ein Vergrösserungsglas
halten. Denkst du, dass man dann nichts findet? Hm? Man findet immer etwas! Immer. Wenn man so ein Leben genauer anschaut, findet man immer etwas. Das ist klar.

MARTHA (Im Kaffee)    Deshalb geht doch niemand mit gesenktem Blick durch die Strasse. Davon lässt sich doch niemand verunsichern. Lächerlich. Ich persönlich sehe das so: Ich wusste schon früh, dass es wichtig ist, dass man aufrecht und zielstrebig durch die Welt geht. Ich war nie bereit Lügen, zu ertragen. Und ich weiss, was ich will.

ROBERT (Im Auto)    Gestern auf dem Weg zur Arbeit habe ich gesehen, wie ein Autofahrer von einem Streifenwagen überholt und zum Anhalten aufgefordert worden ist. Der war viel zu schnell unterwegs. Der Fahrer hat gesagt, er hätte nicht gewusst, wie schnell er unterwegs gewesen sei. Zu schnell fahren, das geht nicht. Für so etwas gibt es keine Ausrede. Der Fahrer musste natürlich büssen. (Kurze Pause) Oder die FahrerIn.

MARTHA (Im Kaffee) Du bist kein Mann, du bist ein Junge. Du lebst gar nicht richtig.

ROBERT (Bar, ruhig)    Die Grösse der Nase stellt die angenommene Grösse des
Penis dar. Grosse Nase, grosser Penis. Das ist überliefert. Aus dem Wallis. Wallis, Schweiz. 

(ROBERT und ELIAV zusammen. Dort wo der Text überlagert ist, wird nachträglich synchron geschnitten.)

ROBERT (Im Auto)    Kanton, Wallis. VS. Abkürzung für Wallis, VS.
ELIAV (Hohe Stimmlage)    Abkürzung für.

MARTHA (Im Kaffee)    Zum Glück weiss ich, wie das Bett stehen muss. Wie ich
dich berühren muss, wie lange und wie oft. (Kurze Pause) Gute Regeln helfen. Vor allem, wenn der Mann so unsicher ist und so ängstlich und denkt, er sei sowieso nichts wert.

ROBERT (Bar, ruhig)    Immer schneller sein, als das Wasser fliesst. So kann man handeln! So behält man immer die Kontrolle. Hat ein Kajakweltmeister gesagt. Und wüste Sachen machen. (Mit Begeisterung) Laute Musik hören, viel trinken, viel rauchen, ungesund, fetthaltig essen, viel Geld ausgeben und sehr, sehr viel Geld verdienen. Ich wäre gerne stark. Ich würde gerne alles tun, was man von einem richtigen Mann erwartet.

MARTHA (Im Kaffee)    Die Hose sitzt eben, oder sie sitzt eben nicht. Das muss man nur locker anpacken. Das ist alles halb so schwierig. Die Mode ist erbarmungslos, wenn man nicht locker ist.

ROBERT (Bar, ruhig) Ich würde gerne verschiedene Frauen ansprechen. Dann hoffen, dass man sich gegenseitig gefällt, und dass dann mehr draus wird! Aber oft ist man dann nur einfach zu zweit und merkt erst später, dass doch jeder nur für sich war. Das möchte ich ja dann auch wieder nicht. Da fühlt man sich ja auch nur ausgenutzt danach.

MARTHA (Im Kaffee)    Die meisten meiner Patienten kommen zu mir, weil sie Probleme mit ihren Partnern oder Partnerinnen haben. Das Problem meiner Patienten ist, dass sie überhaupt keine Ahnung haben, was ihnen fehlt. Die sind zu faul, um sich das zu überlegen.

ROBERT (Bar, ruhig)    Wild, wie ein Tier! (Pause) Ich wäre gerne so stark und so wild wie ein Tier.

MARTHA (Im Kaffee)    Die meisten Patienten haben überhaupt keine Ahnung. Weil ich ein äusserst hilfsbereiter Mensch bin, nehme ich meine Patienten bei der Hand und erkläre ihnen alles. Die Welt braucht Erklärungen. (Kurze Pause) 

Wart du nur, du
"Ich mag diese Schwebezustände", Radiomagazin

Der junge Schweizer Autor 
Michael Stauffer spielt gerne mit der Ambivalenz, so auch in seinen DRS-2-Hörspielen.

Der blonde Wuschelkopf stellt das Velo ab und lässt sich in den Sessel fallen. In der Bieler Atomic-Bar gibts für ihn ein «Moitié-Moitié», halb dunkles, halb helles Bier. Michael Stauffer, 32, ist ein eigenständiges Talent der Schweizer Literatur. Er schreibt, performt, inszeniert, sein letztes, 2003 erschienenes Buch «Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch» kam bei der Kritik gut an (www.dichterstauffer.ch). Bisher hat er vier Hörspiele für DRS 2 gemacht. Schon fast legendär ist «Die Socken machen» von 2002. Dort untersuchen Forscher die völlig unverständliche, aber einleuchtend klingende Sprache von Grolgis Ammels, einem voralpinen Sprach-Derwisch. Stauffer hat die Rolle des Ammels selber gesprochen, mit rasant-penetranter Ostschweizer Betonung. Geboren ist er in Winterthur, aufgewachsen in Frauenfeld. Die Eltern stammen aus Bern und reden Berndeutsch. Stauffer spricht am heutigen Tag ebenfalls Berndeutsch, beherrscht aber aus «Assimilierungsgründen» auch akzentfrei Thurgauerdialekt. «Ich spreche mal dies, mal das. Den Zürchern kann man mit gedehntem Thurgauerisch wunderbar die Zeit vertreiben», so Stauffer fürsorglich-maliziös. Sein neues Hörspiel «Wart du nur, du» unterscheidet sich von «Die Socken machen». Während das erste eine linear erzählte Parodie ist, ist das zweite ein komplex montiertes Gender-Hörbild und die Geschichte einer Mann-Frau-Beziehung. Auffällig ist, wie die Frauenfigur ziemlich böse, ja gewalttätig geschildert wird. «Das Gewaltmonopol ist üblicherweise beim Mann. Ich habe die Gewalt einfach umverteilt, jetzt ist sie bei der Frau», meint Stauffer. 
Das Werk ist anspruchsvoll, und Stauffer stellt das nicht in Abrede: «Beim ersten Mal Hören hat man keine Chance, es vollständig zu verstehen, es wird deshalb wohl kein Welterfolg.» Er sagts mit typischem Stauffer-Ton: Skepsis, Ironie, verhaltener Witz, eine Spur Resignation, immer freundlich und eher zurückhaltend. Da spricht kein Hauruck-Poet, sondern ein Analytiker, der seine Figuren genau beobachtet und ihnen oft entlarvende Phrasen in den Mund legt. 
«Wart du nur, du» ist durchkomponiert, die Montage von Musik (von Eliav Brand) und Ambiente sind zentral. Es berührt, auch wenn nicht immer klar ist, was genau abgeht. «Ich mag diese Schwebezustände, wenn etwas nicht sofort einzuordnen ist», so Stauffer. Auf DRS 2 ist ganz in diesem Sinne ein neues Hörspiel geplant: «Eine gefakte Radioshow, die schon ein bisschen lustig sein darf. Denkbar ist, dass wir dort ein Küchengerät vorstellen, mit dem man auch Kindern einen Stromstoss verpassen kann.» Am 20. April ist auf DRS 2 zudem sein Hörspiel «Diamantstrasse 23» zu hören, das er für den WDR gemacht hat. Für den gleichen Auftraggeber hat er mit Ulrike Janssen auch ein Feature gestaltet, das im Herbst kommen soll und die Genre-Grenzen ebenfalls vermischt: «Wir haben Originaltöne so lange ummontiert und geschnitten, bis sie wie Literatur klangen. Ist das nun Fiktion oder Realität?» Nein «Moitié-Moitié» à la Stauffer.

Matthias Böhni


Das Wellness-Zölibat

,
2005


Das Wellness-Zölibat

Seien Sie fit! Haben Sie Stil! Träumen Sie sich schön! Entwickeln Sie sich weiter! Entspannen Sie effektiver! Das neue Programm, mit dem Sie Ihr Leben und ihre Figur garantiert in den Griff bekommen: das Wellness-Zölibat. Hartes Training zum Wohlfühlen. Dieses Programm wird Ihr Leben verändern. Denn Garderoben, Massageliegen und Trainingsebenen sind die magischen Orte der Gegenwart. Hier geschehen wundersame Verwandlungen des Individuums, hier werden transpersonelle Improv isationen möglich. Lässt sich der Bauch etwa nicht wegschw itzen, die Problemzone durch Massage in eine Relaxzone verwandeln oder dem Leben per linksdrehender Milchsäuren eine neue Richtung geben? Dank neuester Ausstattung und optimierter Methoden verwirklicht das Wellness-Zölibat die Kalorien- und Freizeitvernichtung als zentrale Kulturtechnik.

Von Michael Stauffer und René Desalmand (Regie).

WDR 2005, 52'

Ausschnitt

…SZENE 1

FRAUWALLNER    Sie sind sehr ja pünktlich, das freut mich.

AHLERS    Ja. Danke.

HOPPE    Darf ich Sie auch begrüssen?

FRAUWALLNER Bitte kommen Sie.

HOPPE    Glücklich ist, wer vergisst. 

AHLERS    Wie bitte?

HOPPE    Entschuldigung, nichts.

FRAUWALLNER Geht es Ihnen gut?

AHLERS    Ich kann meinen Zustand nur so beschreiben, dass ich eigentlich sehr zu frieden bin. Vor allen Dingen in der oberen Brusthälfte. Nur mein Volumen möchte ich reduzieren.

HOPPE    Haben Sie sich mit ihrem Frosch auseinander gesetzt?

AHLERS    Wie bitte?

HOPPE    Ja, das ist so eine Redewendung. Sich mit seinem persönlichen Frosch auseinandersetzten. Das bedeutet, sich gegen stressverursachende Faktoren zur Wehr setzen. Haben sie das getan?

AHLERS    Mit meiner eigenen Faust will ich das tun.

HOPPE    Herzlichen Glückwunsch, dann sind Sie hier genau richtig.

FRAUWALLNER Leiden sie an psychosozialen Einschränkungen?

AHLERS    Ich möchte mich von meiner Freundin trennen.

HOPPE    Sie empfinden Ihre Freundin als psychosoziale Belastung?

AHLERS Ja schon. Ich kann mich nicht mehr auf mein Leben konzentrieren. Das bringt dann ja nichts. Das ist ungesund.

FRAUWALLNER Haben Sie auch Freunde? Ich meine ausser Ihrer Freundin, die Sie ja eventuell bald nicht mehr haben?

AHLERS    Den Begriff Freunde würde ich so definieren. Ich habe einen Freund, nein ich habe zwei Freunde. Einer ist mein Schulfreund, den ich seit 35 Jahren kenne. Der andere ist ein etwas väterlicher Freund. Mein erster Grundschullehrer. Das sind meine Freunde.

… 

Das Wellness-Zölibat
Das Wellness-Zölibat

Garderoben, Massageliegen und Trainingsebenen sind die magischen Orte der Gegenwart. Hier geschehen wundersame Verwandlungen des Individuums, hier werden transpersonelle Improv isationen möglich. Dank neuester Ausstattung und optimierter Methoden verwirklicht das Wellness-Zölibat die Kalorien- und Freizeitvernichtung als zentrale Kulturtechnik.



Hühnerrequiem

,
2005

Hühnerrequiem

Requiem für Hühner – Porträt eines Malergesellen im Unruhestand 

Roland Friedrichs ist Malergeselle im Vorruhestand. Er lebt von einer klei-nen Rente, allein in einer kleinen Wohnung in einem Wuppertaler Vorort. In seiner Wohnung sammelt sich, was er nicht wegwerfen kann, stapel-weise Zeitungen, Zeitungsausschnitte, alte Spielsachen, Lottoscheine, Ge-genstände, die er im Sperrmüll findet. 
Aus diesen Dingen baut Friedrichs Kunstobjekte, die von Katastrophen in-spiriert sind, Arbeits- und Verkehrsunfällen, Schiffsuntergängen, Morden oder dem Überfahren von Hühnern im Werbefilm einer Bausparkasse. Sei-ne Objekte tragen Titel wie „Synthetischer Schmetterling mit Quetschkes-seluhr und die Randbemerkung Der Mord an Uwe Barschel“ oder „Reichs-tagsstereoverhüllungsauflage mit CD-Auflieger Candle in the Wind“. 
Zusätzlich erfindet er Krimigeschichten, in denen er selbst meist die Rolle des Opfers einnimmt. (Zwischen Art Brut, Merz und Idiot Savant bewegt sich die Ausdrucksform Roland Friedrichs, mit der er die Situation eines Menschen am Rand der Gesellschaft beschreibt.) 

Die Autoren haben Roland Friedrichs besucht, ihn durch eine Ausstellung seiner Kunstobjekte begleitet, Gespräche mit ihm geführt und seinen Kri-migeschichten zugehört. 
In einer O-Ton-Collage wird das Porträt eines Menschen gezeichnet, der dagegen ankämpft, zum Abfall der Gesellschaft gezählt zu werden, im Be-wußtsein, dabei selbst immer wieder nur Abfall zu produzieren.

Von Michael Stauffer und Ulrike Janssen.

WDR 2006, 53'


Ich will auch Sänger werden

,
2004


Ich will auch Sänger werden

Dieses Hörspiel basiert auf einer Bearbeitung meines Prosatextes "I promise when the sun comes up, I promise I'll be true. So singt Tom Waits, ich will auch Sänger werden. Produziert wurde es von Radio Bremen. 

 

Ich will auch Sänger werden
Ich will auch Sänger werden

Er sitzt an seinem Küchentisch und veranstaltet einen Striptease seines Seelenlebens: "... eine Kaffeetasse halb leer, eine Kaffeetasse halb voll, ein Messer mit Butterresten, ein Messer mit Marmeladeresten, ein Brot, Fisch, Käserinde, Papier ... Schnur, Klebeband, Schweizer Kursbuch, Einzahlungsscheine, Zettel mit Telefonnummern vollgeschrieben ..." 

Da sitzt er nun. Der erfolgreiche Autor ("Ein Leben für die Schublade"), Schriftsteller ("Ich kann für nichts etwas dafür"), Dichter ("trübe Fensterblicke") und macht sich zum Subjekt seiner neuesten Veröffentlichung. Schonungslos. 

Der Medien- und Literaturbetrieb erwartet von ihm ein Bekenntnis. Und der Dichterstauffer liefert es, sechsunddreißig Minuten und zwei Sekunden lang. Es ist betitelt: "Ich will auch Sänger werden".



Diamantstrasse 23

,
2004


Diamantstrasse 23

Regie: Michael Stauffer
Komposition: René Desalmand
Produktion: Westdeutscher Rundfunk 2004
Länge: ca. 49’

Take 6 
[Improvisation. GRANTVOGEL und GROB schauen sich 5 Fotos an. Man sieht darauf nicht viel. Die Fotos sind auf der Rückseite mit Datum versehen, Foto 1.]

GRANTVOGEL    Schau mal. Ich habe oft sein Fenster fotografiert. Und einmal auch die Wohnung.

[Ab hier weiter als Improvisation. (Foto 2-5). Nach dem letzten Foto zurück ins Manuskript.
Sie gehen die Fotos noch mal durch, kommentieren hie und da. Schauen einige Fotos nochmals genau an.]

GROB    Ich glaube er war Frührentner. 

GRANTVOGEL    Oder krank geschrieben. 

GROB    Oder krank geschrieben und Frührentner.

GRANTVOGEL    Aber er hätte es in der Hand gehabt. Diese Farbumgebung, in der er gelebt hat, hat auf ihn abgefärbt. Das ist klar. Das bewirkt nichts. 

GROB    Er hat bei der Swatch gearbeitet, als Feinmechaniker. 

GRANTVOGEL    Hier! Die Trockenrosen. Das bedeutet, er mag, besser er mochte, kein Wasser. 

GROB    Aha? 

GRANTVOGEL    Trockenrosen! Ist doch logisch. Wer Trockenblumen mag, mag kein Wasser. Sonst hätte er ja normale Pflanzen gehabt!

GROB    Nein. Er hatte doch welche. Und dann sind die aber alle wegen der Pflanzenröhren kaputt gegangen. Und zu Trockenblumen geworden.

GRANTVOGEL    Ja gut. Aber Trockenrosen sind schon noch einmal eine ganz andere Sorte.

GROB    Er sass oft den ganzen Tag an seinem Tisch. Er hat in die Ecke und auf die Trockenrosen gestarrt. Und dann wieder in die Ecke. Ich habe mich oft gefragt, was er dort in der Ecke gesehen hat. Der hat so hingestarrt. Manchmal war es auch schön, seine Augen, wie die eines Pferdes. Pferdeaugen, die in die Ecke starren, das hatte etwas Rührendes. Etwas Zärtliches.

GRANTVOGEL    Und?

GROB    In der Ecke hing vermutlich ein alter Kalender. Ich habe am Anfang gedacht, der starrt einfach so in die Ecke. Aber dort hing ein Kalender. Verstehst du? Der hatte in der Ecke einen Kalender hängen. 

GRANTVOGEL    Und hat er nach dem geworfen?

GROB    Auf dem Tisch standen diverse, viele Gegenstände, die er in die Hand nehmen, anschauen und dann in den Abfalleimer und eben Richtung Kalender werfen konnte. Der Kalender war aber eigentlich zu klein. Die Gegenstände prallten vom Kalender ab, ohne deutliche Spuren zu hinterlassen. So war es nicht wirklich möglich, die Treffsicherheit zu verbessern.

GRANTVOGEL    Das ist natürlich schlecht. 

GROB    Ja, das ist wirklich schade, weil geübt hat er schon. Er sass oft am Tisch. Und hat geübt.

GRANTVOGEL    Vielleicht waren ja die Lichtverhältnisse zu schlecht. 

GROB    Kann gut sein. Die Pflanzenröhre gibt nicht viel Licht. 

Diamantstrasse 23
Das Geräusch des Wohnens, Funkkorrespondenz

„Das Wohnen“, sagt Max Goldt einmal, „sollte ein Geräusch machen.“ Im Hörspiel „Diamantstrasse 23“ tut es das. Ein leises elektronisches Knacken, flächig arrangiert wie ein löchriges Parkett, verdichtet sich zu rhythmischen Strukturen, um wieder skeletiert in seine Bestandteile zu zerfallen. Ab und zu schwingen sich Posaune, Saxophon oder Hupe zu kurzen meldodischen Bögen auf. Weder illustrativ noch platt atmosphärisch läuft der Soundtrack des schweizerischen Musikers René Desalmand neben dem Text von Michael Stauffer her, beobachtet ihn, so wie die beiden Nachbarn ihren verschwundenen Mieter beobachtet haben. „Wann erfahren wir, was mit ihm ist?“, fragen sich Frau Grob und Frau Grantvogel, die beiden Nachbarinnen, zu Beginn des Hörspiels und tragen Fotos, Erinnerungen und Phantasien über ihren anonymen Mitbewohner zusammen, der vielleicht Selbstmord begangen hat, durch einen defekten Gasdurchlauferhitzer umgekommen ist oder vielleicht ganz einfach seinen Mietvertrag gekündigt hat. Selbst der Hausmeister, der die Restverweildauer eines Mieters immer gut abschätzen konnte, ist in diesem Fall ratlos. Der verschwundene Mitbewohner soll sehr ordentlich gewesen sein und das Besteck immer in der Schublade verstaut haben – falls mal über Nacht ein Sandsturm komme, um alles durcheinander zu wirbeln. So skurril die Beschreibungen seine Verhaltens auch sind, so facettenreich er sich in den Dialogen der Nachbarinnen spiegelt, „vielleicht“, sagt er zu sich selbst, „ ist die Wohnung gar nicht das zentrale Thema“. Immer wieder schildert der Mieter seine Weltsicht, allerdings von einem Ort aus, der sich nicht genau fixieren lässt. Ob es sich um gegenwärtige Kommentare oder Rückblenden post mortem handelt, bleibt unklar. Mit dem Satz „Ich kann mir vorstellen, dass ich gar nicht verschwunden bin“ vollendet er den Sprung aus der Fiktion und wendet sich direkt an die Hörer. Er, der sich bemüht habe, immer ein gutes Wohnklima vorzuleben, wolle von nun an unfreundlicher weitermachen, auf dass er endlich bemerkt werde. … Mit feinem Humor entwickelt sich eine Geschichte des Boebachtens von Beobachtern, indem sich textliche musikalische Spähren durchdringen und ihren Höhepunkt in einem Kanon aus einander überschneidenden französischen Chansons finden.


Das Phantom Oder des Uhrmachers Wahn: Diamantstrasse 23, FAZ

Der Nachbar war seltsam. Der Nachbar ist verschwunden. Zwei Frauen und ein Mann – die Nachbarinnen und der Hauswart – reden über sein Verschwinden und entwerfen gemeinsam ein Bild des Unbekannten im eigenen Haus. In ihren Bemerkungen nimmt er Gestalt an. Als Objekt der erotischen Phantasien (und Erinnerungen) der beiden Damen (mit Balkon und ohne). Als Problem für die Hausordnung. „ich verstehe nicht, wieso der nicht einfach wohnen konnte“, sagt der Hauswart. „Die anderen können das doch auch.“ Der beunruhigende Mieter aber wohnte so, dass er, ohne zu Beanstandungen Anlass zu geben, einen subtilen Horror verbreitete – mit Hirschgeweihen im Wohnzimmer, einem Ellbogenkissen auf der Fensterbank und psychotischen Pflanzen in der Küche. … Diamantstrasse 23 entwirft in lose verbundenen musikalisch rhythmischen Sprechakten ein Interieur des beklemmenden Nebeneinander-her-Wohnens und – Redens …Der abgetauchte Held … soll ein Uhrmacher gewesen sein. Im Haushalt drohten ihm mehr Gefahren als nur die Vereinsamung. Der Schlaf des Ordnungssinns gebiert Ungeheuer: brennende Toaster, explodierende Gasboiler, verstorbene Nachbarn, die tagelang unbemerkt in ihrer Wohnung liegen. Warum sollte man das hören? Weil Stauffer in einer unter anderem an Möbelhauskatalogen und Haushaltsgerätebroschüren geschulten Sprache das alte Thema der Grossstadt-Tristesse auf eine elegant verknappte Lakonik bringt. Und warum nicht? Weil der Text sich darin selbst genügt. Diamantstrasse 23, das in strengem, ironischem, alltagssprachanalytischen Gestus manchmal an den Ton des Neuen Hörspiels … erinnert, ist stringent erzählt. Aber sprachlich ist Stauffer zu unentschieden, die Strenge gibt er immer wieder auf, salopp hingesprochene Alltagsphrasen kommen gegen sie nicht an, und so bleibt es bei wenigen Momenten, in denen der Autor aus der geschilderten Öde Funken schlägt.“



Die Tierstunde

,
2003


Die Tierstunde

1. Szene

Häggmann, Meyer und Grellstab treten ein. Werden von Haslinger auf die bereitstehenden Stühle verwiesen. Haslinger geht herum bis alle sitzen, setzt sich ebenfalls.. 

HASLINGER Also. Ich freue mich sehr, dass Sie heute alle hier sind. Also. Sie
sind ja aus unterschiedlichen Gründen hier. Wir wollen zuerst
einmal unsere Namen lernen. Also ich heisse Haslinger, Alois.
Also. Wenn das für alle in Ordnung ist, können wir uns beim
Vornamen nenne. Ich leite diese Gruppen seit 10 Jahren. 
Vorher habe ich als Tierpfleger gearbeitet. Die Tierpflege wurde
rationalisiert und ich entlassen. Ich habe mich aber entschieden
weiterhin mit Tieren arbeiten zu wollen. Und habe mich dann in
Transaktionsanalyse und Traumdeutung ausbilden lassen. Auch 
die Käfige und Gehege für die Tiere wurden immer grösser und
wir mussten immer grössere Anstrengungen unternehmen, um
alles sauber zu halten. Rationalisierungen beim Personal,
Extensivierung bei der Gehegefläche. Bis es nicht mehr ging.
Deshalb bin ich weg vom Zoo. Ihr könnt euch nun auch 
vorstellen und sagen, warum Ihr hier seid. Oder vor allem mal, 
wie Ihr heisst. Ich erkläre euch vielleicht noch kurz, was
wir heute machen. (Pause.) Nein, besser, wir stellen uns vor.
Einander vor, meine ich. Ja und eben, wenn es für alle in
Ordnung ist, dann können wir uns mit den Vornamen 
ansprechen. (Haslinger wendet sich Häggmann zu.) Du
kannst dich ja mal vorstellen. Wenn du anfangen könntest, 
wäre das gut. Bitte!

HÄGGMANN    Ja, gerne, ich fange mal an. Cavia apera porcellus. Körperlänge: 
15-35 cm, kein Schwanz. 350 - 850 Gramm schwer. 
Meerschweinchen, deshalb. Und ich heisse Häggmann, 
Renata. Ich bin hier, weil, wegen. Ich kann nicht mehr mit
meinem Meerschweinchen reden, ohne dass mein Mann
sich einmischt. Früher habe ich immer, wenn ich nach
Hause gekommen bin, kurz das Meerschweinchen begrüsst.
Und es hat gepfiffen und es hat gerufen. 

HASLINGER Das ist sehr gut. Wir werden sicher später noch ausführlicher 
darüber reden. Nehme ich an. Ja?

HÄGGMANN    „Gwii, gwi-gwi-gwi-gwi.“ Ungefähr so hat mich mein 
Meerschweinchen immer begrüsst. Und ich habe dann sogleich
mit ihm zu sprechen begonnen. Ich habe mich sogar auf die Knie begeben, damit ich auf der richtigen Höhe mit dem
Meerschweinchen war.

HASLINGER Sehr schön. Das ist gut. Das ist gut. Das verstehe ich gut. 

(HÄGGMANN unterbricht HASLINGER.)

HÄGGMANN    Auf den Knien, vor dem Käfig mit dem Meerschweinchen drin, 
fühle ich mich innerlich verbunden und ich merke, dass das 
Meerschweinchen dann bereit ist für die gegenseitige 
Verständigung. Wenn ich mich so verhalte, ist das 
Meerschweinchen erpicht darauf, das zu tun, was ich von ihm 
verlange. (Kurze Pause.) Nämlich mich zu begrüssen. 

Ausschnitt 1
Ausschnitt 2

Die Tierstunde
Die (Haus-)Tierhaltung als weites Feld, NZZ

"… Ob Hund oder Katze, Meerschweinchen oder
Wellensittich: Haustiere sind weitherum beliebt - und geben zu reden, zumal die Koexistenz mit dem Menschen nicht immer problemfrei bleibt. Dafür jedenfalls spricht Michael Stauffers jüngstes Hörstück «Die Tierstunde», dessen Erstausstrahlung im Rahmen eines dem Motto «Wir und das Tier» gewidmeten Themenabends (Redaktion: Claude Pierre Salmony) von einem mäandernden Gespräch Angelika Schetts mit dem Berliner ulturwissenschafter und Publizisten Thomas Macho und dem ETH-Zoologen Markus Stauffacher, beides Katzenhalter, flankiert wurde. … Stauffers (real)satirischer Zugriff auf das in dieser
Diskussion beschränkt ergiebige Thema bringt mit Alois Haslinger einen wegrationalisierten Zoowärter ins Spiel, der therapeutische Gruppengespräche mit ratsuchenden Haustierhaltern anbietet, ohne seine frühere Tätigkeit ganz abzustreifen: «Katzen sind ein Stück Wildnis, das man sich in die eigenen vier Wände holen kann», weiss da einer, der sich nicht nur auf Eigenarten dieser Spezies zu verstehen sucht. Eine Rolle wie geschaffen für Wolfram Berger, der
Stauffers lavierenden Wortführer kraft seiner Stimme mit schlitzohriger Gelassenheit ausstattet. Bei diesem
selbsternannten Tierfreund eingefunden haben sich Renata Häggmann (Trudi Roth), Lisette Meyer (Barbara Falter) undReto Grellstab (Jo Dunkel) und damit ein Trio mit einigermassen unterschiedlichen Anliegen.

Die eine laboriert an einer gestörten Kommunikation mit ihrem domestizierten und daher ohne Schwanz
auskommenden Exemplar der verbreiteten Gattung Cavia apera porcellus, die andere ringt noch mit ihrem delikaten Kaufentscheid, der Dritte wiederum outet sich zunächst als Retter orientalischer Katzen aus den Fängen eines skrupellosen Züchters und später als umtriebiger Zwischenhändler mit selbstredend einwandfreier Ware aus peruanischen «Meerschweinchenfellmanufakturen». Für alle(s) bringt Haslinger jenes Verständnis («Da bricht schon
eine Welt zusammen, wenn man diesen Vogel verliert, dem man so lange vorgepfiffen hat») auf, das sich in erklärendem Geflunker und mutwilligen (Spiel-)Anleitungen niederschlägt. Bei Bedarf greift er so auch einmal auf die Mär vom «Gestiefelten Kater» zurück, sensibilisiert für die traumatisierte Hundeseele oder macht seine einsatzfreudige Kundschaft mit der wohliges Stöhnen provozierenden «Touch-Noah-Praktik» vertraut.

Anders als in «Gartenproletarier» (2001) und «Die Socken machen» (2002) setzt Stauffer diesmal weniger auf eine stringent aufs Sprachmaterial ausgerichtete Klangschiene als auf den eigenen Text, den der produktive (Theater-)Autor -dieser Tage ist sein zweites Buch erschienen - mit Sinn für kantige Dialoge auch als Regisseur an die Hand genommen hat. Grundiert mit Bossa-nova-Gesäusel (Technik: Jack Jakob), das Stauffers Personal wiederholt umweht, erkundet
seine erfrischende «Tierstunde» mit einigem Biss landläufige Befindlichkeit. "


Die Tierstunde

Hörspiel von Michael Stauffer

„… Das Thema Tier teilt uns Menschen ein, in ideologischer und oft auch lebenspraktischer Hinsicht: Filetfanatiker hier, vegetarische Tierliebhaber dort. Tiere steuern in vielen Situationen unsere Kommunikation. Das ruft nach Hörspiel, nach einer Konversations- beziehungsweise Kommunikationskomödie fürs Radio. Denn wer mit Tieren spricht, spricht anders. Wer für Tiere spricht, spricht in Bekenntnisform, und wer auf seine Tiererlebnisse zu sprechen kommt, hört nicht so schnell wieder auf. … Meine jüngste Tiergeschichte war lehrreich: Der 31jährige Schweizer Autor Michael Stauffer brachte mir als sein drittes Hörspiel für DRS 2 ein Manuskript mit dem Titel "Die Tierstunde". Er ging beim Schreiben seiner Radiosatire von einer grundsätzlichen Überlegung aus: Die Fauna in der Wohnung erhöht zwar unser Wohlsein. Doch diese Symbiose von Mensch und Tier ist störanfällig. Das Haustier kann zum Brennpunkt von Identitäts- und Kommunikationskonflikten werden. Der Ex-Zoowächter Alois Haslinger hat in diesem Problemfeld seine Berufung gefunden und bietet Haustierhaltern seine Dienste als Therapeut an. Mit grossem Erfolg, denn seinen Klientinnen und Klienten eröffnen sich ganz neue Horizonte, wenn sie im Gruppengespräch auf ihr Meerschweinchen, ihren Wellensittich oder ihren Hund gekommen sind. Die Darstellerinnen und Darsteller Trudi Roth, Barbara Falter, Wolfram Berger und Jo Dunkel haben dem Autor, der auch selbst inszenierte, eine Gruppentherapie geliefert wie aus dem Leben gegriffen. …„

Claude Pierre Salmony, Regisseur Hörspiel DRS2. Claude Pierre Salmony hat die Arbeit die Tierstunde redaktionell betreut.



Die Socken machen

,
2002


Die Socken machen

für DRS 2, Regie: Claude Pierre Salmony

Ausschnitt 1
Ausschnitt 2

Die Socken machen
Zu Hause in der Sprache, NZZ

«Warum wollen Volksgruppen dort bleiben, wo sie sind? Ermöglicht Sprache diese Ortszugehörigkeit?» Diese Fragen beschäftigen in Michael Stauffers kurzweiligem Hörspiel «Die Socken machen» den Kommunikationssoziologen Prof. Dr. Alois Hemmerli (Hans Schenker), der sich seit geraumer Zeit die Erforschung von «Aufenthaltsrechtfertigungen» zur Aufgabe gemacht hat. Ein Off-Sprecher (Amido Hoffmann) lässt uns einleitend überdies wissen, dass sich Hemmerli neuerdings mit Nationalfonds-Geldern wieder auf heimischem Boden nützlich zu machen sucht, nachdem er sich im Rahmen einer Berliner Gastvorlesung noch als «ortsloser Nomade seiner selbst» zu bezeichnen beliebt hat. Sein Befund: «Die systematische Verwischung sprachlicher Grenzen kann die Mobilität bis ins Sterben hinein verlängern.»

Was Wunder, hat sich Hemmerli denn auch für ein Beschallungs- und Beschriftungssystem einspannen lassen, das den SBB-Neigezug-Reisenden am Jurasüdfuss jeweils vorzeitig suggeriert, bereits in der französischen bzw. deutschen Schweiz zu sein; getreu dem Motto:
Wohin wir auch gehen, wir sind immer zu Hause. Weshalb die Forschungsarbeit von Hemmerli und seinem Assistenten Dr. Oberland (Sebastian Rudolph) Nationalfonds-Unterstützung verdient, weiss wiederum Dr. Olscha (Sibylle Courvoisier). Zwei grosse Konzerne haben ihr Interesse an den Resultaten bekundet, konkret(er): Es geht um «kleine Sprachwohlfühleingriffe zur Steigerung der Mitarbeitermobilität».

Nach seinem in der DRS-2-Rubrik «ArtOrt Hörspiel» ausgestrahlten Hörstück «Gartenproletarier» (2001) legt der 1972 in Winterthur geborene Michael Stauffer mit «Die Socken machen» nun eine radiophone Groteske vor, die ihr satirisches Potenzial in einer erneut von Claude Pierre Salmony besorgten Inszenierung mit schwärender Beiläufigkeit entfaltet. Stauffers Flair für ein ironisiertes Geschehen schafft diesmal Raum für verspielte Komik, die sich im Wechselspiel zwischen entlarvenden Dialogen und einer nicht minder demaskierenden Tonspur (Technik: Jack Jakob) erschliesst. Im Auftrag Hemmerlis hat sich Oberland mit seinen Befragungen im Sinne «entspannter Settings» nämlich auch zueinem gewissen Grolgis Ammels durchgeschlagen, der sich mittels Zeitungsinserat als «letzter freier Dichter und Sänger» anpreist. Im Pendler-Zeitalter ist dieser dialektal einzigartige Helvetier, dessen Name der Fachmann als «Distelfink am rauschenden Fest» entschlüsselt, immer dort geblieben, wo er immer schon war und auch weiterhin zu verweilen gedenkt: irgendwo an der Thur, wo der Regen(bogen) und der Nebel und andere Fixpunkte der Befindlichkeit Massstäbe setzen. Die lautmalerische Eigenart des seltsam verwurzelten Zeitgenossen bringt der in der Ostschweiz aufgewachsene und heute in Bern lebende Autor mit Verve gleich selbst zu Gehör.

Was Oberland mit sicherem Gespür für ergiebiges Tonmaterial auf Band aufzuzeichnen wusste, versetzt Hemmerli in die einigermassen peinliche (Not-) sLage, sich mit behelfsmässigen Transkriptionen abmühen zu müssen, derweil sich sein Assistent auch als Liebhaber von Frau Olscha zu erkennen gibt - ein anstrengendes Unterfangen. Ammels' vogelfreies Dasein kontrastiert bei Stauffer mit der selbstgefälligen Erkenntnis Hemmerlis, wonach 98 Prozent der Menschen das zumeist unreflektierte Leben mit Sprache verwechseln, weil sie das von einigen wenigen «Sprachinnovatoren» geprägte Idiom nur anwenden, aber nicht verstehen. Anders gesagt: Wenn eine Gruppe plötzlich anders spricht, fehlt dem Einzelnen das Bewusstsein dafür.

Hemmerli & Co. bescheiden sich freilich mit leidlich griffigen Kategorien wie «(projektiv-) heimatliebend» ä la Ammels, «(entseelt-)ortslos», «nomadisierend» und «affektiv-ortstreu», die Ammels mit klangvoller Hemmungslosigkeit locker unterläuft. Der mit einem «zeitgemässen Vertrag» geköderte «Explorand» lässt das in gegenseitige Abhängigkeiten verstrickte Forschertrio zum Schluss zwangsläufig verstummen. Mit der zuvor schon immer wieder lüpfig-schrägen Akkordeonmusik von Jürg Luchsinger lässt Salmony ein von ausdrucksstarken Stimmen getragenes Hörstück ausklingen, das trotz zeitkritischem Impetus ohne bedeutungsschwere Langatmigkeit daherkommt.


Die Socken machen, DER BUND

„Warum ollen Volksgruppen dort bleiben, wo sie sind? Ermöglicht Sprache diese Ortszugehörigkeit? – Und wenn ja: Wie viel Sprachfragmente reichen, damit sich Menschen an einem bestimmten Ort heimisch fühlen?“ – Mit dieser Ausgangsfrage beginnt das Hörspiel „Die Socken machen“ des in Biel arbeitenden Schweizer Autors Michael Stauffer.

Der universitäre Jargon der Ausgangsthese kommt nicht von ungefähr: Das halbstündige Hörstück handelt von einem Wissenschaftsteam um Prof. Dr. Hemmerli, welches dem Problem auf den Grund zu gehen versucht, warum Menschen im Zeitalter der Mobilität immer noch so immobil sind, wie sie sein; und mit welchen sprachlichen Hilfestellungen sie zu besseren, also mobileren Menschen gemacht werden könnten. Diese Fragestellung exerziert das Wissenschaftsteam an einem helvetischen Eingeborenen durch.

Prof. Hemmerli & Co. sind pure Erfindungen Stauffers, auch wenn sie teilweise täuschend echt in ihren Charakteren und in den Bezügen zur Realität daherkommen. Dem sprachgewaltigen Stauffer ist mit „Die Socken machen“ ein so vielschichtiges wie unterhaltsames Stück über Identität, Heimat und Sprache gelungen. Bemerkenswert ist auch die Musik und ironisch die Passage, in welcher Stauffer eine seiner Figuren einen Stauffer-Text analysieren lässt.



Das neue Heimatgedicht

,
2002


Das neue Heimatgedicht

für mich selber, mit Fabian Kuratli

Ausschnitt 1
Ausschnitt 2

Das neue Heimatgedicht
Trivial und sakral, Stuttgarter Zeitung

,,Ich bete im McDonald’s” Dieser lapidare Satz, herausgegriffen aus der Menge jener, die bei der Performance von Michael Stauffer und Fabian Kuratli fielen, kann als Signum der Veranstaltung gelten. Religiöses Tun in den profansten aller irdischen Raume zu holen, das ist, wie Kunst auf den Abraumhalden der Konsumgesellschaft zu präsentieren. Oder wie einen vom elektronisch manipulierten Schlagzeugsound erzeugten Klangraum der Sakrales suggeriert, durch triviale Sätze und Worte zu entmystifizieren.
Eben jenes tun die beiden Schweizer Künstler, der Schriftsteller Stauffer, 1972 in Winterthur geboren, und der 1970 geborene Schlagzeuger Fabian Kuratli. …
Das präzise durchkomponierte Zusammenspiel der beiden ist alles andere als gleichförmig. Tempi und Rhythmen werden ständig gewechselt. Mal drängen Kuratlis Klänge die Stimme und Sprache des Schriftstellers vollkommen in den Hintergrund und lassen sie als einen eigenen Klangraum frei von jede, sprachlichen Sinn vorbeirauschen. Mal spielt Stauffer die Rolle des Solisten, der
sich seines heimatlichen Dialekts bedient. Archaisch anmutende Laute wechseln mit Sätzen wie ,,Ich werde mir einen schnellen Sportwagen kaufen" oder der refrainartig und beschwörend wiederholten Formel ,,Lisa, Lina, Lene, ich hasse euch alle".
Die Alltagssprache und die Versatzstücke banaler Wirklichkeit holen die zum Pathos neigenden Klänge Kuratlis auf den Erdboden zurück, werden aber gleichzeitig ein Stück in die vom Schlagzeug suggerierten Tempelbezirke hineingezogen. Beide Künstler gehen aufeinander zu. Nicht zuletzt dadurch wird widerlegt, wer Stauffers Literatur allein in den Kontext dessen rücken will, was derzeit auf dem Büchermarkt als Popliteratur kursiert. Wohl werden Trivialmythen, Modisches,und Alltägliches beim Namen genannt, doch nicht zur zynischen Feier des Oberflächlichen, sondern zur Ergründung dessen, was unser so selbstverständlicher Sprachgebrauch noch alles herzugeben vermag.
Stauffer erweist sich dabei nicht als Erzäh1er, sondern als ein forschender Sammler, der seine Fundstücke nicht ohne Humor neben seinen Erfindungen einordnet. Und der es Lesern wie Hörern nicht leicht macht, einen Zugang zu dieser Ordnung zu finden.


Ungewöhnliches Komponieren,Thurgauer Zeitung

… Das nicht alltägliche Unterfangen, einen (Vor)Leser und einen Schlagzeuger künstlerisch zu etwas Neuem verschmelzen zu lassen, gelang auf beeindruckende Weise sehr gut. In einem Verfahren, welches die Akteure selbst «Instant Composing» (unmittelbares Komponieren) nennen, erfanden und entdeckten die Stauffer und Kuratli laufend neue Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren.
Stauffers Texte, speziell für dieses Projekt geschrieben, trugen oft selbst in sich musikalische Merkmale. Der mit allen Wassern gewaschene - will heissen, mit allen Stilen vertraute - Schlagzeuger Fabian Kuratli aus Bern hatte nebst seinem Drum-Set auch einen Synthesizer mit Sequenzer, Effektgeräte und verschiedene einfache Klangobjekte mitgebracht.
Über atmosphärisch dichte, sehr eigenständige Playbacks von Jazz bis Techno gelangen ihm stimmige Klangszenen, welche nicht bloss als Textassoziationen zu verstehen waren, sondern sehr häufig auch ein interessantes Eigenleben entwickelten. Sein grosses instrumentales Können verband sich ideal mit der ihm eigenen subtilen Kreativität mit welcher er die Instrumente behandelte. Kuratli hatte sich vor dem Konzert intensiv mit den Texten von Stauffer beschäftigt und agierte völlig sicher und selbstverständlich an der Seite des Autors. Zudem vermochte er mit kurzen Soli dramaturgisch und natürlich musikalisch wesentliche Akzente zu setzen.
«Puppe schaut, Puppe zwinkert, Kind quäkt, Puppe holpert, Puppe liegt, Mutter haut, Kind weiss, Puppe schaut, Puppe zwinkert ...» Stauffers Texte folgten häufig einer Art Rotationsprinzip; wie in einem Teufelskreis wiederholte sich mit wenigen Abweichungen immer wieder dasselbe, drehte sich immer schneller, bis der Autor schliesslich ins Stocken geriet, verstummte oder nur noch ein Wort bellte. Das war aber längst nicht alles - Stauffer stürzte sich hemmungslos in allerlei Fremdsprachen, wobei es ihm nicht so sehr darauf ankam, ob das in der jeweiligen Sprache Gesagte auch wirklich einen Sinn ergab, Hauptsache es klang. Sein «Plattdeutsch» war noch in etwa nachvollziehbar, wesentlich anspruchsvoller wurde es aber mit seinem “Slawisch” oder “Polnisch”. So wurde aus Sprache plötzlich Musik, denn niemand im Publikum verstand auch nur ansatzweise, was zum Beispiel eine Person A und eine andere Person B in «Türkisch» miteinander verhandelten, es klang aber äusserst attraktiv. 
Diese geistreichwitzigen Momente taten der Aufführung gut, wurde doch das Konzentrations- und Konfrontationsvermögen des Publikums recht strapaziert. In der beinahe einstündigen Performance gab es keine Unterbrechungen; Kuratli und Stauffer liessen durch geschickte Überleitungen den Spannungsbogen nie abreissen. …

 



Gartenproletarier

,
2001


Gartenproletarier

für DRS 2, Regie: Claude Pierre Salmony

Ausschnitt 1

Ausschnitt 2

Gartenproletarier
Nichts zu kapieren?, WOZ

ArtOrt. Da darf die Radiokunst bei DRS frisch ins Kraut schiessen. Meist nichts für mich. Trotzdem höre ich aus Gwunder regelmässig hinein. «Gartenproletarier» war ein hübscher Titel. «Mitmacher sein oder alterndes Aussteigerwrack werden» - das angekündigte Dilemma weckte Interesse. Dass der Autor mit Jahrgang 1972 reichlich selbstbewusst daherkam und der Redaktion wie vorab mit einem Anflug von Ironie mitgeteilt worden war, betreffend Musik und Regie den Tarif durchgab, verstärkte den ersten gesprochenen Satz: «Es ist mir ernst mit dieser Geschichte.»
Oder werden wir wieder modisch veralbert? Mit gemischten Gefühlen lasse ich den dichten Regen von Sätzen, Sprachfetzen, Tönen über mich ergehen. Da eine pfiffige Idee. Dort eine Perle. Dazwischen gefüllte Leere: «Er weiss viel. Dann steht er vor dem Bild und sieht nichts. Er macht es zu seiner Aufgabe, darüber zu reden.» Dies dreimal repetiert. An der Bar kennen sie das Alleinsein unseres plapprigen Provinzhelden, «die Leidenschaft beim Heben der Tasse, die mich packt, mich ergreift». Schön die Formel vom «Beipflichtgefühl». Dass die Nato eine präzis lokalisierte Siedlung oberhalb von Kehrsatz einebnen soll, na ja. Frauen kommen eher am Rande vor, am Fenster, als Vorstellung. Wie sie riechen, ihr Bettzeug. Sie haben lächerliche Vornamen. Blusen, Brüste. In zerhackten Sequenzen eine Hundegeschichte. Wie oft bei junger Literatur, welche mich mit meinem Geschmack alt macht, wuchs Ärger heran. Was soll das Ganze? Tut wohl tiefsinniger, als es ist.
Beim zweiten Mal ab Band, als ich eigentlich nur noch ein paar Zitate herausschreiben wollte, gefiel mir das Spiel erstaunlicherweise besser. Ich hörte nochmals zu. Bis zum Schluss. Ein als banal notierter Satz kam wieder: «Ich wasche meine Socken selten.» Aber die witzige Fortsetzung hatte ich nicht bemerkt. Einiges , wirkte völlig neu: «Kann man Teile seiner Seele verlieren? Verlegen und nicht mehr finden?» Erst jetzt fiel mir die Wort-Musik-Kombination positiv auf. Doch der rote Faden, was alles will, blieb verborgen. Kapiere nur ich es nicht? Vielleicht war da gar nichts zu kapieren. Ein paar Gedankenfetzen sollen gesendet und eingefangen werden. Einfach so, ein Zeitzeichen. «Ich begreife von diesem Leben wenig. Ich nehme nur daran teil, weil mir nichts Besseres einfällt.»
Tags zuvor brachte DRS 1 eine Kafka-Collage von Geri Dililer. Der grosse Schriftsteller, sein übergrosser Vater. Ein klarer Fall. Für diesen Samstag holt DRS 2 von Reinhard Lettau die «Frühstücksgespräche in Miami» aus dem Archiv, eine Politgroteske. 1977. Artort von vorgestern. Mir näher. Und doch...



Pfirde

,
2001

Pfirde

Exotisches Ethnohörspiel oder sprachinsistierende Dialektstudie? Das Hörspiel "Pfirde" ist für deutsche Ohren eine semantische Herausforderung. Der Schweizer Michael Stauffer aus Frauenfeld hat ein lakonisches Alpendrama verfaßt. Als Chronist bezeugt er, was sich seinerzeit im Emmental abspielte. Obwohl nur Zeuge aus zweiter Hand - die Informationen stammen von seinem Cousin - entwirft er ein kraftvolles Szenario einer entlegenen, auf sich selbst bezogenen Welt. Fantastische Alpenpfirde bevölkern die Alpwiesen. Als pantheistische Kraftwesen scheinen sie den Menschen überlegen zu sein. Diese selbst sind in ihre familiären Bräuche verstrickt, oftmals mit letalem Ausgang, manchmal auch nur mit einer Bankrotterklärung am Ende von Liebschaften. Und weil sich das so schon seit Menschengedenken abspielt, hilft nur der Gesang.

Und überhaupt kommt das Hörspiel fast wie ein Musikstück daher. Als ob es spontan entstanden wäre. Doch die durchgängige Leichtigkeit ist nicht das Ergebnis großer Improvisierkunst oder etwa Zufall. Sorgfältig abgestimmte Klänge und Musiksamples, ausgeprägtes Rhythmusgefühl und der äußerst lockere Vortragsstil ergeben ein stimmiges Ganzes. Lustig ist es alle mal, der Unterhaltungswert steigt sogar beträchtlich beim wiederholten Hörerlebnis. Das Ergebnis ist ein ungewöhnlicher Blickwinkel in die Alpen, trotz Schweizerdeutsch und Kuhglockengebimmel bestimmt keine Folklore...?

Von Michael Stauffer und René Desalmand (Komposition). 

EIG 2001, 11'

Theaterstücke


241 Karat bei der Empa

,
2004


241 Karat bei der Empa

SZENE 2
Die Darsteller verlassen die Raum-Erschliessung und führen einen Verständlichkeitstest durch. DUNKEL zettelt den Test an, ohne jedoch genau zu wissen, wie der Test funktionieren könnte. MÖRIKOFER spielt brav mit, merkt aber bald, dass der Test wohl nicht funktioniert. GEERING merkt davon nichts und will auch genau mittesten. „Versteht man mich auf der Bühne.“ „Wie ist die Akustik heute Abend.“ Das könnenFfragen sein. Vor dem Verständlichkeitstest zählen die Darsteller die Zuschauer. GEERING zählt pflichtbewusst, findet es aber mühsam, sie will es richtig machen. DUNKEL zählt und stellt sich vor, dass er so jeden persönlich begrüssen kann, mit einem Zucken des Kopfes. MÖRIKOFER spielt, dass er zählt.

DUNKEL    Hallo? Hallo? Hallo? (Lange Pause) Hallo? Hallo? Hallo? (Lange Pause) Hallo? Hallo? Hallo? (Lange Pause)

MÖRIKOFER    Ja? (Lange Pause)

GEERING    Hallo! Hallo! Hört ihr mich?

DUNKEL    Ja, es geht. Also ich sage hallo. Und dann sagt ihr: „Ja wir hören dich!“

MÖRIKOFER    Gut. Was soll ich sagen?

DUNKEL    Nur hallo!

MÖRIKOFER    Also. Seid ihr bereit?

DUNKEL (verärgert)    Ja! Wieso fragst du das jetzt?

GEERING    Ja! 

MÖRIKOFER    Hallo. (Kurze Pause.) Könnt ihr mich hören?

GEERING    Ja.

DUNKEL    Nein!

MÖRIKOFER    Wie? Du hörst mich nicht? Dieses: Hallo? Das hörst du nicht?

DUNKEL    Nein! Du musst nur sagen hallo. Natürlich höre ich das!

MÖRIKOFER    Habe ich ja. Also ich darf nicht sagen, dass ich euch höre? Hallo?

DUNKEL    Doch. Aber du muss warten, bis wir sagen: „Ja wir hören dich.“

MÖRIKOFER    Gut.

GEERING    Ja. Gut. Gut!

MÖRIKOFER    Also. Los! (Wartet kurz) Hallo!

DUNKEL    Ja, wir hören dich. Anna!

GEERING    Ja?

DUNKEL    Nein! Du musst auch sagen.

GEERING    Ich weiss, was ich sagen muss. Ich weiss es!

MÖRIKOFER    Gut? Immer noch? Hallo!

DUNKEL    Ja problemlos. Wir hören dich gut.

MÖRIKOFER    Problemlos und gut?

GEERING    Hallo!

DUNKEL    Also noch mal. 

GEERING    Hört man mich gut? 

DUNKEL    Ja Anna, man hört auch dich! Aber ich wollte das doch mit Christoph machen. Wir sagen hallo und ersagt, du weisst schon.

GEERING    Nein! Er sagt hallo und dann sagen wir: „Ja, wir hören dich.“ Jetzt verwechselst du alles. Du selber wolltest sagen hallo und wir sollten sagen: „Ja wir hören dich“, erinnerst du dich?

DUNKEL    Ja! Christoph ist das so in Ordnung? Wenn ich es nochmals selber ausprobiere? Jetzt habe ich das sehr durcheinander gebracht. Entschuldigung.

MÖRIKOFER über nimmt die Rolle des Testleiters, er merkt, dass es DUNKEL nicht mehr gelingen 
wird, den Test richtig zu Ende zu bringen. GEERING wird im Verlauf der Szene zu einer 
Musterschülerin, sie möchte nicht dass man merkt, dass schon der Einstieg mit dem Zählen nicht mehr 
funktioniert, da niemand weiss, wie man genau zählt. Sie verhält sich bei Ihren Theorien über das 
Verständnis wie eine Wissenschafterin an einem Fachkongress. Ihre männlichen Kollegen, sind Jahre 
älter, hören ihr zwar zu, aber nur halb. Im Verlauf der Szene wird GEERING mutiger, aggressiver 
und lässt die zwei älteren Männer spüren, dass sie nicht mehr auf der Höhe der aktuellen Forschung 
sind. Die zwei Männer plagen Entlassungsängste.

MÖRIKOFER    Kein Problem. Ich bin zufrieden, wenn man alles versteht. Dann ist es gut. Immer wenn man etwas versteht, bin ich sehr zufrieden.

GEERING    Ich verstehe auch jedes einzelne Wort. 

MÖRIKOFER    Ich glaube auch, dass man es sehr, sehr gut hören und verstehen kann.

DUNKEL (glücklich)    Ja?

MÖRIKOFER (doziert)    Die Frage, die Hauptfrage ist nur, ist das gut oder schlecht? Das ist ja die Hauptfrage.

GEERING    Ich finde es immer gut, wenn man sich versteht. Ich wohne sonst ja eben in einem kleinen Tal. Ihr wisst das ja. Dort herrscht extrem schlechtes Verständnis. Und da ich technisch sehr versiert bin, und auch sozial engagiert, habe ich gesagt, das muss nicht so bleiben. Ich kann das in die Hand nehmen! Dass dieses Hallo einfach mehr und öfter wiederholt wird in meinem kleinen Tal, wo ich wohne. Das dieses Hallo zu einem richtigen Signal für alle wird. Dass man es richtig gut versteht! 

MÖRIKOFER    Dass du dich für dein ganzes kleines Tal so einsetzt. Das ist gut. Wie lange wohnst du schon dort?

GEERING    10 Jahre. 

MÖRIKOFER    Und wie geht das nun?

GEERING    Das Hallo geht durch das ganze Tal, berührt die gegenüberliegende Talseite und wird so reflektiert. Und kommt dann zurück. Das war nicht immer so.

MÖRIKOFER    Und führt das nun zu mehr Verständnis?

DUNKEL    Davon kriegt man Kopfschmerzen, oder?

MÖRIKOFER    Und Schlafstörungen!

GEERING (etwas ungeduldig)    Nein, nein, nein. Wenn etwas so reflektiert wird (Zeigt es vor), so! Dann wird dieses Hallo so reflektiert, dann so. Hier, weiter! Seht ihr? Dann so! Das geht völlig ohne Verlust. Das verursacht überhaupt keine Schmerzen. Versteht ihr das?

DUNKEL    Ja. Verstehen schon. Aber gibt es wirklich keine Kopfschmerzen?

GEERING    Nein. 

MÖRIKOFER    Was hast du in diesem Tal gemacht, damit sich alle besser verstehen? Damit das Verständnis steigt?

GEERING    Ich habe aus dem ganzen Tal den Duft genommen. Vor allem Schweiss. Dann habe ich den Duft in eine Maschine eingeschlossen, die so aussieht, wie eine grosse Mikrowelle. In dieser Maschine bildete sich dann plötzlich eine Duftsäule. In der Maschine gibt es zwei Vogelnester, die mit Draht umwickelt sind. Un einen grossen Magnete gibt es auch. Und dann war bei allen im Tal das Verständnis um 35% grösser, besser.

DUNKEL    Was meinst du Christoph, kann das sein?

MÖRIKOFER (als Professor)    Ja. Ich weiss nicht. Man weiss es nie so genau. Bei Anna weiss man nie. Aber ich kenne diese Sehnsucht, alles verstehen zu können. Ich möchte einfach verstehen, wie das mit dem Hallo wirklich funktioniert. Und ob dieses kleine Tal, in welchem Anna wohnt, ein Modell sein könnte. Für alles andere. Anna denkst du, dass du das für andere Täler empfehlen könntest?

GEERING (Studentin von MÖRIKOFER)    Ich denke schon, dass man das übertragen kann. Anwenden. Ja eigentlich schon.

MÖRIKOFER Ich möchte gerne alles über den Idealzustand des Verständnis wissen. Und ob das ein Modell sein könnte, interessiert mich auch sehr.

GEERING    Gut, meine Theroie: Man muss zuerst hallo sagen. Das kann man zu allem und jedem oft sagen. So: hallo, hallo, hallo. (Anna geht herum grüsst Kuratli, das Publikum, den Licht-Techniker, der mit Ein-, Ausschalten und einem lauten Hallo zurück grüsst.)

MÖRIKOFER    Aha. 

DUNKEL    Das ist doch einfach nur dumm. Schwachsinn ist das. Das geht gar nicht.

MÖRIKOFER    Was wäre, wenn sie nun doch Recht hätte.

DUNKEL    Egal, dieses Risiko müssen wir uns leisten! 

MÖRIKOFER    Das Risiko ist ohnehin immer da?

GEERING    Nein, das stimmt eben nicht. Das Risiko, das man sich nicht leisten kann, das ist interessant. Dieses Risiko gibt es auch. Zusätzlich.

MÖRIKOFER    Wie?

GEERING    Also, wenn du sagst, ich möchte etwas verstehen. Was ist dann das Risiko?

MÖRIKOFER    Dass, ich es nicht verstehe?

GEERING Genau. Und sonst noch?

MÖRIKOFER    Keine Ahnung!

GEERING    Es ist auch bereits ein Risiko, dass du in die Lage kommst, gewisse Dinge nicht verstehen zu können. Verstehst du das?

MÖRIKOFER    Das Risiko fängt also früher an?

GEERING    Genau. Risiko ist schon, bevor man überhaupt denkt. Bereits dann ist es Risiko.

DUNKEL    Und ab wann sagen wir, wir haben uns getäuscht? Ab wann sagt man sowas. Ich fände jetzt gerade wäre so ein Zeitpunkt. Wir könnten einfach sagen, gut das war´s nun. Wir haben uns getäuscht und das war´s.

GEERING (verärgert)    Es gibt Leute, die können dieses präkognitive Risiko früher abschätzen als andere. Du scheinst sehr schnell zu sein! 

GEERING geht ab.

DUNKEL    Es gibt für alles eine Abkürzung. So würde ich das formulieren. Wenn man etwas nicht versteht, wird es nicht besser, wenn man es lange nicht versteht. Sondern es reicht, wenn man es kurz nicht versteht.

Männersolidarität zwischen DUNKEL und MÖRIKOFER. Sie trösten sich, versichern sich, dass sie 
auch noch etwas wert sind.

MÖRIKOFER    Es gibt nicht für alles eine Abkürzung. Gewisse Dinge kann man nur am Stück machen. Zum Beispiel, als ich mich von Stefan getrennt habe, das war ein längerer Prozess. Ich konnte das nicht alles von heute auf morgen tun. Es hätte schon schneller gehen können, aber ich konnte einfach nicht.

DUNKEL    Ja, aber das passt jetzt nicht hier hin.

MÖRIKOFER    Nein?

DUNKEL    Nein. Wir machen weiter, wie bisher. Ja?

MÖRIKOFER    Ja, das ist besser, sonst kommt mir das alles nur wieder hoch.

DUNKEL    Was kannst du gut?

MÖRIKOFER    Wie?

DUNKEL    Ja, was du gut kannst. Weisst du, es ist doch besser, wenn du dich damit beschäftigst, statt wieder an altem Müll rumzukauen.

MÖRIKOFER    Ja, gut. Das will ich. Ich kann gut, ich kann, ich kann, wie meinst du das genau, gut können?

DUNKEL    Es gibt immer latente Stärken, die nur ansatzweise erkennbar sind oder sich nur vermuten lassen, die man genauer prüfen muss. So findet man dann heraus. Was man gut kann. Es ist wichtig, dass jeder weiss, was er gut kann. Weil es verschwendete Zeit ist, wenn man zu lange etwas tut, das man nicht kann. Um zu den latenten Stärken zurückzukommen. Ich kann zum Beispiel sehr gut reden und nicht so gut zuhören. Aber da bin ich ja nicht der einzige. 

MÖRIKOFER    Das stimmt. Das ist ein verbreiteter Fehler, dass man nicht hört, was andere sagen. Und daraus gleich ableitet, dass die anderen gar nichts gesagt haben. Oder dass man sagt, ach die anderen haben dazu gar nichts gesagt. Obwohl die dauernd geredet haben und sogar gar nicht unwichtige und sogar die Sache betreffende Dinge gesagt haben. Ja, ja.

DUNKEL    Eine Latente Stärke meinerseits ist, dass ich gut reden kann. Wie gesagt.

MÖRIKOFER    Ja, hast du eben schon gesagt. Ich kann das auch.

DUNKEL    Ich zeige das mal vor. Wir machen es so. Ich bin der Nachbar. Und dann redet ihr über mich, dann stosse ich dazu, und wir sehen dann, ob ich gut reden kann.

MÖRIKOFER    Ja. So machen wir das!

Kommt zurück, als hätte Sie die ganze Konversation mitgehört.

GEERING    Etwas läppisch das ganze. Aber vielleicht sieht man ja etwas. Ich spiele eine Nachbarin, um zu sehen, ob er gut reden kann. Ja, warum auch nicht. 

241 Karat bei der Empa
Von Irrwegen und Bratwürsten, Basellandschaftliche Zeitung

„…‘241 Karat bei der EMPA‘ nennt sich die rund einstündige Arbeit. Für die Leitung zeichnen Jo Dunkel…und der Autor Michael Stauffer, die beide auch auf der Bühne stehen. Ihre Partner sind Anna Geering …und Christoph Mörikofer. … Treppauf, treppab, hinaus und hinein. An die titelgebende EMPA (Eidgenössische Materialprüfungs- und Froschungsanstalt) erinnert dabei nur die erste Sequenz des spielerischen und verspielten Abends: Die Darsteller wuseln als Beamte, treppauf, treppab, hinaus und hinein durch die Seitentür, messen und zählen – auch das Publikum – und legen die ausgefüllten Formulare auf einen Stoss von Dokumenten ab. Der Musiker Fabian Kuratli untermalt das Treiben mit Schlagzeug und Synthesizer. …Dann verwandeln sich Geering und Mörikofer mit Stücken von weissem Langhaarfell als grotesken Perücken in tratschende Nachbarn: als auch Dunkel sich einmischt, kommt es zum vergnüglichen sprachlichen Slapstick, in dessen Verlauf Mörikofer sich vergeblich bemüht die Komik, die entsteht, wenn jemand auf einer Banane ausrutscht, durch einen „Aggregatszustandswechsel aus heiterem Himmel“ zu erklären.
Später geht es um Beziehungen: Mörikofer, nun ganz Talk-Show-Moderator, befragt Geering und Dunkel über die Beziehungstauglichkeitsprüfung, die sei beim Einwohnermeldeamt ablegen mussten. Dann schildern die Drei ihre Irrwege in einem modernen repräsentativen Firmengebäude, offenbar einem Labyrinth aus Glas; Geering zieht das Résumé mit dem ratlosen Satz: Dr Architäggt hät sich scho öppis überlait.“
Einen ihrer schönsten Momente hat die Aufführung, wenn das Licht erlischt und nur noch die Heizschlange eines Hotdog-Grills auf der Bühne leuchtet und die Bratwürste, die sich darin drehen, eine gespenstischen Tanz aufzuführen scheinen. Natürlich werden die Würste dann vor dem Publikum verzehrt. Schön ist auch wie das Trio, nun dirigiert von Stauffer, aus einzelnen Dialektlauten eine groteske Sprachmusik entwickelt. …Das alles ist immer wieder höchst vergnüglich, bleibt aber letztlich belanglos, sowohl inhaltlich als auch formal. Die Aufführung folgt den Konventionen eines Desillusionierungs-Theaters mit Theater-über-Theater-Effekten, wie wir sie schon oft gesehen haben. Dabei fehlt es ihr an einer schlüssigen Dramaturgie, am grossen Bogen. Hübsch ist allerdings die Idee, vor der Schlusssequenz die ersten und die letzten Sätze aller Szenen aneinander zu reihen, als vorgezogene Coda gewissermassen. …“



Gut zu wissen, Zeit heilt keine Wunden

,
2004

Gut zu wissen, Zeit heilt keine Wunden

4. Wen könnten wir einladen, ausser die Massenmedien. 
MANN und FRAU als Paar, das den kollektiven Selbstmord plant. Sie haben den Entscheid gefasst und wollen ein Abschiedsfest durchführen. Sie wollen Freunde, Bekannte und Verwandte einladen und dann verkünden, dass nach diesem Fest Schluss ist. Dass das Ende nahe sei. So in etwa war es geplant. TANZ und MUSIK sind einige der eingeladenen Gäste, die zum Abschlussfest gekommen sind.

MANN    Bald muss das Glück für mich da sein. Sonst werde ich das alles nicht mehr lange überleben. 
FRAU    Kopf hoch! Wir haben heute Forellenfilet gebraten. Und das war doch gut.
MANN    Mag ich nicht. Noch zwei Tage später stinken alle Beilagen nach erhitztem Fischfett. Mag jemand Forellenfilet?
FRAU    Wir haben auch Zackenbarschfilet. Auch Fisch, so gesehen.
MANN    Ich will Kaugummi und Schweinefleisch. Sonst nichts.
FRAU    Das ist keine richtige Mahlzeit.
MANN    Macht nichts. Ich kann statt mit den Händen mit den Füssen essen. Dann ist es richtiger.
FRAU    Du bist zu sprunghaft. Unstet. Flatterhaft.
MANN    Manchmal sprudelt es in einer Art aus mir, dass ich es selber nicht verstehe. Aber ich weiss schon ungefähr, wie es sein soll.
FRAU    Oder Aprikosen gedörrt. Oder Schokolade, 100g zu 1.50 Franken. Lammkoteletten und Brot.
FRAU    Im Warenhaus wird Putzmittel im Sonderangebot verkauft. Noch bis Mittwoch. Dann können wir vorher noch alles sauber machen.
[TANZ    Parfüm auch?]
MANN    Dann musst Du unbedingt 20 Flaschen kaufen.
FRAU    Und dann?
MANN    Dann stelle ich in jedes Zimmer eine Putzmittelflasche. In einige Zimmer drei. Ich steche die Flaschen an. Das Putzmittel läuft aus. Es beginnt nach Putzmittel zu riechen.
[** TANZ]
FRAU    Dann muss ich nur noch die Fenster öffnen und in den Zimmern herum rennen. Und der frische Duft breitet sich von alleine in der ganzen Wohnung aus. Und man riecht nichts mehr vom Tod.
MANN    Wenn das in zu hoher Konzentration in der Luft liegt. Ist das dann gefährlich?
FRAU    Nein. Oder vielleicht doch.
MANN    Kann man das prüfen?
FRAU    Ja. Du kannst anrufen.
MANN    Wen?
FRAU    Das Toxikologische Informationszentrum. Du musst dein Alter, dein Gewicht, dein Geschlecht sagen. Dann erste, beobachtete Symptome schildern.
MANN    Gut. Da rufen wir jetzt an.
[TANZ    Nice shoes. Want to fuck?]
FRAU    Die Nummern die ich wähle, kommen mir immer seltsam vor. Die stimmen immer, aber sie bedeuten nichts.
MANN    Die Giftinfozentrale?
FRAU    Die lachen mich sicher aus wegen meiner Ängste.
MANN    Man muss einen Grund haben zum Lachen. Die können dich nicht einfach so auslachen.
[** TANZ]
FRAU    Meistens wenn ich lache, ist es gerade falsch, oder nicht der richtige Moment.
[TANZ    Ich mache mit einem Finger Löcher ins Plastiktischtuch. Plastik ist willenloses Material.]
[MUSIK    Die Nachbarin greift ihrem Mann an die Eier, wenn er schnarcht.]
MANN    Eigentlich kümmert sich sowieso niemand um uns. Um mich. Ich befinde mich mitten in einer Menschenmasse, einige sind lieb. Andere sind nur blöde Wichser.
FRAU    Diese Rechnung geht nicht auf.
MANN    Ich zähle seit der 3.Klasse nicht mehr.
[** TANZ]
FRAU    Verrechnet.
MANN    Ich habe keine Ahnung.
FRAU    Genau, du hast keine Ahnung.
MANN    Bin ich jetzt geheilt?
FRAU Du warst krank?
[** MUSIK]
MANN    Ich hatte es schon als Kind nicht immer einfach. Die Hebamme hat das Gas- mit dem Bremspedal verwechselt. Meine Schwester lag im Kinderwagen und ich habe den Kinderwagen geschoben. Die Schwester war sofort tot. 
FRAU    Und? 
MANN    Auf jeden Fall war ich lange krank.
FRAU    Und?
MANN    Zuerst Hausarzt, dann Facharzt für Neurologie, dann Facharzt für Dermatologie, dann in medikamentöser Behandlung, dann geschlossene Abteilung, psychiatrische Klinik. Medikamente in den Mund genommen. Je nach Menge unter der Zunge oder zwischen der oberen Zahnreihe und der Oberlippe zwischengelagert.
FRAU    Und dann?
MANN    Dann habe ich unter Aufsicht zweier Schwestern viele Gläser Wasser hineingeschüttet. Danach die Medikamente ausgespuckt, die Toilette runtergespült. 
(TANZ und MUSIK sind sehr interessiert, fragen entsprechend übertrieben. Sie führen das „Und-dann-Spiel“ weiter, als Improvisation.)
TANZ    Und dann?
MANN    Dann habe ich die Medikamente in Wasser gelöst, gemörsert erhalten.
MUSIK    Und dann?
MANN    Dann habe ich gedacht, Medikamente gäben Hautausschläge. 
TANZ    Und dann?
MANN    Ich habe einen Chemiker nach den Substanzen gefragt. 
MUSIK    Und dann?
MANN    Ihm geglaubt. 
MUSIK    Und dann?
MANN    Immer der Eindruck, die Türe nicht richtig geschlossen zu haben. 
FRAU    Und sonst? Vor deiner Krankheit.
(MUSIK, TANZ, FRAU, MANN improvisieren ab hier weiter. Nach der Improvisation geht es so weiter:)
MANN Wir machen das, um zu verstehen, was genau, wie die Krankheit oder die Selbstmordabsicht sich entwickelt hat. Oder zusammenhängt.
FRAU    Also wie? Wie hängt es zusammen?
MANN    Meine Hände schauen aus den zu kurzen Ärmeln, wie verwirrte Maulwürfe. Das ist doch schrecklich.
FRAU    Das wird schon wieder. Das stört mich nicht. Ich finde es schön, dass deine transparente Haut bläulich schimmert. 
MANN    Ja, du hast recht. 
FRAU    Wenn es dir möglich ist, werde ich dich nächsten Sonntag verwöhnen. 
MANN    Ich freue mich sehr. Ein paar schöne Stündchen muss es geben, wo wir wieder übereinander herfallen können. 
FRAU    Ich sehne mich auch danach. Aber vielleicht solltest du dich noch ein wenig schonen.
MANN    Schluss. Das reicht. Schonung muss nicht sein.
FRAU    Also Themenwechsel. Die Kirche ist gross und aus Stein. Die Telefonkabine links davon ist aus Glas.
MANN    Es war schön, unter den Kirschbäumen. Und die Kirsche selber auch, aus Porzellan. Das weiche, saftige Fruchtfleisch der Kirschen war anregend.
FRAU    Ja, herrlich fruchtig war das.
[MUSIK    Die Tauben zum Beispiel. Als Kind habe ich das Gurren als beruhigenden Laut empfunden.]
FRAU    Hundefallen, sind auch etwas, das man aus dem Urlaub mit nach Hause bringen könnte. Was meinst du? Vogelschlingen, Birkhuhnfallen. Marderfalle, Rattenfallen. Oder eine Insektenfangscheibe und eine Fangrinne für Schnecken dazu. Das wäre was. Das wären gute Souvenirs gewesen. Und einige davon, zum Beispiel die Vogelschlinge könnte ja auch etwas für uns sein!
MANN    Was fantasierst du? Hast du Fieber? Zeig mal her.
[** MUSIK]
FRAU    Trockne mir bitte die Stirne. Die ist ganz feucht. Du musst keine Angst haben. Irgendwann geht es für alle zu Ende.
[TANZ    Sophia Loren sitzt hinten in einem Chevrolet Impala.]
MANN    Ich habe alles im Griff. Ich liege diagonal im Bett. Die Beine hängen schräge über den Bettrand hinaus.
FRAU    Deinen Hinterkopf berühre ich nur mit Samthandschuhen.
MANN    Es regt mich auf, dass alles von mir sein soll. Dass ich jetzt wieder Schuld sein soll.
FRAU    Ich lebte lange in relativem Glück. Du auch?
MANN    Ja!
FRAU    Ausser, wenn du Gartenbohnen, tiefgefroren, Spinat gehackt, tiefgefroren oder Aprikosenkonfitüre gegessen hast.
MANN    Nein! 
[** TANZ]
FRAU    Hier die Tabelle der Reinigungsfirma. Da trägst du ein, wann du die Toilette gereinigt hast. Je nach Tag setzt du andere Initialen ein. Oben steht: Wir sind für die Reinigung dieser Toilette zuständig. Sollte der Zustand dieser Toilette sie nicht zufrieden stellen, nehmen sie bitte mit uns Kontakt auf.
MANN    Ja, das ist doch das mindeste, dass wir in Ruhe einen Abgang machen können. Wenn ich den Abgang mache, soll wenigstens die Toilette in einwandfreiem Zustand sein.
[TANZ    Dann macht er sicher bald eine Expedition ins Bad.]
[MUSIK    Es ist die Stille, die man im Auge behalten muss.]
[** MUSIK]
[** TANZ]
FRAU    Genau. Wir müssen das geordnet erledigen. Nicht, dass wir danach wieder mit Vorwürfen konfrontiert sind. Das wäre nicht gut.
MANN    Meine Theorie ist doch ganz klar. Man muss gut Ordnung halten, dann ergibt sich der Rest von alleine.
FRAU    Einverstanden?
MANN    Ja, einverstanden. 


Als alles gesagt war

,
2004


Als alles gesagt war
Als alles gesagt war
Suche Arbeit namens Beschäftigung, St.Galler Tagblatt

Eglis Tanzkompanie arbeitet temporär in der Velowerkstatt - mit dem Schriftsteller Michael Stauffer

Menschen ohne Erwerbsarbeit bietet die Velowerkstatt im Alltag eine «sinnvolle Alternative zum Nichtstun». Nun wird die Werkstatt temporär Tanzlabor und Plattform für ein politisches Manifest: den «Raumgriff II».

Bettina Kugler

Es riecht förmlich nach Arbeit, nach solidem Handwerk in der Werkhalle im Güterbahnhofareal: Reifen, Gummischläuche, Kettenöl, kistenweise Schrauben und Eisenteile. Werkbänke, zur Reparatur aufgebockte Velos, wie Orgelpfeifen nach Grösse aufgehängte Schraubschlüssel. Aber auch Scheinwerfer, Lautsprecherboxen, Mischpulte. «Die tun was», denkt seufzend der Büromensch, der sich hier verirrt, leicht abseits der in Geschäftigkeit verstopften Strassenkreuzungen, am Rand der Gleise.

Tun sie wirklich? Wer hier befristet Hand anlegt, befindet sich in einer Warteschleife oder schon auf dem gesellschaftlichen Abstellgleis, war vorher ohne festen Job und wird es vielleicht lange bleiben. Ein Ort der «Organisation von Nichtbeschäftigung» sei die Velowerkstatt der regionalen Arbeitsvermittlung, sagt Michael Stauffer, ein temporärer Arbeitsplatz für «selbstversichernde Tätigkeiten».

Kreatives Flickwerk

Statt zu erklären, was er damit meint, nimmt er zwei lose Schlüssel, legt sie auf den Tisch, dreht und verschiebt sie, greift nach dem Kaffeelöffel neben der Tasse, bringt ihn in Position: suggeriert Beschäftigung durch stereotype, ritualisierte Handgriffe. «Als alles gesagt war» ist Titel und Ausgangspunkt des Tanzstücks, für das Stauffer getüftelt und getextet, beobachtet und nach Schnittstellen zwischen Darstellung, Tanz und Text gesucht hat. Gerade kommt der in Frauenfeld aufgewachsene Schriftsteller, der in den letzten Jahren mit Kürzestprosa und Stücken wie «Die Apfelkönigin» auf sich aufmerksam gemacht und letzten Sommer in Klagenfurt am Wettlesen teilgenommen hat, leicht genervt von Telefonverhandlungen mit dem Radio- und TV-Sender WDR: Kurze Kaffeepause vor der nächsten Probe im ehemaligen SBB Cargo-Domizil, wo sich die Tänzer der Tanzkompanie St. Gallen schon aufwärmen und die Veloflicker die letzten Handgriffe vor Feierabend machen, während Stauffer im Leerlauf kleiner Handgriffe seine Gedanken in die Gänge bringt.

In der Velowerkstatt hat auch Stauffer derzeit einen temporären Job und muss
doch schon den nächsten einfädeln. «Als Künstler, ob nun Schriftsteller oder Tänzer oder Schauspieler, lebt man ständig mit Provisorien. Ich bin dauernd arbeitslos», sagt er. «Aber was heisst das überhaupt? Ist es nicht eine unglaubliche Frechheit, jemanden als arbeitslos zu definieren?» Er selbst muss nach Ideen und Beschäftigungen nicht lange suchen: er ist Sprachspieler, «Gefügeforscher», notorischer Fussnotenschreiber. Ein interessanter Partner, Mitdenker und Mitarbeiter für Philipp Eglis zweites «Raumgriff»-Projekt nach dem Tanz im Stadtpark. Unterstützt wird Stauffers Mitarbeit allerdings auch von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau; ein Posten «Text» ist im Budgetschlüssel der Sparte Tanz am Theater noch nicht vorgesehen. Erneut verlässt die Kompanie die für drei gleichwertige Sparten zu engen Theatermauern und mischt sich unters Volk: flexible Menschen im buchstäblichen Sinne, zu Gast an einem Ort, wo Leute auf dem Abstellgleis Mobilität gewährleisten.

«Wir machen keine Sozialstudie, suggerieren nicht Empathie», sagt Stauffer. «‹Raumgriff› ist ein Kunstprodukt, spielt mit Repetitionen von Arbeitsabläufen, mit Gängen, Übergängen und Pausen.»

Tanz des flexiblen Menschen
Was aber bringt der Raum zur Sprache? Satzmonster wie «Suche Arbeit namens Beschäftigung», «The labour market is always in the flux», gesprochen von den Tänzern; Wortgebilde wie automatische Handbewegungen. Als Theaterautor interessieren Stauffer besonders die Übergänge zwischen Alltagsbewegung und Choreografie. Mit klassischem Ballett kann er nur wenig anfangen. «Das technisch Perfekte, dieses Unisono des Gruppengefühls ist reine Beschönigung. Das feudalistische Musiktheater funktionalisiert Tänzer bloss für das Schöne, Wahre, Gute.» Mangels Alternative tanzen Stauffer, Egli und die St. Galler Kompanie einmal mehr aus der Reihe - mitten ins Leben.

Wörtlich
Berufswünsche
Ich hatte viele verschiedene Berufswünsche: Postbote, Konditor, Busfahrer, Fahnenmacher, Mitarbeiter bei der katholischen Kirche, Landschaftsgärtner. Dann auch Lokomotivführer, Pilot, Militärpilot. Überhaupt alles mit Uniform fand ich toll. Heute geht das nicht mehr. (. . .) Den Jugendlichen wird nahe gelegt, über verschiedene Alternativen nachzudenken, um die Chancen zu erhöhen. Das ist totaler Quatsch! Wer will arbeiten wie jeder? Das ist keine nachgefragte Qualifikation. «Wir suchen einen, der alles macht, wie jeder andere auch. So einen suchen wir.» Das ist die schlechteste Qualifikation, wenn einer alles so macht wie jeder!
Aus: Michael Stauffer, Materialtext für «Als alles gesagt war»
Copyright © St.Galler Tagblatt AG



Die Apfelkönigin

,
2003
Preis: CHF 4.00


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Die Apfelkönigin

Apfelkönigin (Auszug) 

Szene 8
Wieder vereint

Die TÄNZER ziehen sich weisse Saunapersonal-Kleider über. TÄNZER 1 verkauft Orangensaft, TÄNZER 2 bietet Zeitschriften an, TÄNZERIN 1 bereitet einen Aufguss vor. TÄNZERIN 2 macht Reinigungsarbeiten. MONIKA WILD, CHRISTIAN BÖSCH, CHRISTIAN WILD und GABY BÖSCH tragen Ganzkörper-Nylon-Kleider, wurstfarben. Sie haben keine Handtücher dabei. MONIKA WILD und CHRISTIAN BÖSCH gehen in die 80°-Sauna, GABY BÖSCH geht in den Ruheraum. ADRIAN WILD liest, was auf seiner Duschmittelflasche steht, laut vor und ist davon sehr überzeugt und angetan.

ADRIAN WILD Das Gefühl von Lebendigkeit beeinflusst uns mit positiver Energie. Wir geniessen jeden Tag in seiner ganzen Stärke und seinen verschiedenen Dimensionen. Duschmittel hilft uns, sinnliche Kraft zu entwickeln.

Die TÄNZER im Chor Amen!

ADRIAN WILD drückt die Duschmittelflasche zusammen, atmet lustvoll ein. Auf das Einatmen beginnen die TÄNZER zu singen.

Die TÄNZER singen das Lied „Killing me softly“. Sie verstehen den Text nicht. Beim Singen wirken die TÄNZER glücklich und entspannt. Die TÄNZER singen leise, relativ rein, ohne Instrumentalbegleitung. Sie machen andeutungsweise Tanzbewegungen, dazwischen aggressive Verkrampfungen.

Die TÄNZER Ki-ling me soodli ims ur eis,
Ki-ling me soft i i, i ii,
Ki-ling mi mi, mi mi ur eis,
Ki-ling me soo di, i i ii,
sodi, di di,
Je-je, He-he, he-he.

Lunging de me, mid de lin gii,
Nomind ifgi, midi mi dii,
Ki-ling mi soffli mid ju eis,
Ki-ling me soffli,
midii, ii, midi di
di id, di id.

Tu tu tu tu, tu-hu hu-huuu,
To to to to, tu-ho tu-hoo,
ta ta ta ta, to to to-hoo,
Hu hu ho-hoo,
Hu ho hoo,
Ho-ho, ho-hoo.

ADRIAN WILD geht in den Ruheraum. 

Solid im ka, bi ni ne nee,
Digge dige, fe de bo dee,
Ale sin im ine ons sais,
Im rong sais,
For mi, mi mi,
Mi mi.


MONIKA WILD Ich bin etwas müde, und fettige Haare habe ich auch.

CHRISTIAN BÖSCH Dann sollten wir vielleicht gar nicht reden?

MONIKA WILD Doch, doch. Aber eben, ich glaube, ich bin krank und muss heute früh ins Bett. Ich kann meine Augendeckel kaum noch offen halten.

CHRISTIAN BÖSCH Deine Augen bewegen sich praktisch nicht.

MONIKA WILD Ich habe ja gesagt, dass ich müde bin. Hörst du mir überhaupt zu.

CHRISTIAN BÖSCH Ja.

MONIKA WILD Ich kann so nicht mehr weitermachen.

CHRISTIAN BÖSCH Wieso ist Adrian misstrauisch?

MONIKA WILD Nein, aber es ist zu mühsam.

CHRISTIAN BÖSCH Keine Sorge.

MONIKA WILD Was keine Sorge? Glaubst du etwa nicht, dass auch Gaby an Adrian interessiert ist?

CHRISTIAN BÖSCH Spinnst du? Ich bitte dich.

MONIKA WILD Ich finde das einfach zu anstrengend. Bis jetzt hat es nur keine Probleme gegeben, weil Adrian bei solchen Sachen nicht so aktiv ist.

CHRISTIAN BÖSCH Bei welchen Sachen?

MONIKA WILD Also gut, du willst es hören. Dass wir ab und zu ficken, ist Adrian ziemlich egal. Er wird als Gegenleistung einfach Gaby ficken wollen. Falls er weiss oder erfährt, dass wir uns ab und zu treffen.

CHRISTIAN BÖSCH Das wäre ja noch besser. So etwas kommt überhaupt nicht in Frage.

MONIKA WILD Aha? Interessant. Kein Verständnis dafür?

CHRISTIAN BÖSCH Überhaupt nicht. Nein, entschuldige, wirklich nicht. Komm. Wir gehen mal hier raus.

CHRISTIAN BÖSCH und MONIKA WILD verlassen die Sauna und gehen in den Ruheraum. GABY BÖSCH und ADRIAN WILD gehen in die 80°-Grad-Sauna.

ADRIAN WILD Bist du eigentlich ein Handtuchmuffel?

GABY BÖSCH Wie bitte?

ADRIAN WILD Ob du ein Handtuchmuffel bist?

GABY BÖSCH Warum?

ADRIAN WILD Weil du keines dabei hast.

GABY BÖSCH Ich mag einfach Frottee nicht auf meiner Haut.

GABY BÖSCH küsst ADRIAN WILD heftig auf den Hals. ADRIAN WILD küsst verwirrt zurück.

ADRIAN WILD Deshalb?

GABY BÖSCH Ja.

ADRIAN WILD Du reibst dich nie trocken?

GABY BÖSCH Nein. Zu Hause öffne ich nach dem Duschen einfach das Fenster und lass mich so von der Luft trocknen.

ADRIAN WILD Echt?

GABY BÖSCH Ja, von der Luft, die mich anweht, lasse ich mich trocknen.

ADRIAN WILD Du bist süss, so nackt.

GABY BÖSCH Hör auf.

ADRIAN WILD Es stimmt aber.

GABY BÖSCH Manchmal schmeckt die Liebe bitter. Das musst du jetzt eben akzeptieren.

ADRIAN WILD Ich werde Monika sagen, dass zwischen dir und mir nichts ist.

GABY BÖSCH Na und? Was soll mich das interessieren?

ADRIAN WILD Du empfindest also nichts für mich?

GABY BÖSCH Dumm, sage ich da nur. Sehr, sehr dumm.

ADRIAN WILD Ich sehe doch, wie Monika und dein lieber Christian miteinander umgehen. Ich habe gedacht, ich frage dich, ob. Scheisse. Ich. Und jetzt haust du mir dermassen eine Keule rein. Ich fühle mich wirklich wie kastriert.

GABY BÖSCH Wie kastriert?

ADRIAN WILD Wie ein Auto, das in einem kilometerlangen Stau stecken bleibt und keinen Meter mehr fahren kann.

GABY BÖSCH Verstehe. Und das soll mich jetzt umstimmen?

ADRIAN WILD Ja, bitte.

GABY BÖSCH Dass wir zwei-, dreimal miteinander geschlafen haben, bedeutet gar nichts. Dumm, dumm. Da kann ich nur sagen. Dumm! Das ist sehr dumm.

ADRIAN WILD Aber wieso hast du mit mir geschlafen?

GABY BÖSCH Vergiss es einfach. Aus Lust zum Beispiel.

GABY BÖSCH steht auf, verlässt den Ruheraum und geht in die 80°-Sauna. ADRIAN WILD bleibt alleine in der Sauna. TÄNZERIN 1 kommt und macht für ADRIAN WILD einen Aufguss. 

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Die Apfelkönigin
Lifestile denunziert, SDA

Das absurd-musikalische Tanz- Schauspiel „Apfelkönigin” des Thurgauer Dramatiker-Talents Michael Stauffer wurde am Samstag in Bern erfolgreich uraufgeführt.

Lebensmittel respektive alles, was man zum Leben zu brauchen glaubt: Das ist das Sujet von Michael Stauffers „Die Apfelkönigin”. Das Bühnenbild ist schön wie ein Gemälde: In der Mitte ein Stillleben von van Gogh mit Heringen, Tomaten, Kartoffeln, rechts und links mehrdimensionale verwinkelte Nischen, zu gebrauchen als Treppen, Fahrstuhl und Sauna. Ehepaar Monika und Adrian Wild (Christine Rollar und André Benndorff) sitzt darin steif auf Campingstühlen mit Kühltasche. Eine Einladung bei den Böschs in der Tiefgarage steht an – natürlich mit Berner Platte, was sonst im Rahmen des Berner Theaterfestivals „auawirleben”? Gastgeberin Gabymuss zwischendurch schnell weg, um Studenten van Goghs Gemälde zu erklären. Damit sind drei der „lebensnotwendigen” Mittel eingeführt: Essen, Kunst, Hobby (van Gogh fischte gern). Viele werden folgen: Tradition (Familienrezepte), Sucht (nach Gewürzen), Lachen (Entlastung), Putzen, Mode, Wellness, Ficken, Misswahl. Als Ausweg aus dem zivilen Lebensdiktat bleibt schliesslich nur derMond. Nach der ersten Szene wird van Gogh entfernt. Die leere Nische wird mit lebenden Bildern bestückt. Tänzer stellen mit Tomaten-, Kartoffeln- und Heringsköpfen das Bild nach oder agieren als Models. Bei Bedarf singen sie das Lied der Mumie, zu der der moderne Mensch in Kunstfaser wird. Oder sie fungieren als Kandidaten für die Misswahl der „Apfelkönigin”. Die Schauspieler setzen derweil im Verlauf des Stücks Speck in Form von fleischfarbenen, gestopften Tricots an.

Etwas zu schematische Vorlage
„Die Apfelkönigin” ist eine Freude für Aug und Ohr. Die Schauspieler chargieren aufs Trefflichste. Volksmusik, die die Aktgrenzen kennzeichnet, und andere farcenhafte Übertreibungen strapazieren die Lachmuskeln. Dass hier moderner Lifestyle denunziert wird, erschliesst sich erst im Nachhinein. Das Vergnügliche cachiert allerdings gewisse Mängel der Vorlage. Diese scheint etwas gar zu schematisch. Es wirkt, als wären Lifestyle-Themen mit Gewalt aneinander gereiht worden. Adrian/Benndorffs irrer Ausbruch angesichts der Unmöglichkeit, persönlichkeitsadäquate Kleider zu finden, wirkt übertrieben. „Die Apfelkönigin” denunziert modernen Lifestyle und stellt die Frage, was der Mensch wirklich zum Leben braucht. Das ist löblich. Die eigentliche Erkenntnisleistung muss der Zuschauer selber erbringen. Die körnige Form des Stücks ist bei aller Vergnüglichkeit freilich gewöhnungsbedürftig. Möglich immerhin, dass hier eine neue Form des Theaters geboren wurde.


Wenn das Leben Geist und Magen belastet, Aargauer Zeitung / MLZ

ANGESTRENGT · Michael Stauffers ambitiöse Komödie „Die Apfelkönigin” auf der Berner Kornhausbühne Auch das Stadttheater Bern be-teiligt sich am Festival „auawirleben” mit einer Uraufführung: Michael Stauffers episodische Komödie „Die Apfelkönigin” sucht den gruppendynamischen Heisshunger zu ergründen.

Was Stauffer[50] in seiner so genannten Ernährungs- und Aufklärungskomödie für vier Schauspieler und vier Tänzer in wohl demaskierender Absicht beschäftigt, ist bald einmal klar: Es geht um behauptete oder vermutete (Kausal-)Zusammenhänge zwischen Mageninhalt, Kleidernot und Intimkontakt. Tatsächlich gibt vorab das (Fr-)Essen viel zu reden und bisweilen auch zu schreien. Mit Gaby und Christian Bösch (Anna Bardorf, Thomas Mathys) sowie Monika und Adrian Wild (Christine Rollar, André Benndorff) sind es bei Stauffer[50] zwei angejahrte Paare, die sich ausdauernd mühen, einander mit Nahrung zu versorgen. Das geschieht bei Tisch unter gar manchen weitschweifenden Erklärungen und im Ruheraum einer Sauna mit unverblümten Verweisen auf das Ficken übers Kreuz. 
Was Lustgewinn verspricht, hat freilich seinen Preis, zumal wenn es die bald ausufernde Leibesfülle in Kleider zu zwängen gilt: Barocke Körperformen und stickige Umkleidekabinen konfrontieren notgedrungen mit einer „verdammten Glaubens- und Disziplinfrage” und provozieren die Geisselung dehnbarer Stoffe wie Nylon. Immerhin ist die „richtige Knopfwahl” mit sättigender Nähe auf Busenhöhe verbunden - Tastsinn ist gefragt.
Stauffers[50] Figuren legen Gewicht zu, indem sie sich hässliche bleiche Attrappen umschnallen. Grausliche Männerbäuche, beängstigende Hüftfettansätze und Hängebrüste konterkarieren das chorisch bewältigte Motto: „Kochen ist gesund, gesünder als saufen.” Ob Kutteln allenfalls nach Champagner verlangen, bleibt dennoch einigermassen schleierhaft. Das kann nicht erstaunen, weil dem an diversen Fronten geforderten Quartett auch museumspädagogisches Geschick in Sachen van Gogh und schliesslich auch noch die Kür der Apfelkönigin[50] abverlangt wird. 
Nun sind da aber auch vier Tänzer, deren Choreografie laut Stauffers[50] ausführlichen Regieanweisungen gleichwertig zu behandeln ist wie die Schauspielerei. Dieses zweite Quartett ist in Lavinia Freys auf engagierte Mitwirkende setzender Inszenierung etwa dafür besorgt, dass van Goghs über der Eingangsszene hängendes Stillleben mit Fisch und Gemüse buchstäblich Gestalt annimmt oder auf eben diesem Gemälde eine festliche Tafel gedeckt wird. Zudem können Chantal Claret, Sonia Rocha, Luciano di Natale und Marcel Leemann auf Jann Messerlis ausgeklügelter Simultanbühne eine wiederholt aufreizende Beweglichkeit demonstrieren, die zum Ausdruck bringt, wovon Stauffers[50] mit Banalitäten und Behäbigkeit alles andere als sparende „couch potatoes” bestenfalls träumen dürfen: Das Leben könnte durchaus „sexy” sein. 
Unter Freys auf Komik bedachter Regie gelingen denn auch einige peppige Bilder, die Stauffers[50] doch recht trägen Bühnentext mit zuweilen surrealer Vitalität aufladen. Gleichwohl will bis zuletzt nicht ganz einleuchten, weshalb für das im Rahmen des Dramatikerförderungsprojekts MC6 entstandene Stück eine spartenübergreifende Vorgabe her musste. Die jüngste Arbeit des 1972 geborenen Autors und Performers nämlich könnte sich eher als Hörspiel eignen, das die Bebilderung eines wortlastigen Geschehens - wie in der DRS-Produktion „Gartenproletarier” - der Fantasie des Publikums überlässt. Hörspielreifes Highlight dieser ersten szenischen Annäherung an Stauffers „Apfelkönigin” ist nicht von ungefähr die heimtückisch lüpfige Musik des Bieler Blasinstrumentalisten Hans Koch.


Textile Lebensweisheiten, Berner Zeitung

Die Fetten werden immer dicker, die Hübschen stets schöner. Bei der „Apfelkönigin“ gehts unter anderem ums Essen. Mit einem weniger wirren Menüplan hätte es noch besser gemundet.

Weisheiten zuhauf. Zum Beispiel: „Kleider sind ein verfrühtes Totenhemd. Wir haben eine Vision, ziehen uns an, sehen uns im Spiegel und resignieren.” Gut eingefädelt, diese textile Lebenskunde. Sie stammt aus Michael Stauffers „Apfelkönigin“. Das Berner Stadttheater zeigt das Stück als Uraufführung im Rahmen des aua-Theaterfestivals auf der Kornhausbühne. Leider hat das Werk am Anfang ein paar Laufmaschen. Bis man weiss, wie es gestrickt ist, geht ein Teil des Abends futsch.

Der Autor bezeichnet sein Werk als „Ernährungs- und Aufklärungskomödie”. Alles in allem sind es vergnügliche Lektionen. Allerdings muss man sich erst an den Unterrichtsstil gewöhnen. Ein erkennbarer Plot entwickelt sich erst allmählich aus einer Reihe von Szenen, zwischen denen man lange keinen Zusammenhang sieht. 

Menümix mit Haarausfall

Der 31-jährige Schweizer Michael Stauffer verwurstet unter anderem die Bildbetrachtung eines Stilllebens von Van Gogh mit dem Einladungsritual von zwei befreundeten Ehepaaren. Berner Platte gibts und einen Exkurs über Haarausfall nach dem Genuss von stark gewürztem Essen. Erst allmählich erfasst man den Menüplan des Stücks. Unter anderem ist es eine Beziehungsgeschichte. Die beiden Paare treibens kreuzweise, die Frauen haben was miteinander.

Einzelne Elemente aus Van Goghs Bild tauchen immer wieder mal auf: zwei Fische, eine Zitrone, eine Tomate. Das Ganze endet mit der Wahl einer Schönheitskönigin. Gekürt wird Miss Apfel. Man freut sich, dass das Menü so abwechslungsreich ist, man ärgert sich, dass der Koch den Brei so wirr gewürzt hat. Und man fragt sich, warum der Meister seine Kundschaft nicht mit mehr Ordnung vor Verirrungen bewahrt hat.

Die „Apfelkönigin” gehört trotzdem aufs Podest. Dorthin heben sie die Regisseurin und Choregrafin Lavinia Frey und das Ensemble. Der Autor schreibt vor, dass das Stück mit vier Darstellern und vier Tänzern zu spielen ist.

Ein knackiger Einfall. Die Schauspieler werden in ihren fleischfarbenen Kostümen von Catherine Voeffray immer nackter und fetter, die Tänzer stets schöner. Watschelmann & Co. fusionieren mit Adonis AG. In diesem Stück übers Essen und über Kleider gibt das Bilder, an denen man sich kaum satt sehen kann.

Singende Tänzer

Chantal Claret, Sonja Rochet Luciano die Natale und Marcel Leemann sind die vier schönen Leute. Wer hätte das gedacht: Das Berner Ballettcorps kann sprechen und singen. Mit beachtlichem Talent verblüfft das Quartett mit Songs und landessprachlichen Tönen, von Französisch bis Züritütsch.

„On time - Reisen” heisst das Thema des diesjährigen aua-Festivals. Zwei Schauspielerpaare begleiten das Publikum auf dem Saumpfad über die Kleiderberge ins Wienerli-und-Speck-Land. Regisseurin Lavinia Frey hat die
Figuren differenziert gezeichnet und vergnüglich überzeichnet. Christine Rollar umkreist in ihrer Rolle als Monika Wild lustvoll eine Durchschnittsbürgerin. Anna Bardorf wackelt als Gaby Bösch mit den hierfür vorgesehenen Körperpartien und bringt mit ebenso prallem komödiantischem Geschick die Pointen.

Spass mit Mobbing

Thomas Mathys zeigt mit distinguierter Blödheit, dass vor allem jene viel reden, die nichts zu sagen haben. Den längsten Applaus an der Premiere am Samstag erhielt jedoch zu Recht der Held der Zukurzgekommenen. André Benndorff beweist als Adrian Wild, wie viel Spass das Mobbing machen kann. Jann Messerli hat ein Bühnenbild mit Breitbandmöglichkeiten entworfen, vom Museum bis zur Sauna. Leider verdeckt die Konstruktion auch mal die Sicht auf die Akteure.

Jacke, Hose, Hemd und der morgendliche Wunsch, dass ich damit mein Ich einfange und möglichst vorteilhaft nach aussen stülpe: Um so was und ähnlich Bedenkenswertes geht es. Und um viel Nonsens. Die „Apfelkönigin” trägt eines jener Kleider, die an zwei, drei Stellen zwicken. Aber frech und witzig ist es. Und ob wir es die nächste Saison in der Schublade lassen, müssen wir noch längst nicht entscheiden.


Die Apfelkönigin, BAZ

… „Preise machen Leute. Aber nicht immer gute Theaterstücke.“ Der 1972 in Winterthur geborene Michael Stauffer ist das, was man einen Hoffnungsträger nennt, und gern hat man in Bern jetzt mitgebibbert: Nach Buch- und Hörspielpreisen, nach Stipendien und Schreibwerkstätten, nach so viel Schreibschützenhilfe und insbesondere nach der Masterclass mit Marlene Streeruwitz - schafft Stauffer mit seiner „Apfelkönigin“ endlich den Durchbruch am Theater?

Wieder nichts. Die Szenenfolge in ihrer angestrengten Ausgedachtheit, ihrer sprachlichen Saft- und thematischen Kraftlosigkeit wirkt, als habe die ganze Dramatikerförderei den Autor Stauffer zu stark hinausbefördert aus dem Alltagsleben - und das ist umso schlimmer, als es ihm in seiner Szenenfolge genau darum geht, um die alltägliche Zurichtung des Menschen durch Konventionen und Klamotten: gesünder essen, sauberer putzen, besser lieben - jeder will der erste sein und „Apfelkönigin„ werden. Der erste Preis aber gebührt allein dem Theater Bern, das uraufführungsfreudig alles gegeben hat: eine aufwändige Ausstattung, überzeugende Schauspieler (darunter ein auffallend komischer André Benndorff) und eine Regisseurin mit Menschenliebe und Phantasie (Lavinia Frey).

Fünfter Merksatz: „Das Publikum ist geduldiger als man denkt.“
Es applaudierte in Luzern wie in Bern.


Die Apfelkönigin, DER BUND

Es gibt Kutteln mit Champagner Beim Theaterfestival „auawirleben” uraufgeführt: „Die Apfelkönigin”, Michael Stauffers neues Stück Sich kleiden muss der Mensch und essen. Und das bedeutet ihm so viel, dass es die Hölle ist: Lavinia Frey inszeniert „Die Apfelkönigin” als Geisterbahnfahrt auf der Berner Kornhausbühne.

Klar doch: Essen geht durch die Innereien. Aufnahme, Aufenthalt, Ausschaffung. Und doch hat dieser Abend nichts zu tun mit dem Thema von Auawirleben in diesem Jahr: „Mobilität, Tourismus, Migration”. „Die Apfelkönigin” heisst das Stück; eine „Ernährungs- und Aufklärungskomödie”, so der Untertitel. Hier geht es ums Essen und ums Anziehen, um Körper und Konsum und wie man das am besten hinbekommt mit dem richtigen Bewusstsein in diesen Dingen und mit dem Glück im Leben. Oder eben am schlechtesten. Denn die vier Figuren, die Michael Stauffer auf die Bühne stellt, zappeln wie Würstchen in einem Schraubstock. Konsumenten sind es, und dies ist die Konsumgesellschaft: Da genügt es nicht, einfach nur zu essen und sich anzuziehen. Wählen müssen sie, nicht wählen geht gar nicht, und weil jede Wahl derart viel bedeutet, eine Stilveräusserung, eine Selbstverwirklichung, ist das alles ungeheuer mühsam und gefährlich: Alles Glück hängt davon ab, und stets können sie das Falsche tun und denken. Der gute Geschmack, das richtige Ich das sitzt ihnen an der Gurgel wie ein böser Geist. Eine Halluzination Lifestyle nennt man das verharmlosend, und dass es kein Entrinnen gibt, wird schon am Anfang klar: Da sitzen sie und essen, Monika und Adrian zu Tisch bei Christian und Gaby. Kauen klamm auf Fleischkäse und Kartoffeln, ein Berg davon steht ihnen vor der Aussicht, und alles, was die beiden Gäste daran loben, ist doch nur ein Fauxpas vor der Raffinesse dieses Genusses. Sie sitzen in einem Minenfeld, und je mehr sie um die Worte ringen, umso brenzliger wird die Lage. Vor allem Adrian (André Benndorff) ist ganz klein und kurzatmig; vor allem mit ihm stehen wir die Leiden durch auf den Stationen dieser Hölle. Es folgen Restaurant, Kleiderladen, Sauna, dazwischen spirituelle Besinnung und rebellische Bewusstwerdung und schliesslich Schönheitskür als Happyend: Wahl der Apfelkönigin. Das tönt jetzt viel vernünftiger, als es in Wahrheit ist. Michael Stauffer hat eine wilde Groteske geschrieben, eine Halluzination. So wie schon in der „Schwanenjagd” und im „Ranzechlemmer” arbeitet er auch hier mit dem Geschwätz des Alltags, züchtet es aber so weit hoch, bis es eine neue Wahrheit hat: total denaturiert, aber kristallklar. „Es ist von den Kühen der Magen”, heisst es einmal über Kutteln. Und zu den Kutteln gibt es Champagner für Christian und Adrian. Später hat Adrian einen Schreikrampf in der Umkleidekabine, weil er in keine Kleider passt und ihm so sein Ich abhanden kommt. Worauf ihm Gaby erklärt: „Du kannst über die Wahl der Knöpfe entkommen. Je nachdem, wie du die Knopfauswahl gestaltest, kannst du dem vorgezeichneten Weg entgehen. Die Knöpfe sind der Weg!” Eine Geisterbahn So geht das zu und her. Ein Ritt durch eine Geisterbahn, und da passt es prima, dass Jann Messerli die Bühne als Hamsterkäfig und Katzenbaum gebaut hat: Schaumstoff und Sperrholz, Treppen und Terrassen, auf und ab und doch kein Ausgang. Regisseurin Lavinia Frey sie hat bei Auawirleben 2002 „Nach dem Regen” inszeniert hetzt die Akteure hier hindurch: vier Schauspieler und vier Tänzer, wobei die Tänzer den Chor abgeben, Turnübungen mit den Konsumenten treiben, als übergrosse Heringe, Kartoffel und Tomate durch die Szenen wandeln oder Adrian die Kleider um die Ohren hauen. Mit dem Effekt, dass keine von neunzig Minuten Gefahr läuft, zu viel Bodenhaftung zu bekommen. Die vier Konsumentenfiguren sind zwar aus Fleisch und Blut, sie schwitzen und weinen, doch ihnen wächst im Lauf des Abends hautfarbener Stoffspeck an Beinen, Bauch und Brüsten, so dick wie beim Michelin-Maskottchen. Bizarre Bilder wie Irrlichter; die Erfindung einer zweiten aus der ersten Wirklichkeit. Eine Komödie? Eher ein Klamauk; lustig ist es zwischendurch, nicht aber auf Pointen kalkuliert. Und Satire ist das schon gar nicht. Hier wird nichts denunziert und nichts postuliert. Die vier finden Thomy und Buitoni doof und Haute Couture und Mode überhaupt. Und doch wissen sie, dass man sich Freunde wählt gemäss den Anlagefonds, die sie besitzen. Und sie wissen, was NFBDCLADL bedeutet: „no family, but drinking Cola Light all day long”. So ist das alles nicht etwa gegen Dinge wie den Schlankheitsterror, aber auch nicht dafür; das ist nicht für die Apostel von irgendwas und nicht dagegen. Nur so viel: dass das ein schlimmer Schwachsinn ist, das ganze Bedeutenwollen und Bescheidwissen. Und jetzt wissen wir, warum man schweigen soll zu Tisch. Weil man sonst nicht in Ruhe essen kann.



Ranzechlemmer - männlich, Blume - weiblich

,
2002


Ranzechlemmer - männlich, Blume - weiblich

Ranzechlemmer... (Auszug) 

Szene 2 
WETTERFESTE KLEIDUNG
ROBERT zieht einen Faltmeter aus seinem Hosensack, steht mit dem Faltmeter in der Wohnung und misst lustlos herum. Christina beobachtet Robert bei dieser Tätigkeit und reagiert auf seine Bewegungen. Sie reagiert mit kleinen, präzisen Bewegungen.

CHRISTINA Die Wohnung sieht super aus. 

ROBERT An.

CHRISTINA Ich stelle die Stühle in der Wohnung auf. 

ROBERT Auf.

CHRISTINA Zuerst setzte ich mich auf.

ROBERT Auf.

CHRISTINA Auf den dritten Stuhl, auf den vierten Stuhl. 

ROBERT An.

CHRISTINA Die Einrichtung der eigenen Wohnung ist wichtig. Wenn ich meine eigene Wohnung mal richtig einrichte, dann hänge ich im Keller einen Boxsack auf. 

ROBERT Ja, und hänge das nächste Mal deine Scheissfreunde auch auf. Du lädst die ein, weil du Nicht alleine auf deinen Stühlen sitzen kannst.

CHRISTINA Ja.

ROBERT Und nach weniger als einer Stunde magst du deine Freunde nicht mehr sehen.

CHRISTINA Habe ich genau so empfunden.

ROBERT Und lässt mich mit denen zurück.

CHRISTINA Ja.

ROBERT Dann gehst du raus und alle Menschen sind nett zu dir. Ist das deine Fantasie? Dass die alle nett sind, weil du im Keller einen Tag lang auf den Boxsack eingedroschen hast? Weil ich dich bedrohe Ist es das? Der Boxsack. Wir wollten zusammen wohnen, unsere Ruhe haben. Dann hast du deinen Verfolgungswahn bekommen. Du hast nachts deine Zimmertüre abgeschlossen. Du hast in der Küche einen abschliessbaren Kühlschrank neben meinen gestellt. Du hast das Geschirr vor dem Benutzen noch einmal gereinigt. Und dennoch immer Freunde eingeladen, die du nach einer halben Stunde nicht mehr ausgehalten hast. Die ich dann betreuen musste. Während du in deinem Zimmer am Klavier sitzt und deine Fingernägel schneidest. Du schneidest an deinen Nägeln rum, während ich Gastgeber spielen darf.

CHRISTINA -

ROBERT Die sitzen stundenlang die Wohnung voll. Scheisse, Scheisse, Scheisse.

CHRISTINA Ja.

ROBERT Du hast versucht die Wohnung in deine Farben zu tauchen. Kannst du bei mir aber vergessen. Diese Farbe, behaupte ich, hörst du, ich behaupte, dass diese Farbe nicht mehr im Handel erhältlich ist. Nirgends mehr zu kaufen ist!

CHRISTINA summt zur Melodie “Rocket Love” von Stevie Wonder den Refrain. Sie macht das zärtlich, um Robert zu besänftigen.

CHRISTINA Du, du, duu,
Du, duu,
Du, du, duu,
Da, da, daaaaaaaaaeah.
Da, na, naa.
Da, da, daa,
Da, da, daa,
Da, da, daa,
Nai, na, na, da.
Do, do, do,
Do, do, do,
Do, do, do,
Do, do, do,
Do, do, do,
Do, do, do,
Do, do, do-oo.

ROBERT Ja.

Szene 4
MEIN, DEIN
ROBERT und CHRISTINA stehen in identischer Unterwäsche mit aufgestützten Armen am Tisch. Während der folgenden Szene ziehen sich ROBERT und CHRISTINA dauernd ihre Unterwäsche aus, tauschen diese und ziehen die Wäsche des anderen an. Das wiederholt sich mindestens 15-mal.

Szene 5
Mein Sperma bleibt bei mir

ROBERT Du imitierst mich dauernd. Ich sperre mich dagegen. Ich halte mir die Ohren zu. Ich verschliesse alle Körperöffnungen, die ich habe. Ich onaniere, bevor du nach Hause kommst. Das heisst, ich schaue, dass ich alles Sperma los werde, bevor du mich zu fassen kriegst. Du stichst alle Kondome an. 

CHRISTINA Mein Lieber. Gute Hoden qualifizieren für Heimweh. Du weisst schon, irgendwann 
wirst du froh sein, dich erleichtern zu können.

ROBERT Was?

CHRISTINA In mich hinein ergiessen. Hodenleeren. Du wirst zurückkommen, 
winselnd. Sagen wir, auf den Knien, wenn du das lieber möchtest. Ich weiss es.

ROBERT Auf den Knien. Damit ich dir nicht in die Augen schauen muss. Ja wahrscheinlich werde ich das sogar tun. Auf meinen Knien vor dir herumrutschen und dann erstaunt sein, dass ich dir nicht in die Augen schauen kann, aus dieser Position heraus. Ich habe eigentlich bei unserem ersten Treffen schon gemerkt. Kurze Pause. Scheisse eben nicht. Ich habe es eben nicht gemerkt.

CHRISTINA Nicht übertreiben. Nicht immer übertreiben. Das hilft nicht weiter. Dein 
Haaransatz hat sich verändert. Du wächst an dir selber. Werden dir alle Dienstjahre angerechnet? Du siehst das immer so pessimistisch. Es ist doch klar, dass es nichts zu teilen gibt. Es ist rührend, wie du seit zwei Jahren einsam in deinem Bett liegst und deinen Familienwunsch jede Nacht durchträumst.

ROBERT Hör auf. Sitzend pissen qualifiziert auch für etwas. Ich gebe nichts mehr von mir weg. Ich schlafe auf dem Bauch, und was ich träume, das bringt dich sowieso nicht weiter.

Szene 6
DER UMWEG IN DER EIGENEN UMGEBUNG, von von zu um
ROBERT und CHRISTINA begegnen sich frisch verliebt. Wurzel und Wiese sind ihre Kosenamen. Diese Kosenamen flüstern sie sich zärtlich ins Ohr. Und bei jedem Flüstern wird das Ohr rot und es kitzelt unglaublich.

ROBERT Wieso diese Wurzel überhaupt irgendwo sein soll. Und wieso diese Wurzel genau in diese Wiese rein soll.

CHRISTINA Wiese.

ROBERT Wurzel.

CHRISTINA Wiese.

ROBERT -

CHRISTINA Wiese.
.
ROBERT Wurzel.

CHRISTINA Wiese.

ROBERT Wurzel.

CHRISTINA Wiese.

ROBERT - 

Ranzechlemmer - männlich, Blume - weiblich
Die Auflehnung der Schnürsenkel, SONNTAGSZEITUNG

Er und sie reden miteinander, meistens aber aneinander vorbei. Sie bearbeitet ihr Ich - symbolisch: das Bühnenbild - mit der Bohrmaschine, er trocknet das Besteck ab. Sie spricht von Beziehung, er von Sex. Er lehnt sich mit farblich unpassenden Schnürsenkeln auf, sie will schwanger werden. Er kriegt Asthmaanfälle von ihrem Gummibaum, sie beginnt alle Sätze mit «Immer...». Zwischendurch die Pseudoversöhnung mit Geschlechtsverkehr. Zum Schluss trinken sie den «Ranzechlemmer», seinen sauren Lieblingswein, sie schüttet eine halbe Flasche klaren Wassers drüber. Und natürlich landen beide sturzbesoffen unter dem Tisch. Prost Familie!
Keine rosigen Familienan- und -aussichten, die der 29-jährige Michael Stauffer mit seinem Stück «Ranzechlemmer, männlich - Blume, weiblich» an der Werkschau des letzten DramenProzessors präsentiert. Alles trübe Tasse mit der Schweizer «Familien Bande», wie das Thema dieses Projekts zur Förderung junger Theaterschreiber lautet? Aber nein, keine Angst, Patronin Dreifuss. Mit Michael Stauffer hat sich schon mal der erste der sechs Nachwuchsdramatiker der DramenProzessorrunde 2000/2001 als goldrichtige Wahl erwiesen.
Mit den vielen ironischen, doch ganz und gar unwissenschaftlichen Nebentönen im «Ranzechlemmer...» macht er seinem Ruf als Meister der Fussnote - seine jüngste Publikation «I promise...» zählt auf 77 Seiten immerhin 102 davon - alle Ehre. Die springen einen an. Knurren ein bisschen unter dem Tisch hervor. Und manchmal zupfen sie einen nur sanft am Ärmel.
Da nimmt man dem Autor weder das stark Dialogische übel noch die polarisierten Geschlechterrollen. Und grade wenn man die Schutzwälle gegen sauertöpfischen Beziehungspessimismus auffährt, kalauerts von der Bühne: «Genug ist neutral, denn genug hat jeder mal.» Na wer sagts denn. Wenigstens etwas gemeinsam im Zeitlauf ewigen Missverständnisses.

 


Sonstige Kunst


The instable table installation

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2005

The instable table installation

The instable table installation performance. Künstlerhäuser Worpswede, 19.11.05 


Intervention

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2002


Intervention

Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen

Intervention
Jagd auf Kunst im Museum, Schaffhauser Nachrichten

Pirsch auf Kunstwerke im Museum zu Allerheiligen ist seit Sonntag eröffnet.
„Warum ist die Schnürlischrift besser als Blockschrift?“ Zwei Mädchen im Primarschulalter gaben dem Schriftsteller Michael Stauffer im Anschluss an die Vernissage am Sonntag um 11.30 Uhr im Museum zu Allerheiligen einen Text zu diesem Thema in Auftrag. Der Schriftsteller, der im gotischen Stübchen des Museums sein Dichterquartier aufgeschlagen hatte, wurde zudem beauftragt, Texte zu den Themen zu verfassen, was wir im Jahre 2020 im Museum sehen werden und wie sich die Medien in der Kunst mischen werden. Einer wollte schlicht und einfach einen Text über das Trinken.
Schriftsteller Michael Stauffer gehört zu den sieben jungen Kunstschaffenden, die in den letzten Monaten das Museum zu Allerheiligen erkundeten, um anschliessend an verschiedensten Orten neue künstlerische Werke zu realisieren.

 



Intervention/Installation

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2001


Intervention/Installation

Museum Blumenstein, Solothurn

Intervention/Installation
Chinatapete mit Nudelsuppe, Solothurner Tagblatt

Im Blumenstein lotet ein preisgekrönter Schriftsteller aus, was die wohl über 200 Jahre alten Chinoiserietapeten im Chinazimmer mit Globalisierungsnudelsuppen von heute zu tun haben.

Man dürfe das wohl keinem Kunsthistoriker sagen, schickt er voraus. «Aber diese Chinamalereien haben weniger mit China zu tun als mit Westeuropa», glaubt Michael Stauffer. Genauso wie diese Nudelsuppen, die in jedem Land so aussehen, wie dort China aussehen muss. Deshalb hat er auch einen Prospekt dieser Suppen über die Tapeten geklebt.
Stauffer, der dieses Jahr vom Schweizerischen Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverband ausgezeichnet wurde und auch an den Solothurner Literaturtagen gelesen hat, gestaltet derzeit im Museum Blumenstein das so genannte Chinazimmer um. Die Aktion ist mit «Mein Lieblings-Chinese» überschrieben und steht im Rahmen der «Begegnungen im Blumenstein», Begegnungen zwischen Geschichte und Kunst, zu denen diverse Kunstschaffende eingeladen werden.

Langweilige Tapeten
Im Chinazimmer hängen wohl seit über 200 Jahre Chinoiserietapeten an den Wänden, heute hinter schützendem Plexiglas. Diese Tapeten, das hat Stauffer beim Schmöckern in Fachliteratur gelernt, waren in Westeuropa
im 18. Jahrhundert furchtbar in. Die «langweilig stereotypen» (Stauffer) Zeichnungen wurden meist in China gefertigt und von Handelsreisenden in heimische Paläste geschifft. Im Blumenstein hingen die Tapeten im Boudoir der Hausherrin, erklärt die Konservatorin Regula Bielinski.
Das Zimmer ist eng, hinter der einen Wand verbirgt sich eine schmale Treppe: Sie führt um eine Ecke herum ins noch engere Zimmer der Kammerzofe.
Michael Stauffer hat sich nun dem Zimmer angenommen. «Ich will keine wissenschaftliche Aufarbeitung leisten.» Eine «Interpretation» will er wagen, will überlegen und nachlesen, wieso die damaligen Menschen ein solches Zimmer einrichteten und was Chinesen darüber dachten. Er malt auf das Plexiglas, klebt Textfragmente darüber, die Nudelprospekte oder eigene und gefundene Zeichnungen. Oder klebt den drei bleichen Geishas, die immer wieder im Kreis sitzen und musizieren, einen Knaben (ausgeschnitten aus einer Nudelsuppenpackung) hin.

Geschichte zum Zimmer
Die kleine Kammer bietet auch genug Inspiration: Die hochformatigen Tapeten, in reinem Weiss erhalten, stammen sicher aus China. Die unteren Stücke aber, über all die Jahre gelb-braun geworden, sind in Europa hergestellt worden - und zwar äusserst billig: Aus älteren, echten Tapeten wurden Figuren ausgeschnitten und auf neuen Stoff geklebt - mit der Folge, dass die Figuren heute weiss auf braunem Untergrund leuchten. Um die Figuren herum sind einfache Bäume und Sträucher hingepinselt.
Am kommenden Freitag wird Michael Stauffer noch eine Geschichte zum Chinazimmer vorlesen. Er hat schon eine Fassung, wird sie aber wohl während den Arbeiten noch verändern. Jedenfalls will er von historischen Tatsachen ausgehen und daraus eine eigene, auch mögliche Geschichte schreiben - die Geschichte vom Solothurner, der die exotischen Tapeten gemalt hat.


Mein Lieblings-Chinese, Neue Mittelland Zeitung

Verwandlungsprozess im Museum Blumenstein 
Exotische Welt in Solothurn? Im kleinen versteckten Boudoir der ehemaligen Schlossherrin des „Blumensteins“ erwecken exotische Tapeten die Neugier. Diese seltsamen Bilder haben auch den Blick des Schriftstellers Michael Stauffer angezogen.

Die Begegnung mit dem „Chinazimmer“ verbindet die Sicht des Schriftstellers mit der kulturhistorischen Perspektive Im Mittelpunkt steht die künstlerische Aktion von Michael Stauffer, der zwischen dem 21. November und dem 3. Dezember, das «Chinazimmer» optisch und akustisch verwandelt. In dieser Zeit hat das Publikum die Gelegenheit, den Verwandlungsprozess zu verfolgen. Als Auftakt findet am 16. November ein Vortragsabend statt, der in die kulturhistorische Perspektive rund um die Chinoiserien einführt. Zwei Workshops begleiten den Prozess und vermitteln einen Einblick in die Hintergründe der Tapeten im «Blumenstein».


Glossen


Ausser Spesen nichts gewesen, Literarischer Monat

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2015

Ausser Spesen nichts gewesen, Literarischer Monat

Ein kantonaler Arbeitgeber, für den ich regelmässig arbeite, überrascht seine Angestellten immer wieder mit Administrationsdilettantismus der höheren Art.?

Zwei Monate, nachdem ich eine bescheidene Spesenabrechnung eingereicht hatte, dachte ich, Nachfragen könne ja nicht schaden. Aus dieser Nachfrage wurde eine Geschichte ohne Ende.?

Das erste Büro schrieb dem zweiten Büro, ich sei der Meinung, dass mir die Spesen noch nicht ausbezahlt worden seien. Ob man das bitte kurz überprüfen könne. Sorry für die Umstände!??

Das zweite Büro schrieb dem ersten Büro freundlich zurück, die Spesenauszahlung betreffe ein drittes Büro, an welches die Anfrage nun weitergeleitet worden sei. ??Besten Dank fürs Melden!?

In der Zwischenzeit züchtete das erste Büro in seiner Arbeitszeit weiter Bonseipalmen und dachte dann nach einem Monat daran, mal zu fragen, ob bei mir jetzt etwas angekommen sei.?

Nichts sei angekommen, meldete ich zurück. Nun wurde dieses Büro doch etwas unruhig und kontaktierte ein viertes Büro mit dem Hinweis, dass ich nun wirklich seit Langem auf mein Geld wartete, und ob man dem dritten Büro vielleicht Beine machen könne???

Der Chef des vierten Büros meldete sich sofort. Herr Beat Batzenklemmer sagte, er danke mir von ganzem Herzen für die Rückmeldung zu dieser Spesen-Geschichte.? Er sei darüber informiert, dass es beim Rechnungsworkflow zu interessanten Situationen gekommen sei. Ihm sei aber nicht bewusst gewesen, dass es bezüglich Spesen ebenfalls Probleme gebe.?

Danach verreisten alle vier Büros vier Wochen in den wohlverdienten Sommerurlaub und ich schicke die erste Mahnung. Herr Batzenklemmer kam braun gebrannt aus dem Urlaub zurück und teilte mir mit, er habe vor seinem Urlaub die Abrechnung ausgelöst und dem dritten Büro übergeben. Nun habe sich bei der Recherche aber herausgestellt, dass durch Ferienabsenzen etc. die Abrechnung liegen geblieben sei. Dies tue ihm sehr leid und er entschuldige sich im Namen aller Büros bei mir.

Mittlerweile waren ca. sechs Monate vergangen. Die Verwaltung dieses Kantons, der nur dank des interkantonalen Finanzausgleiches noch nicht völlig pleite ist, machte dann auf demselben Niveau weiter. Herr Batzenklemmer, inzwischen zurück von den Herbstferien, sagte mir, mittlerweile habe sich herausgestellt, dass diese Spesenzahlung an einen anderen Michael Stauffer ausbezahlt worden sei, ein fünftes Büro, eines ganz, ganz weit oben kümmere sich nun um eine richtige Überweisung und habe versprochen, dass der Betrag spätestens in zwei Wochen auf meinem Konto sei. Man müsse aber einen neuen Workflow starten, da der andere Workflow bereits über die „falsche“ Person getätigt worden sei.?

Aus reiner Neugierde habe ich dem anderen Michael Stauffer geschrieben, ob er von den verschiedenen Büros aufgefordert worden sei, das Geld zurück zu überweisen, falls nicht, könne er mich gerne zum ausgiebigen Essen und Trinken einladen.?

Eine grobe Schätzung meinerseits hat ergeben, dass acht Personen mindestens je zehn Minuten an dieser Überweisung gearbeitet haben. Bei einer Vollkostenrechnung entstehen so Kosten von ca. 200 CHF. Die Spesenrechnung übrigens belief sich auf 200 CHF. So kann man die Wirtschaft natürlich auch ankurbeln.

Den zuständigen Büros habe ich mitgeteilt, dass sie mir gerne eine Geschlechtsumwandlung finanzieren können, damit es dann in Zukunft zwischen Michael und Michaela Stauffer keine Verwechslungen mehr gebe. Oder, noch einfacher, sie entlassen einfach die Hälfte ihrer völlig unfähigen Mitarbeiter.?


MANN OHNE EIGENE EIGENSCHAFTEN, Saiten

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2015

MANN OHNE EIGENE EIGENSCHAFTEN, Saiten

Ein Fragebogen von Michael Stauffer?

Der Megatrend Frau, the Female Shift, the Female Factor, die Frauenquote, die Herdquote, verbotene Meinungsäusserung für Männer, das Aufbrechen der traditionellen Geschlechterrollen, die „Bachelorette“-Sendungen in vielen europäischen Ländern: Es läuft alles auf ziemlich veränderte Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern hinaus. Ich gehe jede Wette ein, dass wir bald eine amerikanische Präsidentin haben werden. In Deutschland ist seit 2005 Angela Merkel an der Spitze. Der Schweizerische Bundesrat hat eine Frauenquote von 42.85 Prozent, die Thurgauer Regierung eine von 60 Prozent. Kurz gesagt: Den Männern geht’s richtig schlecht und es wird ihnen in den nächsten 15 Jahren noch einiges an Status, Macht und Einfluss entzogen werden. Männer werden in Zukunft vor allem schlecht bezahlte ehemalige Frauenberufe ausüben. Und sonst? Männer werden aus Verwaltungsräten gedrängt, in politischen Ämtern werden sie sich nur noch halten können, wenn sie entweder homosexuell, bisexuell, Secondo oder alleinerziehende muslimische Väter sind oder sonst ein schützenswertes Alleinstellungsmerkmal vorweisen. Schönfärberisch formuliert heisst das: Die Gesellschaft feminisiert sich, die traditionellen Rollenmodelle wandeln sich. Und was unternehmen die Männer gegen ihren Untergang? Nichts. Sie machen einfach alles mit! Sie merken nicht einmal, dass zum Beispiel Diskussionen über ein bisschen sexistische Werbung für Waschmittel nur deshalb geführt werden, damit die Misere der Männer gar nicht erst diskutiert werden muss. Männer merken nicht, dass all die Gleichstellungsbeauftragten möglichst viel Aufholbedarf bei der Frau deklarieren, um die Männer aufs Stumpengleis zu schicken. Die Männer, die es trotzdem langsam merken, sind im Moment Teil eines hochexplosiven, reaktionären, chauvinistischen Männerproletariats, das Geheimmassnahmen gegen den Untergang unternimmt. Die Chancengleichheit für Männer wird jeden Tag mehr ausgehöhlt. Der Sexismus und die Anfeindungen gegen Männer nehmen zu. Es ist kein Wunder, dass sie im Schnitt sieben Jahre früher sterben als Frauen. So weit, so schlecht. In einer Diskussion mit aufgeschlossenen Frauen habe ich kürzlich versucht zu erklären, dass die schlechte Schulbildung junger Männer in den Bereichen Kochen, Haushaltsführung, Handarbeit und textiles Werken dazu beiträgt, dass bei gleichem Lohn weiterhin die Frau zu Hause bleibt, weil sie diese Kompetenzen wenigstens noch teilweise von ihrer Mutter vermittelt bekommen hat und der Mann eben nicht. Weiter habe ich erläutert, dass die fehlende Grundausbildung beider Geschlechter in ökonomischen Fragen sicher auch einen negativen Einfluss auf die sinnvolle Aufgabenteilung hat. Dass zum Beispiel ein absolut idiotisches Steuersystem und ein daran angegliedertes Tarifsystem für die Kinderbetreuung logischerweise dazu führen müssen, dass man absichtlich schlechter verdienen will, weil sonst das Geld mittels linkslastiger Umverteilungsideologie aus der Haushaltskasse verschwindet. „Nein, nein lieber Michael“, klang es wie aus einem Chor von Richterinnen. „Schuld an allem sind die Männer mit ihrem traditionellen Rollenverständnis ganz allein. Wenn Männer sich nicht in der Lage fühlen, Hausarbeit zu übernehmen, nur weil sie es nicht so gut gelernt haben wie ihre Partnerinnen, dann ist das eine Ausrede!“ Wenn Männer ihren Frauen vorrechneten, dass ein zusätzliches Einkommen zu 90 Prozent durch höhere Tarife bei der Kinderbetreuung aufgefressen würde, seien die Männer auch an diesem System selber schuld. Nach dieser Kopfwaschung wandte ich mich vertrauensvoll an das Eidgenössische Büro für Gleichstellung von Frau und Mann und wollte wissen, ob man meine Einschätzung teile, dass es heute den Männern viel schlechter gehe als den Frauen. Auch hier war kein wirkliches Verständnis abzuholen. Der Aufbruch Richtung Chancengleichheit habe in der Schweiz erst vor knapp 30 Jahren begonnen. Für die Frauen sei da noch viel aufzuholen. Ich versuchte zu kontern, es sei doch augenfällig, dass der Stress der Ernährerrolle viele Männer zunehmend an den Rand der gesundheitlichen Schädigung bringt. Es sei doch völlig klar, dass Männer, die nicht Vollzeit arbeiten wollen, ihre Karriere aufs Spiel setzten. „Das ist doch eine massive Benachteiligung, dass man benachteiligt wird, weil man mehr Verantwortung im Haushalt und in der Familie übernehmen will“, heulte ich in den Hörer. Natürlich fordere ein neues Rollenverständnis den Männern einiges ab, beschwichtigte mich die Mitarbeiterin des Büros für Gleichstellung. Und natürlich könne es in einzelnen Fällen dazu führen, dass sich Männer benachteiligt fühlen. Das Büro für Gleichstellung hat sich zwar explizit die paritätische Gleichstellung von Frauen und Männern auf die Fahne geschrieben. Dennoch: Hilfe ist von denen nicht zu erwarten. Ein erster Teil des Männerproletariats hat sich deshalb hoffnungsvoll bei der Sendung „Bachelorette“ angemeldet. Dort dürfen die Männer sich in ihrer neuen Rolle des selbstgefälligen, leicht verblödeten Geschlechts üben. Das ist echte Gleichberechtigung. In dieser Sendung kann man Männern zusehen, wie sie auf eine Frau losgelassen werden, und, wie es die Journalistin Michèle Binswanger im „Tagesanzeiger“ treffend formuliert hat, „mit debilen Mienen und irritierenden Muskelbergen um die Holde buhlen und ihr Bestes geben können, einen geraden Satz zu artikulieren.“ Die Journalistin belehrt das teilnehmende und zuschauende Männerproletariat ausserdem, dass Frauen von Männern mehr wünschen, „als über Muskelauf- und Fettabbau Bescheid zu wissen.“ Nur der Schluss ihres Artikels ist falsch: „Allzu viel Eitelkeit ist feminin und unmännlich. Also sicher nicht das, was mit männlicher Emanzipation gemeint war.“ Doch genau das ist oft gemeint, wenn über Gleichberechtigung gesprochen wird. Der Mann soll alles aufgeben, nichts anderes dazubekommen und am Ende dankbar sein für den Fortschritt. So geht das doch nicht! Falls Sie unsicher sind, ob Sie bereits ein solcher NEUER MANN ohne EIGENE EIGENSCHAFTEN sind, beantworten Sie folgende Fragen mit JA oder NEIN. Die Auswertung erfolgt am Ende. Wenn Sie 70 bis 100 Prozent der Fragen mit NEIN beantworten mussten, dann sind sie ein NEUER MANN ohne EIGENE EIGENSCHAFTEN.?

MÄNNER
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie andere Männer als positive Vorbilder hatten?
Haben Sie schon mal erlebt, von Ihrer Mutter geliebt zu werden??
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie vom Vater gelobt wurden?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie von der Lehrerin gelobt wurden?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie selbst entscheiden durften, welche Kleidung Ihnen zur Verfügung steht?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie selbst bestimmen durften, was Sie essen wollen?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie selbst bestimmen durften, mit wem Sie befreundet sind?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie von Ihrer Lehrerin zu Recht geohrfeigt wurden?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie von Ihrer Partnerin gelobt wurden?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie von Ihrer Vorgesetzten gelobt wurden?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie von Ihrer Vorgesetzten gegen Ihren Willen intim angefasst wurden?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Kinder oder Jugendliche Sie nicht ausgelacht und verspottet haben, weil Sie ein MANN sind?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie einen Vollrausch hatten?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie sich verliebt haben?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie freiwillig geschieden wurden?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie bei der Geburt eines eigenen Kindes dabei waren?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie starke Scham oder Schuldgefühle hatten?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie Probleme im Umgang mit Frauen hatten und davon jemandem erzählen konnten?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie Schlafstörungen oder Albträume hatten und davon jemandem erzählen konnten?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie ohne Selbstmordgedanken aufgewacht sind?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie eine Arbeitsstelle bekommen haben, weil Sie sich bestens dafür geeignet fühlten?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie anderen Menschen in einer schwierigen Situation helfen konnten?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie sich frei und unbeschwert fühlten?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie einer Beschäftigung nachgingen, mit der Sie insgesamt zufrieden waren?
Haben Sie schon mal erlebt, dass Sie richtig glücklich waren?


Familienrat mit Onkel Michael Stauffer, Kundenzeitschrift Nullnummer

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2015

Familienrat mit Onkel Michael Stauffer, Kundenzeitschrift Nullnummer

Diese Woche hat Beratungsonkel Michael Stauffer aus den vielen Zuschriften folgende Fragen zur Beantwortung ausgewählt.?

Beratung Nr. 1

"Unser Sohn Max ist jetzt zwölf Jahre alt. Die Schule macht ja nichts für die Berufswahl. Was können wir selber machen? Sollen wir Max zu einer Berufsberatung schicken? Herzlichen Dank für Ihre Antwort." Renato und Alberta Rickenmann, aus F.?

Herr und Frau Rickenmann sollten sich zuerst einmal die Frage stellen, was Max gerne macht und was er gut kann.?

Denn: Was Max gerne macht, das fällt Max leicht, und was Max leicht fällt, macht Max mit grosser Freude, und wenn Max mit Freude etwas tut, wird er automatisch erfolgreich und bleibt motiviert. Das ist der kürzeste Weg zu einer guten Berufswahl: Wähle etwas, dass du gerne machst und gut kannst und tue dann genau dies möglichst lange.?

Viel zu oft hört man Eltern behaupten, sie wüssten gar nicht so genau, was ihre Kinder wirklich gerne machten.?

Eine gute Methode, die zu einer glücklichen Berufswahl führen kann, ist es, mit den Kindern regelmässig verschiedene Brockenhäuser zu besuchen.?

Es ist wichtig, den Kindern bei jedem Besuch konkrete Aufgaben zu stellen. Zum Beispiel: Spiel mir einen Sportartikelverkäufer vor!?

Man führt dann das Kind, dem man eine solche Aufgabe gegeben hat, in Brockenhäuser in die Abteilung, in welcher Skischuhe und Skis herumstehen. Dort ermutigt man das Kind, vorzuspielen, wie es diese Skis nun verkaufen würde. Man beobachtet, ob das Kind die richtige Körperhaltung neben den alten Skis einnimmt, ob das Kind bei diesem Spiel Zeichen der Freude oder Zeichen der Verzweiflung zeigt.?

In den grossen Räumen mit Kunstlicht können Sie Ihre Kinder ganz viele Berufe ausprobieren lassen. Es gibt in den Brockenhäusern praktisch alles an Requisiten und Kleidern und Möbeln und Geräten. Fast jeder Beruf ist simulierbar.?

Nach diesen Ausflügen notieren Sie Ihre Beobachtungen. Sie werden so lernen, woran Ihr Kind interessiert ist.?

Wenn Sie mit Ihrem Kind diese spielerische Phase der Berufswahl abgeschlossen haben und nun sehr gut über die Vorlieben ihres Kindes Bescheid wissen, können Sie eine erste Schnupperlehre in der Realität organisieren.?

Denken Sie aber immer daran: Einen Max oder eine Maxime mit 12 Jahren auf eine Berufswahl hinzuführen, ist selbst, wenn Sie alles bestens machen, viel zu früh.?

Und denken Sie daran, es ist Eltern striktesten verboten, Berufswünsche für die eigenen Kinder zu formulieren. Sollten Sie das dennoch tun, wird ihr Kind nur lernen, zu arbeiten wie jeder, und das ist keine Qualifikation! Das ist nichts! Es wird niemand gesucht, der alles so macht, wie jeder andere es auch machen würde. Das ist nichts.??

Beratung Nr. 2

Herr Bargezis Sohn möchte unbedingt in den FC. Frau Bargezi will das um jeden Preis verhindern. Sie sagt, sie hätte keine Lust, ständig dreckige Fussballleibchen zu waschen und ihre Wochenenden auf dem Fussballplatz zu verbringen. Sie will ihren Sohn stattdessen zum Cello-Unterricht anmelden. Der Haussegen hängt schief. Wer hat recht??

Frau und Herr Bargezi haben beide unrecht, ausser sie wollen, dass ihr Sohn auf dem Fussballplatz ausgelacht wird, weil er in der Garderobe neben der Turntasche auch noch einen Cellokoffer stehen hat, und danach bei der Celloprobe, weil er, schon bevor die Orchesterproben beginnen, unangenehm nach Schweiss riecht. Herr und Frau Bargezi sollten sich eher fragen, woher diese Wünsche für diesen Sohn kommen. Frau Bargazi, was haben Sie sich überlegt? Ihr Sohn, er ist ja erst zehn Jahre alt, soll seinen Mitsportlern erklären, warum er ein übergrosses Instrument in der Form eines sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmals mit sich herumschleppt.


Fragen an die EZB, Literarischer Monat

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2015

Fragen an die EZB, Literarischer Monat

Am Tag, als die Schweiz die Notbremse gezogen und sich von der Wechselkursbindung an den Euro verabschiedet hat, habe ich der Europäischen Zentralbank (EZB) einige Fragen geschickt. Die Beantwortung dieser Fragen dauert wegen aktueller Überlastung der Gelddruckpressen noch an. Deswegen habe ich mich entschieden, nur die Fragen zu veröffentlichen. Ich glaube, dass die Fragen gut sind.?

Liebe EZB, denken Sie, dass wir Schweizer das Vertrauen in den Euro endgültig verloren haben??
Denken Sie, dass Ihre Europäer selber noch an den Euro glauben?
Denken Sie, dass die Schweizer Nationalbank Sie, liebe EZB, ein bisschen wach rütteln wollte?
Sind Sie jetzt wach?
Denken Sie nicht, dass Ihre ultralockere Geldpolitik beispielsweise ultralockere griechische Buchhalter animiert, weiter ultralocker mit Schulden umzugehen??
Ist Ihre Hauptaufgabe tatsächlich, die Kaufkraft des Euro und somit die Preisstabilität im Euroraum zu gewährleisten? Wie wollen Sie das nun genau machen??
Stimmt es, dass der Hauptunterschied zwischen der Europäischen Zentralbank und einer Spielbank darin besteht, dass sich das bei Ihnen angelegte Geld endlos von selbst vermehrt, während es sich in der Spielbank nur dann vermehrt, wenn mir das Glück hold ist??
Sind Sie einverstanden mit meiner Einschätzung, dass die gesetzlichen Regeln für eine Spielbank grösser sind als die für Sie??
Spielen alle Angestellten der EZB noch andere Glücksspiele ausser «Mal schauen, wer seine Schulden noch zahlt»??
Raten Sie den europäischen Privathaushalten, zurzeit Gold zu kaufen? Zum Beispiel Krügerrand, Maple Leaf oder American Eagle?
Könnten Sie bitte Ihren Bürgern erklären, was Inflation ist? Wenn Sie es nicht können, ich kann es: «Wenn ein Kaugummi am Jahresanfang 50 Rappen kostet und am Jahresende 85 Rappen und man dem Kind das Taschengeld nicht erhöht, dann ist das Inflation!»?
Können Sie sich eine Präventionskampagne unter dem Titel «Geld ist eine reine Vertrauenssache» vorstellen und was wären ihre Inhalte??
Könnten Sie nicht bitte, bitte einen Kurs mit den einzelnen Finanzministern machen unter dem Titel «Wenn Geld nichts mehr ist, was ist dann alles?»?
Sagen Sie Ihren Bürgern deutlich, dass es einen Unterschied zwischen Geiz und Sparsamkeit gibt? Nur falls die einen wieder mit dem Finger auf die anderen zeigen.?
Ich habe einen Wechselgeldautomaten mit frei wählbarem Kursverlust patentieren lassen. Sie können dort zum Beispiel einen 20-Euro-Schein hinein schieben, erhalten dafür 18 CHF, danach wechseln sie die 18 CHF ein und erhalten wiederum 15 Euro, dann wechseln sie die 15 Euro und erhalten immerhin noch 10 CHF usw. Die Verlustraten können frei gewählt werden, zum Beispiel so, dass man schon nach fünf Wechselvorgängen gar nichts mehr hat. Möchten Sie, dass ich Ihnen diesen Automaten zu Schulungszwecken aufstelle??

Herzliche Grüsse, bis bald?
Michael Stauffer
AOWA – ausserordentlicher Wirtschaftsexperte auf Abruf

PS: Ich wollte schon immer eine Bank besitzen. Bei mir könnte man nur einzahlen und nichts mehr abheben. Und man könnte sein Geld am Samstag besuchen kommen, allerdings natürlich nur gegen eine Besichtigungsgebühr.


New Work, Kundenzeitschrift

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2015

New Work, Kundenzeitschrift

Der Kunde wollte humoristisch beleuchten lassen, in welche Richtung sich die Arbeit entwickelten könnte, welche Kompetenzen wir in Zukunft mitbringen müssen, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen.

Wie ich im Jahre 2060 arbeite, Aufsatz von Reto Sutterlüdi, geschrieben im Kurs, «Berufliche Lebensziele bestimmen und planen» an der EB Zürich. Ich habe diesen Aufsatz mit Reto Sutterüldis Einverständnis für diese Publikation ein bisschen aufgearbeitet. (Michael Stauffer)

Wie ich im Jahre 2060 arbeite

So: Ich liege noch im Bett, wenn mein persönliches elektronisches Meerschweinchen ins Schlafzimmer rollt. Das persönliche elektronische Meerschweinchen macht zuerst leise Kaugeräusche mit seinen Zähnchen. Die Kaugeräusche werden langsam gesteigert, bis es tönt, als ob jemand alte Blechpfannen gegeneinander schlagen würde. Dann, wenn dieser Lärm langsam wieder abklingt, lässt das persönliche elektronische Meerschweinchen einen parfümierten Furz fahren. Der Duftfurz soll mein Hirn aktivieren. Das persönliche elektronische Meerschweinchen, das ich im weiteren Verlauf des Textes nun PEMS nennen werde, sieht in etwa so aus, wie ein echtes Meerschweinchen. Das Fell und ist aus beschichtetem Lycrosyntexstoff, der die Farbe im Verlauf des Tages mehrfach ändern kann. Das PEMS fährt, nach dem ersten Weckversuch in die Küche und lässt einen kleinen Sensor im Schlafzimmer zurück. Der Sensor misst meine Atemfrequenz. Wenn die Daten eher so aussehen, als ob ich gleich wieder einschlafen würde, kommt das PEMS zurück und scheppert noch einmal eine Runde.

Während des Frühstücks veranlasst das PEMS eine erste Projektion von Nachrichten an die Küchenwand. Unangenehme Nachrichten werden mir vom PEMS erst im Verlauf des Tages gezeigt. Je nach Wochentag, und je nachdem für welche Firma ich arbeite, brauche ich ein unterschiedliches Frühstück. Ich nehme je nach Arbeitsort und Tätigkeit unterschiedliche Vitamine in unterschiedlicher Menge zu mir. Wenn ich anspruchsvolles Datenmaterial auswerten muss, nehme ich zwei Pillen Syntexid®. Wenn ich aus dem Nichts tolle Ideen haben und diese dann auch gleich präsentieren soll, nehme ich eine Pille Creaix® und eine Pille Prompto®. Creaix® löst ein unglaublich bildhaftes Denken aus und Prompto® hilft mir dann, diese Bilder in Sprache zu fassen. Wenn ich keine Lust auf Prompto® habe, kann ich die Bilder, die mein Hirn generiert, auch an das PEMS übertragen lassen. Ich habe mir dazu vor einiger Zeit einen kleinen Chip einsetzen lassen, der mich mit dem PEMS und dem Internet verbindet.

Meine Pupillengrösse wird vom PEMS ebenfalls dauernd gemessen und mittels eines Plasmaquarktransmitters im Auge des PEMS umgesetzt. Irgendwann habe ich mal hingeschaut und zum Spaß gesagt, Hallo, meine süße Technomaus. Dazu habe ich mit den Augen ein paarmal gezwinkert. Von diesem Tag an wollte das PEMS einen Namen. In der Herstellerinformation habe ich nachgeschlagen, ob diese Funktion, nämlich, dass das PEMS einen Namen will, auch ausgeschaltet werden kann.

Sie kann nicht ausgeschaltet werden. Das heißt, die Hersteller haben vorgesehen, dass man früher oder später als Nutzer das Bedürfnis hat, dem PEMS einen Namen zu geben. Das PEMS heisst jetzt Tschill. Tschill ist ein schöner Namen für ein Meerschweinchen. Tschill ist auch mein Gutwisser, ein Abbild meines Hirnes und meiner Gedanken. Tschill zeichnet alles, was ich sage und denke, den ganzen Tag, und ordnet es den verschiedenen Projekten zu.

Tschill teilt mein Gedankenmaterial mit dem Gedankenmaterial Anderer direkt übers Internet und findet so ähnlich Denkende, mit denen ich dann gut verknüpft weiterdenken kann und immer wieder auf erstaunliche Lösungsvorschläge komme.

Für eine grosse Biotechfirma sollte ich neue Ideen finden, wie Tier, Pflanze und Boden noch besser miteinander funktionieren könnten. Ich habe Tschill mit meinen Gedanken zu dieser Frage gefüttert, ihm einige Wünsche und grobe Lösungsvorschläge übermittelt und es damit ins Internet geschickt. Tschilll surft für mich durchs Internet, verhält sich ähnlich wie ich, sucht nur sehr viel systematischer und ausdauernder.

Für die erwähnte Biotechfirma habe ich folgende Lösung erarbeitet: Der Magen der Kuh wird so umgestaltet, dass sich darin Mikroorganismen, die sich später per Futterzugabe zu den gewünschten Pflanzensamen entwickeln, überleben können. Der Bauer kann die Kuh mit dem Futterzusatz füttern, wenn sein Feld für die Aussaat bereit ist. Die Kuh spaziert über dieses Feld, düngt es und gleichzeitig bringt sie den Samen auf die Felder. Jede Kuh kann eine Fläche von 2000 Quadratmetern bewirtschaften. Der Samen ist so verändert worden, dass er innerhalb von drei Jahren, als drei Verschiedene Sorten immer wieder wächst. Für diese Idee habe ich an die Reinkarnationsidee in gewissen Religionen gedacht. Dieser Mutationssamen ist mittlerweile bei der Biotechfirma, die mir den Auftrag gegeben hat, zu einem Kassenschlager geworden.

Wenn ich manchmal ein bisschen die Schnauze voll habe vom Arbeiten, gehe ich in den Rückzugsraum, Tschill erscheint dann auf einem großen Bildschirm an der Wand, und beginnt zu schnurren. Ich kann mich im Rückzugsraum aber auch mit meiner Freundin verbinden lassen und wir können, ein bisschen flirten, und uns virtuell an unseren Lieblingsorten treffen. So ungefähr werde ich im Jahr 2060 arbeiten. Reto Sutterlüdi, Zürich, 02.03.2014.


Wanderschuhkauf, Kundenzeitschrift

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2015

Wanderschuhkauf, Kundenzeitschrift

Der Laden hiess «Sport 200und1» und der Verkäufer Dominik Haderbolec. Er hat 18 Jahre alte Jeans getragen, Röhrenjeans, wie man sie eigentlich nicht mehr kaufen kann und wie man sie auch nicht mehr tragen sollte. Diese Jeans waren auf dem linken Hosenbein stark verschmutzt, auf dem rechten mittelmässig verschmutzt, dazu trug er einen überteuerten Pullover der Marke Willi Bogner. Dieser Pullover sass Dominik wie angegossen, das war sehr erstaunlich im Vergleich zu der Hose. Frisiert war Dominik extrem aufwendig, und eigentlich schön, man kann sagen, er war schön frisiert. Er hatte in seinem Auftreten etwas Chaotisches, Tierhaftes; wie ein Eichhörnchen rannte er um die Regale herum, zog Schachteln raus, fragte nach meiner Schuhgrösse, die er gleich wieder vergass, rannte mit geöffneten Schuhkartons um die Regale, kippte die Schuhe vor mir auf den Boden und sagte: «Hier haben wir ein Modell, des könnt was sein.» Dann war er schon wieder weg, kam mit irgendeinem anderen Schuh wieder in einer völlig falschen Grösse: «Hier haben wir ein Modell, des könnt was sein.» Dieses Spiel hat sich ungefähr fünfundzwanzig Mal wiederholt, bis vor mir ein unglaublicher Wanderschuhberg stand. Dann hat Dominik angefangen, in diesem Schuhberg zu wühlen, um mir gezielt einzelne Schuhe hinzuhalten, zu zeigen und wieder zu sagen: «Des könnt was sein, des könnt was sein, des könnt was sein.» Am Schluss, als ich einen Schuh schon fast am Fuss hatte, sagte Dominik Haderbolec plötzlich: «Haben Sie Socken? Haben Sie Socken!» Ja, natürlich hatte ich Socken. Aber ich sollte nicht irgendwelche Socken haben, sondern Super-Wander-Spezial-Socken, zum Beispiel der Marke Fink! Ich sass also vor Dominik Haderbolec, der mir eine Socke mit dem Namen Fink verkaufen wollte, bevor ich einen einzigen Wanderschuh anprobiert hatte und musste herzlich lachen. Und dann war Dominik Haderbolec plötzlich beleidigt und dachte, ich wolle ihn verarschen. Er hielt sich eine Fink vor sein Geschlecht und sagte, er böte nur Sachen an, die er selbst getestet habe und selbst verwende. Dann begann er grinsend, obszöne Bewegungen zu machen. Ich verliess den Laden und Dominik Haderbolec, ging ein paar Strassen weiter, kaufte mir bei «Warz Papierwaren» Stift und Karton, fertigte ein Schild und brachte es unbemerkt von Dominik Haderbolec an seinem Laden an. «Wegen Geschäftsaufgabe: Heute 85% auf alle Fink-Socken.» Ich setzte michin die gegenüberliegende Bar «Q-Stall» und beobachtet einen halben Tag lang den von mir eingeleiteten Niedergang des Ladens «Sport 200und1». Dominik Haderbolec, dachte ich bei einem halben Grünen Veltliner, wird sein Paar Wandersocken beim baldigen Verlassen dieser Stadt noch gut gebrauchen können.?


Meine Spracherfassungssoftware hört schlecht, Schweizer Monatshefte

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2013

Meine Spracherfassungssoftware hört schlecht, Schweizer Monatshefte

Ich habe mir vor kurzem eine Spracherkennungssoftware gekauft, die mir versprach, dass ich damit auf meinem Computer mehr schaffen würde, als ich je für möglich gehalten hätte – und alles ganz einfach. Und mit bis zu 99 Prozent richtiger Spracherfassung!

Die Spracherfassungssoftware versprach mir weiter, sie sei vollkommen intuitiv zu bedienen und werde mich auf Anhieb verstehen. Das hat mich an der Werbung ehrlich gesagt am meisten überzeugt: eine Software, die mich auf Anhieb verstehen würde. Das war eine absolute Neuheit. Denn bei jeder anderen Software muss ich mich ja täglich sklavisch ihren Befehlen unterwerfen.

Ich habe die Spracherfassungssoftware sofort heruntergeladen, installiert, mich hingesetzt und gutgelaunt eine Brandrede gehalten. In bestem Hochdeutsch mit leichter thurgauischer Färbung. Thema: Meine zunehmende Unruhe gegenüber Menschen, die an systematischen Wahrnehmungsengpässen leiden. Und meine Unfähigkeit, bei kumulierter Dummheit in geschlossenen Räumen ruhig zu bleiben.

Was dabei herausgekommen ist? Nennen wir es DIGITALDADAISMUS. Eine ganz neue Textform, die ich in Zukunft öfter herstellen werde, doch lesen Sie selbst:

Kürzen trefflich einen Mann, der seine Sprache fahrlässig verendete. Ich hatte Mühen ihm konzentriert zuhören und es stellte ichs bei mir Unwohlsein ein. Ganzer Satz löschen. Wenn ich also Menschen zuhöre, die nur auf Stammtisch Nivea reden, stopp, löschen, Stammtischniveau, reden, ichs nur mit Schlagworten äussern, dann muss ich bald um ärztlich Behandlung bitten. Was die Menschen sagen bei ihren Vorträgen am Tisch, ist für mich zerfallendes Kompostmaterial fürs Naturklo. Ein gigantischer Lapsus. Wenn ich diese Reder beim Zitat ihrer Wartelisten-Bücher-Lesen höre, möchte ich sofort ein Plakat für Aufregen aufhalten. Es gibt sehr viele persönliche Gründe fürs Aufregen. Schlechter Umgang mit Schlechtem ist nur einer. Aufregen ist immer ein Zeichen von Moral und ich sage denen das auch. Richtet das Rohr sonstwohin. Punkt. Punkt. Neuer Satz. Ganzer Satz löschen. Wieso nimmst du Dreckssoftwarnen meinen Befehl, Befehl, nimmst nicht den an, Befehl. Punkt. Du verdammter Computer-Rex-Kack-Computer, du ärmende Kraken-Softwarekrake. Marsch. Alles löschen. Unterschreiben, nein. Unterstreichen! Herr, Götter noch Mal. Du Du Du Versprechungs-Software-Scheisse!

PS. Ich habe dieses ungenügende Resultat sofort an die Firma, die mir diese Spracherfassungssoftware verkauft hat, geschickt und meinen Unmut ausgedrückt. Und mein Geld zurückverlangt. Man schrieb mir, ich sei der einzige Kunde weltweit, der mit der erstklassigen Spracherfassungssoftware so unproduktiv umgehe, und ich solle mich halt in Zukunft um eine bessere Aussprache bemühen.?


Tierpark Dählhölzli, Bernerzeitung

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2011

Tierpark Dählhölzli, Bernerzeitung

Aus der Serie „BEI ANRUF BERN“ für die Bernerzeitung, in welcher ich über 30 Bundes-, Gemeinde-, Kantonsverwaltungen angerufen und daraus kurze „Portraits“ gemacht habe. (2011- 2013)

Wollen Sie mehr über Wildtiere wissen? Wollen Sie wissen, wieso es wichtig ist, dass Tiere die Möglichkeit haben, ihr gesamtes Verhaltensrepertoire auszuleben? Wollen Sie etwas über Tieranlagen erfahren, die Ausschnitte eines natürlichen Lebensraumes sind? Dann rufen Sie den Tierpark Dählhölzli an.??

Tierpark Dählhölzli, guten Tag.?
Guten Tag. Wieso ist der Tierpark der Direktion für Sicherheit, Umwelt und Energie angegliedert?
Nun, ich würde sagen, ab einer gewissen Körpergrösse des Tieres ist es relativ wichtig, dass man sich bei der Haltung der Tiere auch Gedanken über die Sicherheit macht. Wichtiger ist jedoch der Begriff «Umwelt».
Wie meinen Sie das?
Der Tierpark ist ein Teil der Umwelt für die Menschen in dieser Stadt, er bringt Mitgeschöpfe den Menschen nahe. Er wirkt der Naturentfremdung entgegen.
Was ist der Unterschied zwischen einem Zoo und einem Museum?
Beide sind Kultureinrichtungen für Menschen und beide verlangen Eintritt. Bezüglich des Inhaltes haben Tierpark und Museum jedoch wenig gemein. Die galerieartigen Ausstellungen von Tieren im Zoo sind zum Glück Vergangenheit. Heute zeigen wir Lebensräume mit Tieren.?
Sie haben ja als Konzept: «Mehr Platz für weniger Tiere». Das heisst, ich als Besucher brauche ja dann sehr viel mehr Zeit, diese sich versteckenden Tiere überhaupt zu sehen??
Ja, das ist so. Genau das wollen wir aber. Die Menschen suchen ja auch Erholung im Zoo. Niemand erholt sich im Schnelldurchgang. Das Suchen und Finden der Tiere generiert am besten jenen Hauch Wissen, den wir zusätzlich zur Erholung vermitteln wollen.?
Das funktioniert??
Ja, wir haben 30 Prozent weniger Tiere und 30 Prozent mehr Besuchende.?
Befragen Sie auch die Tiere, wie es ihnen geht??
Ja, es gibt die Ethologie, also die Tierverhaltensforschung im Zoo. Deren Erkenntnisse setzen wir um.?
Können Sie ein Beispiel geben??
In früheren Zeiten wusste man es einfach nicht besser und hat zum Beispiel gedacht, ja, wenn die Bären sich vermehren, dann geht es ihnen gut. Heute weiss man, dass das für gewisse Arten ein Kriterium der Haltungsqualität ist, für viele – wie zum Beispiel die Bären – aber überhaupt nicht.
Können Sie noch ein Beispiel geben??
Gerne. Die Moschusochsen haben sich ihre Unterschenkel an Steinen und Baumstämmen gerieben, und man hat gedacht, das sei eine Verhaltensstörung, die ausgelöst wird durch die kleine enge Anlage. Dann haben wir parasitologische Untersuchungen gemacht und festgestellt, dass die Moschusochsen Würmer haben. Die Larven sind im Boden und merken, wenn der Moschusochse oben drübergeht, aha, da ist mein Wirt. Sie klettern an ihm hoch, beissen sich durch die Haut des Unterschenkels und wandern dann über den Blutkreislauf schliesslich in den Darm.?
Haben Sie Lieblingstiere?
Nein. Wenn man sich ausführlich mit einem Tier beschäftigt, dann kann man jede Tierart, die wir halten, faszinierend finden.?
Was halten Sie von ganz kleinen Zoos??
Prinzipiell gilt die Devise: Es ist vollkommen unbedeutend, welcher Name auf der Eintrittstüre steht, das einzige Kriterium ist die Qualität der Tierhaltung. Es gibt etwa Reptilienhalter in der Schweiz, die Chamäleons besser halten als jeder Zoo in der Schweiz. Und es auch besser können.?


Gleichstellung, Bernerzeitung

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2011

Gleichstellung, Bernerzeitung

Sie haben Fragen zur Gleichstellung von Frau und Mann oder zur Gleichstellungspolitik des Bundes? Dann rufen Sie das Eidgenössischen Büro für Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) an.

Eidgenössisches Büro für Gleichstellung von Frau und Mann, guten Tag.?

Guten Tag. Erlaubt ihr Büro sexistische Werbung und das Auftreten von Moneygirls im Schweizer Staatsfernsehen? Das sind doch keine guten Beispiele für Gleichstellung.?

Allerdings nicht! Aber: Das EBG deckt in seiner Arbeit aus Ressourcengründen nicht alle Gleichstellungsthemen ab. Da gibt es eine Arbeitsteilung mit anderen Stellen und Institutionen. Die beiden Schwerpunkte des EBG sind das Erwerbsleben und die Familie. Die Eidg. Kommission für Frauenfragen (EKF) beschäftigt sich dem gegenüber mit der ganzen Palette von Fragen, welche die Situation der Frauen in der Schweiz betreffen.?

Und wer kümmert sich um diese schlechte Werbung oder diese sexistischen Fernsehsendungen??

Das EBG spielt nicht Polizei, obwohl solche Werbung, die mit sexistischen Stereotypen operiert, natürlich abzulehnen ist. Wir sind sehr froh um die Existenz der Schweizerischen Lauterkeitskommission.?

Geht es heute nicht den Männern viel schlechter als den Frauen?

Nein. Der Aufbruch Richtung Chancengleichheit hat in der Schweiz erst vor 30 Jahren richtig begonnen. Damals wurde der Gleichstellungsartikel in der Bundesverfassung verankert. Obwohl schon einiges verbessert wurde: Für die Frauen gibt es noch viel aufzuholen! Zum Beispiel verdienen Frauen bei uns im Schnitt rund 20 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen für eine gleichwertige Arbeitsleistung. Deshalb sind wir weiterhin vor allem mit Fragen konfrontiert, welche den Aufholbedarf der Frauen betreffen.?

Welche Benachteiligungen aufgrund ihres Geschlechts können Männer am Arbeitsplatz erleiden??

Was für Männer vor allem schwierig ist, ist der Stress, den die Ernährerrolle mit sich bringt. Gerade auch in Krisenzeiten. Die Männer arbeiten in der Regel im Gegensatz zu den Frauen immer noch in einer Vollzeitstelle und haben auch keine andere Wahl, wenn sie nicht ihre Karriere aufs Spiel setzen wollen. Dies ist eine massive Benachteiligung, riskieren doch die Betroffenen ein Burnout.?

Was könnte man hier verbessern?

Die Einstellung der Vorgesetzten. Sie müssen den Männern die Chance geben, mehr Verantwortung im Haushalt und in der Familie zu übernehmen und sich intensiver an der Erziehung ihrer Kinder zu beteiligen. Fortschrittliche Arbeitgeber tun dies auch. Sie bieten mehr Flexibilität bei den Arbeitspensen für alle Beteiligten.?

Können Sie sich vorstellen, dass die schlechte Schulbildung junger Männer in den Bereichen Kochen, Haushaltskunde, Handarbeit und textiles Werken dazu beiträgt, dass bei gleichem Lohn weiterhin die Frau zu Hause bleibt, weil sie diese Kompetenzen hat und der Mann eben nicht??

Obwohl heutzutage in der Schule Haushalt und Handarbeit für beide Geschlechter gleichermassen Pflicht sind und die Schweizer Männer im europäischen Quervergleich am dritthäufigsten Aufgaben im Haushalt ausführen, ist der Anteil der Männer an der Hausarbeit in der Schweiz nur rund halb so gross wie jener der Frauen.?

Woran liegt das?

Am vorherrschenden traditionellen Rollenverständnis. Wenn Männer sich nicht in der Lage fühlen, Hausarbeit zu übernehmen, nur weil sie das nicht so gut gelernt haben wie ihre Partnerinnen, ist das doch eine Ausrede.?

Welches sind nach Ihrer Ansicht die dringendsten Gesetzesänderungen im Bereich Gleichstellung??

Die Gleichstellung der Geschlechter ist im Gesetz zwar verankert, die Umsetzung lässt allerdings noch sehr zu wünschen übrig. Was und wie viel getan wird, ist natürlich auch eine Frage der zur Verfügung stehenden finanziellen und personellen Mittel der Gleichstellungsbüros. Was das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann betrifft, werden wir uns auch in den nächsten Jahren im Rahmen unserer – immer knappen – Mittel mit voller Kraft für eine Verbesserung des Vollzugs einsetzen.


Nationalgestüt, Bernerzeitung

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2011

Nationalgestüt, Bernerzeitung

Aus der Serie „BEI ANRUF BERN“ für die Bernerzeitung, in welcher ich über 30 Bundes-, Gemeinde-, Kantonsverwaltungen angerufen und daraus kurze „Portraits“ gemacht habe. (2011- 2013)

Haben Sie Fragen zur Optimierung der Zucht-, Haltungs- und Nutzungsbedingungen des Pferdes im ländlichen Raum? Möchten Sie eine Ausbildung, Information oder Beratung, die zur Verbesserung des Wohlergehens des Pferdes beiträgt? Dann rufen Sie das Nationalgestüt an.
Bievenue au haras national. Willkommen im Nationalgestüt.
Ja, guten Tag. Ich …
Vous parlez français, touche „1“. Sie sprechen Deutsch, Taste „2“. Fragen betreffend Tierarzt, Belegungen, Reproduktion, Taste „1“, Beratungsstelle und Ausbildungsstelle Taste „2“. Andere Dienstleistungen des Gestüts Taste „3“.
Hm.
Nationalgestüt, guten Tag.
Ja, guten Tag. Die Landwirtschaft braucht nicht mehr so viele Pferde, wie könnten Sie mich zur Aufzucht von Pferden motivieren.
Wenn Sie die emotionale Nähe zu einem wunderbaren Tier suchen, sind Sie mit der Pferdeaufzucht bestens bedient. Zudem helfen Sie mit, eine Brücke zwischen Stadt und Land zu schlagen, Sie beleben den ländlichen Raum, tragen zur extensiven und nachhaltigen Nutzung unserer Grünflächen bei und besitzen mit Ihren Pferden die absoluten Sympathieträger vieler Mitmenschen.
Und was ist das Gute an einem Esel?
Mit einem Esel besitzen Sie einen noch beliebteren Sympathieträger.
Neben einem ökonomischen Hoch rund um die Weihnachtstage können Sie sich der ganzjährigen Begeisterung der Kinder sicher sein.
Können Sie mir sagen, wie viele Pferdesorten es in der Schweiz gibt und wie die heißen?
Wir sprechen eher von Rassen. Es gibt nur eine echte Schweizer Rasse: die Freiberger Pferde. Dank der fortschreitenden Globalisierung gibt es aber auch in der Schweiz ca. 50 verschiedene Pferderassen. Offiziell anerkannte Zuchtorganisationen gibt es in der Schweiz 25.
Ist es eine Beleidigung, wenn man zu einem Pferd Pony sagt?
Nein, warum?
Welche Pferdesorte sieht man am häufigsten in den alten Westernfilmen, wie zum Beispiel bei Winnetou?
Winnetou ist ja eine europäische Produktion, im jugoslawischen Karstgebirge gedreht. Es sind somit sich alle möglichen europäischen Pferderassen zu finden in diesem Film.
Winnetous Pferd hiess Iltschi. Welches sind die in der Schweiz am häufigsten verwendeten Pferdenamen?
Fanni oder Maerli.
Stimmt es, dass Pferde dumm sind und von alleine nie über ein Hindernis springen würden?
Nein.
Woher kommt das Sprichwort, einem geschenkten Gaul schaut man nichts in Maul?
Das basiert auf der Methode der Altersbestimmung und somit der Einschätzung der wirtschaftlichen Nutzbarkeit des Pferdes. Man kann das Alter anhand der Abnutzung und Stellung der Zähne beurteilen.
Und kann man das auch für Hunde sagen? Einem geschenkten Hund schaut man nicht in den Mund?
Da wir eine Beratungsstelle für Pferdefragen sind, kann ich das nicht mit Sicherheit sagen. Wegen der eher unterschiedlichen Ernährungsweisen der beiden Tierarten ist es etwas gewagt, ein zahn-spezifisches Sprichwort von Pferden auf Hunde zu übertragen!
Können Sie mir noch einen Tipp geben: Was haben Pferde allgemein sehr gern, wenn ich das nächste Mal im Jura spazieren gehe, möchte ich das ausprobieren.
Falls Sie die Jura-Weide unbehelligt wieder verlassen möchten, unternehmen Sie nichts, verhalten Sie sich unauffällig. Wenn Sie aber auf der Suche nach Abenteuern sind, packen Sie viel hartes Brot, Zucker, Karotten und Äpfel in Ihren Rucksack, die Pferde werden Sie lieben und in Horden auf Sie zukommen.


Lauschangriff: Hat auf keinen Sand gebaut, DAS MAGAZIN

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2008

Lauschangriff: Hat auf keinen Sand gebaut, DAS MAGAZIN

Wo: Im Zug von Thusis nach Chur
Wann: Ein Sonntag Ende Mai
Wer: Ein älteres Paar, er etwa 85, sie 75, kommen von einer Beerdigung zurück.

Sie: «Isch e schöni Abdankig gsi.»
Er: «Jawoll.»
Sie: «Ganz schö de Choral, ‹Wer nur den lieben Gott lässt walten›. Ganz e tolls Aafangsschtuck.›
Er: «Jawoll. ‹Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderlich erhalten, in allem Kreuz und Traurigkeit.›»
Sie: «Und denn de Schluss. ‹Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf keinen Sand gebaut.›»
Er: «Und denn de Text vom Esthi uf Französisch, da isch au schö gsi.»
Sie: «Und es isch en schöne Lebenslauf gsi. Nöd eso, wie mes mängmoll ghört. Es isch überhaupt e schöni Fiir gsi.»
Er: «Das vo de Anita hani nöd ganz verschtande.»
Sie: «Ich au nöd. Es isch so e persönlichi Uussag gsi.»
Er: «Jo jo.»
Sie: «Öppis vo Ufbruch und Abraham.»
Er: «En Fründ vo mir het sini Tochter verlore. Und zwar isch uf de Autobahn en Geischterfahrer i sie inegfahre. Und min Fründ het mit de drü Gschwüschterti vo sinere Tochter, also z vierte hends ihren Sarg treit. Das isch schtarch gsi, das Bild.»
Sie: «Jo.»
Er: «Vor allem, ich ha gwüsst, es isch nöd vill im Sarg inne.»
Sie: «Wie meinsch?»
Er: «Bi dem Autounfall hets brennt. S isch nüme vill übrig gsi.»
Sie: «Ich wött kei söttigi Beerdigung. Ich wött kremiert werde. Isch praktischer.»
Er: «Wie, praktischer?»
Sie: «Zum Bischpiil wenn ich vor dir stirbe, denn chammer eifach dini Urne schpöter zu minere stelle und den simmer wieder zeme.»
Er: (lacht) «Jo bi dene Urne gseht mer sicher kei Altersunterschied!»
Sie: «Ich wett nöd so imene Sarg si. D Erinnerig isch jo da, wo me bhaltet. Nöd es Grab.»
Er: «Genau.»


Lauschangriff: Chippendales, ohne Gesichter, DAS MAGAZIN

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2008

Lauschangriff: Chippendales, ohne Gesichter, DAS MAGAZIN

Wo: Im Zug von Zürich nach Chur?
Wann: Ein Freitag im März
Wer: Drei etwa 15-jährige Mädchen, nennen wir sie: Sabine, Debby und Viola, die nach Davos an eine Party fahren. Sie trinken heftig Litschi-Sekt.?

S: «Ich wötts mit em Sascha nümmewiiter usprobiere. Kei Lust meh uf Experiment.»
V: «Lueg moll, wie nöch die Berge sind. Das isch wenigstens no richtig Schwiiz, nöd so Industriescheisse. Pröstli!»
D: «De Sascha isch doch gar nöd so schlimm. Wenn das gstumme het, was du gseit hesch.»
V: «Ich find ihn au nöd so schlimm.»
S: «De isch eifach znett. Weisch, so das Schliimige. Das stört mich.»
V: «Hm.»
D: «Het öpper en Spiegel?»
S: «Jetzt im Ernst, ich has ihm gseit. I vier Wuche muen er uuszieh. Er hegi no nie so es schöns Dihai gha, het er gseit.»
D: «De meint dis Mami, nöd dich!»
S: «Ebe, ich glaub, er het nöd so de Draht gha zu sinere Mueter.»
D: «Er gseht i dim Mami es Ersatzmami.»
S: «Er seit immer zu mir: Du liebsch mich scho no, aber du weisch es nöd.»
V: «Wa isch da jetzt für en See? Da isch jetzt sicher nümme de Zürisee. Wie heisst de See?»
D: «Weisch no, sletsch Moll zDavos. I dem Restaurant, wos üs nöd hendwölle bediene.»
S: «‹Ihr Jugendliche hend e kai Geld.›»
V: «Touriste simmer, hemmer gsait. Gnützt hets nüt.»
S: «Wie lang sind ihr jetzt zäme gsy, du und de Sascha?»
V: «Vierkommafüüf Mönet.»
S: «Ich wött es Schloss, ohni Prinz, mit villne Butler, oder mit de Chippendales als Diener. Aber ohni Gsichter. Nume Körper.»
V: «Lueg moll. Neongelbs Postauto. Isch geil, das gsesch, wenns dunkel isch.»
D: «Ich ha dihai scho ei Fläsche trunke. Machemer nomoll eini uuf.»
V: «Nei, mir müend jetzt umstiege.»


Lauschangriff: Von Kühen und Ziegen, DAS MAGAZIN

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2008

Lauschangriff: Von Kühen und Ziegen, DAS MAGAZIN

Wo: Im Zug von Zweisimmen nach Thun.
Wann: Frühmorgens.
Wer: Drei Jungbauern auf dem Weg in die Berufsschule.

Bruno: «Die war einfach perfekt.»
Röbu: «Wer war perfekt?»
Bruno: «Es ist schade, dass sie so gespreizte Klauen hatte.»
Urs: «Aber dafür hatte sie ein super Euter, oder?»
Röbu: «Wovon redet ihr eigentlich?»
Bruno: «Wir waren am Wochenende an der Viehschau. Wo warst du?»
Röbu: «Ich hatte keine Zeit.»
Urs: «Musst deine Frau an die Viehschau schicken, wenn du selber keine Zeit hast. Das hab ich auch schon gemacht.»
Röbu: «Hast du sie gekauft?»
Bruno: «Nein. Aber der Hirti.»
Röbu: «Das ist doch dieser Extremist.»
Urs: «Aber mit Kühen kennt er sich wirklich aus. Obwohl er schon ewig nicht mehr an die Versammlung gekommen ist.»
Bruno: «Ja. Aber es kommen auch andere nicht mehr an die Versammlung, seit der Fahrni Geschäftsführer ist.»
Röbu: «Das habe ich auch schon gehört, dass ein paar andere wegen dem Fahrni nicht mehr kommen.»
Urs: «Ja, und was Kühe angeht, ist der Hirti einfach einer der besten. 8000 Franken hat er bezahlt.»
Bruno: «Es wäre super, wenn wir schon in der Schule wären, oder?»
Röbu: «Das verdammte Buch gibt mir schon etwas zu denken.»
Bruno: «Ja, ich habe auch gedacht …»
Urs: «Ausser man will später mit Ziegen arbeiten, dann ist das Buch vielleicht geeignet.»
Bruno: «Ja, es ist sicher in Sachen Ziegen das beste Buch, das man lesen kann.»
Röbu: «Meinst du das im Ernst?»
Bruno: «Manchmal muss man halt lügen.»
Urs: «Nein, es ist wirklich ein sehr gutes Buch über Ziegenzucht.»
Röbu: «Ich möchte weisse Ziegen, falls ich Ziegen möchte.»


Lauschangriff: Wie ein verdammtes Schaf, DAS MAGAZIN

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2008

Lauschangriff: Wie ein verdammtes Schaf, DAS MAGAZIN

Wo: Im Zug von Filisur nach Davos
Wann: Ein Montag im Oktober
Was: Ein Jugendlicher telefoniert so laut, dass alle es hören.

A: «Zuerst habe ich ein kleines Bier aufgemacht. Dann zu Fuss nach Alvaschein runter. Dann weiter bis zur Feuerstelle, habe ein Feuer gemacht, bis es taghell war.»
B: «…»
A. «Ja, taghell vom Feuer, ja wegen dem Feuer, sage ich doch. Vom Feuer!»
B: «…»
A: «Dann habe ich ein paar Hanfcakes gegessen. Was? Nein.»
B: «…»
A: «Vor zwölf Uhr habe ich die gefressen. Dann noch ein Bier aufgemacht. Dann noch eins und noch eins und noch eins und noch eins. Sind fünf Bier. Dann wurde es auf einmal schwarz.»
B: «…»
A: «Was weiss ich. Einfach schwarz. Dann habe ich mich hingelegt. Vorher hat mich Moni noch angefasst.»
B: «…»
A: «Ja, Moni. Sie hat mich so angefasst. Habe mich dann noch an Katja hängen können, bin dann lange an Katja gehangen. Wie eine Klette. Bin ihr ständig hinterhergelaufen, auf Schritt und Tritt. Wie ein verdammtes Schaf.»
B: «…»
A: «Später hat mir ein anderer ein halbes Bier über den Kopf geschüttet. Dann weitergeschlafen. Dann hat mich jemand wachgerüttelt und in ein Auto gesetzt. Dort weitergeschlafen. Dann sind irgendwann die Bullen gekommen.»
B: «…»
A: «Bis am nächsten Morgen, ja. Die Mutter von Patrick hat mich dann auf Dings gefahren. Auf Tiefencastel.»
B: «…»
A: «Die hatte so eine schwule Sitzheizung im Auto. Das hat sich angefühlt, als hätte ich in die Hose geschissen. Nein, kein Witz.»
B: «…»
A: «Ja, und das war so ungefähr mein Wochenende.»
B: «…»
A: «Ja, Ciao, du auch.»


Wer ist Louis Vuitton, DER KLEINE BUND

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2007

Wer ist Louis Vuitton, DER KLEINE BUND

«Deux Canapés de 3 places en chain. Très belle. Couleur dans le rouge. Comfortable. Comme neufs à 600 Fs.»

Oder: «Zu verkaufen Kämpfli Kajütenboot. Mit Anhänger und neuem Aussenbordmotor. Günstig. Unter 1’200 CHF.»
Oder: «Brauchen Sie Unterstützung im Haushalt? Putzen, Einkaufen, Haushaltsarbeiten, Kinderbetreuen. Ich, w/28, helfe ihnen gerne. Rufen Sie an, abends.»
Mit solch harmlosen Annoncen kündigt es sich oft an, das grosse Januarloch. «Viele leben über ihre Schatulle», so ein Sprichwort aus dem letzten Jahrhundert. Insbesondere im Januar leisten sich viele Menschen Dinge, die ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigen, und geraten so ins berüchtigte Januarloch.
Um aus diesem Loch herauszukommen, wird alles verkauft, was unnütz zu Hause herumsteht. Da es im Januar zu kalt ist, um die Ware an einen Flohmarkt zu schleppen und dort stehend anzubieten, weichen viele Januarlochgeplagte ins Internet oder auf Annoncen aus. 

Meistens mittwochs erledige ich einen Teil meiner im Januar relativ bescheiden ausfallenden Wocheneinkäufe. Fester Bestandteil meiner Einkaufstour sind die Anschlagbretter, an welchen Supermarktkunden Gegenstände ausschreiben, welche sie gerne verkaufen möchten. 

Letzte Woche gab es unter anderem folgendes Angebot. Ein Verkäufer bietet eine Kleinkaliberwaffe an. Nur an Schweizer. Ich erinnere mich an meinen Nachbar. Der hat mir vor etwa zwanzig Jahren eine Kleinkaliberwaffe gezeigt und zum Verkauf angeboten. Um mir die Waffe schmackhaft zu machen, hat er in seinem Garten einen Schiessstand eingerichtet. Dazu hat er einen Teppich aus der Wohnung geholt und diesen zusammengerollt. 
Die Teppichrolle diente mir zum Auflegen des Kleinkalibergewehrs. Auf den ausgerollten Rest des Teppichs konnte ich mich hinlegen. Als Zielscheibe stellte der Nachbar eine alte Nationalfeiertagslaterne hin. Ich habe insgesamt vierzehn Schüsse abgefeuert, bis ich die Nationalfeiertagslaterne getroffen habe. 
Gekauft habe ich die Kleinkaliberwaffe damals mangels Vorstellungsvermögen nicht. Mir kam als 13-jähriger Schüler einfach keine Anwendungsmöglichkeit für eine Kleinkaliberwaffe in den Sinn. 

Ein anderer Verkäufer bietet sein Auto an. «Zu verkaufen Daihatsu Cuore, Jahrgang 1987. 102 200 Kilometer. 0,8 Liter, Kardinalrot. Der kleine Stadtflitzer, der kein Benzin verbraucht. Verbrauch auf 100 Kilometer im Stadtverkehr nur 2,7 Liter Benzin. Ideal für Neulenker oder sparsame Autofahrer. CD-Player. Neue Kupplung frisch ab MFK. Verkaufspreis 1600 CHF.» Hinter jedem Verkäufer verbirgt sich ein Januarlochproblem, habe ich gedacht und die angegebene Nummer angerufen.

Es meldete sich ein Rentner mit folgender Leidensgeschichte. Er habe ein Einkommen von zirka 2700 Franken im Monat. Sein Schuldenberg sei auf mehr als 40 000 Franken angewachsen. Dies, weil er zweimal Pech gehabt habe in der Liebe. Seit längerem werde er nun schon betrieben. Er wisse nicht, ob er Konkurs anmelden solle oder nicht. 
Da ich gerade Zeit habe, ausführlich zu recherchieren, frage ich bei einem befreundeten Juristen nach, nicht ohne dem Rentner vorher versprochen zu haben, mich mit einer Antwort binnen zwölf Stunden zu melden. Die Recherche ergibt, dass bei einem Konkursverfahren je nach Kanton Kosten in einer Höhe von bis zu 5000 Franken anfallen. Der Rentner wusste nicht, dass die Konkursverlustscheine, die nach dem Abschluss eines Konkurses ausgegeben werden, nur zwanzig Jahre gültig bleiben. Diese Konkursverlustscheine können zwar jederzeit mittels Betreibung eingefordert werden, in seinem Alter jedoch dürften sie älter werden als er. «Also ganz klar Konkurs anmelden», rate ich ihm. Auf diese gute Nachricht senkt der Rentner den Preis für seinen Daihatsu Cuore auf unglaubliche 950 Franken, natürlich habe ich das Auto gleich gekauft.

Hinter der Anzeige: «Zu verkaufen Schlitten (KHW Snow Champion). Neuwertig! Kufen einklappbar. Sehr robust, bis 90 Kilo. Sitzteil rutschfest. Neupreis 159, Verkaufspreis 70. Abends ab 18.00 Uhr» verbirgt sich eine alleinerziehende Mutter mit 13-jähriger Tochter. Die Tochter hat die Mutter mit dem exzessiven Gebrauch des Mobiltelefons finanziell in die Enge getrieben. Auch diese Mutter berate ich erfolgreich. Sie hat das Mobiltelefon-Abo der Tochter nun bereits gekündigt und ein Prepay-Abo gekauft. So laufen die Kosten nicht mehr aus dem Ruder, und natürlich habe ich den Schlitten geschenkt erhalten.

Nach diesen Erfahrungen beschliesse ich, mehr über diese Kundeninseratebretter zu erfahren. Ich wende mich an die Pressestelle eines grossen Supermarktes und erhalte prompt folgende Auskünfte. Die Anschlagbretter für Kleinanzeigen gehören zu den Läden, seit er denken könne, teilt mir der Pressesprecher freundlich mit. Eigentlich habe jeder Laden eine solche Wand. «Das gehört zum Ausbau der Filiale. Das ist Grundausstattung», so der Sprecher. Besorgt erkundige ich mich bei einer anderen Abteilung desselben Supermarktes, ob diese schwarzmarktähnlichen Angebote nicht Umsatzeinbussen bedeuten würden. «Und diese Börsen sind doch ein Indiz dafür, dass die Leute das Vertrauen in die Währung verlieren», füge ich hinzu.
«Dass Dinge wiederverwendet statt fortgeworfen werden, das ist doch wunderbar», sagt der Verantwortliche für Marktentwicklung. Die Supermarktkette erachte das als Dienstleistung am Kunden, und den Neukauf von Waren würde das auf keinen Fall negativ beeinflussen. 
In jeder Filiale sei eine Person zuständig, die regelmässig die Annoncen auswechsle und kontrolliere. Das sei nötig, damit keine Angebote aus dem Sexgewerbe, Telefonnummern von Studio Marisa oder Ähnliches aufgehängt würden und weil viele Kinder die Kleinanzeigen nutzten. 
Die weiteren Recherchen ergeben, dass für die Migros Aare allein 350 000 Stück «M-Gratisinserate»-Karten pro Jahr gedruckt werden. Das ergibt pro Monat rund 30 000 Annoncen. Wenn man annimmt, dass sich jeder zweimal verschreibt und noch ein paar Karten auf Vorrat nach Hause nimmt, bleiben immer noch 6000 Angebote pro Monat. Nach genauem Studium der «M-Gratisinserate»-Karte habe ich vorgeschlagen, doch bitte in Zukunft auch eine Zeile für eine E-Mail-Adresse auf die Karte zu drucken. Der Pressesprecher hat diese Idee sofort an den Grafiker weitergeleitet. Bei der Neuauflage der Gratisinseratekarte wird es neu auch ein Feld für die E-Mail-Adresse geben. 

In einer Zeitung werden die 300 reichsten Schweizer präsentiert. Das war logischerweise im Dezember, nicht im Januarlochmonat. In einer anderen Zeitung habe ich die 300 ärmsten Schweizer gesucht und leider nicht gefunden. Beim Studium der diversen Tabellen habe ich festgestellt, dass ich selber zur Unterschicht gehöre, mit Tendenz zur Mittelschicht. 

Eine Zeitung hat mir geraten, dass ich folgende Statussymbole kaufen müsste, wenn ich den Drang verspüren würde, mich von meinesgleichen abzuheben: Lippenstifte von Chanel (was ist Chanel?) für 37 Franken, Imitationen von Louis-Vuitton-Taschen (wer ist Louis Vuitton?), VW Golf mit Spoiler und getönten Scheiben und einen Beamer (was soll ich damit?). Diese Zeitung hat leider nichts dazu geschrieben, ob es wichtiger ist, das Januarloch zu beheben oder abzuheben und Statussymbole zu kaufen. 
Bei meiner letzten Dienstreise habe ich im Dutyfreeshop zwanzig Chanel-Lippenstifte gekauft, um meinen sozialen Status zu erhöhen. Die Folge war, dass ich einen Beamten überzeugen musste, dass Lippenstifte keine Flüssigkeit sind und nicht in einem Plastikbeutel transportiert werden müssen. 

Nach diesem Versuch, das Januarloch mittels Statussymbolzukauf zu vergessen, widme ich mich nun wieder ernsthaft der Problemlösung. Ein brauchbarer Hinweis kommt von meinem Urgrossvater (Johann von Stauffer, gewesener Richter in Biel-Nidau). In einem Schlichtungsverfahren zwischen einem zahlungsunwilligen Bürger und dessen Gläubiger hat er einst formuliert: «Bald musst du, willst du in Ruhe weiter leben, deinen Hut und Mantel zu Pfande geben. Sonst wird Klage über dich erhoben, und du wirst bald in Richters Loche wohnen.» 

Wenn man nicht aufpasst, folgt also auf das Januarloch das Kerkerloch. Es ist daher empfehlenswert, nicht nur im Januar Löcher entstehen zu lassen, sondern diverse Löcher zu haben, damit das Januarloch nicht mehr auffällt und man nicht mehr reinfällt. 
Ich empfehle, viele Löcher über das ganze Jahr zu verteilen. Es ist gut, ein Januarloch zu haben, in welchem man das Augustloch verstecken kann, daneben ein Novemberloch, in welchem man das Februarloch versteckt, und so weiter. Also! Achten Sie auf diverse Löcher in allen Monaten! 

Einer, der meine Strategie sehr erfolgreich anwendet, ist mein Hausbäcker. Er bietet nun «Januarlochbrot», «Januarlochbrötli», «Januarlochsandwich», «Januarlochtorte» und «Januarlochquichelorraine» an. Leider hat er noch kein Januarlochmehrkornvollkornbrot im Angebot.


Lauschangriff: Slips statt Ohropax, DAS MAGAZIN

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2007

Lauschangriff: Slips statt Ohropax, DAS MAGAZIN

Wo: S3 von Bern nach Biel
Wann: 00:15 Uhr, Samstagnacht, vor fast einem Jahr
Wer: A und B, zwei Frauen im Abteil nebenan, die an einem Robbie-Williams-Konzert waren.

A: «Hast du eigentlich auch einen eingesteckt?»
B: «Wovon redest du?»
A: «Von den Slips natürlich.»
B: «Das waren doch so Gehörschutzpfropfen, Ohropax.»
A: «Ohropax?»
B: «Was denn sonst?»
A: «Ich habe am Eingang einen Slip erhalten. Todsicher.»
B: «Findest du auch, dass Robbie geschrumpft ist? Seit dem letzten Konzert ist der doch geschrumpft.»
A: «Wie?»
B: «Im Vergleich zum letzten Mal ist der geschrumpft. Oder etwa nicht?»
A: «Schon möglich. Mir ist aber noch was Anderes aufgefallen.»
B: «Ja?»
A: «Diese vielen Weiber mit ihren 9-Monate-Bäuchen.»
B: «Ja, das habe ich auch gesehen und gedacht, wenn man schwanger ist, dann diese laute Musik, das ist doch nicht gut für die Ungeborenen.»
A: «Die wollten sich bei Robbie nur einschleimen.»
B: «Für später?»
A: «Genau!»
B: «Die wollten ihm ihre ungeborenen Kinder zeigen!»
A: «Widerlich!»
B: «Das würde ich nie tun.»
A: «Und du hast wirklich keinen Slip ausgeteilt bekommen?»
B: «Nein.»
A: «Komisch.»
B: «Ja!»
A: «Ich finde das eigentlich angenehm, dass die Slips ausgeteilt haben.»
B: «Wieso?»
A: «Überleg doch mal.»
B: «Was?»
A: «Wenn du dort vorne stehen und singen müsstest!»
B: «Ja, und?»
A: «Dann fändest du es sicher auch angenehmer, wenn du einen sauberen Slip an den Kopf geworfen bekämst.»
B: «Ja, das stimmt eigentlich.»
A: «Eben.»


Lauschangriff: Allah isch chef, DAS MAGAZIN

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2007

Lauschangriff: Allah isch chef, DAS MAGAZIN

Wo: S3 von Bern nach Biel
Wann: 00:15 Uhr, Samstagnacht im Januar
Wer: A und B, zwei Jugendliche mit Migrationshintergrund?

A: «Foto von Allah hast du?»
B: «Allah isch doch ein Mann, ein Mönsch. I ha kein Foto.»
A: «Aber sehscht du sein Foto? Hast du ein Foto von Allah? Wenn ich Kreuz habe, das ist Gott. Ich habe, viil, viil gesehen von Kreuz.»
B: «Ja, aber Jesus sagt: Allah ist Gott, und Kristus soll in Greuz hangen.»
A: «Nei, wichtige Geschichte ischt alle katholisch.»
B: «Auso, i säge, es wird ein König cho. Und Jesus und Allah. Nei angersch: Sohn von Allah isch Jesus, der König von Herr. Verstehst du?»
A: «Jeder Jesus isch ein Mönsch. Ig schwöre.»
B: «Uf jede Fau, der König kann sagen, wer soll aufhängen an Kreuz.»
A: «Wär.»
B: «Du oder Allah hat der König gefragt.»
A: «Nei, es isch so gsy. Nochar König hat gesagt alle Leute muess gefragen, wer muss hier an Kreuz hängen, hat gefragt alle Leute sagen. Dann ein Moslem hat gesagt: Jesus soll die Nagel an die Greuz. Nacher Grab. Alle sind tot.»
B: «Wenn scho so isch, warum nid alle wo katholisch söll an Greuz?»
A: «Aber Jesus isch Sohn von Allah.»
B: «Allah isch Chef u fertig.»
A: «Erde kaputt gemacht, alle Leute sind untergegangen. Am nächste Tag isch Jesus wieder geboren mit Geist. Nur Geist, nur Geist.»
B: «Hör uf.»
A: «Das eine Welt, alle sind eine Welt.»
B: «Nei hör uf. Allah isch Liebi. Moslem hat alles gemacht.»
A: «Ich bete für mich säuber. Aber angeri, sy bete für Allah.»
B: «Schweiz hat andere Kirche. Ich sehe Münster, isch gar nid Kirche. Meine Tante isch Moslem. Schwester von Schwester isch Katholik.»
A: «Es gibt auch Albaner wo Katholik isch. Es git vil Katholik.»
B: «Aber es git o vil Moslem.»
A: «Auso guet, mir mache so. Jesus isch Allah vo Herr, isch Mönsch vo Gott, isch fertig.»


Lauschangriff: 4 im Guadrat, DAS MAGAZIN

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2007

Lauschangriff: 4 im Guadrat, DAS MAGAZIN

Im Zug von Biel nach Zürich an einem frühen Nachmittag. Zwei Schülerinnen, die letztes Jahr die Matur bestanden haben, reden darüber, was sie jetzt weiter aus ihrem Leben machen könnten.?

Schülerin A: «Der Lehrer hat mich etwas wegen des kleinen e auf dem Taschenrechner gefragt.»
Schülerin B: «Und wie genau lautete die Frage?»
A: «Ja eben, was das e bedeutet!»
B: «Ich glaube, es bedeutet, wenn man 1000 in wissenschaftlicher Schreibweise schreiben will, muss man 1e3 eingeben.»
A: «Woher weisst du das?»
B: «Ja eben vom Taschenrechner.»
A: «Ich habe es nicht gewusst. Der Lehrer hat gelacht und dann die nächste Frage gestellt. Ich glaube, der hat für die schwachen Schüler mit Absicht leichte Aufgaben gestellt.»
B: «Das ist aber nicht fair für die guten Schüler.»
A: «Die zweite Aufgabe lautete: 4 im Quadrat. Ich sagte: 8. Darauf sagte der Lehrer: Sind Sie sicher?»
B: «Du hast wirklich die dümmste Frage erhalten. Aber es war wohl egal.»
A: «Genau! Mathematik braucht man sowieso nie. Das hilft rein gar nichts.»
B: «Bei uns war es so. Alle, die Mathi gut fanden, fanden auch Sport gut.»
A: «Ich habe mal Tennis gespielt.»
B: «Meine Eltern sind unglaublich fit. Die treiben extrem viel Sport. Mein Vater ist Bieler Meister.»
A: «Blöd bin ich nicht. In allen anderen Fächern habe ich gute Noten. Ich bin wirklich nicht blöd, nur weil ich nicht rechnen kann.»
B: «Ja. Bist du wirklich nicht. Blöd.»


Wie ich ins Erdnuss-Business ging, DER BUND

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2003

Wie ich ins Erdnuss-Business ging, DER BUND

Auszug

Heute kommt er wieder, der Mann mit dem weissen Bart und den vielen Nüssen. Derweil hat der Schriftsteller Michael Stauffer früh genug seine Erkundigungen aufgenommen. Lesen Sie hier alles über die Erdnuss, die eigentlich eine Bohne ist, oder eine Erbse.

Wie ich ins Erdnuss-Business ging

Heute kommt er wieder, der Mann mit dem weissen Bart und den vielen Nüssen. Derweil hat der Schriftsteller Michael Stauffer früh genug seine Erkundigungen aufgenommen. Lesen Sie hier alles über die Erdnuss, die eigentlich eine Bohne ist, oder eine Erbse. • MICHAEL STAUFFER

Bereits im Oktober habe ich bei diversen grossen Nahrungsmittelhändlern angerufen. Einige haben mir verraten, dass die vielen Erdnüsse, die in den Schweizer Endverkauf kämen, nicht in der Schweiz geröstet würden. Erdnüsse werden also zum Teil geröstet importiert. 
Doch kein einziger Importeur wollte mir verraten, wo die Nüsse konkret geröstet werden. Es könnte ja sein, dass ich bei der Konkurrenz arbeite, wurde mir gesagt. Ja doch, natürlich. Stauffer-Erdnuss AG. Big deals for peanuts. Das wäre der Werbeslogan, der auf meinem Briefpapier stehen würde. Und dazu eine Erdnuss mit heller Hülsenfarbe. Oben links, als Logo. Die Erdnüsse nehmen übrigens alle die Farbe des Bodens an, in welchem sie wachsen. Eine helle Schale bedeutet:Diese Erdnuss ist in einem sandigen Boden gewachsen, eine dunklere weist auf humusreichere Erde hin. 

Der Selbstversuch

Ich wollte ja eigentlich keine Konkurrenz sein. Aber einmal angestachelt von der Idee, ins Erdnussbusiness einzusteigen, habe ich einen gewissen Ehrgeiz entwickelt. Erdnüsse sind ja auch sehr gesund. Sie enthalten kein Cholesterin und sind reich an ungesättigten Fettsäuren, die gut fürs Herz sind. Im Mass genossen, verhindern Erdnüsse das Hungergefühl und können sogar unterstützend wirken, wenn man Gewicht verlieren will. Das teste ich alles im Selbstversuch. Ich fülle mir eine Schale mit Erdnüssen. Ich stelle ein Glas Weisswein dazu. Ich suche einen Fernsehsender, der eine Talkshow bringt. Die Erdnüsse esse ich langsam, dann schneller, schliesslich kippe ich die verbleibende Menge auf einmal in den Mund. Der Brei, der bald in meinem Mund entsteht, befriedigt mich. Nach einiger Zeit fühle ich mich jedoch stark gebläht. Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte, ziehe meine Trainerhosen am Bund ein wenig nach hinten und lasse einen fahren. Erdnüsse mögen gesund sein, aber die hier sind ziemlich schwer verdaulich. Erdnüsse mögen auch wichtige Eiweisslieferanten sein. Ich habe dennoch einen Verdacht. 

Das Kochstudio

Ich rufe sogleich die Hotline des Kochstudios von Coop an. Eine diplomierte Köchin bestätigt meine Vermutung. «Ja, Herr Stauffer, da haben Sie schon Recht. Fachsprachlich heissen Erdnüsse groundnuts. Sie wachsen in der Erde. Daher rührt auch der Name Erdnuss. Erdnüsse zählen zu den Hülsenfrüchten.» «Ja, sehen Sie, das habe ich mir gedacht, dass die nicht zu den Nüssen zählen!», rufe ich in den Hörer. «Aber warum?» «Bevor die Erdnüsse geröstet werden, schmecken sie ein wenig wie rohe Erbsen oder Bohnen. Erst beim Rösten entwickeln sie das ihnen eigene Aroma, und die Bitterstoffe verschwinden. Die Erdnuss stammt übrigens aus Südamerika. Missionare und Entdecker haben sie dann weiter mit nach Südasien und Afrika und auch Europa genommen. Über den Sklavenhandel ist die Erdnuss dann nach Nordamerika gelangt und » «Aber deshalb sind es noch lange keine Bohnen!», unterbreche ich genervt. «Hören Sie mir doch zu. Das englische Wort peanut heisst so viel wie Erbsennuss und erklärt doch die botanische Herkunft, wenn man ein bisschen Phantasie hat, tadellos, oder.» «Die Erdnuss ist also tatsächlich mit der Erbse verwandt und gehört zu den Hülsenfrüchten?», frage ich zurück. Die freundliche Frau erklärt im selben Tonfall weiter: «In der Zusammensetzung ist die Erdnuss allerdings den Nüssen sehr ähnlich.» Ich habe keine Lust mehr und verabschiede mich freundlich; das ist alles immer noch kein richtiger Grund dafür, dass ich mich nach dem Verzehr der Erdnüsse nicht mehr wohl fühle. Es muss an der Röstung liegen. Die waren einfach schlecht geröstet. Doch das will niemand zugeben. 

Die Trommelröstmaschine

Ich will besser rösten. Ich erstehe im Internet eine Trommelröstmaschine, welche eine Röstleistung von 100 Kilogramm Rohkaffee in der Stunde aufweist. Ich baue die Trommelröstmaschine in eine Erdnussröstmaschine um. Vor der Inbetriebnahme habe ich bei der Konkurrenz vorbeigeschaut. In der einen Rösterei waren die Erdnüsse ständig in Bewegung und drehten sich in einer Trommel bei rund 200 Grad Celsius. Mittels eines Probierstutzens konnte man 2 bis 3 Nüsse aus der Trommel nehmen und kontrollieren, wie weit der Röstprozess bereits fortgeschritten war. Bei einem anderen Konkurrenten wurden die Erdnüsse während einer halben Stunde bei 150 Grad geröstet, dann frisch verpackt. Die Migros teilte mir bereits am Telefon mit, dass sie leider keine Auskunft erteilen könne. Das Rösten geschehe nach eigener, streng geheimer Rezeptur. Bei meinen Versuchen mit der Umgebauten Trommelröstmaschine (UTRM) habe ich schnell herausgefunden, dass es schwierig ist, den richtigen Zeitpunkt zu erwischen. In kurzer Zeit kann die ganze Ladung Erdnüsse zu dunkel geröstet sein, oder falls man sie zu früh rausnimmt, ist der Geschmack etwa der von frischen, rohen grünen Erbsen. 

Das Business

Einige Ladungen Fehlröstungen habe ich dem Nationalpark auf den Ofenpass geschickt. Die haben meine fehlgerösteten Erdnüsse den hässlichen und dicken Murmeltieren verfüttert. Die Murmeltiere liegen den ganzen Sommer vor ihren Löchern und pfeifen, wenn jemand auftaucht. Dann stehen sie auf, falten ihre Papiertüten mit den Erdnüssen darin zusammen und steigen rückwärts in ihre Löcher. Mit einem Kaffeeröst-Experten habe ich weiterführende Fachgespräche geführt und den Röstprozess so verbessern können. Auch habe ich mit diversen Sorten experimentiert. Die häufigsten Erdnusssorten, die in die Schweiz importiert werden, sind: Virginia und Runner. Die Kerne der Virginia sind die grössten. Sie eignen sich am besten für Salznüsse. Die heissen so, weil der Anbau zunächst nur auf Virginia und North Carolina beschränkt war. Heute wird die Erdnuss in Israel, Ägypten, China, Japan, Indien sowie Ost- und Westafrika angebaut und eben auch in Nordamerika. Nach den anfänglichen Fehlversuchen gelingen mir heute ausschliesslich hervorragende Röstresultate. Jetzt bin ich eben doch zum Konkurrenten geworden. Stauffer-Erdnuss-Import AG. Big deals for peanuts. Wird nächstes Jahr eine erste Niederlassung in Bern eröffnen. Der Hauptsitz bleibt vorläufig in Biel/Bienne. 


POLAR A5, WOZ

,
2003

POLAR A5, WOZ

Auszug

Meine Partnerin, bekannt auch als die Berg-Königin vom Balmberg bei Solothurn, hat mich auf eine Velotour mitgenommen. Was ich nicht wusste: Sie hatte die Strecke Solothurn-Balmberg, das ist eine steile Bergetappe, nichts für Untrainierte, vor unserer Velotour zum Teil täglich zweimal zurückgelegt. Ich hätte es daran feststellen können, dass auf dem Weg auf den Balmberg Dutzende von Leuten meiner Partnerin zuwinkten. Viele grüssten sie sogar mit Namen. Während ich mich mit meinem 7-Gang-Fahrrad den Berg hoch quälte. Natürlich wusste ich, dass
es nicht nur am Fahrrad liegen konnte. Oben angekommen, schwor ich trotzdem, nie mehr mit einem schlechten Fahrrad auf den Balmberg zu fahren. Ich suchte einen Mountainbike-spezialisten auf, liess mir semiprofessionelle Produkte vorführen und kaufte sogleich ein teures Bike, Fahrradschuhe und Fahrradhandschuhe sowie ein Herzfrequenz-Messgerät mit Namen Polar A5. Ich konnte nun, so ausgerüstet, mit meiner Partnerin, der Berg-Königin vom Balmberg, erneut einen Ausflug wagen. 
Sie sagte nichts zu meiner Ausrüstung, erklärte mir nur die Route, in welchem Gang sie welche Steigung fahre, wo sie kurz aus dem Sattel steige, wo sie trinke ? kurz sie hat mir das ganze strategische Wissen für die Balmberköniginnen-Etappe verraten. Das wäre nicht nötig gewesen. Denn dank meines hervorragenden Materials fuhr ich einen Vorsprung von 15 Sekunden heraus. Auch dank meines Herzfrequenzmessgerätes, bestehend aus einer Uhr mit Empfänger und einem Sender, den man sich um die Brust legen muss. Die Elektroden des Messgerätes muss man zuerst abschlecken. So leiten sie besser und messen dann etwas, und die Uhr, die dazu gehört, zeigt dann etwas an. Vor dem ersten Einsatz musste ich mit dem
Herzfrequenzmessgerät einen «Walktest» machen. Der Test ergab dann, wo meine ideale Herzfrequenzzielzone liegt.
Ich nutze die Uhr mit der Herzfrequenzmessung nun auch oft im Alltag. Wenn ich zum Beispiel mühsame Telefongespräche führen muss, ziehe ich mir das Band mit den Elektroden an, bewege mich wild in der Wohnung, bis ich im anaeroben Bereich bin. Die Erfolgsergebnisse sind so viel besser. Seit kurzer Zeit trage ich die Pulsuhr auch an Lesungen. Ich nutze die Prozentanzeige immer dazu, im Bereich zu lesen, in dem der Fettstoffwechsel am heftigsten funktioniert. So schwitze ich garantiert stark und die Zuhörer sehen, dass Literatur auch ein Hochleistungssport
ist. Mit dem Lesen im idealen Fettstoffwechselbereich stelle ich auch sicher, dass ich nach der Lesung mit langweiligen Veranstaltern an einen Tisch sitzen und mindestens 0.6 dl Bier und 0.5 dl Wein und dann noch 0.4 cl Schnaps konsumieren kann. Bei Lyrik verwende ich den Herzfrequenzmesser auch. Wenn mein Puls während der Korrekturlesung zum Beispiel von 67 auf 69 steigt, weiss ich dies zu deuten. Hier fehlt ein Komma, heisst das dann.
Kürzlich habe ich das Band mit den Elektroden auch benutzt, um in eine schlecht organisierten Antiquariat gute Bücher zu finden. Dazu habe ich das Herzfrequenzgerät auf akustischen Betrieb umgeschaltet. Mit leicht zugekniffenen Augen bin ich durch das Antiquariat geschlendert und habe Buchdeckel sanft gestreift. Wenn ich die Idealherzfrequenzzone verlassen habe, hat meine Uhr gepiepst und ich habe das entsprechende Buch eingepackt. Die Ausbeute war erstaunlich gut. 


Ihre Wartezeit beträgt ungefähr 34 Minuten, DER BUND

,
2003

Ihre Wartezeit beträgt ungefähr 34 Minuten, DER BUND

Auszug

Das ist der Text über die Warteschlaufen. Er ist am Samstag in "DER BUND" erschienen. 
Sie kennen die Situation. Sie rufen einen Kundendienst an. Statt eines freundlichen Mitarbeiters hört man Sätze wie: «Vielen, vielen Dank, dass Sie uns anrufen, alle unsere Mitarbeiter sind leider genau jetzt gerade alle beschäftigt. Aber wir werden Ihren Anruf gerne in Kürze entgegennehmen.» 
Ja, denke ich dann, in Kürze. Das Zeitempfinden ist zwar subjektiv, aber nach 30 Sekunden ist die Kürze definitiv vorbei. Meist landet man nach der Kürze in einer Warteschlaufe und wird durch üble Musik bei Laune gehalten. Respektive es wird gedacht, man werde mittels übler Musik bei guter Laune gehalten.
Respektive es wird gedacht, man werde mittels übler Musik bei guter Laune gehalten. Das stimmt jedoch nicht. Deshalb habe ich mich entschieden, über Warteschlaufen zu schreiben und zu sagen, wie man sie verbessern könnte. Zuerst habe ich mir überlegt, was ich während der Wartezeit gerne hören würde. Dann habe ich einen Experten gesucht und gefunden. 
Sound Spirit Service
In einem netten Fachgespräch mit dem Geschäftsführer einer Firma, die marketinggestützte Telefonwarteschlaufen anbietet, erfahre ich, dass das schon das erste Missverständnis ist. Der Geschäftsführer erklärt mir, dass, wenn ich so abgespeist werde: «Ihre Wartezeit beträgt ungefähr 34 Minuten, und wir würden uns freuen, wenn Sie dann immer noch dran sind» wenn ich also so abgespeist würde, dann sei ich noch gar nicht in der Warteschlaufe, sondern erst in der «Ansage vor Meldung», wie das technisch korrekt heisst. Wenn die Telefonzentrale überlastet sei, schickten einen viele Firmen direkt in diese Ansage und dann erst später in die eigentliche Warteschlaufe. Schlechtes Gesprächshandling ist das. So hat man als ersten Eindruck gar keinen, sondern wird gleich von Anfang an abgewimmelt. Auf den Geschäftsführer der Firma Sound Spirit Service aus Stuttgart bin ich gestossen, weil die einheimische Branche bei meinen Rechercheversuchen sich als wenig ergiebig gezeigt hat. Ich teste andere Warteschlaufen und telefoniere weiter, probiere wahllos hundert 0800-Nummern aus. Ich habe nicht gewusst, dass Blumen Weibel in St. Gallen eine 0800-Nummer hat, Cola-Cola jedoch nicht. Da ich nicht das ganze Honorar in teure Telefongebühren investieren will, wähle ich weiter 0800-Nummern. Ich frage eine 0800-Nummer-Mitarbeiterin nach den Tarifen für die 0900-Nummern, blättere weiter im Telefonbuch. Auch Reist Haushaltapparate in Deitingen hat eine solche Nummer. Ich telefoniere weiter, und es singt: «That your love for me is real.» Ja gerne, das wünscht man sich doch. Aber ich wollte eigentlich mit jemandem reden. «Hallo?» Ich singe mit und tanze, so gut das mit einem nicht drahtlosen Telefon eben geht. Eine nette Frau singt: «Join the net, be a part of it. No matter where you are, join the net, be a part of it, yeeeeeaaaah, be a part of it, connecting you and so fort and so weiter.» Aus Langeweile beginne ich zu übersetzen. Werde Teil des Netzes, sei ein Teil davon. Klingt nach Sekte. Hugo Stamm in der Warteschlange? Ich lege den Hörer blitzartig auf. Der Geschäftsführer von Sound Spirit Service aus Stuttgart sagt, dass man die Warteschlaufe sehr gut nutzen könne, um beispielsweise die angerufene Firma zu porträtieren. In kleinen Blöcken, die maximal 25 Sekunden lang seien, könne sichergestellt werden, dass der Anrufer bei verschiedenen Anrufen interessante Informationen erhalte. Der Geschäftsführer setzt mich schnell mal in seine eigene Warteschlaufe. Tatsächlich werde ich gleich darüber informiert, dass die Website aktualisiert wurde. Ein durchschnittliches Kundenporträt dauert ungefähr fünf Minuten und wird verteilt auf acht Blöcke abgespielt. Da lernt man immerhin etwas, statt dass man nur mit seichter Musik abgespeist wird. Das Gute an der Warteschlaufe sei eben, so der Geschäftsführer, dass man zufällig an irgendeiner Stelle sei, wenn man anrufe, und so ziemlich sicher bei mehreren Anrufen unterschiedliche Informationen mitbekomme. 
Signet Klassik, Signet Funk
Ich teste weitere 0800-Nummern. «We are sorry to keep you waiting.» Mir tut es auch Leid. Es folgt klassische Musik, wohl zu meiner Beruhigung. «Wir bitten Sie um Geduld für die kurze Wartezeit. Bleiben Sie bitte am Apparat. Sie werden sofort verbunden.» «Ja hallo, hier Stauffer, wissen Sie eigentlich, welche Musik ich gerade gehört habe? Nein? Dann schicken Sie mir eine Liste mit allen Musiktiteln, die bei Ihnen heute in der Warteschlaufe abgespielt wurden.» «Eine Liste haben wir nicht», sagt die Stimme sehr freundlich. Dafür gibt mir die Dame eine direkte Nummer, die ich wählen soll. Die Nummer ist dann so direkt, dass die Dame, die meinen Anruf jetzt entgegennimmt, stutzt, mich zuerst duzt, dann nachfragt, von wem ich die Nummer hätte, dann sehr verunsichert ist und mich schliesslich mit einem offenbar ziemlich wichtigen Chef verbindet. Ich bestelle gleich mal alle CDs mit Corporate Sound. Die Corporate Sounds sollen zur Firma passen, und sie sollen für sämtliche akustischen Auftritte, also auch für Warteschlaufen verwendet werden. Ich lege die CD später bei mir zuhause in den CD-Spieler ein und spiele das Signet Original, oder das Signet Klassik, oder das Signet Funk, oder auch Positive Motion Intro, dann spreche ich mir selber nach: «Join the Website of Stauffer, di-di-daa, ta-ti-taaa.» «Wartezeiten werden nie ganz vermieden werden können, aber man kann sie wenigstens gestalten, strukturieren oder eben mit interessanten Informationen füllen», sagt der Geschäftsführer aus Stuttgart. Ich überlege mir, ob ich 350-mal am Tage sagen könnte: «Guten Tag, Sie sind verbunden mit Dichterstauffer, meine Name ist Stauffer, wie kann ich Ihnen behilflich sein?» Das würde ich vermutlich nach dem zehnten Mal bereits nicht mehr sagen. Sondern nur noch: «Was ist? Muss das sein?» Die Warteschlaufe kommt dann zum Zug, wenn man intern weiterverbunden wird, oder wenn man Fragen stellt, die zu schwierig sind, und ein anderer Mitarbeiter auch noch befragt werden muss, oder wenn der Mitarbeiter die Unterlagen zuerst holen muss, oder wenn ein Mitarbeiter gerade heftig mit einer Mitarbeiterin geflirtet hat. Da ich auch viele Mitarbeiterinnen zuhause habe, werde ich mir bald auch eine Warteschlaufenmaschine einrichten. Dazu brauche ich, gemäss den Angaben eines anderen Sachverständigen, eine Telefonvermittlungszentralenautomatik, ungefähr, und einen Speicher. 
Ich bin keine Altersgruppe
Ich wähle weitere Nummern. Ich bin genervt von den quäkenden Synthesizersounds. Ich will nicht mehr länger mit «Für Elise» oder der «Kleinen Nachtmusik» gequält werden. Ich will nicht mit Gute-Laune-Musik oder «Relaxed 1 8» bedient werden. Und schon gar nicht mit zehn beschwingten Instrumentaltiteln aus dem Popmusikbereich. Ich bin keine Altersgruppe, die sich damit zufrieden stellen lässt. Wenn ich schon warten muss, dann soll man mir die Wartezeit verkürzen, indem man mir interessante Hinweise zu neuen Produkten oder über die angerufene Firma gibt. Zum Beispiel würde ich gerne hören: «Haben Sie gewusst, dass bei uns 87 Prozent der männlichen Mitarbeiter keinen Schnauz tragen?» Oder man könnte mir einfach einen Witz erzählen. Oder erklären, warum gerade niemand für mich Zeit hat. Ich will einfach ernst genommen werden! Schliesslich will ich vom Geschäftsführer aus Stuttgart wissen, ob die Warteschlaufe immer noch ab Band komme. «Nein, nein, Herr Stauffer, ha, hm, also die Warteschlaufe ist heute kein Band mehr, sondern ein digitaler Speicher. Dieser Speicher ist gegen Stromausfall gesichert und vergisst nichts.» Sehr gut. Trotz allen Mängeln, die Warteschlaufe hat auch ihr Gutes. Wenn ich irgendwo anrufe und nicht sofort verbunden werde, denke ich oft: «Da ist keiner da, so ein Saftladen», oder ich denke: «Aha, die sind schon wieder in der Kaffeepause.» Oder ich denke auch oft: «Aha, die sehen, dass Stauffer anruft, und heben deswegen nicht ab.» Um solche Gedanken zu verhindern, ist eine gut gemachte Warteschlaufe wirklich eine prima Lösung. 


Die Schweiz als Reservat – so sanft kann Tourismus sein, Thurgauer Zeitung

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2001

Die Schweiz als Reservat – so sanft kann Tourismus sein, Thurgauer Zeitung

Auszug

„Der Euro gehört in verschiedenen Bereichen des Finanz- und Geldwesens bereits heute zum Alltag. Am 1. Januar 2002 beginnt nun die letzte Phase der Einführung. Von der Währungsumstellung sind bestimmt auch sie betroffen.“ (Aus dem Faltblatt: “Judihui der Euro kommt, wichtige Informationen für Sie”, publiziert von der UBS.) 
Und wie wir betroffen sein werden. Ein Freund aus der EU hat mir mit feuchten Augen erzählt, wie froh er sei, dass er am Ende seiner vierwöchigen Ferien durch die Schweiz fahren könne. Er will von Deutschland nach Frankreich, danach nach Spanien und schliesslich nach Portugal fahren. Er hat Angst, dass er in den ganzen vier Wochen nie eine Grenzkontrolle erleben wird. Dass ihm sein Feriengefühl völlig vermiest werden könnte, durch das Fehlen dieser Grenzen. Weil er einfach nicht in die Ferienstimmung kommt, wenn er nicht seinen Personalausweis oder Reisepass zeigen kann. Seine Hoffnung ist, dass er auf der Rückreise eine Kontrolle erleben wird, falls er über Genf nach Schaffhausen und dann wieder über die Grenze zurück nach Deutschland fährt. 
Ich möchte deshalb in enger Zusammenarbeit mit den Grenzwachtkorps und Schweiz-Toursimus buchbare Grenzkontrollen anbieten. Die Reisenden können sich vorher anmelden für eine einfache Dokumenteprüfung, für eine teilweise Durchsuchung des Handgepäckes oder für eine Totalzerlegung des Autos und eine Leibesvisitation. Weiter will ich zusammen mit der UBS Wechselgeldautomaten mit frei wählbarem Kursverlust aufstellen. Die Touristen wechseln dann zum Beispiel einen 20-Euro-Schein, erhalten dafür 30 CHF, danach wechseln sie die 30 CHF ein und erhalten 18 Euro, dann wechseln sie die 18 Euro und erhalte noch 27 CHF, etc. Die Verlustraten können aber auch frei gewählt werden zum Beispiel so, dass man schon nach fünf Wechselvorgängen nichts mehr hat. Ein weiteres Produkt das jetzt schon reissenden Absatz findet ist die Schweizer Autobahnvignette. Die Franzosen finden es unglaublich preiswert, dass man für nur 30 CHF ein ganzes Jahr lang auf allen Autobahnen fahren kann. Die Deutschen wiederum freuen sich, dass sie auchmal etwas fürs Autofahren zahlen dürfen, weil bei ihnen zu Hause Verkehrsabgaben nur für den Schwerverkehr vorgesehen sind. All diese Tourismusangebot sind für uns kostenneutral und bieten viele Arbeitsplätze, die wir bei einer vollständigen Integration in die EU opfern müssten. Weiter plane ich extrem teure Naturreservate anzubieten. In diesen Reservaten können konkurrenzunfähige Bauern arbeiten. Ihnen wird eine schöne Tagesstruktur geboten. Ein weiteres Angebot, in enger Zusammenarbeit mit der SNB und der Europäischen Zentralbank sind die Präge-camps. Dort können die EU-Touristen ihre Euros länderspezifisch prägen gehen. Die Euroscheine zu sind ja in allen Ländern identisch. Aber bei den 1-, 2-, 5-, 10-, 20-, 50-Centmünzen, und den 1- und 2-Euromünzen ist nur die Vorderseite der Münzen einheitlich geprägt. Die Rückseite ist je nach Land unterschiedlich gestaltet. Auch dieses Präge-camps sind für die Schweiz kostenneutral und schaffen sogar neue Arbeitsplätze. Sie sehen der Euro und Europa bieten nur Chancen für die Schweiz. 


Velohelm, Berner Zeitung

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2000

Velohelm, Berner Zeitung

Auszug 

Gestern besuchte ich den Polizeiposten in der Länggasse. Ich wollte einen Kurs besuchen, den die Polizei ausgeschrieben hatte. «Der Velohelm und seine richtige und wichtige Verwendung». Der Velohelm sei eine gute Sache und biete Schutz vor schweren Verletzungen, sagte WmbA Hari. WmbA heisst: Wachtmeister mit besonderen Aufgaben, wie eben zum Beispiel, Kurse über Velohelme anbieten, oder Leute ohne Velohelme auf der Strasse anhalten und informieren. (Pösitif Persüäischen, sagt Hari.)

Herr Hari zeigt mir verschiedene Modelle, in verschiedenen Farben. Mit welcher Farbe mischt sich das zerquetschte Hirn, das zwischen Helm und Trottoirrand herausquillt, am schönsten. Grün und Hirn, Gelb und Hirn, ich will keinen Helm. Die Vorstellung, mein schöner Kopf unter dieser hässlichen Plastikhaube. Es geht einfach nicht. Die Lüftung bei den Velohelmen ist dermassen schlecht, dass man eine hässliche Glatze bekommt und zwar, bevor man 40 Jahre alt ist.

Die Velokuriere tragen alle Helme. Grüne Helme, damit sie immer bei Rot über die Kreuzung fahren können, sagt Hari. Polizeilogik. Warum denn die Polizisten auf den schönen grauen Mountainbikes keine Helme tragen, will ich wissen. Weil die Helme nicht zu der Uniform passen. Ich habe es ja geahnt, Velohelmtragen ist eine Frage des guten Geschmackes. Mit einem solchen Helm auf dem Kopf wirke ich entstellt. Ich bin zu angestrengt mit einem solchen Helm, immer dem Heulen nahe. Es geht wirklich nicht. Es gibt noch einen Grund, warum ich keinen Helm trage: 
Die Helme aus Chlorpyrifosmethyl sind gefährlich. Dieser Stoff wirkt direkt vom Helm auf das Hirn. Man sieht die Folgen bei den Velokurieren gut. Die werden mager, bekommen einen verzerrten Gesichtsausdruck, haben den Mund immer so komisch geöffnet, so ein kleines Schlitzchen ist immer offen und die Wangen sind eingefallen. Das kommt vom Chlorpyrifosmethyl in ihren Velohelmen. Schade, aber wenn alle immer auf die Stadtpolizei und Herrn WmbA Hari hören wollen, bitte! 

Musikarbeiten

Alles Musikalische von Dichterstauffer.


Machtbarkeitsstudie

,
2005


Machtbarkeitsstudie

Ausschnitt

DIE MACHTBARKEITSSTUDIE
1. Vorbemerkungen

Das gegenseitige Beeinflussen dient der Formfindung. Von Anfang an wird definiert, dass die Umsetzungsarbeit Teil der Form ist. Nötige Stichworte, die sogar als Inhaltsangaben dienen sind: 
Besetzung, Einpaukung, Lernen, Improvisation, Herstellung, Teilstücke, Bauplan, Umweg, Langsamkeit der Musik. Langsamkeit des Textes, Modulation, Textentwicklung, Linearität als „Problem“. Wichtig ist auch, dass die Reihenfolge: Szenario, Libretto, Musik oder die Reihenfolge: Libretto, Szenario Musik in der Anfangsphase gilt. Für die Ausarbeitung der Module muss darauf geachtet werden, dass auch folgende Prozesse stattfinden: Szenario legt Musik fest, Libretto legt Musik fest, Libretto legt Szenario fest, legt Musik fest, Libretto legt Musik fest, legt Szenario fest, und natürlich sind alle diese Prozesse reversibel. 


2. Struktur
Es gibt fünf Module.

Modul 1
Kommunikationsstörungen in den Ausprägungen Musik stört Text, Text stört Musik, Körper stört Text, Musik stört Körper. Die Störungen führen aber nicht zu Frust, weil man nichts mehr versteht, oder das eine das andere zuschüttet, sondern die Störungen führen dazu, dass etwas im einen sichtbar wird, das man dort nicht erwartet hätte. („Schau mal der Viloaspieler, kann ja sogar freihändig spielen.“ Oder: „Schau mal, der Sänger dort, der macht mit der Schuhsohle rhythmische Geräusche, ob der das wohl merkt?“)

Modul 2
Kommunikation findet auch in sehr ungleich gewichteten Anordnungen statt. Es werden Verhältnisse gebildet, die extrem erscheinen, die dann trotzdem gut funktionieren. Hier wird eher „phönomenologisch“ gearbeitet. Wellen, Rauschen, Flüstern, Schichten.

Modul 3
In diesem Modul geht es darum zu zeigen, wie man eine gute Arie macht. Oder es geht darum zu zeigen, dass Tonleitern die Grundlage westlicher Musik sind. Das hat etwas mit Humor zu tun.

Modul 4
Impulse werden sichtbar gemacht. Manchmal sieht man einen musikalischen Impuls des Dirigenten, auf welchen das Orchester überhaupt nicht reagiert. Manchmal sieht man einen Chor, der von einem plötzlichen, unsichtbaren Impuls erfasst wird und wild zu singen beginnt. Wird es immer besser, wenn es klar ist, wer der Impulsgeber ist?

Modul 5
Was passiert, wenn mit Ausgrenzung gearbeitet wird. Und mit Weglassung. Welche Funktion hat die Stille, die Pause. Kommt man mit Fleiss weiter? Respektive wird der Fleissig weniger oft ausgegrenzt, als der Faule?

Zusätzlich zu diesen fünf Hauptmodulen gibt es 3 Intermezzi, welche flexibel und auch mehrfach eingesetzt werden. Es muss jeweils klar sein, wer welches Intermezzo verlangen, respektive auslösen kann. 

Intermezzo 1    
Massenhysterie mit unerwartetem Ausgang. (Geht von den Sängern aus, kommt mindestens 4-mal vor.)

Intermezzo 2    
Kommentare zu Grundsätzlichem. Moderation und Ansagen. Auswertungen betreffend die Oper. Die Oper betreffend. (Geht vom Dirigenten aus, kommt mindestens 10-mal vor.)

Intermezzo 3    
Jingle. Die absolute Wiedererkennbarkeit als Gütezeichen des künstlerischen Werkes. (Geht vom Orchester aus, kommt mindestens 8-mal vor.)

Zeitstruktur    
Zusätzlich zum gesamten Werk gibt es eine völlig autark funktionierende Zeitsturktur. Alle 7 Minuten spielt ein Pianist ein Lied. Eine Sängerin singt dazu einen rein phonetischen Text, welcher sehr schön ist.(Ein kleines Einstimm-Lied. Immer genau gleich, kommt mindestens 8-mal vor.) 

Machtbarkeitsstudie
Machtbarkeitsstudie

Diese Oper habe ich mit dem Komponisten Jost Meier zusammen verfasst. 
Sie ist noch zur Uraufführung frei. 

Besetzung: 14 Gesangssolisten, Instrumentalensemble bestehend aus: 3 Klarinetten, 1 Vl, 1 Vc, 1 Pos, 1 Marimbaphon, 1 Klavier.

Dauer: 75 Minuten


Sekundärtexte


Die Strukturen des Formatradios – Aufgezeigt anhand des Hörspiels „Radio till you drop"

,
2012

Die Strukturen des Formatradios – Aufgezeigt anhand des Hörspiels „Radio till you drop"

Proseminar-Arbeit „Sounds like Hörspiel“
von: Ksenia Ticò

Inhaltsverzeichnis
1.
EINLEITUNG
2
2.
DAS
HÖRSPIEL
„RADIO
TILL
YOU
DROP“
3
2.1.
AUTOR
3
2.2.
KONTEXT
3
2.3.
INHALT
4
3.
DAS
FORMATRADIO
6
3.1.
DIE
HÖRERBETEILIGUNG
7
3.1.1.
DEINE
GESCHICHTE
8
3.1.2.
DER
WETTBEWERB
9
4.
FAZIT
10
LITERATURVERZEICHNIS
11
REDLICHKEITSERKLÄRUNG
12 

Ausschnitt


Die Strukturen des Formatradios – Aufgezeigt anhand des Hörspiels „Radio till you drop"

,
2012

Die Strukturen des Formatradios – Aufgezeigt anhand des Hörspiels „Radio till you drop"

Proseminar-Arbeit „Sounds like Hörspiel“
von: Ksenia Ticò

Inhaltsverzeichnis
1.
EINLEITUNG
2
2.
DAS
HÖRSPIEL
„RADIO
TILL
YOU
DROP“
3
2.1.
AUTOR
3
2.2.
KONTEXT
3
2.3.
INHALT
4
3.
DAS
FORMATRADIO
6
3.1.
DIE
HÖRERBETEILIGUNG
7
3.1.1.
DEINE
GESCHICHTE
8
3.1.2.
DER
WETTBEWERB
9
4.
FAZIT
10
LITERATURVERZEICHNIS
11
REDLICHKEITSERKLÄRUNG
12 

Ausschnitt


Interview

,
2008

Interview

Der preisgekrönte Dichter
Für einmal drehen wir den Spiess um: Nicht Michael Stauffer darf am Telefon fiese Fragen stellen, sondern wir. Der Grund: Unser Kolumnist erhält morgen den Literaturpreis des Kantons Bern. Übrigens schon zum zweiten Mal. Gratulation!


Dichter Stauffer, hallo?

Dichter Stauffer, wer sind Sie eigentlich?

Wie der Name schon sagt: Dichter. Also ein wichtiger Lieferant von Literatur. Dann bin ich auch Mensch, Bürger, Freund, Feind, Konsument, Leser, Spaziergänger und so weiter. Die Festlegung der Identität muss man ja gar nicht zu 100 Prozent alleine machen.

Nein?

Nein. Es ist eine gute Herausforderung, sich ab und an mit den Vorurteilen anderer etwas zu verzieren. Und daraus etwas zu machen, in Bezug auf die eigene Identität.


Was machen Sie daraus?

Ich verwandle mich dann.

Aha, und was muss man als Kolumnist können?

Es hilft sicher, wenn man schreiben kann. Man muss aber auch gut reden können mit den Menschen, über die man nachher schreiben will. Und man muss natürlich ein gewisses Interesse für die Welt oder zumindest Teile davon haben.

Wie viele Ihrer Fragen an die Beamten und Ämter sind echt?

Die Fragen sind alle echt. Ich frage mich gerade, wie man unechte Fragen stellen könnte.

Gut, anders gefragt: Ist alles echt in Ihren Kolumnen?

Zumindest so echt wie alles andere, das gestaltet wird, auch echt ist. Echt Stauffer ist es auf jeden Fall!

Wären Sie selber gern Beamter?

Das käme auf mein Pflichtenheft drauf an. Ich kann mir im Moment aber keine Anstellung vorstellen, die mich dafür bezahlt, dass ich weiter das tue, was ich am besten kann.

Sie sind ja nicht nur Kolumnist, sondern hauptberuflich Schriftsteller. Was tragen Schriftsteller zum Bruttosozialprodukt bei?

Das müssen Sie die Steuerbehörden fragen. Es ist aber sicher nicht wenig. Kultur und ihre Nebenwirkungen tragen sehr viel zu einem stabilen, lebenswerten und demzufolge auch ökonomisch guten Lebensraum bei.


Wie viel verdienen Sie?

Ich muss schnell die Steuererklärung holen, Moment. (Stauffer kommt nach 4 Minuten zurück ans Telefon, keucht.) Es tut mir leid, ich finde die Formulare nicht. Aber ich kann Ihnen versichern, ich verdiene genug.

Hatten Sie auch schon mal die Nase voll vom Schreiben?

Nein, wieso auch? Das ist einer der besten Berufe, die es gibt.


Sie bekommen einen der diesjährigen, mit 10000 Franken dotierten Literaturpreise des Kantons für Ihre drei Hörspiele «Stauffer an Krüsi antworten». Was hat Sie an diesem St.Galler Aussenseiter gereizt?

Ich erkannte bei Krüsi künstlerische Strategien, die mich sehr überzeugten. Deshalb wollte ich mich vertieft mit ihm und seinem Werk auseinandersetzen. Krüsi als künstlerisches Gegenüber ernst nehmen, sein Schaffensmodell für die Entfaltung der eigenen ausufernden Kreativität nutzbar zu machen waren weitere Ziele.

Das klingt etwas gar theoretisch.

Ja gut, also: Bei Krüsi fand man vom sorgfältig gerahmten Bild, dem verkaufsfertigen Kunstwerk bis zum zerfallenden Bastelstück oder vor sich hin rottenden Esswaren alles. Krüsi hatte sich durch keine Regeln einschränken lassen. Er nutzte neben Farben auf Papier oder Karton auch gerne seine Polaroidkamera, den Fotokopierer oder das Tonbandgerät, um seine Alltagserfahrungen zu gestalten. Sein Schaffen war grenzenlos. Das hat mich fasziniert.

Den Literaturpreis des Kantons Bern erhalten Sie schon zum zweiten Mal. Sind Sie so gut, oder ist die Auswahl so klein?

Beides. Ich bin natürlich sehr gut. Und es ist klar, es gibt immer nur eine begrenzte Anzahl sehr guter Literaten. Es ist übrigens auch sinnvoller, die paar Guten dauerhaft und substanziell zu unterstützen als ein Heer dilettierender Möchtegerns immer nur ein bisschen. Insofern gratuliere ich auch der Literaturkommission des Kantons Bern zu ihrer Haltung.

Am anderen Ende der Leitung: Lucie Machac


Ein anderes Interview mit mir, Spectrum 4/2007

,
2008

Ein anderes Interview mit mir, Spectrum 4/2007

1. Ein Wort zum neuen Buch ‚Normal’?
Kreativität


2. Worum geht es darin, und warum sollte man es kaufen?
Es ist ein Versuch, den Begriff der Arbeit neu- oder umzudefinieren, weil dies ja eine zu einfache Welt ist einfach zu sagen, es gibt Arbeitslose und solche die Arbeit haben. In diesem Buch versucht die Hauptfigur den Begriff des Arbeitslosen in den Begriff eines Unterbeschäftigten zu überführen, mit Hilfe eines Mitarbeiters der Arbeitlosenversicherung. Zu diesem Zweck gründet er dann im Laufe des Buches eine Ich-AG, die als Sekte aufgebaut ist. Das ist so ein ganz banales Rahmengeschichtchen, das sich so über 80 Seiten ausbreitet, also ein Typ der arbeitslos wird und dann über eine Sektengründung wieder zu Arbeit und Einkommen kommt, und unterwegs werden einfach so verschiedene Umdeutungen und Neudefinitionen des Begriffs Arbeit geleistet und aus diesem Grund sollte man das auch kaufen, weil ja auch für jüngere Menschen dieser Begriff der Arbeit fragwürdig geworden ist; man hat so viele junge Menschen, die beim Sozialamt anstehen, und es werden dauernd Leute pensioniert, obwohl sie noch arbeiten könnten. Also diese Buch ist – wenn man das so sagen kann – eine Anleitung oder es hat Anleitungstendenzen in diesem Buch, was man innerhalb des Arbeitsbegriffs auch noch denken und veranstalten könnte. Warum kaufen? Man muss es nicht kaufen, ich muss ja nicht Werbung für dieses Buch machen, also die, die lesen wollen, die kaufen sich ja sowieso Bücher, und die andern kaufen sich mp3-player oder lesen das 20minuten-Heft. Es fällt mir zunehmen schwer für solche Dinge Werbung zu machen; man sollte natürlich Bücher aus schlechtem Gewissen kaufen oder weil man das Abendland retten möchte oder weil man noch fähig ist über die Sprache irgendwelche Phantasien zu entwickeln, das ist ja bei vielen Menschen nicht mehr der Fall. 

3. In welcher Situation soll man es lesen, und was soll man dazu trinken?
Man soll es in einer Situation lesen, in der man lesen kann. Es ist aber dem Leser überlassen, wie er diese Situation definieren will. Da es aber in diesem Buch um eine Sekte geht, deren Initiationsritus darin besteht, im Wald zu stehen und zu warten, bis es zu regnen anfängt und dann die Blase zu entspannen, empfehle ich Wasser als Beigabe zu diesem Buch. Ich würde zum Lesen dieses Buches keine Giftstoffe zu mir nehmen, da der Text an sich die Phantasie genug anregt, so dass keine weiteren Drogen nötig sind. 

4. Wann, wie und wo haben Sie die Texte geschrieben und was dazu getrunken? 
Ich habe 2005 mit einer Sammlung von Material angefangen, dann zieht sich dieser Prozess so über 12/13 Monate hin, wobei natürlich nicht dauernd geschrieben wird. Ich habe immer dann geschrieben, wenn ich dazu fähig war oder wenn es nötig war, zu schreiben. Man sollte nicht immer schreiben, man muss auch lesen oder nachdenken oder blättern oder korrigieren. Meistens auf einer waagrechten Arbeitsfläche, den grössten Teil im Grossraum Biel, ein Teil auch in Norddeutschland, einen Teil der Überarbeitung habe ich in Berlin gemacht. Dazu getrunken habe ich je nach Saison Wasser, vielleicht auch einmal Tee oder Kaffee.

5. Stören Sie Rechtschreibfehler in Ihren Büchern? 
Wenn ich sie sehe ja, sonst nicht. 

6. Hat Ihr Text im Lektorat maßgebliche Veränderung erfahren?
Ich habe mit dem Verleger den Text in verschiedenen Stufen diskutiert und durchgesprochen, das heisst, wenn er fertig dann mal fertig ist, erfährt er keine massgeblichen Änderungen mehr, höchstens formelle, oder Gestaltungsänderungen, der wird ja dann gesetzt und dadurch erhält er eine neue Form. Die Titelgebung wurde etwas verändert und natürlich wurden ein paar viele Fehler gefunden, aber das ist auch nicht so massgeblich, also es hat jetzt massgeblich weniger Fehler. Und eben das Lektorat war ein Prozess, der unterwegs stattfand und nicht erst am Ende.

7. Würde es Sie freuen oder eher stören, wenn Ihre Texte an der Universitaet in einer Germanistikvorlesung analysiert würden?
Mich? Ich würde mich eher sogar freuen darüber, wenn andere Menschen sich auch an eine Interpretation machen und diesen Stoff auf irgendeine Weise weiterverarbeiten. 

8. Hatten Sie einmal eine Hesse-Phase?
Nein.

9. Wollten Sie schon immer Schriftsteller werden?
Es war für mich schon klar, dass ich irgendetwas tun muss, in dem es im weitesten Sinn um ästhetische Gestaltung geht. Das war schon als Kind da, dieser Wunsch, mich so auszudrücken, dass das jetzt mit der Schriftstellerei anfängt, ich mache ja sehr viele andere Dinge daneben auch, Musik, Installationen oder Performance; ich bin da nicht so kanalisiert. Es ist eher unwahrscheinlich, dass ich jetzt noch mit Kunsteislaufen anfange, es ist aber eher wahrscheinlich, dass ich im weitesten Sinne irgendwie mit ästhetischer Gestaltung, die Sprache einschliesst, weiterarbeiten werde, solange dies mein Geist zulässt. 

10. Was macht eine gute Schriftstellerin aus? 
Ganz viele Dinge. Wenn er schreiben kann, wenn er leben kann, sehr schön ist, wenn er vorlesen kann, noch viel besser ist, wenn er neugierig ist, und bereit ist, seine Gedanken zur Verfügung zu stellen und nicht für sich zu behalten, angenehm ist, wenn er kein Theater um seinen Text macht, gut ist, wenn er fähig ist über seine Arbeit mündlich Auskunft zu geben, toll wäre wenn er ein bisschen in den Alltag hinein sähe, wenn er arbeiten würde, es wäre auch gut, wenn er andere Schriftsteller kennt, die noch leben, dann ist sicher gut, wenn er sehr stur ist, auch gut ist, wenn er eine gewisse Disziplin hat, vor allem sich selber gegenüber wie auch anderen gegenüber. Man sieht das ist ein breites Anforderungsprofil, und wenn man von diesen Punkten jetzt die Hälfte mit ja beantworten kanndann kann es durchaus sein, dass man Schriftsteller ist. Beurteilen Sie selbst: Sind sie auch ein Schriftsteller?


1. Thurgauisches Interview von Hubi interviewt mit mir

,
2007

1. Thurgauisches Interview von Hubi interviewt mit mir

Auszug

Rahmenbedingungen 

12. März 2007. Michael Stauffer zu Besuch an der Neubrückstrasse in Bern. 19 Uhr, Begrüssung, Installation eines Aufnahmegerätes («isch no wie neu»), Installation der Gesprächspartner in der Küche. Die Wahl ?el auf einen Barbera d’Alba 2003. Transkribiert wurde das Interview von Hubert Neidhart. www.engelskollision.ch

Dank

Tanke e millionmoll.
S isch super.
Tanke, tanke. 

Fragen über Fragen 
HN: grüezi herr stauffer, ich tue sie herzlich begrüesse zu dem gspröch, danke, dass sie sich die zyt gnoh hend. jetzt fohts ah. die erschti frog, wo mir ihne gern würdet stelle – äh: dir: wie gseht en gwöhnliche n’alltag us? (lange pause) er überleit. 
MS: (?üstert) ach, en gwöhnliche alltag … jo, en gwöhnliche alltag, wür ich etz eifach mol säge, gseht eifach gwöhnlich us. da isch etz no kei de? ¬nition. etz cha me vilicht no probiere ufzzelle, was under gwöhnlich zverstoh isch, gwöhnlich isch zum biischpiel, dass me irgendwenn mue uufstoh, irgend¬wenn mue körperp?eg mache, irgendwenn mue ässe, irgendwenn mue mit lüüt rede, irgendwenn mue ir¬gendwelchi uufträg erfülle, irgendwenn mue pause mache – das isch sgwöhnliche und denn, innerhalb vo dem gwöhnliche, suecht me sich denn so mög¬lichkeite zum schaffe und je noch däm isch gwöhnlich denn ohni schaffe oder gwöhnlich mit schaffe – da isch gwöhnlich. 
en gwöhnliche alltag bi dir? 
jo. 
guet. ähm: wele stellewärt nimmt s’schriibe i dim läbe ih? 
stelle wärt? also wärt hets für mich en grosse, ich verbring glaub au relativ viel zyt rund ums schriibe aso s’schriibe sel¬ber het nöd en grosse stellewärt. aber es bruucht jo, damit me überhaupt cha schriibe, mome jo doch ei¬niges rundume mache, wie zum biischpiel läse, dän¬ke, ähm, kommuniziere, röscherschiere, denn wieder dänke, und denn schriibt me mol öppis uuf, (handy klingelt) jo, und dänn lüütet s’telefon, denn überleit me, söll me’s jetzt näh oder nöd, falls ich jetzt am schriibe gsi wär wür ichs näh, do ich jetzt nöd am schriibe bin – äh: nöd näh, do ich jetzt nöd schriib, gang i jetzt schnäll go luege. pause. 

(steht auf, verlässt den raum und nimmt den anruf entgegen) 
äh, wenn ich jetzt am schriibe gsi wär, hett ich s’telefon nid abgnoh, aaschlussfrog, do ich jetzt nid am schriibe gsi bin han ichs abgnoh. guet, stellewärt vom schriibe vom aso s’schriibe sälber anundfürsich s’genuine schriibe mit em stift i de hand uf em papier oder irgend das nimmt eigentlich gar nid so viel zyt in aaspruch, wie me dänkt. ebä meh s’rundherum. 
du hesch gseit, du lisisch viel ähm zum röscherschiere, zum aktuell bliibe, was lisisch grad derzyt? 
derzyt … 
äh zur zyt? 
derzyt lis ich ähh hähä ha derzyt lis ich es buech über de bruce naumann äh eigentlich so en äh sammel¬band mit allne pffr erhältliche interviews vo ihm über ihn, bruce naumann. gesammelte interviews ich weiss jetzt grad nümme, wie’s heisst. erschiene bi ämm-ai-ti-press – uf englisch. 
du schriibsch nid nu büecher, du bewegsch dich i de verschiedenschte genres. was sind das? 
sch…schoors … 
schschschorrrss. 
was genres sind oder was die andere genres sind? 
jo. 
jo, wa mach ich so? aso: prosa büechli, prosa zum vor¬läse, prosa für s’radio, denn dramatischeri tegscht, au büechli oder au für s’radio oder au zum uffträtte, denn eher so musikalischi tegscht, aso im wiitischte sinn phonetischi versüech – die sind glaub nu für s’radio oder nu zum uffträtte die gits schriftlich macht’s nöd so viel sinn, denn wa schriib i no genres ah ich schri¬ib natürlich au ähm sogenannti uuftragstegschtli für d’medie oder für anderi irgendwie kulturschaffendi, aso katalogtegscht oder irgendwelchi pfffffffffff wie seit me ächt dem – antologie biiträg, wa mach i no? da wärs denn öppe zum thema schriibe und denn mach i … t’he-t vilicht nöd diräkt mit em schriibe z’tue aber ich mach jo au so performäns-gschichte wonich aber s’gfühl ha es segi scho es chemi scho us em äh äh irgendwo sprochliche hinter-drususe das wo ni dötte versuech z’mache aber döt mueme jo nöd eso viel uufschriibe – sondern meh handle. und denn mach ich no … ggolaasche. 
ggolaasche? 
jo eifach do es git jo do des memory, die chartesamm¬lig – hesch echt du die? und do gits etz e forts… 
us em balkan? 
jo genau. do gits e fortsetzig woni jetzt dra bi sit em augu-oktober zweinullvier, jede tag eini und mach so lang, bis en verlag seit er drucks und jetzt bini uf … und jetzt cha me rächne – jetzt isch oktober zweinull¬sächs verbii da sind aso jetzt siebehundertzwanzg plus nünzg ungefähr da sind jetzt achthundertzäh ggolaa¬sche, immer so chlini poschtchartegrössi und eifach schö duregstämplet, jede tag eini bis und mit zum … äh … äbe vertrag, wo’s öpper macht. 
du hesch vorhär gseit: so phonetischi versüech zum ufffühere – das goht wohrschinlich au i d’richtig vo däre performäns, wo’d au erwähnt hesch. wie gseht das uus? 
das ghört ender uus als dass es denn uusgseht – also s’ghört uus, isch no es guets wort «es gehört aus» … betty übersetz mal: «es gehört aus» – viel vergnü¬ege, ähm … aso da aso ähm es git so sägemer drü hauptrichtige, die eint sind rein eigentlich immer us eme gestus use, aso zum biischpiel ich wött etz wyy trinke was was denn so alles chönt passiere so (trinkt, schluckt, rülpst) und für so öppis bruuchsch natürlich musiker wil das elei solistisch nöd viel hergit, aso so gestischi tegscht wo wo irgendwie d’stimm no am rand vorchunt und denn gits au eifach so luutmale¬risches glummp, wie zum biischpiel äh ähm eigentlich so luutverschiebigs-simulu-simi-wie-heissed-die-simu-latione aso zum biischpiel: ich uuf däre siite, du uuf de andere siite, und denn de tegscht eigentlich über¬setzt zum biischpiel uf walliserdütsch «ich uf dischere siite dü uf dr andere sitü» und denn «ich öf discher sitö dö öf dr önderö sitö» und denn «äch äf däschär säätä dä äf där ändärä säätä» und denn «tui, äh, uich uif duschuir suitui tui uif duir unduruir suitui» eifach so sprochähh-veränderigs-spiili und denn gits no so s’dritte würi säge si-isch denn eher so im enge sinn übersetztig so zum biischpiel eifach so en schwierige hochdütsche tegscht uf mundart übersetze und lue¬ge, was’s git zum biischpiel äh … ghä-äm (räuspert sich) äs wie heisst das, mittelwort zwei, zum biischpiel «ässend» so uf mundart übersetzt zum biischpiel äh «eine banane essend» und denn mundart «grad anere banane am ässe g-gss-zgsii-zgsii» oder so und da ? nd ich relativ luschtig, wil’s denn meischtens unübersetz¬bari ähm jo aso me chas nöd direkt übersetze und denn passiert über s’übersetze eigentlich denn en art performäns, so.
wobii mer aber döt cha säge dass’s ebe denn de inhalt eigentlich ähm völlig sekundär wird? 
de inhalt wär denn d’unübersetzbarkeit oder de inhalt wär luutverschiebig oder de inhalt wär äbe us irgend us eme us eme gestische dingens use was passiert bim suuffe, aso scho no mit schprooch-rudiment, aso so ebe abeschlucke oder wie oder die es git doch au so mode, wenn öpper en schnapps trinkt wo starch isch denn mached alli lüüt immer so äähhchchchchch debii eigentlich macht’s das jo gar nid mit eim aso so wemme eifach so öppis trinkt wo äh wo gäch isch, denn macht’s eigentlich gar nüt, denn wür me eifach so trinke … und schlucke und da wär’s gsi und denn gits offebar eso so kodierti verhaltenswiise, wie zum biischpiel ebe zum säge «de schnapps isch huere starch» mached alli so ähhhchchchch. und so züüg ?nd ich relativ spannend eifach halt me mues’s denn au sammle aso wie das tönt bi mineralwasser wie tönt das bi schnapps wie tönt das bi wyy und us söttige handligs- äh versüech use chame denn eigentlich scho ?nd ich wunderbari äh tegscht aafüerigszeiche (macht solche mit einer handbewegung in die luft) wür me denn do setze zum tegscht sind denn jo eher so ähm luutlichi üsserigs-irgendöppis äh so eher wie bi de tier denn so laute, lautgebungen tzch, das interessiert mi no zum aso zum mache vorallem zum … öp das the¬matisch denn oder wie hesch gseit, inhaltlich, glaub ich, isch de inhalt isch denn d’form aber das isch halt au ä(h) disziplin, die form. nöd z’verwächsle mit l’art pour l’art, döt wür i denn säge do bin ich nöd zue¬ständig aso bi mir hets scho immer en uuslöser wo durchus en inhalt het aso suuffe isch zum biischpiel jo aso öppis völlig äh alltäglichs und nünt äh aso als ver¬gliich zum biischpiel gits au lüüt wo säged sie töged denkprozess verbal darstelle, so züüg mach ich jo nöd, ich mach jo immer denn gliich versuech i das züüg imene normale – aafüehrigszeiche – alltag zverbroote und so gseh hets durchuus en inhalt, er wird eifach denn vilicht über pform ähm referiert und nöd über es rede im stränge sinn über über en inhalt nöd nöd über es beschriiebends rede und nöd über es so uus¬formulierends rede, sondern eifach über n’äh – wie seit me denn däm – jo über em formale versuech, öp me dem-m trinkgrüsch nöcher cha cho oder nöd. 

das tönt sehr spannend, sehr ussergwöhnlich, und trotzdem het de titel vo dim neuschte buech gluutet: normal. ähm, was bedüüted für dich «normal»? bisch du normal? 
aso normal bedüüted für mich … aso isch natürlich e behauptig. es isch e behauptig, wo … wo eigent¬lich so eifach e bitzli de abgrenzigsmechanismus, wo jo leider oder zum glück i dere gsellschaft herrscht, emol zur frog stellt, aso wieso mon ich zum biischpiel unterscheide zwüsche aso etzt uf das buech bezoge gits es paar so hauptthemesträng, de eint wär zum biischpiel arbeit, wieso mon ich überhaupt entscheide isch öpper in arbeit oder isch er arbeitslos, was … wieso wieso isch das relevant und vor allem wer ver¬langt denn die iiteilig und was macht me denn us söt¬tige us-usschlüüssende äh betitlige und so gseh isch s’«normal» eifach en hiiwis druf, ganz klassisch ver¬stande, dass es natürlich so öppis wine für alli geltendi oder gültigi-i de?nition vo läbe git aber innerhalb vo däre isch glaub ich eifach no zimli sehr viel möglich und das d-tunkt mich, das vergässed d’lüüt amel so bitz und drum hani gfunde, jo me cha’s jo eifach mol säge «normal» isch, isch eigentlich alles, wo innerhalb vo däm abgsteckte normal au no platz hetti wil es git jo hüt eigentlich kei so strängi verbot meh was me alles nöd dörf und trotzdem mached sehr wenig lüüt, ?nd ich, irgend öppis e chli äh usserhalb vom … gsel¬lschaftlich erwartete mainstreamverhalte. aso normal isch eigentlich e uffforderig zum innerhalb vo dem so¬genannte spielruum eifach alles mache, wo goht. aso eigentlich ebe nöd das z’verloh und säge ich mach’s am rand oder ich bi exklusiv oder ich bi äh bohemien oder ich bi elitär sondern umgekehrt säge: log, do, moment, geil, ländler, volksmusig, total im choh, aso: mache mer. mache mer ländler. morn, jede, alli bilden¬de künschtler, alli schriftsteller mached mol ländler, ihr fuhle säck. aso so normal, aso nöd nöd immer do irgend en joohh en insle go sueche, wo me denn no cha irgendöppis mache wo denn sowieso niemert meh wött und cha bewärte wil me sich sälber der¬masse an rand use stellt, dass es au unerwünscht isch, dass de konsument denn e stellig abgit, so. und jetzt innerhalb vo dem buech gohts eigentlich nu um de arbetsbegriff uf de ober?ächi, aso was isch arbet und was isch kei arbet und wieso isch die unterscheidig so wichtig. und die haupt?gur seit denn eifach, glaub ziemli früeh scho mol, ich ha eigentli keis problem mit de arbet, ich bi durend äh underbeschäftiged sogar. aso vo de gsellschaft här betrachtet isch die person quasi isch nümm erwünscht, dass er emene greglete job nogoht wil er kündet isch worde aber dur da isch er nöd arbetslos sondern eifach underbeschäftiged, wil er denn halt die struktur verlüürt, aber z’tue het er aso im alltag immer no gnueg und emp? ndets denn nid als weniger interessant eifach ähh i sim private umfeld ähm z’schaffe. gründet denn e sekte, da git sehr vil z’tue, mosch zerscht mol alles er? nde was de inhalt isch, mosch mitglieder wärbe, aso do wird denn so mol vor auge gführt, dass de arbetsbegriff extrem relativ isch sobald öpper denn eifach mol aafangt und seit: log mol, siebni drissg, ich chan aafange, ich chan jetzt drü stund lang am erschte kapitel überlegge vo minere sekte. de tag goht verbii und de isch alles an¬deri als arbetslos aso … und da isch vilich so chli uf de ober?ächi s’thema gsi i dem büechli. 
das büechli isch eis vo de verständlichschte tegschte, säg i etz mol, im ganze schaffe bis jetz, wür ich so betitle und es git en uussag i dem büechli, wo heisst «es gibt zwei möglichkeiten, sich den hä-herausforde-rungen stellen oder sie nicht annehmen. beides ist ein¬fach.» das isch en satz vo dir und dorothea dieckmann het i de nzz gschribe «stauffer IST eine herausvorde¬rung.» und tatsächlich sind dini tegschte nid sehr äh liechti choscht, de gsamtzämehang, so schiints mir, vonere gschicht cha no äh äh schnell us de auge ver¬lore gange wärde. (haha) ähm hesch du mängsmol s’gfühl, dass du, beziehigswiis dini tegschte missver¬stande wärded dur das? 

neiiihähä. 
hesch du mini frog verstande? 
die han ich beschtens verstande. aso ich ha nid s’gfühl 
– gimer no chli wyy – gange wordenisch … verlore. nei, do han ich nöd s’gfühl. ich ha s’gfühl, es lesed gar nid so vil lüüt die tegscht als dass me do vonere statistische ver-verstoh-worde-sii und nöd verstoh-worde-sii chönt rede, wil da möstisch jo irgendwie möstets emol drühunderttuusig lüüt läse bevor das überhaupt e relevanti frog wär, jetz für mich. ich ha s’gfühl, die paar tuusig, wo das gläse hend, die die hends durchuus verstande. ich weiss halt nöd, was die hend verstande. aber ich denke nöd, dass die öppis missverstande hend, die-ähhhm ich trau dene läser eigentlich jedem läser wo überh… aso: wo list, und nöd nu luegt – trau ich eigentlich scho zue, dass er öppis verstoht. ich cha au gar nöd bewärte, wie dass me jetzt zum biischpiel das buech … ich ha natürli sälber läsepreferenzä und düütigspreferenzä was de tegscht aagoht aber die sind genau so privat wie wie pfrau dieckmann i de baz do irgendwie nei i de nzz das het iigordnet … ich ich ha jetzt nöd gfunde, dass sie äh do fehldüütige het fabriziert, überhaupt nöd. ich glaub ander läser au nöd, aso, nei. d’antwort isch eigentlich: nein. 
sehr schön. aso i mue säge, i ha scho performänses mitübercho ähm und i ha scho ähm hörspiel am radio ghört, wo n’i nid ha chöne wiederhole, wil sie grad laif cho sind, wo n’i durchuus müeh gha ha mit de zyt zum merke: um wa gohts eigentlich, wil: die einzelne chliine einzelne parzelle so wunderbar beschribe sind, dass me sich drin verlüürt – in wohlwonne, und zmol isch fertig. 
jo guet, bim radio isch halt s’problem, dass die sän¬debeschränkig hend, ich wür äh ohni problem chöne e zähstündigs hörspiel mache, aber im moment fählt glaub do de sender eifach au – weiss gar nid, was alles fählt, dass’s uusstrahled denn – aber, mein, dasch klar, da isch e sändebegränzig und denn entscheidet me eifach: jo guet, macht me jetz öppis gschlossnigs nu, wil die sändigsbegränzig vorhande isch – mach ich im normalfall nöd, ich mach eifach meischtens denn noch minute füfefüfzg oder wenn dases mue sii, da isch je noch sänder unterschiedlich – es hört meisch¬tens relativ abrupt uuf, da isch immer so, aber da söll au zeige, dass – dass ich jo nöd dä bin, wo die sän¬degfäss disainet. aso das ?nd ich eigentlich ähm nöd erstuunlich, pfrog isch halt denn eifach was das mit em hörer macht, wenn er denn fruschtriert isch – jo 
– denn isch das nid mini absicht gsi, hingäge wenn erdänkt: jo guet, vilicht chunt jo wieder mol öppis vo däm, denn lueg i, öpps denn döt irgendwie andersch uufhört oder aso wemme so e gwüssni spannig offe loht, ?nd ich das nöd so tragisch. s’chliiteilige oder s’fragmentarische, han ich s’gfühl, da isch e reini tre¬ningsfrog, aso wenn jetz du würsch alli mini hörsch¬piel amene samschtig oder amene wuchenend hinde¬renand lose, hetsch, würsch viel meh mitübercho, wil au öppis würsch drüber erfahre wie’s aso wie’s gmacht isch über pform und wennt susch halt leider oder zum glück nu deäräseiszwei undsowiiter ghörsch, wo sehr linear schaffed, denn isch klar, dass’s e chli en happi-gäh-ähm wohrnämigsuuftrag isch an einzelne hörer, efffentuell, aber ich glaub, au döt isch’s sind d’lüüt 
– aso me möst halt de lüüt vilicht säge: chinde, möndnöd äh, dä fritzli, wo etz do au i de erschte szene ch¬unt, de chunt denn nüme, muesch, münd nöd warte, isch nöd schlimm, dä, dä chunt, vilicht isch er gar nie choh gsi, vilicht isch er irgendwie ähm kei ahnig, nu no e so nes protokoll vom fritzli gsi, aso me möst vilicht halt i de moderation öppis säge. me mue nöd säge: jetzt kommt die kriminalgeschichte vom herrn stauffer, und den wird kein fall glöst, denn isch na¬türlich fruscht. aber do isch hüü? g eifach d’iibettig, wo falsch gmacht wird vo, vo de uuftraggäber, wil’s sälber jo au nid, die losed’s jo vorhär au nöd würk¬li dure und überlegged sich öppis do wird irgend e standardmoderation gmacht und wemme glück het denn dott zum biischpiel de reschissör no chli über¬legge wie chönt me das iileite aber wenn jo de aafang scho verpasst hesch offebar denn han i s’gfühl äh denn hesch es i dem sinn richtig glöst dass’d eifach die einzelne teili hesch wohrgnoh und fertig. wil meh bliibt jo denn au nöd. ich wür eifach behaupte, wem¬me s’ganz wür lose, ?nd’t me durchuus e möglich¬keit dur die motivverchnüp?ge oder dur die formali ähhm relativ stringent ghandhabti art wie das gmacht isch irgendwie scho möglichkeite zum das als ganzes wornäh. glaub ich. aso es sind uf jede fall, ich mach’s eigentlich amel so bim mache. wie dass das würkt, ich ha würkli s’gfühl, s’isch e träningsfrog. wil äh es isch jetzt eifach so im moment no dass das lineare do irgendwo obwohl jo jede scho im internet und zwei händy und drü email so fragmentiert durs läbe goht, dass’s vilich, dasch vilich au en vorwurf a mich sälber jetzt vo mir formuliert, dass es vilicht denn au nöd so 


interessant isch, de alltag denn nomol abzbilde. das cha me als kritik durchuus bringe und ich, s’chönt au sii, dass ich linear wirde wil, wil d’gägebewegig vilich denn gliich au interessant isch oder so würkli das direkte und nohvollziehbare, dass me vilich möst uufhöre mit dem eigentlich de alltag, ich, eigentlich isch jo das alles total ähm naturalistischi abbildige, die, die fragmentierige und das dsdschzettlette und zerstreute. vilich wär das e kritik. chönt no sii, i weiss jetz gad au nöd so gnau, vermuetlich scho. möst me mol untersueche. 
also vo mir ischs keini gsi. 
nei, aber vo mir sälber a mich. als frog efach. 
guet, ähm, im im letschte bändli, band, het’s im titel sogar gheisse: so lebt ein arschloch, du bist ein arsch¬loch. ähm, du gosch nid gad sehr zimperlich mit de sproch um, wemme das so cha säge ähm verfolgsch du es konzept demit, mit dere art vo, vo sproch? 
atasch jetzt eifach ähh-en buechtitel, usep? ückt us ganz vilne andere sätz, wo n’ich au scho gschribe han. und natürlich het de titel e funktion, me mues dezue säge, dass das buech eigentlich wird so äh iigleitet, dass es e frau isch, wo das gschribe söll ha. und im normalfall isch denn genau de re?ex ebä, dass e frau denn no arschloch und so direkt und denn no du bist eines ddtsowieso nid wür mache aso da isch eigent¬lich e schpiiel gsi au wieder zu de frog: wieso traut me wem wafüre direkti oder undirekti sproch zue. und so gseh isch das es konzept gsi, natürlich, en bewusst gsetzte titel. s’zweite, wo interessant isch, dass’s buech isch i de ich-form gschribe als frau und die tuet im titel scho öpper aaspräche und natürlech het’s denn leser gha, wo sich als arschloch hend ver¬stande und denn nöd hend chöne läse und sich bim autor beschwärt hend, aber do chan ich leider au nöd vil mache, also dododo muenichs denn irgendwie jo wenn ich jetzt i de zytig lisähm, kei ahnig, ich ha jetz leider die hütige zytige, hesch eini do? 
nei. 
haudämdo irgendöppis wo umeliit. aso wenn ich jetz do, was isch das? 
d’wältwuche. 
wenn ich jetz do läse: neue blütezeit, als titel, denn chanich als läser das jo au persönlich näh. denn chönts heisse: ich bi leider nüme ide blüetezyt, jetz chömed ali, wo neu ide blüetezyt sind, das heisst, ich bi ver¬blüet, aso du chasch jo us jedem titel ähn direkte aa¬griff mache uf de, wo’s list, nu wenn natürlich s’du drinstoht, denn isch’s natürli insofern per? der, wil¬wil denn über das pseudodialogische de leser denn scho irgendwo halt uufgforderet isch relativ gly stellig z’näh wo isch är i dem buech unta ?nd ich eigentli nöd verchehrt. aber wie me mit dem umgoht – kei ahnig, aso do gits ebe sehr unterschiedlichi denn vo de leser. ich gang susch relativ gmässiged no um mit sproch, ?nd ich, aso ich bi nöd en fäkaldichter oder sonen chraftuusdruck…fetischischt, ich ich bru¬uch die wörter, wenn’s sinn macht, aso wenn jetz s’?uechalphabet, wo anderi autore auscho gmacht hend, oder äh irgendwie uf sibenenünzg arte di gliich person beschimpfe, denn isch das au wieder eifach e form undund denn chame denn isch’s halt so wenn i wött über ?uechwörter schriibe, macht’s denn kan sinn, die nöd z’bruuche. aso ich glaub, s’isch da isch eifach en titel gsi unund de het en sinn gmacht und fertig. unim buech sälber chömed nöd wahnsinnig viel chraftuusdrück vor sowiit ich’s in erinnerig han … glaub ich jetz … nä-äh. 
es schiint mer, du schöpfsch us ere wahnsinnige fülli, gits bi dir situatione wosgfühl hesch du hegsch so öppis wiene schriibblockade? oder hesch es mittel degäge, wenns überhaupt hesch? 
nei, i ha eigentli eher sumgekehrte problemeh-he ich han ähm … ich mö ich mos meischtens moni eher luege dass dännäh wenn i a öppisem bi dass i denn nöd wieder vierezwanzg anderi sache ascho aafange aso sisch eher … mer chunt eher zviel in sinn und denn momes halt bündle uf eis projekt. aber denn zum dem e chli entgoh mach i halt parallel füfsechs projekt wil denn wemme merkt, dass irgendwie wie¬der abschweift denn goht me eifach is andere wos … wos etz grad nötig isch sich so und so und so zverhalte und drum sind die dinger denn relativ churz bis jetzt isch aber nu en arbetstechnische ähm das chame au ändere aso das wird jo au ändere irgendwänn wenn i mol luscht ha es johr pro projekt zschaffe und nöd imene johr sechs projekt zmache dasch nu … da isch e momentani arbets-äh wie seit me arbetstechnischi … irgendöppisarbetstechnik. arbetsprozess. schriib¬blockade zum umgoh chame jädasch relativ simple asobitz eifach die gängige kreativtechnike und denn het me da eigentlich i zwei minute. 
wie zum biischpiel? 
joohh, denn schriibsch do mol irgendwo machsch ir¬gend sone tabelle und denn schriibsch obedrüber … äh leute, die ich hasse, leute, die ich liebe und hine no e farb. denn: achtungfertiglos unn füllsch die tabelle uus und denn hesch hesch mindesch aso wenn zäh ineschriibsch, zäh hasser, zäh lieber und jede e farb, denn hesch mindeschtens zäh churzgschichte. aso do gits eifach so … äh … au i de werbe-äh-bransche absolut etablierti ahh: brainstorming scheisse oder as¬soziationstechnik oder variationsschpiieli, aso ich habe hunger, mein magen knurrt und denn zäh variante zuemzum biischpiel äh mir fehlt etwas im bauch, da ist ein loch, äh ich schon lange nichts mehr gegessen, äh, leider riecht es hier nach bratwurst und plötz¬lich das goht so schnäll oder und denn hesch scho wieder däetz us dem chasch scho wieder jo chasch scho wieder es minihörschpiiel mache aso ich dasss glaub nöd es problem. s’grösser problem gsehn ich eher denn im … aso nöd etz im kreative prozess son¬dern nacher us dere vielfalt wo eim do zuefallt eifach streng uuswähle und denn a öppisem sich e bitzli zäh uusbisse und denn snögschte näh da isch eigentlich ?ndich s’schwierige aso p?lterfunktion isch für mich äh di aasträngender als ideäzueloh i chaaso duurend mir chasch do … 

ideä zueloh, heisst das, das chunnt vo inne use oh¬oder gits do au sache, wo dich vo usse her äh oder was was inspiriert dich? 
jo beides aso ebe wenn jetz das schpiieli nimsch mit de liischte die menschen hasse und liebe und e farb, denn isch jetz quasi vo vo mir her vorggäh gsi, die tabelle zmache und natürli füll ich die denn mit reale persone n’ab. aso, wo ich hass und pfarb isch denn vilicht au wieder irgendwo us em us em unbewusste wo denn irgendwie passt oder vilicht gsehni do uf em tisch alli farbe schriib die eifach ine, es het jo niemer gseit, wohär die farbe mönd choh aso das meini mit zueloh du muesch jo nöd immer me mues jo nöd sich sälber immer iigränze und smached äh-äswird jo sowieso gmacht aso daisch jo nöd sproblem dass’s ähm wenn ich nöd wött wird ich duurend jo zruggbunde und ich ?nd eigentli spannend a dem pruef, dass me eifach mol cha säge: nei, äh do het jetzt gar niemert öppis vorzschriibe ich cha wenn ich mir säg farb uufschriibe sgit niemer öb ich etz eifach i däre chuchi umelueg und denn so tue als wäred mir die alli iigfalle oder öb i säg alli farbe wo do nöd sind schriib i uuf dasch völlig äh aso dött äh-isch denn äh für mich so chli darbasoddähm d’qualität vom schriftsteller, dass er ebä merkt, wo … wo lue wo sind ’begränzigsfallene iibaut wo’d eigentlich nöd mosch wohrnäh. 
aber wenn du dich sälber begränzisch, das cha jo au es qualitätskriterium sii. 
jo, da muesch jo denn bim überarbeite, chasch jo nöd jedesmol wieder jo etz wött i gliich no dass dä i d’ferie goht und denn nu wil etz gad irgendwie ? ndsch johh etz interessiered mich alli feriedeschtinatione, wil do e sone schöni charte i de chuchi ha denn chani nöd eifach jetz das kapitel wos nu drum gange isch dass dä wegg isch us dere stadt nachene achtenünzg siite drüber schriibe, woner überall scho gsii isch. aso das goht jo denn nöd dött muesch natürli äh prioritäte setze was was etz für de tegscht wieso worum genau adäquat isch nnt die private re?ex denn zruggbinde jo. aber … s’dunkt mi au nid soo schwierig aso das es isch halt denn so chli e konzentrations und e und en energiefrog isch natürli denn scho aasträngend de ganz seich aso das züüg überarbeite isch eher ähhpffss zum chotze müesam sehr oft aso das het überhaupt nünt luschtigs. wil jo smue halt denn 
wilsch drüber rede? 
nei, disch äh, chmein en zahnarzt ?ndt jetzt au nöd zum hundertschte mol zah vieredrissg äh weisch es loch mache irgendswie au nöd umbedingt zum hun¬dertschte mol luschtig aber du musch halt denn de ehrgiiz entwickle, dass jedesmol guet zmache und denn isch en pruef geil und susch isch er eifach scheis¬se, da isch für alli prüef han i s’gfühl so. dasch nöd ehm do gitz kei unterscheidig zwüsche kunscht- und sogenannte nichtkunscht-prüef. 
es isch ganz düütlich, dass männer innerhalb vo de literatz aso vo de schwiizer literaturszene äh e vil, vil stärcheri präsenz hend als fraue. a was chent das lig¬ge? … oder tüüscht de iidruck? 
nei, de tüüscht natürli nöd aso wemme wemme wemme do zellt, erschiinige und so, denn chönt me scho uf de gedanke choh, nu ähm … ich weiss gar nöd, öb das so interessant isch, das z’beobachte. me chönt n’türlich mit dem ganze tschender- äh vokabu¬lar irgendwelchi herleitige mache wieso pfrau weniger beachtig ?ndt aber das ä mich dunkts nöd so wahn¬sinnig relevant wil ich ha s’gfühl männer’det genau e so benochteiliget oder gschnitte oder nöd wohrgnoh wie fraue und öbs etz i dem pruef bsunders wenig git, wo öppis chönd oder bsunders vil männer wo s’gfühl hend, sie seged öppis und eifacht ähmmittere viel grössere mhh-mitteme übersteigeretererere selbscht¬bewusstsii do eifach anestönd und nn eine obenabelö¬nd, das isch möglich aber ich mein, es susch schriibt jo au öpper über das me möst die lüüt froge wieso schriibed ihr nu über männer oder wieso äh mached ehr immer, wenn es frölein wieder es stuck macht wie¬so dönd er s’frölein denn weisch in ganzkörperbilder abbilde und nöd eifach nu de chopfoder? ich mach zum biischpiel immer we-bi so fotene mach i immer meischtens wenn’s goht und wenn is cha stüüre, mach i eini, wo lächerlich isch und da macht zum biischpiel en mah jo nie oder e frau sött ebe au mol säge mir vo mir gits nu de chopf und nöd ich leg mi no schö a und hock no in ligistuehl oder ich tue so i de wohnig so mittem m-n-ich weiss es au nöd ich … jo aso, ich ha s’gfühl, eses wär’d meh gueti autorinne ume, es wäred aber genau so meh gueti autore ume, wenn wenn öpper das wür interessiere jetz mueme eifach überlegge, wieso interessierts niemer, das weissi etz gad au nid uf d’schnälli. 

hani scho erwähnt, dass es no föteli git? 
vo? 
vo dir. 
aso, wome no mo mache? nei. 
guet. aso du hesch au d’möglichkeit, dich no irgend¬wie lächerlich – vilicht i mim lääre chüelschrank. 
vorem lääre chüelschrank. ähm wartetz was chöntme do no schlaus dezue säge. aso du hesch es jo sälber gseit: vermuetlich isch en teil devo au e frog vo de wohrnehmig. und s’andere isch, dass es vermuetlich scho wemme das zellt mit buechtitel und allem, dass es do en ungliichgwicht git. glaub ich au. aber wieso dass das so isch, wür ich mir etz nid amasse klar ds het alles tradition und goht lang zrugg und wer het gschribe und wer het nöd gschribe aber … es wär eigentlich alles nüme so nötig, ?nd ich die-un die un¬terscheidig söll eifach mue eifach guet si und denn isch eigentlich mir persönlich als läser völlig gliich, wär’s gschribe het. aber ich glaub, die meischte läser funktioniered nid so, die wänd sich scho äh mit öppr 
– aahhh vilich möst vilicht chönt a si, dass meh frauebüecher chaufed und denn, falls m’etz devo uusgoht, dass de normalzuestand heterosexuell isch, denn halt dr d’es objekt aso di begierde uf-ff de schriibende, wenn etz meh fraue büecher chaufed, wär jo denn klar, dass meh f-männer mösted liefere. aso irgends¬wird irgend so öppis si. natürlich es gsellschaftlichs problem und nöd es qualitätsproblem glaub ich. und wär dass das entscheidet das sind ali, aso da mue jede nachene halt säge guet ich verlieb mich jetz inen maa. als autor. ichauf nuno männer. oder ich nuno fraue oder kei ahnig und denn änderets scho aber ich mein do so wiit dänkt jo nie öpper, dasch s’problem. 
drum dänked mir etz emol sowiit. 
da isch guet. 
tuesch du dich uustuusche mit anderne autore. ? ndet do öppis statt? 
jo, minimal, sägemer dem mol. ich ha relativ wenig äh … aso sägemers so ich ich kenn läbendi autore relativ wenig wonich s’gfühl ha die sind a öppis ähnlichem dra wie n’ich und drum isch halt denn de uustuusch nöd ähm … nöd sehr intensiv wil me as-ichha ich ha dene nüüt z’säge und ich mich interessiert aber au nöd was die mached aso würkli nöd, ich ähm mein jetz au nöd negativ aber zum teil sind lüüt a sache draa, wonich kei ahnig ha wieso wär wär interessiert’s wieso wieso jetzt wieso das johr wieso überhaupt und anderne lüüt gohts mit minere genauso und drum äh ?ndet de uustuusch högschtens denn aso politisch na¬türlich statt wä-wo chame sich wie äh üssere, damit’s wieder so uusgseht, dass me denn und so wiiter, aso di ganze lobby-arbete macht me zäme susch wär me jo blöd. und me hilft sich au so guet s’goht. und denn isch aber natürli au sehr gli wieder fertig wil jede s’gfühl het, de ander fräss em andere über de hag oder aso s’isch immer so. eigentlich isch de uustuusch gar nöd möglich, richtig. 
es git jo sit januar e plattform für kreative spruchsproch¬gebruuch beziehigswiis äh sprochlichi kreativität na¬mens engelskollision.ch ich weiss nid, öb sie scho hört hend devo, herr stauffer. was würdet sie erwarte vo sonere plattform, dass sie sich rege würdet dra be¬teilige? 
asssäg mer mol de titel. 
engelskollision. 
nei, de funktionstitel. 
für ehm kreative sprochgebruuch. 
plattform für kreativen sprachgebrauch. aso do möst me zum biischpiel halt zeige, dass do, was i de schwiiz lauft, extrem mehrstimmig isch aso me möst zum bi¬ischpiel theme vorgäh und denn füfzeh unterschlichlü 
– schlichleti lüüt, füfzeh unterschiedlichi lüüt zu demeinte thema lo schriibe und sogar au formal irgendwie so schlau uuswähle, dass me wüsst, de cha nu so, de tott nu so de tott immer aso dass das eifach näben¬enand gstellt wird. aso ’s mösted immer chlini einheite und vil autore am gliiche öppisem aso me möst so ver¬gliichsmöglichkeite herstelle, das isch eigentlich han ich s’gfühle de kreativität am förderlichschte wemme gseht, jede chunt e uufgob über mach en kork in-n in e ?äsche, isch eigentlich banal, und denn logsch emol, achtungfertiglos, füfzeh lüüt näbedenand und denn gohts aber los und d’uufgob isch es dörf’s kein andersch ma-äh gliich mache wie de vor ihm. und so öppis möst sone plattform härstelle oder sie möst pf¬äh in frog stelle öb’s ähm … öb’s … öb’s zu eim thema nu ein autor git oder öb me nöd au chönt so situati¬one härstelle, dass füfzeh autore mönd sehr kollektiv a öppisem umebaschtle, das fänd ich interessant, aso dasses wie, aso du er?ndisch äh-ähm im prinzip es soap- oder serie-setting, wo’s denn füfzeh ? gure git, unn’ nachene wärdet lüüt uufgforderet, innerhalb vo somene ds chame jo alles guet animiere ufem netz aso nöd gad in second life aber dass eifach dass me so ähm aso dass de autor als eigentlich viel anonymer plötzlich uuftritt und me nuno une en abspann hetti: an dieser szene haben mitgearbeitet a-be-ce-de-eh-äf-ge und denn une hyperlink oder ah irgend en link wo denn s’ganze wo-d’protokoll wo’d jede chasch zruggverfolge jede autor jede furz jedi korrektur aso so sichtbar mache vo prozess fänd ich zum the-ama kreativität eigentlich wichtiger und nöd so sehr eifach fertigi und wieder n-äh irgendwie beliebig gsamm¬leti tegscht fänd ich etz nöd so interessant. aber ich mein, do mosch zersch lüüt ?nde wo’s wänd und denn isch’s leider halt au en geldfrog wil du hesch ehm im¬mer s’problem dass es so forschigsuufträg eigentlich ischs en forschigsuuftrag me möst für so es für so e plattform möst me nationalfondgälder äh züche für tegschtgenese oder e so. irgennwie zäme zum biischpiel mit em literaturinstitut müst me irgend en blaascht er?nde und denn chönt me do abzügle oder mit de ha-ka-be zäme aso ich gs i gseh dött gsächt ich möglichkeit und denn mosch ein abkommandiere wo’s leitet und wo äbe die uufträg er?ndt und d’lüüt aaständig zale und denn wird’s e super sach. und susch hesch so klar du ? ndsch scho lüüt wo motiviert sind öppis priiszgäh so wie n’ich oder wie de herr vorane oder wie vielich no hoffent¬lich noch mir füfzeh aber viel lüüt hen hend eifach au kei … die gsend de nutze nöd vo vo sache öffentlich oder oder sägemer jetz … jo sichtbar mache nöd wil d’ich mein s’hilft mir sälber wenn ich drüber nohdän¬ke und eme andere wo vilich schscho sit zäh johr a somene seich umegrüblet de gseht: aha, de – ah soo macht de da-aso denn denn het wieder ein es problem weniger oder aso me möst sehr en offni unzensierti üebig wärde und me möst d-de begriff vom autor eifach total abebräche. unn’da isch natürli schwierig oder. und susch äh wirds schnäll hani s’gfühl ähm au eifach e hypothese, wie’s so vieli scho git uf em netz. und ich ha nüt gäge hypothese aso sind au guet. 

ähm-mir chemted zu de zweitletschte frog du bisch letschts johr ä-häm humorfeschtival in arosa uufträt¬te, wie isch’s dezue cho und was ähm isch das für en erfahrig gsi? 
(1. versuch)aso entweder het öpper schlächt rescherschiert oder s’isch e fangfrog – ich-hä-häm-ha-ham humor-hafeschtiva-hal arosa no nie i mim läbe-hem uufträt¬te, ich wür aber dert extre-hem gern uufträtte ähm jo meh chan i dodezue nöd säge. ich glaub eifach e fählimformation. oder monich us dere behauptig öppis mache? 
nei-ih s’isch äh isch äh – nu mol luege, wa’d, wa’d seisch. 
(2. versuch) nochvertoonig frog 12: 
herr stauffer, sie sind letschtz johr am humorfestival in arosa uufträtte. weisch’s dezue choh und was isch das für en erfahrig gsii? 
asocho isch’s so ich ha ähm vor zwei johr hanich am a de unicef-night für äh ähm für tschernobyl-opfer han ich de patrich frey troffe unnte patrich frey hett en tegscht gläse wo n’ich als absoluts plagiat ha g-outet und ich ha’s aber denn niemertem gseit ds hanem ihm privat denn gseit dass ich’s relativ billig hegi gfunde aso isch würkli en ich weiss jetz nümme en jandl¬tegscht oder susch eine, gaaanz minimal variiert gsi ’nnd isch e riese lachnummere gsi und de frey git sich jo susch als kunschtkänner und macht au gueti büe¬cher und au als herusgäber vo künschtler wie ? sch¬liundweiss hett er doch en leischtigsuuswiis han ich ihm eifach gseit: sie, herr frey, ds ?nd ich jetz eifach e chli unluuter, was sie do gmacht hend und denn het er gseit jooh, ich seg etz de erscht wo’s ihm sägi aber ähm er wär froh, wenn grad so im rahme vo unicef nöd irgendwie er möst mit plagiatsvorwürf und so und denn hani gseit jo, isch guet äh machepmer eifach so, du hesch en schtei, aso ich ha nen schtei im brätt bi ihne. denn seit er jo, isch guet, nachene han ich’s irgennwie vergässe unnt zwei johr spööter lüütet de frey aa und seit er seg i dere programmkommission vom drs e-sch-s wie bim salzburger stier dot s’drs eis s’paar pfärd is renne schicke. und bim salzburger stier goht’s ähm irgendwie nöd wil, wil döt de programm¬äh aso i de uuswahl wie heisst das, i de jury dä döt chaners nöd und de frey de isch denn i dere aroser jury eifach relativ massgebend gsi und het eifach dene gseit er wüss no öpper. guet, s’dumme isch denn gsi ich ha denn no möse en tegscht iireiche und i wil’s übertreit isch worde hends welä jo aso s’drs und au s’schwiizer fernseh macht mached eigentlich null risi¬ko du musch also as autor wenn du a sones übertreit¬nigs fescht wahl(?) musch du mit de redaktion vorane … nnjo ao eigentlich muesch en deal mache dass’d genau de tegscht bringsch wo sie vorane gseh hend eifach wil susch mönds cho wenns life isch und denn musch unterbräche und denn chunt eine und macht irgendwie öhhuaäöh blocher wix der eis. guet, denn han i sonen tegscht gschribe über de denn han ich dänkt arosa: jo da isch doch döt wo de wo de danuser tourismusdiräkter isch und da isch denn eigentlich de witz gsii, ich ha würkli gmeint, eh-er se-heg z’ha-rosa han en ziemlich en guete tegscht über de danuser gschribe ah-aber de-he ih-isch tourismusdiräkter vo sankt moritz gsi. und so gseh isch de biitrag extrem guet aacho, wil die hend natürlich alli gmeint, ich heg das extra gmacht. drus worde isch überhaupt nüüt aso s’het weder en folgeuuftrag no irgendwie sfdrs-jobs gäh, die hend d’s irgenwie alli so chli gmerkt, dass do öppis i de nominierig faltsch gloffe n’isch und ich glaub si hend a gemerkt, dass ich zwenig ernschthaft ha probiert humor zmache wil das isch au es merkmol vo schwiizer humor me mo sehr ernschthaft humor mache susch … 

hend sie hend sie bluet gleckt, heisst das, sie tönd ihres portfolio ihres genre-pro-portfolio erwiitere ähm um humor? 
aso fernsehhumor nöd, wil … 
sind sie überhaupt, hend sie humor? 
ich ha extrem viel humor, eifach fernsehhumor ? nd ich insofern schwierig, dass ebe du hesch en uhuere maschine wo wo eigentlich zensiert und ds züüg begleitet un-nd döt gsehn i eifach aso etz für mich persönlich kei i-ich kenn niemerd aso wenn ich etz ebe wenn de frey jetzt het gseit: do dini sendig heisst «stauffer late night» sofort, oder? aber denn mönds mer eifach es team gäh und e beliebigs setting won ich feschtlegge und denn wird gfahre aber ich mein das isch so unwohrschiinlich, dass do öpper uf d’idee chunt mich z’froge dass ich dänk, au wenn ich etz bluet gleckt han, das isch eifach unwohrschiinlich dass das iitrifft. 
falls sie mol «stauffer late night» überchömed ähm ich wür gern de herr feuerstein oder de herr antrak spiele. 
han i etz vorane au scho dra denkt aso es möst natürli so öppis möst so e gege?gur ha wo do hinne irgenwie weiss nid wa macht. 
ähm, le-hetschti frog hä-wär hemgsi, ähm: gits, he-tisch du scho gärn e frog beantwortet wo dir bis jetzt leider no nie öpper gstellt het. wenn «jo»: weli und wie luutet d’antwort? 
johh-jessesgott. d’antwort lüütet uf jedefall nei, und pfrog möstme jetz no ?nde: trauern sie nicht gestell¬ten fragen nach – antwort: nein. 
churz und bündig herr stauffer ich dank ihne herz¬lich für das gsprööch, wetted sie no öppis aafüege? nomol öppis? 
nomol, nomeh aafüegige? n’äch ?nd, me sött esött isch guet, mh-mos mh-mos möglischt viel eso … jo, aso wa me chönt mache, isch eifach die eifach würklich e wörtlichi transkription vo dem ganze theater wil das ähm so au suechbewegige wür sichtbar mache und und eifacht pfunktion vo dere schriftlichkeit e bitz in froog stelle bim wiedergeh, das fänd ich no en, isch eifach en hiiwiies isch jetzt nöd äh. aso eifach zum thema interview. wil da isch au en extrem künschtlichi form un-und es wird denn meischtens immer und zuegschpitzt was ich natürlich verstoh, wemme jo wemme als schriftliche tegscht wöt äh irgendwie luschtig ?nde, denn mosch jo aber andrersiits chame jo absolut unzuemuetbaari inter¬views veröffentliche wo, wo de wo pfrog liest irgend¬wie nöd cha läse und de wo antwortet irgendwie au ändlos aso – i ha s’gfühl, dass i – aber da isch halt wieder mis hobby vom performatiive, aso dass me de geschtus vom interview au abbildet und nöd eifach nu d’funktion interview äh ernscht nimmt aber … da isch meh persönlichi neigig. aso me chönt jo au drü fassige irgendwie aso quasi eini interview – wie heisst die ?rma – abstract interview, denn eini, äh so wie de interviewer eigentlich s’gärn het gha und denn eini, wie’s würkli gsi isch, aso so komischi mehrschichtig¬keit was halt im netz eifach möglich isch, oder. aso so züüg fänd ich scho schpannend etz au no zum thema kreatives wie het’s gheisse plattform äh sammlungs. aso möglichscht … 
kreative sprochgebruuch. 
me möst au viel unfertigs sammle. unme möst etz au zum biischpiel s’thema wie mach i jetz us dem mundart äh interview w-wie chunt etz das ufs hoch¬dütsch. aso das fänd ich etz zum biischpiel eigentlich s’interessantischte am ganze, für mich persönlich aso etz nachene z’gseh, macht eine äh thurgauer transk¬ript, was ich super fänd (gern geschehen ;-)) und denn ebe so wörter wie ’ch has jetz scho wieder vergässe eifach zum biischpiel ah doch: mittelwort zwei äh eine banane ässend … eifach so züüg wo nöd goht oder au so versprächer äh irgendwie satzbau nöd uufgoht oder die halb abgläsnige froge wo me denn glich no so übersetzt worde sind so züüg fänd ich super. aber ich mein jo, denn, ich cha-halt vielich no s-sch e frog a d’betrieber vo dere siite no stelle: was was jo was denn was denn eui äh idee hinder dem isch das chönt me au no dri näh. oder dini. 
do mömmer vielich mol pause drucke-hä-ä. das goht länger. 
nei, mir chönt’s jo uufnäh, vielich isch für betty au interessant. 
es isch anundfürsich bettysiite, es isch es isch äh äh freud äh freudsiite irgendwie us freud a-ah sproch allgemein und wetted öppis demit mache. 
aber hesch denn du weisch jetz bim wiiterüberlegge, aso wär, wär denn do söll mitmache chöne. aso ich ich ha s’gfühl, eis ding isch würkli, me mo sich äh trä¬gerschaft überlegge, relativ zügig, wil susch, ’chmein du hesch es bisness, sie au – unn klar äh dasch etz quasi e schtund – macht hundertfüfzg, abtippe vier stund, sechshundert, ich chum gratis, nomol sechs¬hundert – aso hesch eifach pro interview eigentlich chöschte vo drü tonne. und ich säg nöd, dass me die nöd nöd äh eifach cha is blau use mache, aber s’problem isch nachene bi dene üebige d-es-soöppis mos jo e riese huere date datebank här völlig sinnlos und irgendwie über jahrzehnte go und irgendwenn wirsch eifach es zytproblem übercho scho nume das züüg z’aktualisiere und döt möst me da würkli scho i de aafangsphase en verein mache oder irgend anen seichverband aneträtte, weisch wo seit, doch, ’sch¬wichtig me mo-s-weissnö, schriftstellerverband, oder ich weiss etz gad nöd, bi etz nu am phantasiere, wül … ich kenn extrem viel so initiative, wo öppis aazettled und und klar ischs netz denn billig i däm sinn un-n gäbig aber wenn wenn nüt es bruucht jo glich arbets¬zyt jetz zum das härstelle. ich ha mer jo für die eiget websiite au scho jeenschti äh-überlegige aagstellt, wili eifach merk, weisch, wenn wenn ich nüt mach, denn sind d’lüüt hässig, wenn ich viel mach, denn hends freud, aber die stunde, won ich döt inebuttere und das isch würkli mini siite isch extrem zueverlässig, es het sekundärtegscht es het es het immer querverwiies uf-f tegscht wo du chasch nach äh beschprächige sue¬che und du gsesch etz über die letschte siebe acht johr immerhin glich scho äh s’isch ziemli lückelos gmacht und mängmol mach i au sälber no en kommentar zu irgend ere n’arbet und wenn’s politisch brännt han i au scho probiert … aber du chasch’s eigentlich chasch es nöd äh aso dass es richtig guet wird möstisch zyt ha. und zyt, leider irgendöpper möstis zahle oder und me möst so ähm möst irgendwie en verein oder irgend e komischi äh ich weiss ebe ich ha bitz s’gfühl, dass so öppis, das isch eigentlich wär au für verläg oder für medieunternähme extrem lukrativ au ? nanziell, wil die, die mönds, langsam mit dem printscheiss oder, dasch-sch so am uuslaufe und jede isch ähm topcast und irgendöppis am sueche und wemme so öppis ’chglaub me mösts es johr suber uufbaue und denn säge: chinde, loged, do plattform, lauft, copyright, alls chönd er ha, choschtet zweihundertsiebezgtuusig und eine vo üs mue füf johr aagstellt si, irgend so … wil das goht jo mit applikatione au, wieso sölls nid mit inhal… aso mit so contentseich au nöd goh. und döt han i s’gfühl, isch’s näbe dem, dass ich natürli au toll ?nd, dass sich öpper interessiert, ?nd ich ebe au die-dä aschpäkt am ganze sehr relevant, dass das eigentlich, han ich s’gfühl, äh guets potenzial het, egal fasch, was es isch, aber nachene märksch so, du musch’s irgendwenn wie alles uf de seich setze und denn eigentlich es johr oder zwei die ganz chole und die ganz arbetszyt inestecke und denn s’probiere als funktionierendi plattform z’übergäh und zwar für käsch, oder. und das goht, dass sind jo anderi, äh, git biischpiel aber leider, so im dütschsprochige ruum gsehn ich … 

aso dä-de sinn ähm loht sich natürli scho erfroge. s’isch tatsächlich es söll es söll en-animiere und freud mache. es söll ebe au so chli verbinde, wo wo mir s’gfühl hend ähm jede jede macht so chli öppis. 
und hend denn ihr scho liischte vo lüüt, aso wo ner s’gfühl hend, weisch, du muesch jo i de uuswahl au lüüt näh, wo überhaupt verbindigsfähig sind und nöd irgendwelchi egozentrische lyriker. 
jo, do nememer zum biischpiel sönigi wie-ähä, hähäh¬wie sönig, womer kenned, ähä-mol, und denn äh-äh so zuefallsträffer, wie die gueti frau, wo üs jetz grad abgseit het. ähm und nochane luegemer, was e so ume isch. 
und denn möst me vielich, weisch, noch füf möst me vielich halt denn mol iilade. 
jo, da isch üses grosse … betty, söllemer das scho verroote mit üser event-party, em johres … johres¬jubiläum … 
… söllemer abstelle? 
jo. nei. wart no schnell. viele dank für das gsprööch, ähm, ich wär froh, wenn sie mir denn chented s’bewerbigsformular zuecho loh und dörf ich sie no iilade zunere pizza? 
da isch hervorragend. 
uf wiederluege. 
adieä. 
ah nei, ebe nid. 
aha, äh, merssei. (melodie von «danke, für diesen guten morgen»:) merssi, für das schöne interview, merssi, für alli guete froge, merssi, dass ich s’zwöl? nomol gmacht han, merssi, vielmol. 


Interview mit Stauffer, www.engelskollision.ch

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2007

Interview mit Stauffer, www.engelskollision.ch

Normal ist ein Hinweis darauf, dass es offenbar Instanzen gibt, die eine für alle geltende Definition von Leben bereit halten.»

Michael Stauffer antwortet. Man weiss nicht genau, wann er atmet. Er folgt seinem Bewusstseinsstrom, und dies geradewegs linear während vollen 60 Minuten. Das ganze Gespräch im Originalton ist in Kürze hier zu hören.

1. Herr Stauffer, wie sieht ein «gewöhnlicher» Alltag bei Ihnen aus?
Michael Stauffer SCHWEIGT LANGE … 
«Ein gewöhnlicher Alltag sieht gewöhnlich aus. Irgendwann aufstehen, irgendwann Körperpflege, irgendwann essen, irgendwann mit Leuten sprechen, irgendwann irgendwelche Aufträge erfüllen, irgendwann Pause machen. Das ist das Gewöhnliche. Innerhalb dieses Gewöhnlichen sucht man sich dann Möglichkeiten, um zu Arbeiten.»

2. Was lesen Sie zurzeit?
«Einen Sammelband mit Interviews von Bruce Naumann. Das Buch heisst: Please pay attention please – Bruce Nauman’s Words.»
(US-amerikanischer Performancekünstler, Bildhauer und Fotograf.)

3. Wie würden Sie die Genres bezeichnen, in denen Sie sich bewegen?
«Prosa, Dramatische Texte, musikalische Inszenierungen, phonetische Versuche und Improvisationen, Zufallstexte für Medien oder andere Auftraggeber, sprachliche Performances, konzeptuelle Kunst, Performance.»

4. Eine sprachliche Performance – das geht vermutlich auch in Richtung «phonetische Versuche» – wie sieht so etwas aus?
«Das hört sich eher an, als dass es aussieht. Da gibt es eigentlich drei Hauptrichtungen. Die erste geht aus der Gestik hervor, aus dem performativ Körperlichen» (er trinkt einen Schluck Wein, schlürft, schluckt betont laut, zwecks Demonstration), «dafür arbeitet man mit Musikern zusammen. Da diese Geräusche isoliert nicht so viel hergeben, sucht man sich ein Kollektiv und improvisiert dann an diesen Geräuschen herum. Dann gibt es zweitens auch so lautmalerisches "Glump", wie z.B. so genannte Lautverschiebungssimulationen oder Sprachveränderungsspiele. Die dritte Richtung wäre dann eine Art Sprachtransfer, also beispielsweise das Übersetzen aus dem Hochdeutsch in Mundart, was dem Gesagten oft eine neue Bedeutung gibt durch das Aussprechen und Miterleben dieser neuen Bedeutung ergeben sich dann eben eher performative Anlässe.»

5. Ihr neuestes Buch heisst «Normal». Was bedeutet für Sie normal?
«Normal ist ein Hinweis darauf, dass es offenbar Instanzen gibt, die eine für alle geltende Definition von Leben bereit halten. Innerhalb dieser sogenannten Normalität ist jedoch viel mehr möglich. Mir scheint, die Menschen lassen sich zu stark einengen durch das Normale. Normal ist alles, was innerhalb eines abgesteckten Normals auch noch Platz hätte. Es gibt ja heute keine expliziten Verbote mehr. Trotzdem lassen sich sehr viele Menschen enorm einengen und binden sich selber zurück. Normal ist eigentlich eine Aufforderung, innerhalb des noch vorhandenen Spielraums alles zu tun, was möglich ist. Es geht in diesem Buch nicht darum, den Mainstream zu verlassen und zum Bohemien oder zur Randfigur zu werden, sondern genau umgekehrt, nämlich innerhalb der Masse individuell zu sein. In meinem Buch geht es auch um den Begriff «Arbeit». Was ist Arbeit und was ist keine Arbeit und weshalb ist diese Unterscheidung so wichtig. Die Hauptfigur hat ihren Job verloren und arbeitet nicht mehr in dem Sinn, wie es die Gesellschaft definiert. Die arbeitslose Hauptfigur fühlt sich nicht arbeitslos, sondern unterbeschäftigt. Dies führt dazu, dass sie eine Sekte gründet, womit sie dann wieder reichlich zu tun hat und viel Geld verdient. Das scheint mir auch zentral zu sein.»

6. «Es gibt zwei Möglichkeiten: Sich den Herausforderungen stellen oder sie nicht annehmen! Beides ist einfach.» Das ist ein Satz von Ihnen und Dorothea Dieckmann schrieb in der NZZ «Stauffer ist eine Herausforderung.»
Tatsächlich sind Ihre Texte keine leichte Kost, der Gesamtzusammenhang einer Geschichte kann schnell aus den Augen verloren gehen. Haben Sie manchmal das Gefühl, Sie, bzw. Ihre Texte werden missverstanden?
Nein. Im Gegenteil: «Ich traue dem Leser sehr wohl zu, dass er versteht, was er liest. Ich weiss nicht, wie er es versteht und was er versteht, aber irgendetwas versteht er bestimmt. Lese- und Deutungspräferenzen sind eine höchst private Angelegenheit.»

7. Was inspiriert Sie?
«Ideen sind immer da. Ich lasse diese zu und grenze mich selber nicht ein.»

8. Männer zeigen eine deutlich stärkere Präsenz als Frauen in der Schweizer Literatur-Szene. Was denken Sie, woran das liegt?
«Ich weiss gar nicht, ob es so interessant ist, dies zu beobachten. Auf jedenfall, das kann man sagen ist es ein gesellschaftliches Problem, und kein Qualitätsproblem. Es gibt mindestens ebensoviele gute Autorinnen wie es Autoren gibt.»

9. Was würden Sie gerne finden auf einer Plattform für kreativen Sprachgebrauch / sprachliche Kreativität?
«Man müsste z.B. zeigen, dass das, was in der Schweiz läuft, extrem mehrstimmig ist. Man müsste Themen vorgeben und 15 Leute zu diesem einen Thema schreiben lassen und diese Arbeiten nebeneinander stellen, um Vergleichsmöglichkeiten herzustellen. Dies ist der Kreativität am förderlichsten. Oder man könnte auch 15 Autoren im Kollektiv an etwas herum basteln lassen, so dass der einzelne Autor plötzlich viel anonymer auftreten müsste.»

… und eine: Würden Sie gerne eine Frage beantworten, die Ihnen noch nie jemand gestellt hat? Welche? Und wie lautet die Antwort?
«Die Antwort lautet auf jeden Fall NEIN. Jetzt gilt es noch die Frage zu finden. Trauern Sie nicht gestellten Fragen nach. Antwort: Nein.»


Von schwindligen Haselsträuchern und geglätten Nasenflügeln, ROLF HERRMANN

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2007

Von schwindligen Haselsträuchern und geglätten Nasenflügeln, ROLF HERRMANN

Stauffer ist ein Tausendsassa – von schwindligen Haselsträuchern und geglätten Nasenflügeln

Michael Stauffer erklärt das Leben zur Kunst und die Kunst zum Leben. In seinem neusten Prosaband „Normal. Vereinigung für Normales Glück“ legt einer ein Buch auf die Fensterbank, damit es das Wetter und die Sterne einfängt.

Wald, Kunst und Korpus
Michael Stauffer ist ein Tausendsassa. Jawohl! Täglich läuft er hinauf auf die vorderste Jurakette und lässt sich von einer Drahtseilbahn wieder hinunter tragen. Meistens dehnt er sich in dieser Bahn, damit er möglichst viel Zeit am Schreibtisch verbringen kann. Er macht beides, den Lauf durch den Wald und die Arbeit an der Kunst, mit der gleichen totalen Hingabe. So als hänge alles zusammen: Wald, Arbeit, Kunst und Lauf – und eben die Entleerung der Blase auf einer Waldlichtung, wie dies der Held seines neusten Werkes zu tun pflegt.

Der 1972 in Winterthur geborene und in Biel, Frauenfeld und Europa lebende Michael Stauffer ist mit ziemlicher Sicherheit einer der produktivsten und vielseitigsten Künstler seiner Generation. Mit geradezu Schwindel erregendem Tempo ist sein Werkkorpus in den letzten acht Jahren angewachsen. Und seine schier grenzenlose Neugierde hat dazu geführt, dass er sich mit den unterschiedlichsten Kunstformen auseinandergesetzt hat. Von ihm gibt es mittlerweile – sage und schreibe – 13 Hörspiele (bei denen er meistens auch Regie führt), drei Features, drei Prosabände, sechs Theaterstücke, fünf Hörperformances, zwei Tanzstücke, viele Songtexte, unzählige Gedichte und Texte für Zeitschriften, Zeitungen, und Anthologien sowie die Mitwirkung an Kunstbänden, eigene Ausstellungen und Installationen.

Grossmutter, der zerzauste Haselstrauch
Eine dieser Installationen bestand beispielsweise darin, die Zerfallszeit eines Plastiktisches anhand der Intervalle des Verwelkens eines vom Hagel zerzausten Haselnussstrauches zu messen. Wie durch ein Wunder zeichnete sich in beiden Objekten ein synchroner Prozess der Verwesung ab. Zudem arbeitet Stauffer seit dem 21.10.2004 an einem Projekt mit dem Titel „Gut gemacht – besser gemacht – schlechter gemacht – noch mal gemacht – weiter gemacht – seht gut gemacht“. Dabei stellt er aus unterschiedlichen Materialien (Zeichnungen, Collagen, Texte) und durch verschiedene Verfahren eine Karte pro Tag her, die als spielerische Reflexionen über die Welt im Grossen und Kleinen verstanden werden kann. Mittlerweile stapeln sich diese Kartentürme fast bis an die Decke seines Ateliers. Doch er ist entschlossen, solange daran weiter zu machen, bis die Karten als Buch erscheinen oder in einem Museum ausgestellt werden. Und es kommt gewiss nicht von ungefähr, dass ihn vor ein paar Wochen eine 92-jährige Walliserin umarmte und ihm einen Sack voll getrockneter Apfelschnitze schenkte. Weil, so die alte Dame selber, der Herr Stauffer sie so wunderbar in einer Radioproduktion porträtiert habe. Wenn Stauffer sich mit etwas auseinandersetzt, dann immer mit dem Anspruch, ihm wahrhaft gerecht zu werden.

Dritter Wurf
Im Herbst 2006 ist sein drittes Buch erschienen: „Normal. Vereinigung für Normales Glück“. Wie bereits in seinen ersten zwei Bänden, „I promise when the sun comes up I promise I’ll be true – So singt Tom Waits. Ich will auch Sänger werden“ (2001) und „Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch“ (2003), wird der Alltag auf unnachahmliche Weise poetisiert. Nach dem verschrobenen, Schwäne ausrottenden Ich-Erzähler des ersten und der über alle Massen leidenschaftlichen Ich-Erzählerin des zweiten Buches, führt uns nun ein arbeitsloser Ich-Erzähler namens Marcel Oliver in das bedeutende Ritual des Urinierens ein: „Ich stehe in der Natur, langsam setzt der Regen ein und dann leert sich meine Blase. Das ist der Hauptgedanke. Dieses Ineinanderübergehen, diese Idee, dass die Natur vorausgeht und ich einfach der Natur hinterhergehen kann und dann wird alles gut, das ist es. Das will ich realisieren. Das muss man in einzelnen Schritten ausführen.“

Das Buch sprüht vor hintergründiger Komik und subversivem Witz. In scheinbar einfachen, lapidaren Sätzen hebelt Stauffer gängige Wertvorstellungen aus und bringt die vermeintlich gewöhnlichsten Handlungen zum Glitzern. „Mit dem Zeigefinger der linken Hand sanft über die Nasenflügel streichen, das ist Arbeit.“ Oder: „Heute habe ich ein Buch auf die Fensterbank gelegt, damit es an die frische Luft kommt.“

Platzregen
Der Tessiner Dichter, Alberto Nessi, hat in einem Aufsatz die Dichtung als „Platzregen“ beschrieben, „der die Wettervorhersagen durcheinander bringt.“ Bei Stauffer trommeln uns die Regentropfen von allen Seiten auf den Kopf. Und sie schärfen unsere Sinne, bis wir alles stehen und liegen lassen und uns mit vollem Bewusstsein dem zauberhaften Alltag zuwenden.


Interview mit mir

,
2007

Interview mit mir

Auszug

„Frechheit ist bitter nötig um gegen die diversen Herrschaftsideologien anzugehen. Und auch gegen Herrenideologien, das sowieso.“

So ist es: Michael Stauffer ist einer der wenigen interessanten, weil auch streitbaren, jungen, deutschsprachigen Autoren. Das „jung“ braucht nicht gesagt zu werden, er kann ja schreiben. Stauffer äussert sich zu seinem neuen Buch „Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch“ und zu seinem Schreiben. 

Herr Stauffer, Sie haben ein neues Buch geschrieben, einen alternativen Monolog in 36 Abschnitten. Man kann auch von einem Prosatext in 36 Abschnitten sprechen. Die Sprache scheint trivial. Die Figur, die spricht, ist eine naive, gestörte, beunruhigende Frau. Die Frau lässt keinen Dialog zu. Sie sagt alles, spricht alles aus. Sie spricht immer wieder in Frauenzeitschrift-Sprache, vor allem über die zwischengeschlechtliche Liebe. Immer wieder stellt sie auch überraschende Überlegungen zum Alltag an. Und immer wieder spricht sie zu einem Du, einem Mann, der nicht mehr da ist. Vielleicht ist es auch ein immer wieder anderes Du oder ein Mann, den es nie gab. Schwierig zu sagen. Die Frau steht vor einem Neuanfang, der eine Therapie sein könnte. Das Buch ist ein riskantes Unterfangen, das in seiner Konsequenz überzeugt, aber umstritten bleibt.— Sind Sie einverstanden mit dieser versuchten Charakterisierung Ihres Textes?

Herr Halter sicher ist diese pragmatische Charakterisierung richtig. Ich bin mit der Aussage: „Die Sprache scheint trivial“ nicht einverstanden. Die Sprache ist nicht trivial. Eventuell, das überlasse ich gerne Ihnen, kann man Teile des Inhaltes als trivial, sofern Sie mit trivial, alltäglich meinen, bezeichnen. Ich bin auch nicht einverstanden damit, wenn Sie sagen, dass die Frau naiv, gestört, oder verrückt sei. Damit stellen Sie die Hauptfigur einfach kalt und das geht eben gerade nicht! Diese Frau hat eine Daseinsberechtigung! Verstehen Sie, diese Frau ist nicht verrückt, das ist wichtig!

Die Literatur besteht aus Konventionen. Sie haben sich die so genannte Frechheit erlaubt, als männlicher Autor, ein weibliches Ich zu schaffen. Was war der Funke dazu? Wie sind die Reaktionen?

Ich erachte es nicht als meine Aufgabe, den sowieso schon engen Spielraum für Kunst, zusätzlich durch dumme, völlig unnötige Begrenzungen einzuengen. Ich bin der Meinung, dass es zu wenig weibliche Hauptrollen in der Literatur gibt. Fundierte Reaktionen hatte ich bis jetzt noch keine. Und zur Frechheit: Frechheit ist bitter nötig um gegen die diversen Herrschaftsideologien anzugehen. Und auch gegen Herrenideologien, das sowieso. Es ist doch ein Zeichen von Gesundheit wenn man Einwände hat, Misstrauen äussert, Spottlust auslebt, Umwege macht. Alles Unbedingte gehört sowieso in die Pathologie. Oder um mit Luther zu sprechen: Ein zaghafter Arsch lässt selten einen fröhlichen Furz.

Herr Stauffer, bevor Sie jetzt sagen, sie erwarten nichts, was erwarten Sie von einer fundierten Reaktion?

Reaktionen, ja. Man ist ja da immer nur taub, man hört nur das Gute oder nur das Schlechte, oder man will dann selber möglichst gut dastehen als Autor. Das ist alles schlecht. Das ist nicht gut. Besser ist, man hat nur Reaktionen, die extrem abstrakt sind. Zum Beispiel einer liest das Buch ruft mich an und sagt dann: Stauffer, hast du gewusst, dass ich letztes Jahr an Weihnachten in Tripolis war. Solche Reaktionen sind besser für die Gesundheit. Alles andere ist sowieso eigentlich eine Zumutung, finde ich.

Es stehen viele schöne, schnörkellose Sätze in Ihrem Buch. „Ich habe das Meerschweinchen des Nachbars in die Wohnung geholt und es zu deinem Meerschweinchen in den Käfig getan.“ – Wie ist ihr Verhältnis zur so genannt kunstvollen, poetisch erhabenen Sprache? 

Ich habe dazu kein Verhältnis. Der Text muss gut sein, oder manchmal auch miserabel. Es hilft, wenn einer schreiben kann, dann ist es oft besser. Und der Text muss natürlich immer genau so sein, wie er sein muss.

„Ich kaufe mir einen schönen Sport-BH, einen bequemen Bügel-BH und einen praktischen Klebe-BH. Der Klebe-BH ist selbsthaftend, luftdurchlässig, sehr angenehm zu tragen und die Schulter und das Dekolleté und der Rücken bleiben frei. (...) Ich ziehe den Klebe-BH an 
und los geht’s.“ Was Ihr Buch, überhaupt Ihre literarische Arbeit, mit auszeichnet sind die Protokollfragmente Ihre akribischen Alltagsrecherchen. Wie recherchieren Sie, vor Ort? Erzählen Sie.

Ich glaube, das täuscht. Es sind eher die Recherchierfähigkeiten eines Bricoleurs. Ich stolpere so durch das Material, dass ich brauche und dann finde ich einiges, nehme es, wähle das aus, was ich als exemplarisch ansehe, arbeite damit und dann ist es fertig. Und oft wähle ich etwas auch aus, ohne dass ich es dann brauche. Sammeln ist schon auch wichtig. Den Speicher füllen.

Um ins Detail zu gehen. Die Figur in Ihrem neuen Buch sagt und darf alles sagen. Doch, da steht zum Beispiel ein Satz, der geht in keinster Weise auf: „Ich kaufe bei einem Drogen-konsumenten geklaute Mobiltelefone.“- Ich glaube nicht, dass die Frau, das schafft und ich glaube auch nicht, dass sie es überhaupt in Erwägung ziehen würde. Und ich glaube nicht, dass es Drogenkonsumenten gibt, die Ihrer Figur geklaute Mobiltelefone verkaufen würden. Nehmen Sie Stellung dazu.

Das ist wieder so ein Problem, das man das der Frau abspricht. Diese Art der Bevormundung gefällt mir überhaupt nicht. Diese Figur kann das! Und natürlich verkaufen Drogenkonsumenten Mobiltelefone. Sie müssen nicht einmal mehr das ganze Telefon kaufen. Sie kriegen günstig auch SIM-Karten mit noch Guthaben drauf. Das ist sehr günstig. Wir können das gerne gleich jetzt ausprobieren gehen.

Herr Stauffer mit Verlaub, dazu fehlt mir die Muse. Apropos Muse. Beim diesjährigen Bachmannwettlesen ließen Sie die Jury mit einem Auszug aus Ihrem neuen Buch weit gehend ratlos zurück. Wie erklären Sie sich zum Beispiel die hilflose Frage von Ursula März (Jury-Mitglied) nach dem verbleibenden Wert ihres Textes, nachdem man den Humor raus genommen hätte?

Solche Äusserungen muss man nicht erklären, sondern verurteilen. Ich schlage vor, wir einigen uns, dass es eine Mischung aus Dummheit, Ignoranz, Angst und Beschränktheit sein könnte, die zu solchen Äusserungen führt. Oder fällt Ihnen etwas besseres ein? 

Nein, ich bin heuer zu bescheiden. Um weiter zu gehen, Herr Stauffer. Ob man auf eine gewisse Kritik reagieren soll, muss immer wieder entschieden werden. Welche Kritik/Kritiken nehmen Sie an? Was ist ihr Anspruch an die Kritik ihrem Schaffen gegenüber?

Kritik muss zuerst schauen; was ist es, was da ist. Was hat uns der Stauffer hier geschrieben. Kritik darf nicht sagen, was es sein sollte und dann nur noch schauen, ob es das ist, was es sein sollte. Solche Kritik, die dann sanktioniert oder lobt, ist scheisse. Diese Erfüllungsschreiberei ist auch nur schlecht, das sieht man ja, wenn man die Bücher dann kauft. Da ist enorm viel Anpassungs- und Erfüllungsprosa mit dabei. Kritik ist: Das Werk so nehmen wie es ist, und es dann besprechen. Aber das ist ja für die meisten zu viel verlangt.

Wie sehen Sie sich als Schweizer Autor in der Schweiz und in der Welt?

Ich gehöre zum deutschsprachigen Sprachraum und zum europäischen Kulturraum. Sonst sehe ich nichts. Ich meine ich sähe schon noch mehr, aber dafür reicht es meistens nicht aus.

Was ist politisch engagierte Literatur?

Präzise Literatur ist immer politisch. Also, um es genauer zu sagen. Wenn man genau, sehr genau beobachtet, Menschen, wie sie sind, wie sie interagieren und dann das zum Beispiel umsetzt auch sehr präzis, dann ist das was rauskommt sicher ein politischer Text. Engagierte Literatur ist immer scheisse und langweilig.

Wie wichtig ist Ihnen die gesprochene Literatur als Produzent?

Ich mache da grosse Unterschiede. Ich schreibe Texte, die eine orale Umsetzung voraussetzen, ohne diese geradezu unnötig sind. Dann mache ich ja so Performancesachen, wo Musik und Text zusammen wichtig sind. Und dann gibt es ja auch sehr schöne Laut-Texte von mir, so wie das hier zum Beispiel: Isi niti. Si si si, tii si si. Isi si si. Gnii si si si. Si si si gn. Gn gn si. Iii si si si. Si. Si. Sssssssss. Schön, oder?

Ja, wirklich, das ist mir ein Ohrenrausch, Herr Stauffer. Um weiter zu gehen. Ihr neues Buch ist ein Stolperstein in der aalglatten deutschsprachigen, jungen Literatur. Warum wird Ihr Buch bis jetzt nicht in der „Annabelle“ empfohlen? Ich will eine abschliessende Erklärung hören.

Das müssen wir vermutlich gemeinsam in die Hand nehmen. Wobei ich habe ja gehört, dass der TAMEDIA-Konzern diese Zeitschrift demnächst verkaufen möchte. Aber ich werde da morgen gleich anrufen und sagen: Guten Tag hier Stauffer, ich habe hier ein Buch für ihre Leserinnen. Das ist super. Das müssen sie besprechen. Aber jetzt habe ich ja nicht begründet, warum die es nicht empfohlen haben. Das ist ganz einfach, weil sie es noch nicht gelesen haben.

Was kann man als nächstes von Ihnen erwarten?

Literatur! Als nächstes werde ich einen Text für ein Ballett-Ensemble schreiben. Dann werde ich meine Gedichtsammlung „Der Meisterzyklus“, und meine Gedichtsammlung, „Mundartgedichte“, und meine Sammlung, „Alle Laut-Klang-Texte“, sowie meinen Lang-Prosa-Text „Normal“ weiterbetreuen. Ich werde mit meinem Trio mit den Musikern Koch und Kuratli und auch mit dem elektronischen Musiker Aredee weiterarbeiten und ich werde mit der Künstlerin Meyer, mit welcher ich die Postkartensammlung „Memory“ herausgegeben habe auch weiter arbeiten. Was von dem allem ich in den nächsten 12 Monten realisieren werde, hängt von mir ab.

Hier biete ich Ihnen noch eine carte blanche an:

Danke. Wo kann ich damit einkaufen gehen? (Stauffer gibt die Karte, nachdem er sie zweimal in den Händen gewendet hat, an Halter zurück. Halter schüttelt den Kopf.)

Ich danke Ihnen für dieses Gespräch und das Fotoshooting, Herr Stauffer.

Ich danke Ihnen, Herr Halter für die Aufmerksamkeit und die stetige Bemühung meinem Werk Gehör zu verschaffen. 


Interview: Mit Poesie den Alltag unterlaufen, Tages-Anzeiges

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2007

Interview: Mit Poesie den Alltag unterlaufen, Tages-Anzeiges

chriftsteller Michael[0] Stauffer[0] dichtet so, wie er beobachtet: lakonisch, gut gelaunt - und scharf. Eine Begegnung in der Stadt.

Von Claudia Porchet
Es ist kurz vor elf Uhr, wir sitzen in einem gepflegten Café in der Zürcher Innenstadt. Man hört das Klappern von Besteck und gedämpfte Stimmen. «Wenn ich diese Person betrachte, die uns die Getränke gebracht hat, frage ich mich, was da schief gelaufen ist.» Michael[0] Stauffers[0] Blick ruht auf einer Frau um die 50, mit blondem, toupiertem Haar, die den Tee wortlos und in maskenhafter Verbitterung vor unseren Nasen platziert. «Wärs möglich, würde ich ihr vorschlagen, nach Hause zu gehen: ‹Mach dir einen freien Morgen, ich glaube, du hast keine grosse Lust auf den Service heute. Ich mach das für dich.› Was ja leider nicht geht.»

Den Irrsinn, auch das Grauen eines ritualisierten und konventionell erstarrten Alltags lakonisch, präzise und mit beissendem Witz zu entlarven, darum geht es in der Prosa sowie den dramatischen und lyrischen Arbeiten des Dichters.

Dichter, das klingt hochtrabend, und in einem gewissen Sinn ist der Blondschopf mit Ostschweizer Dialekt, der in Biel und Frauenfeld lebt, elitär. Und zwar, wenn es darum geht, sprachlich exakt zu sein. «Ich glaube, dass ein genauer Umgang mit Sprache zu einem genaueren Denken und Fühlen führt - und umgekehrt», meint Stauffer[0] lakonisch.

Er kommt direkt aus den Bergen, trägt Faserpelz und Wanderschuhe. «Wie ein Naturbursche sehe ich aus. Wäre ich im Business-Stil mit Joop-Anzug aufgetaucht, wäre ich jemand anderes, was für mich ebenso in Ordnung wäre, solange es bewusst geschieht.»

Wider den Listen-Fetischismus

Neben Präzision ist Bewusstsein ein weiterer Schlüsselbegriff für Stauffer[0]. Seine Sprachspiele in Texten, auf der Bühne oder am Radio bilden für ihn das Gegenstück zum «Verwaltungssystem», wie er das nennt. Das Verwaltungssystem und die zwanghafte Art dahinter, das Leben in Form von Listen zu erfassen, amüsiert und fasziniert Stauffer[0] zugleich. Und auch er operiert in seinem sprachlichen Universum mit Listen, Fussnoten und Anmerkungen - allerdings, um die Absurdität des gesellschaftlichen Willens zur Systembildung poetisch aufzuzeigen.

Umgekehrt gehen dem 34-Jährigen unbewusster Etikettenschwindel auf die Nerven. Zum Beispiel der «Beratungswahnsinn» des «Theaters» - so nennt er den Kulturbetrieb - der, anstatt Projekte zu realisieren, endlos evaluiere, plane und entwerfe. Da ist ihm Kunst, die nach Beifall heischt, ehrlicher. Die Konzeptkunst der Hungerzwillinge Raeven etwa, die zurzeit durch die Medien geistern, findet er eine bewusste und interessante Selbstinszenierung.

Was seine eigenen Auftritte in der Öffentlichkeit angeht, könnte sich Stauffer[0] durchaus vorstellen, sein Rollenrepertoire zwischen Naturbursche und Businessman zu erweitern, die passenden Sätze dazu inklusive. Andererseits habe er keine Lust, jede Woche auf irgendeiner «Dingsbumsbühne» aufzutreten. Umso mehr zieht es ins ans Limmatquai 62, ins Literaturhaus. Dort liest Stauffer[0] morgen Abend um 20 Uhr. Das anschliessende Gespräch führt Hansjörg Schertenleib.


Aus dem Geist der Improvisation

,
2006

Aus dem Geist der Improvisation

„Wenn ein Theater einen Text aufführt, schuldet der Autor dem Theater dafür keinen Dank“, schreibt Michael Stauffer den Theatern ins Stammbuch. Mit seinem „Forderungskatalog an Theater, die mit literarischen Texten arbeiten wollen“ stellt er die Theater selbst auf den Prüfstand. In misstrauischem Abstand zu einer Theaterbetriebsamkeit, die sich selbst zu genügen scheint. Und in Verkehrung einer bei Theaterschaffenden erlebten Selbstsicherheit, schon bei der Lektüre eines Theatertextes entscheiden zu können, ob er bühnentauglich ist. Das Gerede von Theatergesetzen macht ihn ohnehin bissig. Und betriebsbedingte und organisatorische Einwände gegen Theatertexte lässt Stauffer sowieso nicht gelten.
Was auf Stauffers Waage zählt, ist die Bereitschaft der Theaterschaffenden, nach Umsetzungsmöglichkeiten von Theatertexten zu suchen. Der Wille und 
die Fähigkeit, sie adäquat umzusetzen, sie wörtlich 
zu nehmen. Zuerst einmal genau hinzuschauen, 
was der Autor geschrieben hat, wie dieser den Text 
in ¬Bewegung setzt. Herauszufinden, wie der Text funktioniert. Und ihn dann bitte so, verdammtnochmal gopfertelli gopfertami, genauso auszuprobieren. Und erst dann über den Text zu urteilen, Änderungen vorzuschlagen.
Stauffer sucht Theaterpartner auf gleicher Augenhöhe. Solche, die seinen Witz ernst nehmen. Er selbst schont sich auch nicht, fordert sich selbst Eigenes ab. Für Bearbeitungsaufträge ist er nicht zu haben. „Scheiss-Adaptions-Theater will ich nicht“, lässt er 
in seinem Stück „Gut zu wissen, Zeit heilt keine ¬Wunden“ verkünden. „Ich sende Ihnen Stauffer, adaptiert von ihm selber und niemand kennt Stauffer. Danke für das Interesse an meiner Arbeit. Ich bin gemäss mir selber etwa der 8. grösste eidgenössische Dichter. Aber das ist nicht wichtig für die Arbeit“. 
Wer den Schalk in Stauffers Nacken sieht, kann seine gebleckten Zähne nur als Angebot zum Spielen verstehen.
Seit 1999 arbeitet der 33-jährige als freischaffender Hörspielregisseur, Literaturperformer und Autor. 
Er schreibt Prosa, Lyrik, Hörspiele und Texte fürs 
Sprechtheater, für Opernensembles oder auch für Tanzkompagnien. Unter www.dichterstauffer.ch findet man launige Tagebuchnotizen, Gedichte, politische Kommentare, Poetologisches, auch seinen „Forderungskatalog an Theater, die mit literarischen Texten arbeiten wollen“. Stauffer verfasst Literatur aus dem Geist der Improvisation. Dieses Arbeitsprinzip tränkt alle Textgattungen.
FORM & DIALOG
Immer wieder tritt Dichterstauffer selbst der Autorität seiner Schreibtisch-Verschriftlichtungen entgegen. In Performance-Dialogen mit Live-Musikern, vornehmlich mit Schlagzeugern. Weil die mit ähnlichen Verfahren arbeiten, wie sie in der Literatur gang und gäbe sind, mit Rhythmen und Klängen, mit Vor- und Rückverweisen, mit Verschleifungen und Versatzstücken, mit Wiederholungen und Variationen. Wie die Performances versteht Dichterstauffer Theater als eine Möglichkeit, Verschriftlichtes wieder mit seinem sozialen Ursprung kurz zu schließen.
Das Dialogische, das er mit den Musikern auf der Bühne sucht, formt auch seinen ersten Prosaband „‚I promise when the sun comes up I promise, I’ll be true‘1 – 1 So singt Tom Waits. Ich will auch Sänger werden“. Darin schildert er eine junge Dichter¬existenz, vielleicht die eigene, im Lichte von Lebensalltäglichkeiten, beim Spazierengehen, beim Schlangestehen in Selbstbedienungsrestaurants oder bei der Jagd auf Schwäne – und fällt sich auf 91 Druckseiten mit 102 Fußnoten fortwährend selbst ins Wort. Diese ergänzen den Haupttext, widersprechen, schweifen ab, werfen abgeschmackte Witze ein, bremsen, vertiefen, wiederholen, übersteigern, lenken vom Thema ab, greifen vor. Stören den prosaischen Erzählfluss, eröffnen so einen improvisierten Dialog, geben ihm eine neue räumliche und zeitliche Dimension. Und wenn der Haupttext eine uns alle interessierende Fußnote auf den Plan ruft: „Die schlimmen Tage beginnen 
am Morgen. (…) Für diese schlimmen Tage habe 
ich ein Handbuch mit Handlungsanleitungen.76“ – Dann bleibt 76 ebenso enttäuschend wie vielsagend stumm. Oder die eine Fußnote kommentiert eine vorausgehende. All das schlägt sich auch im Inhaltsverzeichnis nieder. Stauffer listet die durchnummerierten Kapitel mit entsprechenden Seitenzahlen ebenso auf wie die Fußnotennummern, denen ebenfalls ¬Seitenzahlen und Kurzüberschriften zugeordnet sind. Ein schnödes Inhaltsverzeichnis entwickelt Stauffer so zu einem spielerischen Text weiter mit ganz ¬eigenen gestalterischen, klanglichen und inhaltlichen Qualitäten. Und haucht ihm so ein eigenes ästhetisches Leben ein. Bei Stauffer ist die Form immer 
mitzulesen.

Wie der Ich-Erzähler in „I Promise“ stolpert Dichterstauffer durch die Welt und findet das Material für seine Textneuorganisationen im Kleinen. In Parks und öffentlichen Toiletten, Zeitungsannoncen, Frauen¬zeitschriften, Restaurantketten und Lebensmittelverpackungen. Zufallsfunde. Was ihm wichtig erscheint, wird akribisch inventarisiert, unter die Lupe ge¬nommen, von allen Seiten betrachtet und zu neuen Wirklichkeiten zusammengefügt. In der Präzision 
seiner Beobachtungen gewinnen Stauffers Texte 
eine ¬politische Dimension. Fern aller Tagesaktualität. Und bei aller Skurrilität seiner Figuren – deren Bevor¬mundung liegt Stauffer ebenso fern wie auktoriale Besserwisserei.


KOMISCHE LEBENSUNFÄHIGE
Stauffers Figuren verheddern sich hoffnungslos im Leben, in ihren Beziehungen zu sich selbst, zum anderen Geschlecht, zu ihrem Essverhalten und zu ihren Haustieren. Stauffers Übertreibungskunst vergröbert und vergrößert die Lebensunfähigkeiten seiner Figuren ins Komische. Der Lächerlichkeit preis gegeben werden jedoch nicht die Figuren. Verspottet werden allein die Rezepte, die uns aus dem Chaos des Lebens hinaus führen wollen. Nicht die politischen Herrschaftsideologien in Großbuchstaben, sondern deren Derivate im Kleinen. Die Musterbücher für Mustermenschen. Stauffers bislang unaufgeführtes Stück „Therapie ich weiss nicht wie“ zeigt Marc, ¬dessen Selbstverständnis durch aufgelöste Rollen¬bilder von Mann und Frau Schaden genommen hat. Wie er sich mit Partnerschaftstests und Kontaktworkshops für die Herausforderungen des Beziehungsmarkts fit macht.
Wie Menschen sich ernähren und sich kleiden, zum Beispiel, gehört zu den wiederkehrenden Themen seiner aberwitzigen, aber nicht auf Pointe geschriebenen Theatertexte. „Die Apfelkönigin. Eine Ernährungs- und Aufklärungskomödie“ wird eröffnet durch die Museumspädagogin Gaby Bösch, die eine Besuchergruppe des Museums auf den Geschmack von Van Goghs Stillleben mit Heringen, ¬Kartoffeln und Tomaten bringt. Das Theaterstück schließt mit der Wahl von Corina zur Apfelkönigin, die täglich ¬Getreideflocken, Rosinen, Sultaninen, Bananenstückchen und Sesamsamen frühstückt. Zwischen diesen Szenen begleiten wir die Ehepaare Monika und Adrian Wild, Gaby und Adrian Bösch mehrfach zu Tisch. Wegen des schlechten Wetters treffen sie sich nicht im Garten, sondern in der Tiefgarage des 
Mehrfamilienhauses, in dem sie wohnen. Aus dem 
rituellen Bekenntnis, alles habe ganz wunderbar 
geschmeckt, entfaltet sich zu Tisch eine Improvisation über überlieferte Rezepte und gelegentlichen 
Gewürzmissbrauch, über Unverträglichkeiten und 
bäuerliche Ausscheidungspannen. Im gemeinsam ge¬sprochenen Tischgebet geben die Paare ihren wöchentlichen Koch- und Essplan preis, der ihnen von Tag zu Tag immer mehr auf den Magen schlägt, so dass sie sonntags gar keine Lust mehr haben zu kochen. „Kochen ist gesund, gesünder als saufen“, skandiert dagegen der von Stauffer vorgesehene Tänzerchor, der sich auch schon mal als Heringe, Tomaten und Kartoffeln zwischen die leergegessenen Teller zwängt. Eine weitere Szene zeigt die beiden Ehemänner beim Essen von Kuhmagen, zu dem sie Champagner trinken und mit den Händen Senf verschlingen.

Christan Bösch: Ich nehme die Hand für den Senf.
Adrian Wild: Ich habe das schon sehr lange nicht mehr getan. Ich glaube, es macht einfach mehr Spass mit der Hand.
Christian Bösch: Ja, von der Hand in den Mund leben. Ich sage immer, ich esse von Hand, weil ich dann besser lebe. Weil ich dann besser merke, was ich zu mir nehme.
Adrian Wild: Von der Hand in den Mund in den Magen leben. Das ist eine direkte Nahrungskette. Direkter geht es nicht. Der geschlossenste Kreislauf.
Christian Bösch: Hand, Mund, Magen.

Fressen als letzter Lustgewinn in einer längst übersättigten Schweiz. Fressen, aber mit Folgen: Christian und Adrian werden fetter und fetter und zwingen sich in Nylonkleider, die sie Leberwürsten ähnlicher machen als sich selbst. Neue Klamotten müssen her, doch Adrian kriegt die Krise in der Kaufhauskleiderkabine: „Mein Aussehen kommt mir abhanden. Ich bin in allen enthalten. Keine Minute vergeht, ohne dass ich nicht merke, dass ich mich auflöse und aussehe wie alle.“ Seine Selbstgestaltungsunfähigkeit, ein offensichtliches Resultat vom mütterlichen Bemühen, ihn in die gekauften Kleider hinein zu füttern. Gaby Bösch weiß Rat und geht auf Tuchfühlung. Adrian geht dabei der Knopf auf. Partnerwechsel in der Sauna. Ficken übers Kreuz. Oder dem ewigen Sich-einordnen und Doch-nicht-hineinpassen ein Ende bereiten durch Flucht auf den Mond.


SPIEL NACH TABELLE
Stauffer versucht den Geist sozialer Improvisationen in die Linearität geschriebener Texte zu retten. Anregung dazu findet er immer wieder im formalen Spiel mit Sprache. Wie in „Diese Farbe ist nicht mehr erhältlich“. Dort kreisen Christina und Robert mit Hilfe von Präpositionen um ihre Beziehungsunsicherheit, um ihren Wunsch nach Kindern, um ihre im Raum stehende Trennung.

Christina:    Wie ich mit Menschen umgehe. Umgebung ist wichtig.
Robert:    Um. Umgeben sein.
Christina:    Bangen um, sich kümmern um.
Robert:    Betteln um.
Christina:    Nachsuchen um, ringen um, sich sorgen um.
Robert:    Weinen um. Weinen, Scheisse. Weinen.
Christina:    Trauern um, sehen um.
Robert:    Sich absetzen von, ausgehen von.
Christina:    Sich distanzieren von.
Robert:    Sich erholen von, träumen von, hören von.
Christina:    Sich distanzieren von.
Robert:    Ablassen von. Soll ich von dir ablassen.

Ebenfalls in „Diese Farbe ist nicht mehr erhältlich“ gibt er der Christina-Schauspielerin, dem Robert-Schauspieler eine streng kalkulierte Improvisa¬tionstabelle zur Hand. Während Christina Gleichgewichtsübungen macht, verwendet Robert in seinem Stegreif-Text sechsmal das Wort „nicht“. Oder Claudia reinigt ihre Brille, während in Roberts Improvisation fünfmal „vielleicht“ vorkommt. An anderer Stelle gibt er dem Paar, das sich längst entfremdet hat, noch 
im Streit die Chance zur Nähe. Nicht auf die Synchronität des Sprechanfangs und -endes der gleichzeitig gesprochenen Sätze kommt es ihm an, sondern auf das unmittelbare Aufeinandertreffen im Satz. Nicht auf psychologisches und naturalistisches Spielen ¬zielen Stauffers Theatertexte. Stauffer kitzelt einem Zusammentreffen zweier Menschen jene magischen Momen¬te heraus, in denen Unerwartetes passiert. Was der Textanlage innewohnt, kann erst das Durch¬spielen aktualisieren. Ein eminent theatraler Vorgang. Erlebbar nur mit Theaterschaffenden, die Stauffers Formfantasien konsequent folgen und die sein Be¬harren auf Textgenauigkeit verstehen als Bedingung zur Möglichkeit freier Gestaltung aus dem Moment heraus. 


SPRACHMIMIKRY
Für die Inszenierung seiner Stücke fordert er von den Spielenden die Fixierung ihrer Spielhaltungen – ob der Schauspieler eine Rolle spielt, ob eine Figur eine Rolle spielt, ob der Schauspieler Schauspieler ist oder ob er einen solchen spielt. Wobei diese auch während einer Dialogpassage von einer Figur auf die andere übertragen werden können. Oder eine Sprechhaltung wechselt auch innerhalb einer Figurenrede. Nicht genug: Für „241 Karat bei der EMPA“ hat Stauffer zusammen mit dem Schauspieler Jo Dunkel die Bühne in Planquadrate aufgeteilt, die jeweils einen bestimmten Spielgestus verlangen. Einen Sektor für Informationsaustausch, dem – entgegen aller dra¬matischen Tradition – keine Handlungsänderungen folgen. Oder einen Sektor, in dem alle glücklich sind. Dieses Höchstmaß an künstlichen Spielanlagen insbesondere seiner jüngsten Theatertexte birgt großes theatralisches Potenzial.
Stauffer ist ein Formspieler, und er ist der Dialektologe, als der er sich in der letzten Fußnote von „I Promise“ ausgibt: „gopfertelli, gopfertami adj. Thg. gopfertellmi ndl. gopferz afr. Gott sag‘s mir. Ahd. gott¬vertellmi adh gottverta nhd. Umbildung des Wortes ragnorok, erstmals verbürgt 1990 in Frauenfeld, TG/Schweiz, M. Stauffer BGH 34 (1998) 345f.“ Stauffer seziert die Schweizer Dialekte am lebendigen Leib und stellt deren Lautmaterial neu zusammen, so dass die Herkunft gerade noch ahnbar ist, aber ihre Funktion als Bedeutungsträger verloren geht. Der Sinn verflüchtigt sich, das Gefühl bleibt. „Ki-ling me soodli ims ur eis“, singen die Tänzer in der „Apfelkönigin“ zur Melodie des Gassenhauers „Killing me softly“.

Ki-ling me soft i i, ii,
Ki-ling mi mi, mi mi ur eis
Ki-ling me soo di, i i ii,
sodi, di di,
Je-je, He-he, he-he.

Nicht weniger konstruktiv ist der Kommunikations¬soziologe Alois Hemmerli in Stauffers Hörspiel „Die Socken machen“. Den treibt die Frage um, wie viele Sprachfragmente reichen, damit sich die Menschen an einem Ort heimisch fühlen. Seine Erkenntnisse in Sachen Sprachmimikry stellt er der Gesellschaft zur Verfügung, indem er für den Pendler-Intercity zwischen dem Ostschweizer St. Gallen und dem Westschweizer Genf Durchsagen entwickelt, die allen ¬Reisenden schon am Einstiegsort das Gefühl geben, am Reiseziel angelangt zu sein. Ein Unterfangen, das staatliche Subventionen verdient, denn solche „Sprachwohlfühleingriffe steigern die Mitarbeitermobilität“.
Fordernd wie sich Dichterstauffer gibt, sind auch seine Texte. Für die Theaterschaffenden wie für seine Kritiker. Und sie sind Einladungen zum Spiel im und mit dem sozialen Raum Theater.

VON: Stefan Koslowski | 1963, Theaterkritiker. 2002/03 Projektleiter der „Masterclass MC6“ mit ¬Marlene Streeruwitz. Herausgeber von „Roter Reis. Vier Theatertexte aus der Schweiz“, Theater der Zeit, Berlin 2003. 


Aus der Sicht eines «Elefantentreibers»

,
2005

Aus der Sicht eines «Elefantentreibers»

Universität Freiburg / Schweiz
Seminar für Neuere Deutsche Literatur
Kolloquium: Totalität und Zerfall im Kunstwerk der Moderne
Leitung: Boerner, Sorg, Würffel

 

 

 

 

Aus der Sicht eines «Elefantentreibers» 

Die Funktion der Fussnote in Peter Bichsels Cherubin Hammer und Cherubin Hammer und Michael Stauffers "I promise when the sun comes up I promise, I'll be true"

 

 

 

Eingereicht am 17.10.2002
von Rolf Hermann

 

vickhermann@hotmail.com

Inhaltsverzeichnis

1.    Einleitung    
2.    Die Fussnote im wissenschaftlichen Kontext    4
3.    Die Fussnote in Peter Bichsels Cherubin Hammer und Cherubin Hammer    7
3.1.    Die Fussnote im Textganzen    7 
3.2.    Die Fussnote im Textausschnitt    11
4.    Die Fussnote in Michael Stauffers "I promise when the sun comes up I promise, I'll be true" 14
4.1.    Die Fussnote im Textganzen 14
4.2.    Die Fussnote im Textausschnitt    19
5.    Schlusswort    22
6.    Literaturverzeichnis    25    

 

 

 

 

 

 

 

 


1.    Einleitung
Eine Note zum Text ist viel pikanter als der Text.    Novalis

«Nicht vom Zentrum aus geschieht die Entwicklung, die Ränder brechen herein.» So lautet ein Eintrag Ludwig Hohls in seinen Nachnotizen. Von den hereinbrechenden Rändern, der ein passendes Licht auf die zwei zu analysierenden Werke zu werfen scheint. Sowohl in Peter Bichsels Cherubin Hammer und Cherubin Hammer als auch in Michael Stauffers "I promise when the sun comes up I promise, I'll be true" nehmen die Ränder eine nicht nur formale, sondern für den Lese- und somit Bedeutunsprozess überhaupt zentrale Funktion ein. Bichsel lässt in seinem Text nicht weniger als 54 Fussnoten auftreten, bei Stauffer sind es sogar 102. Letzterer geht so weit, dass er zum Schluss des Buches die einzelnen Fussnoten betitelt und ihnen in der Form eines Inhaltsverzeichnisses die entsprechenden Seitenzahlen voranstellt. 
Was hat es also mit dieser Fussnotenmanie der beiden Autoren auf sich? Wie steuert sie das Verständnis der beiden Texte und welche Rückschlüsse lassen sich daraus auf ihre Aussageabsicht ziehen?
Da jede Fussnote in einem literarischen Text in einen Dialog tritt mit ihrem Pendant aus den Wissenschaften, werde ich im ersten Teil der Arbeit auf das Phänomen der Fussnote im wissenschaftlichen Kontext zu sprechen kommen. Von einem allgemeinen Charakteristikum der Fussnote ausgehend, werde ich einen kurzen Abriss über ihre Entwicklung geben und dabei einige Aspekte hervorheben, die in der späteren Betrachtung der Werke von Bichsel und Stauffer relevant sein werden.
Im zweiten und dritten Teil der Arbeit werde ich mich den beiden Werken individuell zuwenden und sie sozusagen vom Rand aus beleuchten. Nachdem ich der Bedeutung der Fussnote im Textganzen nachgespürt habe, werde ich die Erkenntnisse z. T. mithilfe strukturalistischer Methoden an einem Textausschnitt en détail überprüfen. Auf diese Weise erhoffe ich Tendenzen nachweisen zu können, die es mir - wenigstens in Ansätzen - erlauben, im Sinne Barthes «ein ‹Objekt› derart zu rekonstituieren, dass in dieser Rekonstitution zutage tritt, nach welchen Regeln es funktioniert (welches seine ‹Funktionen› sind).» 
Im Schlussteil werden die in den Einzelanalysen erhaltenen Feststellungen zusammen-gefasst und einander gegenübergestellt. Ziel dieses Vergleichs ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Art und Weise, wie die beiden Autoren die Fussnote einsetzen, herauszuarbeiten und dadurch eine differenzierte Sicht auf den Gesamttext zu erhalten. 
Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich es unterlasse, Bichsel und Stauffer in eine Art Erzähltradition der Fussnote einzuordnen, die bis in den späten Barock zurückreicht. Ebenso werde ich darauf verzichten, auf andere Autoren , die die Fussnote eingesetzt haben, einzugehen. Obschon dies für eine umfassende Interpretation der Texte von Bichsel und Stauffer hilfreich wäre, muss ich aus Platzgründen darauf verzichten.
Abschliessend möchte ich folgenden Personen danken: Reto Sorg für seine Geduld und seine wertvollen Hinweise; Monika Klein, Angestellte des Innsbrucker Zeitungsarchiv zur deutsch- und fremdsprachigen Literatur / IZA, für das Kopieren und Zuschicken verschiedener Zeitungsartikel zu den Werken von Bichsel und Stauffer; Reto Cina und Roger Summermatter, die, obschon sie Wichtigeres zu tun gehabt hätten, sich die Zeit genommen haben, diese Arbeit nach Fehler zu durchkämmen. 

2. Die Fussnote im wissenschaftlichen Kontext
Ich gebe zu, daß Zwei-mal-zwei-ist-vier etwas Großartiges ist. Aber wenn wir schon am Rühmen sind, dann muss ich doch sagen, daß Zwei-mal-zwei-ist-fünf sich auch nicht übel ausnimmt.    
F. M. Dostojewskij

Für Jacques Derrida repräsentiert die Fussnote das intertextuelle Gestaltungselement per se. Er hält fest: 
[A]nnotation in the strict sense in no way differs from intertextuality. It is intertextual through and through, from the moment we undestand ‹text› in the classical sense as a notation representing one discourse propped on another. It consists, in effect, of a text related to another text that has meaning only within the relationship. 

Gérard Genette bemerkt im Einleitungssatz des mit dem Titel «Anmerkungen» überschriebenen Kapitels: «Mit der Anmerkung stossen wir zweifellos auf eine respektive viele (nicht-)vorhandene Grenzen, die das hochgradig transitorische Feld des Paratextes umgeben.» Diese zwei Sichtweisen stimmen vor allem in einem Punkt überein: Die Fussnote nimmt eine Sonderstellung in der Sinnkonstitution eines Textes ein, weil sie sich in grösserer Nähe zum Haupttext befindet als jedes andere paratextuelle Element. Dies gilt nicht nur für den literarischen Diskurs, wo die Fussnote eher sporadisch auftaucht, sondern bis zu einem gewissen Grad auch für den wissenschaftlichen, wo die Fussnote zu einem unerlässlichen Instrument in der Suche nach der objektiven Wahrheit geworden ist. «Geistes-Wissenschaft ist Fußnotenwissenschaft», folgert Lütkehaus denn auch sinngemäss; und Grafton stellt lakonisch fest: «Die moderne Fußnote ist für das zivilisierte Historikerleben so unentbehrlich wie die Toilette.» 
Bis die Fussnote zu diesem Status kam, musste sie einen langen Weg zurücklegen. Um ein paar Beispiele zu nennen: Bereits in der Antike verwiesen Rechtsgelehrte in Vorträgen oder Abhandlungen oft auf die Texte anderer, um ihren Worten mehr Autorität zu verleihen. Im Mittelalter überzogen ausführliche Randbemerkungen einen Grossteil der Seiten von theologischen Texten, was einerseits zu deren Desakralisierung führte und andererseits dem Kommentator eine subjektive Stimme zubilligte. Im 16. und 17. Jahrhundert wurde mithilfe von Glossen versucht, die Komplexität der zahlreichen Neueditionen antiker Autoren aufzuschlüsseln; in der Tradition der Scholastiker wies man auf Belege und Paralleln hin und deckte mythologische Vergleiche auf. Im frühen 18. Jahrhundert schliesslich ermöglichte ein neuartiges Druckverfahren, den Annotationsappart unter die ‹Demarkationslinie› zu verlagern, womit die Fussnote ihren angestammten Platz und ihren eigentlichen Namen erhielt. 
Diese Verschiebung der Anmerkung an den unteren Seitenrand fiel in eine Zeit, als sich die Geisteswissenschaften in einer Krise befanden. Ausgelöst worden war sie von der radikalen Kritik Descartes betreffend ihrer fehlenden Wissenschaftlichkeit. Um dem Anspruch auf Allgemeingültikeit, Schlüssigkeit und Nachvollziehbarkeit in der Argumentation, den der Rationalismus und die Aufklärung an die Geistewissenschaften stellten, nachzukommen, begannen einige Gelehrte, der Fussnote die Funktion einer «cartesianischen Regulae» zu übertragen: Jeder Gedankengang hatte sich aus der Totalität einfwandfreier Belege zu entwickeln. Diesem Auftrag wurde sie gerecht, indem sie den Haupttext erläuternd, dokumentierend oder, falls nötig, erweiternd erhellte und ihn so transparent machte - vier Aufgaben also, die die Fussnote über den Positivismus bis heute zu erfüllen hat.
Mit der in der Aufklärung stattfindenden Verwissenschaftlichung der Fussnote verbindet sich zugleich eine tiefgreifende strukturelle Transformation. Indem der Geistewissenschafter jede seiner Überlegungen durch Tatsachenbezüge belegen muss, teilt er sich gewissermassen in zwei Teile auf. Diese Zweiteilung wird durch die Unterteilung der Buchseite in einen Haupt- und einen Nebentext reflektiert. Dazu Cosgrove:
The author of a speculative work thus appears in two persons: first, as the interested pleader of the text how does not conceal his subjective interests as the proponent of a specific idea; and second as the objective gatherer and presenter of evidence. This internal division in the author is communicated to the reader as division in the work. 

Die Spaltung in eine subjektive und objektive Stimme - wobei die subjektive jeweils auf die Legitimation der objektiven angewiesen ist -, verdeutlicht die zunehmende Abhängigkeit des Individuellen von einem System, hier dem der Wissenschaften und ihres Prinizips der Logizität. Derrida bezeichnet die Doppelstimmigkeit des Autors überspitzt als einen Akt der Selbstunterwerfung: 
One knows, for example, that in modern times the author of the footnote can, of course, be a translator […]; he can be the editor, but he can also be the author, who thus subordinates himself to himself, who becomes his own auxiliary in deciding what is to be principal and what is to be secondary. 

Die Hierarchisierung des Textes - an einer anderen Stelle spricht Derrida sogar von der theologisch-politischen Dimension der Annotation - wird zusätzlich durch die kleinere Schriftgrösse der Fussnote verdeutlicht. Was nicht verdient in den Haupttext aufgenommen zu werden, wird in den Nebentext ausgelagert. Dies führt zwangsläufig zu einer Abwertung des Fussnotentextes, der nunmehr «den Status einer fakultaiven Lektüre» innehat und infolgedessen regelmässig ignoriert wird. In diesem Sinn führt jede Fussnote eine im Vergleich zum Rest des Textes gesteigerte Form des Doppellebens: Sie ist da und doch nicht da.

3. Die Fussnote in Peter Bichsels Cherubin Hammer und Cherubin Hammer
Und jetzt? Könnte man sagen, dass er gelebt hat?
Robert Walser
3.1.    Die Fussnote im Textganzen
In seinem bislang letzten Prosaband erzählt Bichsel zwei Geschichten, die voneinander genauso abhängig wie unabhängig sind. Protagonist der einen Geschichte ist ein in sich gekehrter, schweigsamer Einzelgänger, der tagtäglich an einen Fluss geht, dort einen Stein in den Rucksack steckt und ihn auf einen Berg trägt: «365 Kiesel Jahr für Jahr, in einem Schaltjahr 366.» Über diese Tätigkeit führt er genaustens Buch und die kleinste Unregelmässigkeit genügt, um ihn völlig aus der Bahn zu werfen. Zeitlebens träumt er davon, ein berühmter Dichter zu werden. Doch sein literarisches Schaffen beschränkt sich auf «vierzig mehrheitlich leere Wachstuchhefte» und einen Gedichtband mit dem Titel ‹Berg- und Liebeslieder› , dem niemand Beachtung schenkt. Dass seine Umgebung ihn trotzdem als Dichter wahrnimmt, hängt mit seinem Verhalten zusammen. Er führt eine seinem Ideal entsprechende Schrifstellerbiographie. Obschon er damit quer zu seiner Zeit steht, behandeln ihn nicht nur seine Frau und sein Sohn mit Respekt, sondern auch seine Mitmenschen nehmen weitgehend Rücksicht auf seine Eigenart. 
Diesem introvertierten, melancholischen und - man möchte fast sagen - lebensunfähigen Träumer stellt Bichsel das genaue Gegenteil gegenüber: ein «polternder Genußmensch und aktionistischer Schaumschläger» , der mit beiden Füssen mitten im Leben steht. Den Grossteil seiner Zeit verbringt er entweder im Restaurant, wo er sich lauthals Respekt verschafft und sich unablässig mit seinen Kameraden betrinkt, oder er befindet sich auf irgendwelchen Gaunertouren, wo er leichtgläubige Leute an der Nase herumführt. Jede Tat bauscht er am Stammtisch so lange auf, bis ihm die Bewunderung seiner Kameraden sicher ist. Ungeachtet der Tatsache, dass «seine Vergehen immer klein und unbedeutend» sind, «machte [er] aus seinen Prozessen grosse Auftritte, Schauprozesse». Wo immer sich dieser Kleinganove aufhält, steht er im Mittelpunkt.
Diese zwei unterschiedlichen Biographien konstrastiert Bichsel nicht hintereinander, sondern unmittelbar, indem er die Geschichte des Schweigers im Haupttext und die des zwielichtigen Aktionisten im Subtext erzählt. Zusätzlich bringt er die Figuren thematisch in eine variierte Form des Doppelgängermotivs zueinander in Beziehung, wie man es aus der Romantik kennt. Der Ich-Erzähler begründet diese Entscheidung:
Cherubin Hammer - beginnen wir von vorn -, Cherubin Hammer also, und ich erzähle jetzt von dem anderen, für den wir den Namen des einen, der ab jetzt nur noch in Fußnoten erscheinen wird - Cherubin Hammer (1) - als Pseudonym verwenden. 

Obschon die Erklärung in Bezug auf die Unterteilung des Textes explizit erfolgt, bleibt vorerst unklar, weshalb der Ich-Erzähler einer Figur den Namen einer anderen überträgt. Mindestens so rätselhaft bleibt, weshalb die Geschichte des ‹echten› Hammers (H1), des zwar lauten aber sympathischen Rabauken, der Geschichte des ‹unechten› «Langweiler[s]» Hammer (H2) untergeordnet wird.
Allgemein lässt sich sagen, dass sich mit der Negierung eines Eigennames die Vorstellung eines Identitätsverlustes, einer radikalen Entpersönlichung verbindet. Dieser Prozess wird im Cherubin Hammer durch die Verleihung eines Namens, der bereits einer anderen Figur gehört, noch verstärkt. H2 wird als Spiegelbild von H1 in den Text eingeführt. Damit wird ihm jeder Eigenwert abgesprochen. Genauso wie sein Name ist auch er als Figur jederzeit austauschbar. Zunächst rechfertigt sich sein Dasein lediglich durch einen scheinbar willkürlichen Akt des Autors, mit dem dieser die Künstlichkeit seiner Welt sichtbar macht. 
Die Verbannung von H1 in den Anmerkungsteil begründet der Ich-Erzähler gleich selber: 
Er [H1] wußte übrigens, daß ich eines Tages über ihn schreiben würde. Das war nie meine Absicht, und ich habe es ihm auch gesagt. Er aber wußte es. […] Und nur mein Trotz - nicht nur meine Faulheit, auch mein Trotz - ist schuld daran, daß er nicht beschrieben wird. 

Indem der Ich-Erzähler die Geschichte von H1 im Nebentext erzählt, macht er sich die Ambivalenz der Fussnote zunutze. Er erzählt die Geschichte von H1 und er erzählt sie doch nicht. Mit dieser Art des Erzählens findet der Ich-Erzähler zu einem Kompromiss. Einerseits geht er auf die Forderungen seiner Figur ein, «über ihn zu schreiben», ohne sein Verprechen, «dass er nicht beschrieben wird», brechen zu müssen.
Ebenso lassen sich aufgrund der Figurenentwicklung Rückschlüsse auf die Zweiteilung des Textes ziehen. Obschon H2 in einem seiner Tagebücher notiert ‹Das Leben dauert zu lange› und der Ich-Erzähler konsterniert feststellt, dass ihm «seine Biographie gründlich mißlungen» sei, findet er während seines Lebens zu sich selbst. Diese Selbstfindung wird durch die Aneingnung des ihm zuerst willkürlich verliehenen Namens offenbar: «Cherubin Hammer war in seinem langen Leben endlich zum Cherubin Hammer geworden, und er trug seinen Cherubin Hammer, seinen Dr. Hammer, durch die Stadt wie ein Gewand, einen Schuh vor den anderen setzend, unaufhaltsam, unansprechbar.» Eigenartigerweise findet H2 gerade dann zu seiner Identität, als er sich nach seiner Pensionierung davor fürchtet, «ein Berggänger, ein Schriftsteller, ein Botaniker» zu werden, also ein seiner imaginären Biographie konformes Leben zu führen. Sobald er in der Lage ist, seine Träume zu realisieren, schlägt er eine andere Richtung ein. Es scheint, als ob H2 von den Lebensmöglichkeiten fasziniert ist, nicht von der Lebenswirklichkeit.
Auf ähnliche Weise hat Bichsel in den Frankfurter-Vorlesungen seine Erzählerkonzeption beschrieben: «Einen Geschichtenerzähler tötet man damit, daß man ihn auf Realität verpflichtet. Der Realitätsbezug ist dem Ernst des Erzählers überlassen.» Und auf sich als Autor bezogen, meinte Bichsel: «Während ich Geschichten erzähle, beschäftige ich mich nicht mit der Wahrheit, sondern mit den Möglichkeiten der Wahrheit. Solange es noch Geschichten gibt, so lange gibt es noch Möglichkeiten.» Bezeichnenderweise entwickelt sich H2 in der Folge selber zu einem Geschichtenerzähler. Gegen Ende des Buches fängt er an, einem Sennenmädchen vom «Zauberberg», von «Sirenen», von «der Agäis» und anderen Dingen zu erzählen. Trotz - oder gerade wegen - seines Scheiterns, sich mit der Wirklichkeit abzufinden, wird H1 schliesslich zum «stillen Helden» der Geschichte, der als Verkörperung von Bichsels Poetologie gelesen werden kann.
Das Leben von H1 entwickelt sich spiegelverkehrt. Während H2 «durch Schweigen unsichtbar» ist, ist H1 vom ersten Moment an «sichtbar» . Wo immer er sich aufhält, zieht er die Aufmerksamkeit aller auf sich, sogar die von «Gott» , wie der Erzähler ironisch anmerkt. Denn «Cherubin konnte erzählen, und alles, was ihm geschah, wurde zu seiner Geschichte» . Dies verdeutlicht, dass H1 die Realität nacherzählt und nicht in Möglichkeiten denkt. Das Geschehene bildet den Inhalt seiner Geschichten, nicht das Erfundene. Dass H1 nicht nur in seinen Geschichten, sondern auch in seiner Lebensauffassung in der Wirklichkeit verhaftet ist, kommt im Verlauf der Geschichte immer stärker zum Ausdruck. Er ist einer, der «die Welt im Griff» hat und sich auf ihr zu behaupten gedenkt. Sobald er sich jedoch als Weinhändler in Bern etabliert und sich nicht länger als Kleinganove über Wasser halten muss, zerbricht seine Anziehungskraft gegenüber seinen Freunden und sein Leben wird «mehr und mehr schäbige Realität» .
Die Qualifizierung der Wirklichkeit als «schäbig» zeigt einmal mehr, dass ein Leben in der Imagination, das sich der realen Welt entgegengestellt und deshalb eine subversive Kraft entwickelt, wertvoller einzuschätzen ist, als ein Festhalten an der Wirklichkeit. Bezüglich der Entwicklung von H1 stellt der Ich-Erzähler nüchtern fest: «Ein mißlungenes Leben halt.» Als letzte Konsequenz kippt die von Anfang an festgelegte Opposition der beiden Figuren: H2 wird zum legitimen Träger seines Names und H1 wird zu einer Kopie seines früheren Selbst: «Er [H1] begann sich selbst nachzuahmen, hatte aber nicht das geringste schauspielerische Talent und war viel schlechter als der echte Cherubin, der er selbst einmal war.» 
Die Entscheidung, die Geschichte von H1 in Fussnoten und die Geschichte von H2 im Haupttext zu erzählen, wird somit erst in der Retrospektive gerechtfertigt. H1 wird in den Fussnotentext verdrängt, weil er dem Prinzip der Realität unterliegt. H2 wird in den Haupttext aufgenommen, weil er sich mit der Realität nicht arrangiert, sondern dagegen revoltiert. Das tagtägliche Tragen der Steine von H2 kann in diesem Zusammenhang nur als Anspielung auf das Rollen des Felsens von Camus' Sisyphos verstanden werden. Am Schluss seines Traktats über die Absurdität des Lebens und der Aufgabe des Menschen in ihr hält Camus versöhnend fest: «Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.» Dementsprechend hat man sich auch Cherubin als einen glücklichen Menschen vorzustellen.

3.2.    Die Fussnote im Textausschnitt
Obschon die Fussnoten an unterschiedlichen Stellen im Text auftauchen, wirken sie auf ähnliche Weise auf den Haupttext ein. Um zu verstehen, wie der Nebentext mit dem Haupttext unmittelbar interagiert, wenden wir uns einem exemplarischen Textausschnitt zu. In der folgenden Analyse werden zitierte Stellen aus diesem Ausschnitt jeweils mit der entsprechenden Zeilennummer angegeben. Zitate aus anderen Textstellen werde wie bislang kenntlich gemacht.
(1)    […] Sie hielt ihn für einen Schlappschwanz, also für so etwas wie ein Naturereignis, er war einfach da, und sie hatten ein Einfamilienhaus.
Ein Einfamilienhaus - so stellte er sich das vor-, in das man sich setzen könnte, in einem Morgenrock, einem seidenen zum Beispiel - er hatte sich einmal einen gekauft, einen 
(5)    weinroten oder purpurnen, nein nicht hier, sondern in Aarau, aber er hatte ihn dann im Büro in die unterste Schublade gelegt, gepreßt, gestampft -, aber so in einem Haus sitzen, so ein Leben in einem Haus verbringen, (14) so in einem Haus, das später, nach seinem Tod, von Leuten besucht würde, die sehen mögen wollen, wo er in seinem weinroten Morgenrock gesessen, wo er sein Gedicht geschrieben hätte - das mit der Ruhe auf dem
(10)    Berg und den Bäumen -, also einfach in einem Haus sitzen, einfach so sitzen und sitzend jemand sein.
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(14) Wenn Cherubin ein Haus betrat - ein angeschriebenes, aber auch andere-, dann nahm er es in Besitz, nicht einfach durch seine Körperlichkeit, die er durchaus besaß, sondern viel mehr durch die Sonorität seiner Stimme, auf die er vertraute, die er eine Oktave tiefer ansetzte, die er mit 
(15)    einem Zwerchfell, das ihm bewußt war, betätigte - auch das eine Eigenschaft, die er sich schon bei den Evangelischen damals angewöhnt hatte, als der Herr Gigon noch vorn vor den Bänken stand. Herr Gigon, bezaubert von Cherubins Namen betete im Stillen dafür, daß aus ihm - ein' fest Burg ist Gott - ein Haudegen Gottes werden möge - ein' gute Wehr und Waffen -, und Cherubin Hammer hatte eine Stimme, eine kräftige Stimme, die er ohne Scham einsetzte, so wie auf dem 
(20)    Pausenplatz hinter dem Schulhaus, wenn er sich prügelte, eine kräftige Stimme - Die güldene Sonne, voll Freud' und Wonne -, ohne Scham, aber ein klein bißchen zu laut, ein klein bißchen zu unfromm. Die Demut, sagt Herr Gigon. Gegen Cherubin war kein Kraut gewachsen, dem Teufel vom Karren gefallen, war er einfach da, und behauptete sich, weil es ihm nie um die Macht ging, sondern um die Präsenz, wo er war, da war er. 

In diesem Ausschnitt wird die Fussnote durch ein ganz bestimmtes Wort ausgelöst: «Haus» (7). Es bleibt allerdings unklar, weshalb die Fussnote gerade im Anschluss an diesen Teilsatz eingefügt wird und nicht schon früher. Das Wort «Haus» geht dieser Textstelle bereits einmal in Zeile 6 voraus; zudem kommt es zweimal als Komposition - «Einfamilienhaus» (2 u. 3) - vor. Die Wiederholung des Wortes «Haus» im Fussnotentext wirkt auf den ersten Blick verwirrend. Es könnte durchaus als ein syntagmatischer Textkonstituent wahrgenommen werden, und zwar als Semem-Rekurrenz, der den Fussnotentext als Teil derselben Geschichte erscheinen lässt wie die des Haupttextes. Erst bei einer genaueren Betrachtung erkennt man, dass es sich zwar um denselben Signifikant, nicht aber um diesselbe Denotation handelt. Durch die Wiederholung desselben Wortes wird der Nebentext stärker an den Haupttext gebunden. Gleichtzeitig erschliesst sich der Ich-Erzähler neue Erzählräume, die sich von den denen im Haupttext unterscheiden.
Im Haupttext herrscht der Modus des Konjunktivs vor. Eingeleitet wird er mit dem zwischen Gedankenstrichen stehenden Einschub «so stellte er sich das vor»(3). Der Indikativ wird nur in der Form des Plusquamperfekts verwendet. Die Verben sind mehrheitlich Zustandsverben und werden mehrmals wiederholt. Zum Beispiel taucht «sitzen(d)» einmal in Zeile 6 und dreimal in Zeile 10 auf. Somit werden auf grammatikalischer Ebene drei Charaktereigenschaften von H2 gespiegelt, die an einer anderen Stelle explizit erwähnt werden: das Träumen, das Leben in der Vergangenheit und die Handlungsunfähigkeit. Auf Seite 33 heisst es etwa: «Er begann zu träumen», und auf Seite 38 ist zu lesen: «Er lebte sein Leben in der Vergangenheit.» Dies Angaben charakterisieren H2 einmal mehr als eine Figur, die vor der realen Gegenwart die Flucht ergreift und es bevorzugt, sich gedanklich in anderen Welten aufzuhalten.
Im Fussnotentext wird hauptsächlich das «epische Präteritum» eingesetzt. Sogar die zwischen den Zeilen 15 und 22 eingeschobene und zweimal durchbrochene Rückblende wechselt nach deren Kennzeichnung durch das Plusquamperfekt «angewöhnt hatte» (16) wieder zurück ins Präteritum. Ferner überwiegen in diesem Textteil Tätigkeitsverben, die allesamt im Indikativ stehen. Das Verb «sich prügeln» (20) vereint diese grammatikalischen Eigenschaften nachdrücklich. Ebenso wie im Haupttext wird im Nebentext der Charkater von H1 auf diese Weise gespiegelt. Während H2 seiner Gegenwart entflieht nimmt H1 alles, was ihn umgibt, «in Besitz» (12f). Interessanter-weise erreicht er dies «durch die Sonorität seiner Stimme» (13f). Überhaupt ist die «Stimme» das zentrale Motiv des Fussnotentextes. Sie wird insgesamt viermal erwähnt (13f, 19, 20) und die Rückblende konzentriert sich ebenfalls auf eine Episode aus Cherubins Leben, in welcher die Stimme im Mittelpunkt steht. Mit dieser Charakterisierung verdeutlicht der Ich-Erzähler sowohl die physische als auch die psychische Präsenz von H1 in seiner unmittelbaren Umgebung, die durch die Aussage «wo er war, da war er» (24) explizit unterstrichen wird.
Aus dieser Gegenüberstellung geht hervor, dass die Hauptfigur im Haupttext in Opposition steht zu der Hauptfigur im Nebentext. Dieses Gegensatzverhältnis wird nicht nur auf grammatikalischer, sondern auch auf semantischer Ebene - etwa in der Semopposition /träumerisch/ vs /realitätsnah/ etc. - reflektiert. Dadurch zerbricht die Textwelt in zwei Teile, die einander konträr gegenüberstehen, was wiederum einen doppelten, durchaus ambivalenten Prozess auslöst. Einerseits demontieren Nebentext und Haupttext einander, was zu einer Art Ichauflösung der Hauptfiguren führt; andererseits konstruieren die beiden Textteile die vom Ich-Erzähler zu Beginn negierte «Einzigartigkeit» der Hauptfiguren, indem sie als völlig gegensätzliche Figuren beschrieben werden. 

4.    Die Fussnote in Michael Stauffers "I promise when the sun comes up promise, I'll be true"
Er ist zu voll von Ahnung, als dass er in solchen Dingen eine Wahl treffen könnte.
Robert Walser
4.1. Die Fussnote im Textganzen
In Stauffers Prosadébut taucht die erste Fussnote bereits im Titel auf: "I promise when the sun comes up I promise I'll be true"¹ - ¹ So singt Tom Waits. Ich will auch Sänger werden. 
Ihr schliessen sich 101 weitere an, die zum Schluss des Buches allesamt in einem wahnwitzigen Inhaltsverzeichnis mit Titel und Seitenzahl versehen aufgeführt werden. Zu diesem Sonderstatus gelangt die Fussnote durch einen völlig überdrehten Ich-Erzähler, der in unzähligen, miteinander lose verknüpften Miniaturen, alles, was er von sich und seinem Kosmos offenbart, sogleich wieder enträtselt, auflöst im weitverzweigten Netz der Vieldeutigkeit. Mit einer geradezu obsessiven Lust, macht sich diese Figur daran, herkömmliche Einteilungen zu zerschlagen, Bekanntes zu verfremden und Abgründe dort aufzureissen, wo sie nicht erwartet werden. Wenn der Ich-Erzähler gegen Ende des Buches gesteht: «Ich glaube, ich bin einfach ziemlich verwirrt, durcheinander», gibt er nicht nur seiner Befindlichkeit Ausdruck, sondern er verweist auf eine Hauptintention des gesamten Textes, nämlich Verwirrung zu stiften. 
Bereits der Hinweis auf Tom Waits im Titel sowie das zitierte Versprechen aus Frank's Wild Years, bei Sonnenaufgang «aufrichtig»und «wahr» zu sein, lässt aufhorchen. Denn Waits ist bekannt als «notorische[r] Lügner» und auch die Hauptfigur, Frank O'Brien, entgleitet im Verlauf des Musicals immer mehr der Realität, bis sie schliesslich vollends ihren Wahnvorstellungen verfällt. In keinem anderen Lied widerspricht die Absicht des Sängers, nur noch die Wahrheit zu sprechen, so sehr seinem Verlangen, dem Grau des Alltags durch Träume und Fantasien zu entkommen, wie in jenem, aus dem das titelgebende Zitat stammt. «Dream away the tears in your eyes / Dream away your sorrows / Dream away all your goodbyes / I promise when the sun comes up / I promise I'll be true / […]», singt Frank gegen Ende des ersten Aktes. 
Indem Stauffer im Titel einzig den Wahrheitsgehalt seines Buches hervorhebt, lockt er den Leser auf eine falsche Fährte. Erst im Verlauf der Erzählung wird offenkundig, dass der Ich-Erzähler genauso zwischen Wahrheit und Traum, Wirklichkeit und Halluzination pendelt wie Frank in Waits Musical. Unklar bleibt allerdings während der ganzen Lektüre, welche Situationen sich der Ich-Erzähler ausdenkt und welche er tatsächlich erlebt. Auch seine Feststellung: «Wenn ich auftauche, stehe ich immer in meinem Zimmer, komme von einer Reise zurück» sorgt aufgrund ihrer Ambiguität eher für mehr Verwirrung, als dass sie zur Klärung beiträgt. Dass die treibende Kraft des Erzählens das Erträumen anderer Welten ist, belegt die Tatsache, dass der Ich-Erzähler, kurz nachdem er den «den Wunsch zu träumen» verliert, endgültig verstummt. Nach einer zweiseitigen Produkteliste, einem unsäglich schlechten Gedicht, das durch die dreimalige Wiederholung derselben Strophe an einen billigen Popsong erinnert, und drei kurzen Tagebucheintragungen bricht der Text plötzlich ab.
Während im Titel der erste Satz der Fussnote auf ihre wissenschaftliche Belegfunktion anspielt, sprengt der Ich-Erzähler bereits im zweiten Satz jede auf Objektivität zielende Denkweise. Die Absicht, selber Sänger zu werden, impliziert die Suche des Ich-Erzählers nach einer eigenen, unverwechselbaren Stimme. Diese Suche äussert sich in der Folge in abrupten und in - im wahrsten Sinne des Wortes - nach allen Seiten ausschlagenden Denkbewegungen. «Ich sehe Schuhsohlen, schwebende Drähte für die Busse. Die Drähte verteilen meine Gedanken durch die ganze Stadt», beobachtet der Erzähler und gleichzeitig gibt er Auskunft über sein assoziatives Denken. Die Beschreibung seiner unmittelbaren Umgebung führt ihn zu einem unerwarteten Vergleich: die schwebenden Drähte der Busse versinnbildlichen jene Bahnen, auf denen sich seine Überlegungen entwickeln und verbreiten. Ebenso wie das scheinbare Chaos der Drähte öffentlicher Verkehrsmittel gestaltet sich das Bewusstsein des Ich-Erzählers. Es entwickelt sich nicht allmählich, sondern sprunghaft und über unzählige Kreuzungen. Das Banale verbindet sich mit dem Tiefgründigen, das Zufällige mit dem Schicksalshaften, das Gewöhnliche mit dem Absurden und Surrealen. An die oben zitierte Stelle schliessen sich beispielsweise zwei banale und völlig zusammenhanglose Beobachtungen an: «Die Hitze mache ich mit Kaffeetrinken ertragbar. Mein Mietwagen hat eine eingebaute Klimaanlage.» Von diesen unberechenbaren Verbindungen lebt der gesamte Text. Der Leser weiss nie, wohin ihn der nächste Satz führen wird.
Die Unkalkulierbarkeit der Gedankengänge wird durch die Fussnoten zusätzlich verdichtet. Dies ist umso mehr der Fall, als dass das Einfügen der Fussnoten immer willkürlich wirkt. Ein Plan lässt sich beim besten Willen nicht erkennen, ausser es sei der einer absichtlichen Planlosigkeit. Hat zum Beispiel die erste Fussnote mit dem Verweis auf Tom Waits eine belegende Funktion, ist bei der zweiten Fussnote nicht nur ihre Funktion unklar, sondern der Entscheid überhaupt sie am Textrand aufzuführen und nicht direkt in den Haupttex zu integrieren. Die Textstelle lautet:
Ich befinde mich in einer Menschenmasse, einige sind lieb. Die kommen sogar auf mich zu, fragen nach meiner Befindlichkeit. (2) Ich lebe in relativen Glück. Das ist die angemessenste Umschreibung, zu welcher ich fähig bin.
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(2) Die möchten wissen, wie es mir geht. Wie es einem gehen kann. Ob es einem überhaupt gehen kann, wäre noch zu fragen. 

Aus textlinguistischer Sicht gilt die Kohäsionsbeziehung, die hier durch die Wiederholung des satzeinleitenden Demonstrativpronomen «Die» im Nebentext ausgelöst wird, als eines der zentralen textkonstituierenden Kriterien. Nur durch einen anaphorischen Verweis auf «einige», d. h. einige Menschen der «Menschenmasse», in der sich der Ich-Erzähler befindet, erhalten die im Haupt- und Nebentext verwendeten deiktischen Ausdrücke ihre Bedeutung. Aus diesem Grund liegt eine Aufnahme des Nebentextes in den Haupttext nahe. Indem sich der Ich-Erzähler gegen eine solche Erzählweise versperrt und den Text auch dort zersplittert, wo eine lineare Erzählweise an sich sinnvoll wäre, hebt er die Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebentext bzw. zwischen Hauptsächlichem und Nebensächlichem vollends auf. Es liegt allenfalls am Leser eine solche Unterteilung vorzunehmen. Der Text bietet ihm jedoch keine Stütze.
Eine solche Unterscheidung wird durch die identische Schriftgrösse des Haupt- und Nebentextes zusätzlich erschwert. Dieses durchaus ungewöhnliche Erscheingunsbild der beiden Textteile verunmöglicht eine Hierarchisierung - und sei es auch die Umkehrung der herkömmlichen Abhängigkeit des Nebentextes vom Haupttext. Der Ich-Erzähler scheint vielmehr darum bemüht zu sein, den disparaten Charakter seiner Gedanken durch räumliche Verschiebungen offenzulegen und eine «Differenzierung von Wichtigem und Unwichtigem» zu zerschlagen. Durch das Anfügen der Fussnotentitel im Inhaltsverzeichnis gelingt es, den Anmerkungen eine weitere Unabhängigkeit vom Haupttext zu gewähren. Bezieht man die Fussnotentitel nicht nachträglich, sondern direkt in die Lektüre mit ein, ergeben sich die gleichen unerwarteten und zum Teil verschleiernden Verbindungen wie sie die Titel im Haupttext hervorrufen. Manchmal weisen sie ein gewisse Nähe zum Text auf, manchmal scheinen sie wie im nachfolgenden Textauszug völlig losgelöst zu sein.
Natur im Feldstecher. Vor mir: verwackelter Wald, ausgeschnittene Ökologie, vergrösserte Umwelt. Manchmal erkenne ich Vögel aus meiner Kindheit. (95) Ihre Schönheit ist ihnen geblieben, sie haben Namen bekommen. 
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Solex verkauft 
(95) Die Hebamme hat das Gas- mit dem Bremspedal verwechselt. Ich lag im Kinderwagen, Mein Bruder war sofort tot. Ich habe mit einigen bleibenden Schäden überlebt. 

Das Wiederekennen einiger Vögel aus der Kindheit belebt die Erinnerung an ein anderes Moment aus demselben Lebensabschnitt. Die Erinnerung setzt unvermittelt ein und bricht ebenso unvermittelt wieder ab. Der Titel «Solex verkauft» steht in einem unklaren Verhältnnis zu der traumatischen Kindheitserfahrung. Erst mithilfe einer Suchmaschine im Internet ist es möglich, den Ursprung des Begriffes «Solex» zu klären. Es handelt sich um eine Fahrradmarke. Mit diesem Wissen lässt sich aber nach wie vor keine definitive Verbindung zum Fussnotentext herstellen. Denn zur Zeit des Unfalls befand sich die Hebamme in einem Auto und der Ich-Erzähler in einem «Kinderwagen». Einzig sein Bruder könnte beim Unfall Rad gefahren sein. Doch dann stellt der Zusatz im Titel «verkauft» diesen Interpretation wiederum in Frage. Auf diese Wiese wird jeder Versuch, dem Text eindeutige Sinnzusammenhänge zu zuweisen, untergraben. 
Die scheinbare Unsystematik der Erzählweise der Hauptfigur kontrastiert eigentümlich mit seinem Willen, die Welt unentwegt zu kategorisieren. Überall versucht er versteckte Systeme aufzudecken, mögen sie noch so abwegig sein. Das Spektrum reicht von der Beschreibung der «Rückgabesystemen» in «Selbstbedienungsrestaurants» über die Identität der Menschen aufgrund ihrer «Entsorgungsart» bis zum Erkennen eines «lustige[n] Muster[s]» der «[i]m Lavabo» liegenden «Bartstoppeln». Mit der bis zur Manie gesteigerten Absicht des Ich-Erzählers, alles in ein System zu zwängen, wird zugleich jegliche Form der Systematisierung kritisiert. Diese Kritik weitet sich an manchen Stellen sogar bis zur unterschwelligen Sprachkritik aus. «Die Tauben zum Beispiel, als Kind waren sie in Ordnung, das Gurren empfand ich als beruhigenden Laut. Jetzt heissen sie Tauben. Tauben scheissen mir aufs Hemd.» Die Bennennung der Dinge entzaubert sie zugleich. Jede Systematisierung zieht immer eine Verengung der Sicht mit sich, «eine mindernde Reduktion des komplex-Wirklichen» , wie Carl Einstein den Vorgang in einem Aufsatz beschreibt.
In Stauffers "I promise when the sun comes up I promise, I'll be true" reflektiert die formale Zerissenheit des Textes die konfuse Denkweise der Hauptfigur. Die sich im linearen Lesen nachzuweisende Sprunghaftigkeit und Unberechenbarkeit der Überlegungen des Ich-Erzählers lässt sich auf die Fussnoten und die Art und Weise, wie sie mit dem Haupttext interagieren, übertragen. Indem «Unähnliches und Nichtzusammengehöriges in Beziehung» gesetzt und jede Art der Systematisierung parodiert wird, wird das Verständnis des gesamten Textes, das ja nicht zuletzt auf einer systematischen Erfassung basiert, erschwert. Anstatt ein Sinnzentrum gibt es unzählige Sinnzentren, die miteinander oftmals im Widerspruch stehen. Dies irritiert den Leser und animiert ihn, selber am Sinngebungsprozess teilzunehmen. Der Text überwindet dadurch jede Form von «Geschlossenheit und fester Bedeutungszuweisung» und vollbringt gleichzeitig jene Leistung, die Einstein als die zentrale Aufgabe der Kunst betrachtet, nämlich «die toetlichen Generalisierungen, und die rationale Verarmung der Welt zu bekaempfen, und ihre Ketten der Kausalitaet, die Netze der Versinnung der Welt zu zertrennen» .

4.2. Die Fussnote im Textausschnitt
Wie schon in Bichsels Text treten die Fussnoten auch bei Stauffer an unterschiedlichen Stellen auf. Um festzustellen, welche Spannungen sich zwischen dem Nebentext und dem Haupttext aufbauen, wenden wir uns deshalb wieder einem Textausschnitt zu. Die Fussnotentitel werden aus dem Inhaltsverzeichnis übernommen und dem entsprechendem Nebentext fettgedruckt vorangestellt. Die Zeilen werden durchnumeriert und die Ziate aus anderen Textstellen werden wie bislang angegeben.
(1)    […] Gehe ein paar Schritte und besteige einen Bus, danach das Tram. Die Nase drücke ich platt an die kalte Scheibe und hoffe, dass alles anders werde, dass vor allem das Stadtbild anders werde. So schnell als möglich, mindestens über Nacht, wenigstens bis Ende Jahr. Im Fenster betrachte ich mein Spiegelbild. Die reflektierten Gesichtszüge
(5)    überzeugen mich. (85) Im Tram sind mir meine Gesichtszüge sehr wichtig. […] Mir gegenüber sitzen sitzen zwei junge Menschen, verliebt. […] Der junge Mann fühlt sich unbeobachtet und fasst (86) seiner Partnerin an die Brüste. Ich schaue sofort hin, sie lächelt mich an, er schaut weg, und während er seine Hände wieder auf seine Knie legt, erklärt er ihr die Geographie der Schweiz. Alpen, Mittelland, Jura. (87) Wenn mir
(10) das Busfahren zu langeweilig wird, gehe ich ins Kino. […] Der Film ist gut. Ich finde alle Schauspieler gut und die Schauspielerinnen finde ich alle hübsch.
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Spiegel
(85) Rhythmisch schlage ich meinen Kopf an die Scheibe. An der linken Strinseite wachsen mittlerweile weniger Haare.
(15)    Der junge Mann
(86) Als ich jung war, habe einer an den Arsch gefasst und sie um eine Wegbeschreibung gefragt.
Wie im Film
(87) Ich bin Zauberer. Ich kneife die Augen zusammen und rede den Leuten, die an den
(20)    Bushaltesstellen stehen, zu. Ich gebe ihnen Gedanken und Ideen mit. Ich verwandle ihre Aktentaschen und Köfferchen in Katzen und Lamas. Die Leute müssen ihren Tagesablauf vollständig ändern. Sie nehmen die Tiere mit an ihre Arbeitsplätze. Sie kommen zu spät in ihre Büros an, verpassen Sitzungen. Meine Verzauberung funktioniert so: Wer das neu erhaltene Tier an seinen Arbeitsplatz mitnimmt, hat kein Probleme sich an die Inhalte
(25)    seiner Tasche oder seines Köfferchens zu erinnern. 

In diesem Textauschnitt, in dem die Fussnoten in grosser Dichte vorkommen, wird der Haupttext auf unterschiedlicher Weise durchbrochen. Das rhythmische Schlagen des Kopfes gegen die Scheibe in der ersten Fussnote (13) steht in einem widersprüchlichen Verhältnis zu der annotierten Stelle. Der Ich-Erzähler fügt sich Schmerzen zu, wenn er von seinem Äusseren überzeugt ist (4 u. 5). Das Wort «Scheibe» (12) in der Anmerkung rekurriert denselben Begriff aus dem Haupttext (2). Der Leser geht deshalb davon aus, dass der Ich-Erzähler den Kopf im Tram gegen das Fenster schlägt. Bezieht man den Titel «Spiegel» (12) in die Interpretation hinein, wird der Bezug des Fussnotentextes zum Haupttext undruchsichtig. Es ist nicht mehr zwingend der Fall, dass der Ich-Erzähler den «auto(r)agressive[n] Akt» im Tram begeht. Stattdessen löst sich der konkrete Raum auf, die Tat könnte irgendwo passieren. Die Reduzierung des Semem-Komplexes «Spiegelbild», der der annotierten Stelle vorausgeht, zum Semem «Spiegel» im Titel der Fussnote führt zu einer Dekontextualisierung und entrückt so den angemerkten Teil dem Haupttext nachträglich.
Die zweite Fussnote wird durch das Wort «fasst» (5) ausgelöst, an das sich die Anmerkung unnmittelbar anschliesst und dort auch mit dem Präfix «ge-» (16) wiederholt wird. Auch der Titel bindet den Fussnotenext stärker an den Haupttext, da der Semem-Komplex «Der junge Mann» (6 u. 15) rekurrent ist. Während der Ich-Erzähler zwei andere Passagiere beobachet, erinnert er sich an eine ähnliche Tat aus seinem Leben. Auch er hat einmal eine Frau belästigt, während er sie nach dem Weg fragte. Wie im Haupttext, wo der junge Mann seiner Freundin an die Brüste langt und ihr dann die Schweizer Topologie erläutert, kommt es im Nebentext zum Zusammenprall zwischen einer Sphäre des Intimen und des Anoymen. Der Leser wird überrascht, da die unerwartete Handlung des Ich-Erzählers die Konventionalität jedes sozialen Verhalten untergräbt.
In der dritten Fussnote wird die Absicht, das geregelte Leben zu entautomatisieren, explizit ausgesprochen. Der Ich-Erzähler versteht sich als «Zauberer» (19), der kraft seiner Magie «Aktentaschen und Köfferchen in Katzen und Lamas» verwandelt und die Menschen dazu bringen will, «ihren Tagesablauf vollständig [zu] ändern» (21f). Dasselbe Motiv findet sich an einer anderen Stelle. Im Kampf gegen die Schwäne tritt der Ich-Erzähler «als Retter für die Kinder auf» und strickt für sie «Hemdchen mit Zauberkraft», damit sie sich «in Schwäne» «verwandeln» und von dannen «fliegen». (11) In beiden Situationen taucht der Ich-Erzähler in seine Fantasie ein und hebt die Welt aus den Angeln. Die Fantasie ist ihm sowohl Schutz als auch Waffe in seinem Bemühen, die Willkürlichkeit jedes Weltbildes zu offenbaren. Das plötzliche Kippen ins Surreale ist als radikalster Akt des Ich-Erzählers zu verstehen, dies dem Leser vor Augen zu führen.
Zudem steht die dritte Fussnote in einem besonderen Verhältnis zum Haupttext. Statt sich dem Haupttext anzuschliessen scheint sie ihn zu antizipieren. Erst in dem der annotierten Stelle sich anschliessenden Satz erfolgt die Semem-Rekurrenz «Bus-» (10), der auf die Komposition «Bushaltestelle» in Zeile 20 zurückgeht. Dadurch wird die herkömmliche textlinguistische Abhängigkeit der beiden Textteile unterhöhlt. Nicht der Nebentext ist vom Haupttext abhängig sondern der Haupttext vom Nebentext. Dasselbe Verhältnis lässt sich im Titel der Fussnote nachweisen. In «Wie im Film» wirkt ebenso losgelöst vom Haupttext wie vom Nebentext. Eine Anbindung an den Haupttext ergibt sich erst im Nachhinein über das Semem «Kino» und die Semem-Rekurrenz «Film» (10). Trotz dieser Wiederholung bleibt der Titel in Bezug auf den Fussnotentext aber schleierhaft.
Die Analyse dieser Textpassage zeigt, dass die Fussnoten nach dem Prinzip der Aleatorik in den Text eingefügt werden. Der Titel nimmt in der Sinnkonstitution des Textes eine entscheidende Funktion ein. Entweder bindet er den Fussnotentext stärker an den Haupttext an und erhellt dadurch die Passage, oder er löst ihn los und entträtselt ihn. Während die erste und die zweite Fussnote auf Textelemente rekurrieren, die ihnen vorausgehen, antizipiert die dritte Fussnote sowohl im Titel als auch im Text Wörter, die später im Haupttext wieder aufgegriffen werden. In der zweiten Fussnote verknüpft der Ich-Erzähler seine Beobachtung mit einem ähnlichen Erlebnis aus seiner Vergangenheit. Ähnlich wie in der dritten Fussnote geht es ihm darum, durch seine abwegigen, divergierenden Gedanken und Verknüpfungen, den Leser zu überraschen und ihm gleichzeitig die Aribtrarität seiner Lebensführung bewusst zu machen.

5.    Schlusswort
Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit. 
Friedrich Nietzsche

Die ursprüngliche Verwendung der Fussnote ist die der Wissenschaften. Im frühen 18. Jahrhundert setzten die Geisteswissenschaften sie ein, um den vom Rationalismus abgesprochenen Status der Wissenschaftlichkeit wieder herzustellen. Die Fussnote wurde zu einem Garant für die Objektivität ihrer Untersuchungen. Ihre Aufgabe bestand darin, die im Haupttext nach den Gesetzen der Logik entwickelte Argumentation zu erhellen. Die Aufteilung des wissenschaftlichen Diskurses in eine subjektive und in eine in kleinerer Schriftgrösse abgedruckten objektiven Stimme, verweist auf die Abhängigkeit des Individuellen vom wissenschaftlichen System. Derrida spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Form der Selbstunterwerfung. 
An diese Tradition knüpfen sowohl Bichsel als auch Stauffer in ihren Texten an, indem sie die wissenschaftliche Verwendung der Fussnote in ihren Texten verfremden. Bichsel erzählt im Cherubin Hammer und Cherubin Hammer zwei Geschichten, die voneinander genauso abhängig wie unabhängig sind. Indem der Autor die Geschichte des echten Cherubin Hammers derjenigen des unechten Cherubin Hammer unterordnet, vollzieht er die Figuren einer in der formalen Gestaltung des Textes immanenten Wertung. Während der Hammer des Haupttextes sich sein Leben erträumt und über das Erzählen von Geschichten zu sich selber findet, ist der Hammer des Fussnotentextes fest im Leben verankert und die Verwirklichung seiner Träume führt zum Verlust seiner Identität. Die Fussnoten sind so eingefügt, dass die beiden Figuren einander in ihrer unterschiedlichen Denkweise und Entwicklung konträr gegenüberstehen. Dies geht soweit, dass die oppositionelle Interaktion zwischen Haupt- und Nebentext nicht nur auf semantischer, sondern auch auf grammatikalischer Ebene reflektiert wird. Indem der Träumer zum eigentlichen Helden der Geschichte avanciert, der seine Bestimmung im Entwerfen von Gegenwelten entdeckt, wird die Realität transzendiert und das Ich nähert sich seiner individuellen Wahrheit an. 
In "I promise when the sun comes up I promise, I'll be true" fügt Stauffer die Fussnote keinesfalls in der von Bichsel angewendeten Regelmässigkeit in den Text ein. Anstatt in den beiden Textteilen zwei unterschiedliche Geschichten zu erzählen, die zueinander in einem bestimmten Verhältnis stehen, vollzieht sich das Denken des Ich-Erzählers sowohl im Haupttext als auch im Nebentext in denselben verwirrenden Brüchen. Jeder Versuch, die Überlegungen der Hauptfigur zu hierarchisieren schlägt fehl. Denn der gesamte Text weist eine identische Schrifgrösse auf, der Fussnontext wird durch die ihm im Inhaltsverzeichnis nachträglich verliehenen Titel aufgewertet und die antizipatorische Kraft einiger Fussnoten stellt das Abhängigkeitsverhälntis ohnehin völlig auf den Kopf. Genauso wie der irreleitende Titel des Werkes enträtseln die zahllosen Fussnotentitel und Nebentexte den Haupttext durch ein polyreferentielles, semantisches Netz. Durch das aleatorische Strukturprinzip kommt es immer wieder zu unerwarteten Verknüpfungen disparater Teile. Die dabei entstehenden Spannungen lassen dem Leser Vertrautes fremd erscheinen, was zu einer Entautomatisierung seines eigenen Lebens und Denkens führen kann. 
Mit der Verwendung der Fussnote, die in den Wissenschaften Objektivität garantieren soll, streben Bichsel und Stauffer eine in der Gestaltung ihrer Werke impliziten Kritik an jedem Systemdenken an. Während im wissenschaftlichen Diskurs, die subjektive Stimme des Haupttextes sich durch die objektiven Stimme des Nebentextes zu legitimieren hat, bedarf die Subjektivität in den Werken von Bichsel und Stauffer keiner Rechtfertigung. Indem Bichsel den Hammer des Nebentextes schlussendlich als billige Kopie seiner selbst bezeichnet und den Hammer des Haupttextes als den wahren Helden darstellt, befreit er die ihr als Folie unterliegende subjektive Stimme von der objektiven. Indem Stauffers Figur ihre Gedankengänge im Haupt- und im Nebentext ausbreitet, zerschlägt sie nicht nur die objektive Stimme des aktualisierten wissenschaftlichen Nebentextes, sondern setzt die subjektive Stimme absolut. Durch die ihrer ursprünglichen Funktion verfremdete Fussnote implizieren Bichsel und Stauffer in ihren Texten jenen Zustand, den Andorno als den «[v]om Wissenschaftsideal terrorisiert[en]» beschrieben hat und gleichzeitig überwinden sie ihn. Die Verabsolutierung des Ichs in Stauffers Text und die Subversion des Diktums der Objektivität in Bichsels Text führen zur Emanzipation und Wiederherstellung der Einheit des Individuums im Kunstwerk, dem es gelingt, sich «der naturbeherrschenden ratio» zu entziehen.

 

 


6. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Bichsel, Peter: Cherubin Hammer und Cherubin Hammer. Frankfurt: Suhrkamp 2001.

Stauffer, Michael: "I promise when the sun comes up I promise, I'll be true". Basel, Weil am Rhein u. Wien: Urs Engeler Editor 2001.

Sekundärliteratur

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Bachmann, Plinio: Leben und Werk. Chronik. In: Du 9 (1987). S. 66-77.

Bichsel, Peter: Der Leser. Das Erzählen. Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Frankfurt: Suhrkamp 1997.

Büttner, Jean-Martin: Apokalypsen im Minutentakt. Tom Waits’ Expeditionen in den Lärm der Sprache. In: Du 9 (1987). S. 32-35.

Camus Lesebuch. Unter dem Zeichen der Freiheit. Hg. v. Horst Wernicke. Hamburg: Rowohlt 1993.

Cosgrove, Peter W.: Undermining the Text; Edward Gibbon, Alexander Pope, and the Anti-Authenticating Footnote. In: Annotation and Its Texts. Hg. v. Stephen A. Barney. New York: Oxord University Press 1991. S. 130-151.

Derrida, Jacques: This is not an Oral Footnote. In: Annotation and Its Texts. Hg. v. Stephen A. Barney. New York: Oxord University Press 1991. S. 192-205.

Einstein, Carl: Existenz und Ästhetik. Einführung mit einem Anhang unveröffentlichter Nachlaßtexte, 2 Abbildungen und 2 Brief-Faksimilien v. Sybille Penkert. Wiesbaden: Franz Steiner 1970.

Ferchl, Irene: Der sieht nicht aus, der erzählt Geschichten. Fußnoten, Fallen und Fußangeln - Peter Bichsels neues Buch ist «Cherubin Hammer und Cherubin Hammer» gewidmet. In: Stuttgarter Zeitung (09.04.1999). S. 32. 

Genette, Gérard: Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Mit e. Vorw. v. Harald Weinrich. Aus d. Franz. v. Dieter Hornig. Frankfurt: Suhrkamp 2001.
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Haupt, Sabine: «Ich habe ein Leben wie ein Hund». Die Schweizer Literatur der Zwischenkriegszeit und die These vom «Abseits». In: Literatur in der Schweiz. Hg. v. Heinz Ludwig Arnold. München: text + kritik 1998. S. 28-41.

Link, Jürgen: Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe. Eine programmierte Einführung auf strukturalistischer Basis. 6. unv. Aufl. München: Fink 1997.

Mayali, Laurent: For a Political Economy of Annotiation. In: Annotation and Its Texts. Hg. v. Stephen A. Barney. New York: Oxord University Press 1991. S. 185-191.

McFarland, Thomas: Who Was Benjamin Whichcote? or , The Myth of Annotation. In: Annotation and Its Texts. Hg. v. Stephen A. Barney. New York: Oxord University Press 1991. S. 152-177.

Rehm, Walther: Jean Pauls vergnügtes Notenleben oder Notenmacher und Notenleser. In: Späte Studien. Hg. v. ders. Bern u. München: Francke 1964. S. 7-96.

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Vater, Heinz: Einführung in die Textlinguistik. Struktur und Verstehen von Texten. 3. überarb. Aufl. München: Fink 2001.

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Wilpert, Gero v.:Sachwörterbuch der Literatur. 8., verb. u. erw. Aufl. Stuttgart: Körner 2001. 

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Regiearbeiten Hörspiel
2012   Das grossartige MIMEI, für WDR
2012   Kanu fahren ohne Paddel, für DRS
2011   Ich begrüsse mich ganz herzlich, für DRS
2011   Lydia Eymann, Zwei Hörspiele, Der gesunde Menschenversand, Luzern 
2010   Die Frau mit der Bankenkrise, für WDR
2010   Wie ein Schaf in der Wüste: Als James Baldwin die Schweiz besuchte, für SWR
2009   Hinduhans für DRS 
2008   Am Tag vor meiner Abreise»: Zum Leben und Werk von Hannes Taugwalder, romm – rotten multimedia
2009   Alles wegem Krüsi, drei Hörspiele. Der gesunde Menschenversand/Kunstmuseum Thurgau
2008   Gut gemacht, schlecht gemacht,… für WDR
2007   Leben nach Noten, für DRS 
2006   Auto-oper, für SWR, zusammen mit U. Janssen
2006   Das Jesus Syndikat für WDR, zusammen mit U. Janssen
2006   Der Bancomat für DRS 
2006   Kein Zucker im Kaffee für DRS 
2005   Das Wellnesszöllibat für WDR
2005   Hühnerrequiem für WDR, zusammen mit U. Janssen
2004   Theater: 241 Karat bei der EMPA, mit J. Dunkel
2004   Tanz/Theater: Als Alles gesagt war, mit P. Egli, Tanzkompanie Theater St. Gallen
2004   Wart du nur, du! für Radio DRS 
2004   Diamantstrasse 23 für WDR
2003   Die Tierstunde für Radio DRS II
2003   21 Japaner zusammen mit F. Kuratli und H. Koch
2002   Das neue Heimatgedicht 

 

Auch wenn die Statistik sagt, ich weiss schon, wie das heraus kommt, fähig bleiben und sagen: „Haha, es kann aber auch ganz anders kommen.“

Kontakt

Ich will dem Dichter Stauffer eine Email schicken.


Ein paar Funktionäre wollen mir meine Zeit klauen. Sie missbrauchen meine Zeit, um ihre eigene Zeit aufzuwerten.