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Auszug     Rezensionen

241 Karat bei der Empa

SZENE 2
Die Darsteller verlassen die Raum-Erschliessung und führen einen Verständlichkeitstest durch. DUNKEL zettelt den Test an, ohne jedoch genau zu wissen, wie der Test funktionieren könnte. MÖRIKOFER spielt brav mit, merkt aber bald, dass der Test wohl nicht funktioniert. GEERING merkt davon nichts und will auch genau mittesten. „Versteht man mich auf der Bühne.“ „Wie ist die Akustik heute Abend.“ Das könnenFfragen sein. Vor dem Verständlichkeitstest zählen die Darsteller die Zuschauer. GEERING zählt pflichtbewusst, findet es aber mühsam, sie will es richtig machen. DUNKEL zählt und stellt sich vor, dass er so jeden persönlich begrüssen kann, mit einem Zucken des Kopfes. MÖRIKOFER spielt, dass er zählt.

DUNKEL Hallo? Hallo? Hallo? (Lange Pause) Hallo? Hallo? Hallo? (Lange Pause) Hallo? Hallo? Hallo? (Lange Pause)

MÖRIKOFER Ja? (Lange Pause)

GEERING Hallo! Hallo! Hört ihr mich?

DUNKEL Ja, es geht. Also ich sage hallo. Und dann sagt ihr: „Ja wir hören dich!“

MÖRIKOFER Gut. Was soll ich sagen?

DUNKEL Nur hallo!

MÖRIKOFER Also. Seid ihr bereit?

DUNKEL (verärgert) Ja! Wieso fragst du das jetzt?

GEERING Ja!

MÖRIKOFER Hallo. (Kurze Pause.) Könnt ihr mich hören?

GEERING Ja.

DUNKEL Nein!

MÖRIKOFER Wie? Du hörst mich nicht? Dieses: Hallo? Das hörst du nicht?

DUNKEL Nein! Du musst nur sagen hallo. Natürlich höre ich das!

MÖRIKOFER Habe ich ja. Also ich darf nicht sagen, dass ich euch höre? Hallo?

DUNKEL Doch. Aber du muss warten, bis wir sagen: „Ja wir hören dich.“

MÖRIKOFER Gut.

GEERING Ja. Gut. Gut!

MÖRIKOFER Also. Los! (Wartet kurz) Hallo!

DUNKEL Ja, wir hören dich. Anna!

GEERING Ja?

DUNKEL Nein! Du musst auch sagen.

GEERING Ich weiss, was ich sagen muss. Ich weiss es!

MÖRIKOFER Gut? Immer noch? Hallo!

DUNKEL Ja problemlos. Wir hören dich gut.

MÖRIKOFER Problemlos und gut?

GEERING Hallo!

DUNKEL Also noch mal.

GEERING Hört man mich gut?

DUNKEL Ja Anna, man hört auch dich! Aber ich wollte das doch mit Christoph machen. Wir sagen hallo und ersagt, du weisst schon.

GEERING Nein! Er sagt hallo und dann sagen wir: „Ja, wir hören dich.“ Jetzt verwechselst du alles. Du selber wolltest sagen hallo und wir sollten sagen: „Ja wir hören dich“, erinnerst du dich?

DUNKEL Ja! Christoph ist das so in Ordnung? Wenn ich es nochmals selber ausprobiere? Jetzt habe ich das sehr durcheinander gebracht. Entschuldigung.

MÖRIKOFER über nimmt die Rolle des Testleiters, er merkt, dass es DUNKEL nicht mehr gelingen
wird, den Test richtig zu Ende zu bringen. GEERING wird im Verlauf der Szene zu einer
Musterschülerin, sie möchte nicht dass man merkt, dass schon der Einstieg mit dem Zählen nicht mehr
funktioniert, da niemand weiss, wie man genau zählt. Sie verhält sich bei Ihren Theorien über das
Verständnis wie eine Wissenschafterin an einem Fachkongress. Ihre männlichen Kollegen, sind Jahre
älter, hören ihr zwar zu, aber nur halb. Im Verlauf der Szene wird GEERING mutiger, aggressiver
und lässt die zwei älteren Männer spüren, dass sie nicht mehr auf der Höhe der aktuellen Forschung
sind. Die zwei Männer plagen Entlassungsängste.

MÖRIKOFER Kein Problem. Ich bin zufrieden, wenn man alles versteht. Dann ist es gut. Immer wenn man etwas versteht, bin ich sehr zufrieden.

GEERING Ich verstehe auch jedes einzelne Wort.

MÖRIKOFER Ich glaube auch, dass man es sehr, sehr gut hören und verstehen kann.

DUNKEL (glücklich) Ja?

MÖRIKOFER (doziert) Die Frage, die Hauptfrage ist nur, ist das gut oder schlecht? Das ist ja die Hauptfrage.

GEERING Ich finde es immer gut, wenn man sich versteht. Ich wohne sonst ja eben in einem kleinen Tal. Ihr wisst das ja. Dort herrscht extrem schlechtes Verständnis. Und da ich technisch sehr versiert bin, und auch sozial engagiert, habe ich gesagt, das muss nicht so bleiben. Ich kann das in die Hand nehmen! Dass dieses Hallo einfach mehr und öfter wiederholt wird in meinem kleinen Tal, wo ich wohne. Das dieses Hallo zu einem richtigen Signal für alle wird. Dass man es richtig gut versteht!

MÖRIKOFER Dass du dich für dein ganzes kleines Tal so einsetzt. Das ist gut. Wie lange wohnst du schon dort?

GEERING 10 Jahre.

MÖRIKOFER Und wie geht das nun?

GEERING Das Hallo geht durch das ganze Tal, berührt die gegenüberliegende Talseite und wird so reflektiert. Und kommt dann zurück. Das war nicht immer so.

MÖRIKOFER Und führt das nun zu mehr Verständnis?

DUNKEL Davon kriegt man Kopfschmerzen, oder?

MÖRIKOFER Und Schlafstörungen!

GEERING (etwas ungeduldig) Nein, nein, nein. Wenn etwas so reflektiert wird (Zeigt es vor), so! Dann wird dieses Hallo so reflektiert, dann so. Hier, weiter! Seht ihr? Dann so! Das geht völlig ohne Verlust. Das verursacht überhaupt keine Schmerzen. Versteht ihr das?

DUNKEL Ja. Verstehen schon. Aber gibt es wirklich keine Kopfschmerzen?

GEERING Nein.

MÖRIKOFER Was hast du in diesem Tal gemacht, damit sich alle besser verstehen? Damit das Verständnis steigt?

GEERING Ich habe aus dem ganzen Tal den Duft genommen. Vor allem Schweiss. Dann habe ich den Duft in eine Maschine eingeschlossen, die so aussieht, wie eine grosse Mikrowelle. In dieser Maschine bildete sich dann plötzlich eine Duftsäule. In der Maschine gibt es zwei Vogelnester, die mit Draht umwickelt sind. Un einen grossen Magnete gibt es auch. Und dann war bei allen im Tal das Verständnis um 35% grösser, besser.

DUNKEL Was meinst du Christoph, kann das sein?

MÖRIKOFER (als Professor) Ja. Ich weiss nicht. Man weiss es nie so genau. Bei Anna weiss man nie. Aber ich kenne diese Sehnsucht, alles verstehen zu können. Ich möchte einfach verstehen, wie das mit dem Hallo wirklich funktioniert. Und ob dieses kleine Tal, in welchem Anna wohnt, ein Modell sein könnte. Für alles andere. Anna denkst du, dass du das für andere Täler empfehlen könntest?

GEERING (Studentin von MÖRIKOFER) Ich denke schon, dass man das übertragen kann. Anwenden. Ja eigentlich schon.

MÖRIKOFER Ich möchte gerne alles über den Idealzustand des Verständnis wissen. Und ob das ein Modell sein könnte, interessiert mich auch sehr.

GEERING Gut, meine Theroie: Man muss zuerst hallo sagen. Das kann man zu allem und jedem oft sagen. So: hallo, hallo, hallo. (Anna geht herum grüsst Kuratli, das Publikum, den Licht-Techniker, der mit Ein-, Ausschalten und einem lauten Hallo zurück grüsst.)

MÖRIKOFER Aha.

DUNKEL Das ist doch einfach nur dumm. Schwachsinn ist das. Das geht gar nicht.

MÖRIKOFER Was wäre, wenn sie nun doch Recht hätte.

DUNKEL Egal, dieses Risiko müssen wir uns leisten!

MÖRIKOFER Das Risiko ist ohnehin immer da?

GEERING Nein, das stimmt eben nicht. Das Risiko, das man sich nicht leisten kann, das ist interessant. Dieses Risiko gibt es auch. Zusätzlich.

MÖRIKOFER Wie?

GEERING Also, wenn du sagst, ich möchte etwas verstehen. Was ist dann das Risiko?

MÖRIKOFER Dass, ich es nicht verstehe?

GEERING Genau. Und sonst noch?

MÖRIKOFER Keine Ahnung!

GEERING Es ist auch bereits ein Risiko, dass du in die Lage kommst, gewisse Dinge nicht verstehen zu können. Verstehst du das?

MÖRIKOFER Das Risiko fängt also früher an?

GEERING Genau. Risiko ist schon, bevor man überhaupt denkt. Bereits dann ist es Risiko.

DUNKEL Und ab wann sagen wir, wir haben uns getäuscht? Ab wann sagt man sowas. Ich fände jetzt gerade wäre so ein Zeitpunkt. Wir könnten einfach sagen, gut das war´s nun. Wir haben uns getäuscht und das war´s.

GEERING (verärgert) Es gibt Leute, die können dieses präkognitive Risiko früher abschätzen als andere. Du scheinst sehr schnell zu sein!

GEERING geht ab.

DUNKEL Es gibt für alles eine Abkürzung. So würde ich das formulieren. Wenn man etwas nicht versteht, wird es nicht besser, wenn man es lange nicht versteht. Sondern es reicht, wenn man es kurz nicht versteht.

Männersolidarität zwischen DUNKEL und MÖRIKOFER. Sie trösten sich, versichern sich, dass sie
auch noch etwas wert sind.

MÖRIKOFER Es gibt nicht für alles eine Abkürzung. Gewisse Dinge kann man nur am Stück machen. Zum Beispiel, als ich mich von Stefan getrennt habe, das war ein längerer Prozess. Ich konnte das nicht alles von heute auf morgen tun. Es hätte schon schneller gehen können, aber ich konnte einfach nicht.

DUNKEL Ja, aber das passt jetzt nicht hier hin.

MÖRIKOFER Nein?

DUNKEL Nein. Wir machen weiter, wie bisher. Ja?

MÖRIKOFER Ja, das ist besser, sonst kommt mir das alles nur wieder hoch.

DUNKEL Was kannst du gut?

MÖRIKOFER Wie?

DUNKEL Ja, was du gut kannst. Weisst du, es ist doch besser, wenn du dich damit beschäftigst, statt wieder an altem Müll rumzukauen.

MÖRIKOFER Ja, gut. Das will ich. Ich kann gut, ich kann, ich kann, wie meinst du das genau, gut können?

DUNKEL Es gibt immer latente Stärken, die nur ansatzweise erkennbar sind oder sich nur vermuten lassen, die man genauer prüfen muss. So findet man dann heraus. Was man gut kann. Es ist wichtig, dass jeder weiss, was er gut kann. Weil es verschwendete Zeit ist, wenn man zu lange etwas tut, das man nicht kann. Um zu den latenten Stärken zurückzukommen. Ich kann zum Beispiel sehr gut reden und nicht so gut zuhören. Aber da bin ich ja nicht der einzige.

MÖRIKOFER Das stimmt. Das ist ein verbreiteter Fehler, dass man nicht hört, was andere sagen. Und daraus gleich ableitet, dass die anderen gar nichts gesagt haben. Oder dass man sagt, ach die anderen haben dazu gar nichts gesagt. Obwohl die dauernd geredet haben und sogar gar nicht unwichtige und sogar die Sache betreffende Dinge gesagt haben. Ja, ja.

DUNKEL Eine Latente Stärke meinerseits ist, dass ich gut reden kann. Wie gesagt.

MÖRIKOFER Ja, hast du eben schon gesagt. Ich kann das auch.

DUNKEL Ich zeige das mal vor. Wir machen es so. Ich bin der Nachbar. Und dann redet ihr über mich, dann stosse ich dazu, und wir sehen dann, ob ich gut reden kann.

MÖRIKOFER Ja. So machen wir das!

Kommt zurück, als hätte Sie die ganze Konversation mitgehört.

GEERING Etwas läppisch das ganze. Aber vielleicht sieht man ja etwas. Ich spiele eine Nachbarin, um zu sehen, ob er gut reden kann. Ja, warum auch nicht.

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