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Auszug

Gut zu wissen, Zeit heilt keine Wunden

4. Wen könnten wir einladen, ausser die Massenmedien.
MANN und FRAU als Paar, das den kollektiven Selbstmord plant. Sie haben den Entscheid gefasst und wollen ein Abschiedsfest durchführen. Sie wollen Freunde, Bekannte und Verwandte einladen und dann verkünden, dass nach diesem Fest Schluss ist. Dass das Ende nahe sei. So in etwa war es geplant. TANZ und MUSIK sind einige der eingeladenen Gäste, die zum Abschlussfest gekommen sind.

MANN Bald muss das Glück für mich da sein. Sonst werde ich das alles nicht mehr lange überleben.
FRAU Kopf hoch! Wir haben heute Forellenfilet gebraten. Und das war doch gut.
MANN Mag ich nicht. Noch zwei Tage später stinken alle Beilagen nach erhitztem Fischfett. Mag jemand Forellenfilet?
FRAU Wir haben auch Zackenbarschfilet. Auch Fisch, so gesehen.
MANN Ich will Kaugummi und Schweinefleisch. Sonst nichts.
FRAU Das ist keine richtige Mahlzeit.
MANN Macht nichts. Ich kann statt mit den Händen mit den Füssen essen. Dann ist es richtiger.
FRAU Du bist zu sprunghaft. Unstet. Flatterhaft.
MANN Manchmal sprudelt es in einer Art aus mir, dass ich es selber nicht verstehe. Aber ich weiss schon ungefähr, wie es sein soll.
FRAU Oder Aprikosen gedörrt. Oder Schokolade, 100g zu 1.50 Franken. Lammkoteletten und Brot.
FRAU Im Warenhaus wird Putzmittel im Sonderangebot verkauft. Noch bis Mittwoch. Dann können wir vorher noch alles sauber machen.
[TANZ Parfüm auch?]
MANN Dann musst Du unbedingt 20 Flaschen kaufen.
FRAU Und dann?
MANN Dann stelle ich in jedes Zimmer eine Putzmittelflasche. In einige Zimmer drei. Ich steche die Flaschen an. Das Putzmittel läuft aus. Es beginnt nach Putzmittel zu riechen.
[** TANZ]
FRAU Dann muss ich nur noch die Fenster öffnen und in den Zimmern herum rennen. Und der frische Duft breitet sich von alleine in der ganzen Wohnung aus. Und man riecht nichts mehr vom Tod.
MANN Wenn das in zu hoher Konzentration in der Luft liegt. Ist das dann gefährlich?
FRAU Nein. Oder vielleicht doch.
MANN Kann man das prüfen?
FRAU Ja. Du kannst anrufen.
MANN Wen?
FRAU Das Toxikologische Informationszentrum. Du musst dein Alter, dein Gewicht, dein Geschlecht sagen. Dann erste, beobachtete Symptome schildern.
MANN Gut. Da rufen wir jetzt an.
[TANZ Nice shoes. Want to fuck?]
FRAU Die Nummern die ich wähle, kommen mir immer seltsam vor. Die stimmen immer, aber sie bedeuten nichts.
MANN Die Giftinfozentrale?
FRAU Die lachen mich sicher aus wegen meiner Ängste.
MANN Man muss einen Grund haben zum Lachen. Die können dich nicht einfach so auslachen.
[** TANZ]
FRAU Meistens wenn ich lache, ist es gerade falsch, oder nicht der richtige Moment.
[TANZ Ich mache mit einem Finger Löcher ins Plastiktischtuch. Plastik ist willenloses Material.]
[MUSIK Die Nachbarin greift ihrem Mann an die Eier, wenn er schnarcht.]
MANN Eigentlich kümmert sich sowieso niemand um uns. Um mich. Ich befinde mich mitten in einer Menschenmasse, einige sind lieb. Andere sind nur blöde Wichser.
FRAU Diese Rechnung geht nicht auf.
MANN Ich zähle seit der 3.Klasse nicht mehr.
[** TANZ]
FRAU Verrechnet.
MANN Ich habe keine Ahnung.
FRAU Genau, du hast keine Ahnung.
MANN Bin ich jetzt geheilt?
FRAU Du warst krank?
[** MUSIK]
MANN Ich hatte es schon als Kind nicht immer einfach. Die Hebamme hat das Gas- mit dem Bremspedal verwechselt. Meine Schwester lag im Kinderwagen und ich habe den Kinderwagen geschoben. Die Schwester war sofort tot.
FRAU Und?
MANN Auf jeden Fall war ich lange krank.
FRAU Und?
MANN Zuerst Hausarzt, dann Facharzt für Neurologie, dann Facharzt für Dermatologie, dann in medikamentöser Behandlung, dann geschlossene Abteilung, psychiatrische Klinik. Medikamente in den Mund genommen. Je nach Menge unter der Zunge oder zwischen der oberen Zahnreihe und der Oberlippe zwischengelagert.
FRAU Und dann?
MANN Dann habe ich unter Aufsicht zweier Schwestern viele Gläser Wasser hineingeschüttet. Danach die Medikamente ausgespuckt, die Toilette runtergespült.
(TANZ und MUSIK sind sehr interessiert, fragen entsprechend übertrieben. Sie führen das „Und-dann-Spiel“ weiter, als Improvisation.)
TANZ Und dann?
MANN Dann habe ich die Medikamente in Wasser gelöst, gemörsert erhalten.
MUSIK Und dann?
MANN Dann habe ich gedacht, Medikamente gäben Hautausschläge.
TANZ Und dann?
MANN Ich habe einen Chemiker nach den Substanzen gefragt.
MUSIK Und dann?
MANN Ihm geglaubt.
MUSIK Und dann?
MANN Immer der Eindruck, die Türe nicht richtig geschlossen zu haben.
FRAU Und sonst? Vor deiner Krankheit.
(MUSIK, TANZ, FRAU, MANN improvisieren ab hier weiter. Nach der Improvisation geht es so weiter:)
MANN Wir machen das, um zu verstehen, was genau, wie die Krankheit oder die Selbstmordabsicht sich entwickelt hat. Oder zusammenhängt.
FRAU Also wie? Wie hängt es zusammen?
MANN Meine Hände schauen aus den zu kurzen Ärmeln, wie verwirrte Maulwürfe. Das ist doch schrecklich.
FRAU Das wird schon wieder. Das stört mich nicht. Ich finde es schön, dass deine transparente Haut bläulich schimmert.
MANN Ja, du hast recht.
FRAU Wenn es dir möglich ist, werde ich dich nächsten Sonntag verwöhnen.
MANN Ich freue mich sehr. Ein paar schöne Stündchen muss es geben, wo wir wieder übereinander herfallen können.
FRAU Ich sehne mich auch danach. Aber vielleicht solltest du dich noch ein wenig schonen.
MANN Schluss. Das reicht. Schonung muss nicht sein.
FRAU Also Themenwechsel. Die Kirche ist gross und aus Stein. Die Telefonkabine links davon ist aus Glas.
MANN Es war schön, unter den Kirschbäumen. Und die Kirsche selber auch, aus Porzellan. Das weiche, saftige Fruchtfleisch der Kirschen war anregend.
FRAU Ja, herrlich fruchtig war das.
[MUSIK Die Tauben zum Beispiel. Als Kind habe ich das Gurren als beruhigenden Laut empfunden.]
FRAU Hundefallen, sind auch etwas, das man aus dem Urlaub mit nach Hause bringen könnte. Was meinst du? Vogelschlingen, Birkhuhnfallen. Marderfalle, Rattenfallen. Oder eine Insektenfangscheibe und eine Fangrinne für Schnecken dazu. Das wäre was. Das wären gute Souvenirs gewesen. Und einige davon, zum Beispiel die Vogelschlinge könnte ja auch etwas für uns sein!
MANN Was fantasierst du? Hast du Fieber? Zeig mal her.
[** MUSIK]
FRAU Trockne mir bitte die Stirne. Die ist ganz feucht. Du musst keine Angst haben. Irgendwann geht es für alle zu Ende.
[TANZ Sophia Loren sitzt hinten in einem Chevrolet Impala.]
MANN Ich habe alles im Griff. Ich liege diagonal im Bett. Die Beine hängen schräge über den Bettrand hinaus.
FRAU Deinen Hinterkopf berühre ich nur mit Samthandschuhen.
MANN Es regt mich auf, dass alles von mir sein soll. Dass ich jetzt wieder Schuld sein soll.
FRAU Ich lebte lange in relativem Glück. Du auch?
MANN Ja!
FRAU Ausser, wenn du Gartenbohnen, tiefgefroren, Spinat gehackt, tiefgefroren oder Aprikosenkonfitüre gegessen hast.
MANN Nein!
[** TANZ]
FRAU Hier die Tabelle der Reinigungsfirma. Da trägst du ein, wann du die Toilette gereinigt hast. Je nach Tag setzt du andere Initialen ein. Oben steht: Wir sind für die Reinigung dieser Toilette zuständig. Sollte der Zustand dieser Toilette sie nicht zufrieden stellen, nehmen sie bitte mit uns Kontakt auf.
MANN Ja, das ist doch das mindeste, dass wir in Ruhe einen Abgang machen können. Wenn ich den Abgang mache, soll wenigstens die Toilette in einwandfreiem Zustand sein.
[TANZ Dann macht er sicher bald eine Expedition ins Bad.]
[MUSIK Es ist die Stille, die man im Auge behalten muss.]
[** MUSIK]
[** TANZ]
FRAU Genau. Wir müssen das geordnet erledigen. Nicht, dass wir danach wieder mit Vorwürfen konfrontiert sind. Das wäre nicht gut.
MANN Meine Theorie ist doch ganz klar. Man muss gut Ordnung halten, dann ergibt sich der Rest von alleine.
FRAU Einverstanden?
MANN Ja, einverstanden.

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